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Covid-19Die erste Woche Schulschließung wegen Coronavirus: Wie sieht es in den Familien aus?

Das Bild zeigt eine Mutter, die ihrer Tochter über die Schulter guckt und bei Schulaufgaben hilft. (picture alliance / dpa Themendienst / Silvia Marks)
Weiterlernen in Zeiten von Corona (picture alliance / dpa Themendienst / Silvia Marks)

Seit mehr als einer Woche sind wegen der Corona-Pandemie Schulen und KiTas in Deutschland geschlossen. Die offiziellen Bilanzen klingen vorsichtig optimistisch - aber wie sieht es hinter der Fassade, in den Familien aus? Sie müssen Homeoffice und Kinderbetreuung organisieren - und dafür sorgen, dass nicht allzuviel Schulstoff auf der Strecke bleibt. Gelingt das?

Zumindest, was das Lernpensum angeht, zieht der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, eine positive erste Bilanz. Der digitale Not-Unterricht laufe erstaunlich gut, sagte Meidinger der "Passauer Neuen Presse". Neben E-Mails kämen die rund 11 Millionen Schülerinnen und Schüler mit den Lehrkräften über Lernplattformen, Videokonferenzen und Messenger-Dienste in Kontakt. "Grundsätzlich kann man feststellen: Die Kommunikation zwischen Schülern und Lehrkräften funktioniert", meint der Verbandspräsident.

Aber auch Meidinger sieht Probleme. Vieles hänge von der sozialen Herkunft ab und davon, ob Eltern ihren Kindern helfen könnten. Schülerinnen und Schüler, die bereits vor der Coronakrise benachteiligt waren und denen es an Hilfe, Sprachverständnis und den notwendigen digitalen Endgeräten fehlte, würden jetzt zusätzlich abgehängt. Und auch für Lernschwache und Kinder mit Behinderungen werde es schwieriger. Für Meidinger hat nun allerdings Priorität, die anstehenden Abschlussprüfungen geordnet und ohne gesundheitliche Gefährdung der Prüflinge durchführen zu können, "damit unsere Abschlussschüler nicht ein Jahr komplett verlieren", mahnte er.

KMK-Präsidentin: Abi nicht gefährdet

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz KMK, Stefanie Hubig, schloss aus, dass das Schuljahr wegen Unterrichtsausfalls wiederholt werden muss. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und SPD-Politikerin sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, das Jahr werde auf jeden Fall gewertet, und sie sehe auch das Abitur nicht gefährdet. Für den Fall, dass Abschlussprüfungen gar nicht durchgeführt werden könnten, werde es eine entsprechende Regelung geben, bei der die gegenseitige Anerkennung auch gesichert sei. Darauf hätten sich die Kultusminister auf ihrer letzten Sitzung geeinigt.

Auch die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, sieht das Abitur nicht in Gefahr. Entweder könnten Prüfungen später durchgeführt werden - oder bei einem Ausfall könne die Abiturnote aus vorherigen Klausurleistungen in den Prüfungsfächern berechnet werden.

Co-Working am Küchentisch

Soweit die Betrachtung der formalen Rahmenbedingungen. Aber wie sieht es hinter der Fassade aus? Wie funktioniert das familiäre, coronabedingte Co-Working am Küchentisch? Martina Scherer unterrichtet an einem Gymnasium in Pforzheim, und sie sagt: "Wir müssen ein Stück weit auch darauf vertrauen, dass eigenverantwortlich gearbeitet wird. Nur mit den Aufgaben allein ist es ja nicht getan, die Motivation, die die Kolleg*innen sonst im Unterricht vermitteln, wird nun von den Schüler*innen selbst abverlangt, oder obliegt den Eltern. Und ich könnte mir vorstellen, dass das nicht in jeder Familie gleich gut funktioniert."

Das bestätigt ein Schreiben des bayerischen Verbands alleinerziehender Mütter und Väter an den zuständigen Landesminister Piazolo. Darin heißt es: "Die Arbeitsaufträge, die per E-Mail von den Schulen kommen, sind gut gemeint, stürzen aber insbesondere Eltern von Grundschulkindern in eine noch größere Belastung. Wir fordern Sie auf: Bitte nehmen Sie Druck aus der Situation! Stellen Sie öffentlich klar, dass die Eltern nicht die Schule ersetzen müssen." Viele, vor allem die Alleinerziehenden, müssten trotz der Krisensituation arbeiten gehen, da sie sich Gehaltsausfälle nicht leisten könnten. Nicht jeder könne im Homeoffice arbeiten, doch auch dort sei der Spagat zwischen Kinderbetreuung und Arbeit kaum machbar.

Hinzu kommen in vielen Familien finanzielle Sorgen und Nöte. Um da etwas Erleichtertung zu verschaffen, hat das Bundeskabinett beschlossen, dass Eltern mit Verdienstausfällen ab April einen erleichterten Zugang zum Kinderzuschlag erhalten sollen. Bisher war Berechnungsgrundlage für die maximal 185 Euro pro Kind das Durchschnittseinkommen der letzten sechs Monate. Ab April soll das Einkommen des letzten Monats vor Antragstellung ausreichen, um den Kinderzuschlag zu erhalten. Beantragt werden kann der Zuschlag unter www.notfall-kiz.de.

Die Nerven liegen blank

Trotz zahlreicher Hilfsprogramme, Kurzarbeitergeld und Notfall-Kinderzuschlag liegen in vielen Familien die Nerven blank. Bei manchen bricht "nur" ein Lagerkoller aufgrund der zunehmenden Ausgangsbeschränkungen aus, bei anderen steht die Überforderung durch die Kombination aus Homeoffice und Kinderbetreuung im Vordergrund. Und in manchen Familien fehlen auch die sozialen Auffangmöglichkeiten für die Kinder und Jugendlichen.

Bernd Siggelkow vom christlichen Kinder- und Jugendhilfswerk "Die Arche" sagte der Zeitung ["Die Zeit"|https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2020-03/gewalt-familie-kinder-quarantaene-schulschliessungen-coronavirus], er und seine Mitarbeiter versuchten, die Familienhilfe weiter aufrecht zu erhalten. Manche Kinder seien zu Hause das fünfte Rad am Wagen, und die Hilfe, die "Die Arche" ihnen anbiete, falle nun weg. Seit die Häuser geschlossen seien, lieferten Arche-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Familien Lebensmittel, Spielsachen und Hygieneartikel nach Hause.

Und auch häusliche Gewalt kann sich durch die extreme Situation zunehmend entwickeln. Davor warnte Bundesfamilienministerin Giffey im ZDF. Umso wichtiger sei es für Opfer zu wissen, dass sie das Haus verlassen dürften, um sich Hilfe zu holen. Das sei ein triftiger Grund. Auch telefonische Hilfe-Hotlines seien erreichbar und würden angesichts der Corona-Pandemie ausgebaut, sagte die SPD-Politikerin. Auch der Konfliktforscher Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld sagte dem "Westfalen-Blatt", aus Überforderung und Freiheitseinengung könne Aggression entstehen, und die treffe Schwächere.

Virologe: Schulschließungen alternativlos

Doch bei allen negativen Folgeerscheinung, die die Schließung von Bildungseinrichtungen und die Kontaktsperre mit sich bringen, stellt sich die Frage nach den Alternativen. Der Virologe Christian Drosten zeigte sich in verschiedenen Medien sicher, dass das Schließen von Schulen und KiTas ein wichtiger Schritt sein, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

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