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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Jagd nach spezifischen Wirkstoffen 15.03.2020

COVID-19Die Jagd nach spezifischen Wirkstoffen

Von Tag zu Tag werden es mehr COVID-19-Fälle in Deutschland: Bei der Behandlung der Symptome kommen oft altbewährte Medikamente zum Einsatz. Um die Virusvermehrung zu blockieren, müsse aber an mehreren Punkten im Lebenszyklus des Virus eingegriffen werden, sagte der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide im Dlf.

Martin Winkelheide im Gespräch mit Ralf Krauter

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Eine Infektiologin in Schutzausrüstung steht mit vorgefertigten Fragebögen in der Eingangstür der Corona-Ambulanz an der Uniklinik Dresden. (imago / Max Stein)
Eine Infektiologin in Schutzausrüstung steht mit vorgefertigten Fragebögen in der Eingangstür der Corona-Ambulanz an der Uniklinik Dresden (imago / Max Stein)
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Ralf Krauter: Weltweit wurden inzwischen über 150 000 Fälle von Covid-19 bestätigt, in Deutschland übersteigt die Zahl der Infizierten mittlerweile 5000. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie behandelt man die vermutlich bald hunderten Patienten hierzulande, bei denen die Erkrankung schwerer verläuft? Was kann die Intensivmedizin heute leisten? Und welche Medikamente könnten die Ärzte künftig im Köcher haben? Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide hat sich einen Überblick verschafft, und ist jetzt bei mir im Studio.

Wie behandelt man Patienten mit schwerem Verlauf von Covid-19?

Martin Winkelheide: Ja, das wichtigste ist eine gute Versorgung mit Sauerstoff. Im Falle einer schweren Lungenentzündung müssen Patienten beatmet werden, damit ihre Lungen entlastet werden. Die Hoffnung ist dann, dass ihr Körper die Lungenentzündung übersteht und aus eigener Kraft mit dem Virus fertig wird. Zuweilen muss dabei auch eine Lungenersatztherapie genutzt werden, ein so genannten ECMO-Gerät. Eine Maschine, ein Membran-Oxygenator, in der außerhalb des Körpers das Blut mit Sauerstoff beladen wird. Und Kohlendioxyd aus dem Blut entfernt wird. Die Behandlung mit Sauerstoff ist eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Maßnahme bei einer Covid-19-Erkrankung. Während der Zeit der Beatmung müssen Ärzte dann auch darauf achten, dass sich der Patient nicht mit weiteren Erregern ansteckt – also etwa mit Bakterien.  Besonders gefürchtet sind Pneumokokken-Infektionen, die die Lunge weiter schädigen könnten.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Krauter: Wie lässt sich da gegensteuern?

Winkelheide: Mit alt bewährten Medikamenten – Antibiotika. Die werden auf der Intensivstation oft gegeben, um etwa einer bakteriellen Lungenentzündung vorzubeugen. Antibiotika können also ein ganz wichtiger Baustein bei der Behandlung schweren Covid-19-Erkrankungen sein - allerdings nur, wenn sie wirklich gebraucht werden.

Die Behandlung von schweren Corona-Infektionen heißt aber auch: Zu schauen, wie Patienten auf das Virus reagieren. Man hat gesehen: Eine starke Immunreaktion gegen das Virus ist gut. Eine zu starke Reaktion, eine überschießende Immunreaktion, kann lebensbedrohlich Folgen haben. Es kommt auf die richtige Balance an. Im Notfall müssen auch Medikamente zum Einsatz kommen, die die Immunreaktion dämpfen.

Ein bekanntes, oft bewährtes Medikament: Kortison. Bei Patienten mit einer sehr schweren Cornona-Infektion hat man aber gesehen: Kortison kann auch Probleme machen. Es dämpft die Immunantwort zu stark. Damit verlängert sich die Phase der akuten Infektion. Der Rat der Intensivmediziner daher: Kortison nur im Ausnahmefall geben.

Wie lässt sich die Coronavirus-Vermehrung blockieren? 

Krauter: Gibt es Alternativen? 

Winkelheide: Eine Alternative, die aus der Sepsis-Forschung bekannt ist, ist gezielt einzelne Nachrichtenstoffe, Entzündungsmediatoren zu blockieren. Insbesondere das so genannte Interleukin-6. Da gibt es bereits Wirkstoffe, Antikörper, die IL-6 abfangen und so helfen können, ein überschießende Immunreaktion zu bremsen.

Das Gilead-Logo wird auf einem Smartphone neben einem Bildschirm mit einer Coronavirus-Grafik (AFP / Olivier Douliery) (AFP / Olivier Douliery)Medikament gegen COVID-19 - Remdesivir gilt als "Hoffnungsträger"
Im Kampf gegen das Coronavirus laufen inzwischen erste Medikamententests. Dabei habe das ursprünglich für Ebola entwickelte Mittel Remdesivir "sehr gute therapeutische Effekt gezeigt" 

Krauter: All diese Maßnahmen bekämpfen Symptome, aber nicht die Ursache der Erkrankung selbst, das Corona-Virus. Womit könnte man dem an den Kragen gehen?

Winkelheide: Es gibt  - noch - keine zielgerichtet wirkenden Medikamente. Aber man hat schon damit begonnen, solche zu entwickeln. Und es werden viele, bereits bekannte Medikamente ausprobiert. Das sind Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung anderer Erkrankungen entwickelt wurden. Das heißt, die sind schon zugelassen. Man kennt ihr Nebenwirkungsprofil sehr genau. Und die Hoffnung ist, dass da Wirkstoffe dabei sein könnten, die bei der Behandlung von Covid-19 helfen. Zur Zeit laufen über 50 verschiedene Studien weltweit – aber natürlich vor allem in China -, in denen die Wirksamkeit überprüft wird. Insgesamt ein unübersichtliches Feld.

An mehreren Punkten in den Lebenszyklus des Virus eingreifen

Krauter: Schlagen wir die Schneise in den Dschungel. Der Schlüssel aller Ansätze ist ja, das Virus bei der Vermehrung auszubremsen. Welche Optionen gibt’s da?

Winkelheide: Aus der HIV/AIDS-Forschung weiß man, dass sich die Virusvermehrung besonders effektiv blockieren lässt, wenn an mehreren Punkten im Lebenszyklus des Virus eingegriffen wird. Viren sind ja so etwas wie Zell-Piraten. Sie dringen in Zellen ein, sie programmieren die Zelle um, vermehren sich dort, neue Viren werden ausgeschleust und befallen dann Nachbarzellen. Die erste wichtige Etappe ist also, wenn das Corona-Virus in den Körper eindringt.

Krauter: Also, wenn ein Mensch sich gerade ansteckt?

Winkelheide: Genau. Es ist ja ein neues unbekannte Virus, gegen das sich unser Immunsystem nicht wehren kann. Aber es gibt Menschen, die die Infektion durchgemacht und überstanden haben. Das Immunsystem dieser Menschen hat gelernt, Abwehrmoleküle zu bilden. So genannte Anti-Körper.

Diese Antikörper könnten aus dem Blut-Plasma dieser ehemaligen Patienten gesammelt werden und als so genannte Immunglobuline anderen Menschen gespritzt werden. Die Idee: Die Antikörper heften sich an die Viruspartikel. An deren Hülle. Neutralisieren sie so. Das heißt die Viren können nicht in Zellen eindringen – und sich also gar nicht erst im Körper vermehren.  Wenn diese Immunglobuline frühzeitig eingesetzt würden, ließe sich so einer Ansteckung vorbeugen. Oder es ließe sich – etwa bei Risikopatienten - verhindern, dass die Viren eine Lungenentzündung verursachen.  Fachleute nennen das auch eine "passive Immunisierung".

Krauter: Klingt vielversprechend, wo ist das Problem?

Winkelheide: Das Problem ist, solche Immunglobuline in großen Mengen zu gewinnen. Und: noch ist unklar, welche Antikörper genau gut schützen und welche weniger gut. Forscher versuchen daher, solche Antikörper zu isolieren und im Labor zu testen, wie wirksam sie sind. Die besten Antikörper ließen sich dann synthetisch herstellen. Möglicherweise wird es am Ende einen Mix verschiedener wirksamer Antikörper geben.

Dieser Mix müsste dann aber – wie ein Medikament – in klinischen Tests auf Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen getestet werden. Das ist also keine ganz schnelle Lösung. Aber vielleicht eine, die sich schneller realisieren lässt als eine Impfung.

Wie kann man das Coronavirus weiter aufhalten?

Krauter: Schauen wir uns die nächste Phase im Leben so eines Virus an, wenn’s eine Zelle geentert hat. Wie könnte man es dann noch aufhalten?

Winkelheide: Dann sorgt das Virus zunächst dafür, dass seine Erbinformation vervielfältigt wird. Der Bauplan für neue Viruspartikel. Hier setzt ein Medikament an, das bereits entwickelt ist (vom US-Pharmaunternehmen Gilead Sciences) und auf das viele große Hoffnungen setzen: Redemsevir.  Der Wirkstoff gibt sich als ein Baustein des Viruserbgutes aus, ist aber so etwas wie ein "Fehlbaustein". Das heißt die Erbgutvermehrung läuft nicht korrekt ab. Und damit entstehen auch keine intakten, neuen Viren.

Entwickelt wurde der Wirkstoff gegen das Ebola-Virus – das wie Corona zur Gruppe der RNA-Viren gehört. In Zellkultur-Versuchen wirkt es tatsächlich gegen verschiedene RNA-Viren. Die klinischen Tests zur Zulassung sind noch nicht abgeschlossen. Die Corona-Krise könnte  - falls sich in Studien, die schon laufen, eine Wirksamkeit bei Menschen bestätigt – zu einer schnellen Zulassung führen. Der Wirkstoff ist über den Hersteller zu bekommen. Mehrere Kliniken – u.a. die Uniklinik in Düsseldorf  - haben bereits angekündigt, dass sie den Wirkstoff im Rahmen von Studien erproben werden.

Krauter: Remdesivir ist also ein Wirkstoff, der das Virus daran hindern soll, sein Erbgut zu vervielfältigen. Gibt es noch eine weitere Phase im Lebenszyklus, wo sich das Coronavirus stoppen ließe?

Winkelheide: Das Virus programmiert den Zellapparat ja komplett um. Die Zelle stellt dann nur noch neue Viren her – bzw. das Material, das für neue Viren gebraucht wird. Das muss dann konfektioniert, also zurecht geschnitten werden. Das macht ein Enzym des Virus: die so genannte Protease. Wird die Protease blockiert, können keine neuen Viruspartikel gebaut und zusammengesetzt werden. Es entstehen also keine neuen, intakten Viren. So die Idee.

Zur Behandlung von HIV und Hepatitis C sind eine Reihe von sehr wirksamen Protease-Blockern entwickelt worden. Einige von diesen werden jetzt auch auf ihre Wirksamkeit gegen Corona getestet. Allen voran: Ritonavir und Lopinavir, die als Kombi-Präparat unter dem Namen Kaletra gegen HIV gegeben werden.

Das Problem: Protease-Hemmer sind gegen jeweils spezifische Viren entwickelt worden. Unklar ist im Moment,  ob und wie gut sie auch gegen Corona-Viren wirken. Auch das ist Gegenstand von Studien.

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