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StartseiteInterview"Man soll die Sache auch nicht überinterpretieren"06.10.2020

COVID-19-Erkrankung von Trump "Man soll die Sache auch nicht überinterpretieren"

Trotz der COVID-19-Infektion ist US-Präsident Donald Trump zurück im Weißen Haus. Das sei eine normale Entlassung, sagte Ralph Freund, Republicans Overseas Deutschland, im Dlf. Trump werde oft unterstellt, er sage nicht die Wahrheit, Tatsache sei aber, dass er seine Erkrankung sofort öffentlich gemacht habe.

Ralph Freund im Gespräch mit Sandra Schulz

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October 5, 2020 - Washington, DC, United States: President Donald J. Trump salutes from the Truman Balcony at the White House following several days at Walter Reed National Military Medical Center for treatment for COVID19. (Ken Cedeno / Polaris) Credit: Ken Cedeno / Pool via CNP | Verwendung weltweit (Consolidated News Photos)
US-Präsident Donald Trump nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus (Consolidated News Photos)
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US-Präsident Donald Trump ist nach seiner Einlieferung wegen einer COVID-19-Infektion aus dem Krankenhaus entlassen und ins Weiße Haus zurückgekehrt. Per Tweet erklärte er, er fühle sich "besser als vor 20 Jahren". Unklar blieb zunächst, wie lang der Präsident in Quarantäne bleiben soll.

Ralph Freund, Mitglied der Republican Overseas Deutschland, sagte im Hinblick auf den Umgang Donald Trumps mit seiner Erkrankung: Trump sei damit sofort an die Öffentlichkeit gegangen, und habe "die Größe besessen zu sagen: Ja, ich habe COVID", so Freund im Dlf. Trump habe aber auch gesagt, dass man weder in den USA noch in Deutschland um eine Massenimmunisierung herumkommen werde. Seiner Meinung nach schätze der US-Präsident damit die Situation richtig ein. Die Annahme, eine nicht ausreichend gute medizinische Versorgung, sei verantwortlich für die hohen Sterbezahlen in den USA, "ist eine verkürzte Darstellung", so Ralph Freund weiter. Ursächlich für schwere Verläufe wären Vorerkrankungen und ein hohes Alter.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Das Interview in voller Länge: 

Sandra Schulz: "He’s not out of the woods" sagen jetzt die Ärzte. Sinngemäß: Donald Trump ist noch nicht über den Berg. Verstehen Sie, warum er dann jetzt, mutmaßlich noch ansteckend, das Krankenhaus verlässt?

Ralph Freund: Na ja. Ich glaube, die ganz große Erkrankung ist ja wohl ausgeblieben. Er will zurück. Der Arzt hat gesagt, er kann im Weißen Haus genauso gut behandelt werden. Er macht da ja nicht nur Wahlkampf und arbeitet. Er wohnt dort. Er geht nachhause. Das ist wie eine normale Entlassung. Wir nehmen das als Arbeitsplatz wahr, aber das wird zum Anfang wahrscheinlich gar nicht erst sein.

Schulz: Denken Sie, dass man das schon sagen kann, dass es jetzt wirklich ein milder Verlauf ist? Ein Teil des Themas ist jetzt ja, dass so wenig bekannt darüber ist, wie es dem Präsidenten tatsächlich geht.

Freund: In der Regel ist es ja so, dass diese Personengruppen die größten Komplikationen aufweisen, die Vorerkrankungen haben. Nun hat er keine Vorerkrankungen gehabt. Er hat ja einen recht guten medizinischen Check gehabt, gerade vor einem halben Jahr. Wir haben es aber auch bei anderen Politikern erlebt, ob Friedrich Merz in Deutschland, Boris Johnson in Großbritannien, wir haben es gesehen bei Berlusconi, der noch mal zehn Jahre älter ist. Bei denen war es ein glimpflicher Verlauf. Die hatten nur geringe Symptome gezeigt. Vermutlich wird es bei Präsident Trump nicht viel anders sein.

Schulz: Es ist ihm natürlich auch zu wünschen. Das an dieser Stelle auch einmal laut und deutlich gesagt. – Wenn wir jetzt auf die Tage schauen, die hinter ihm und der Öffentlichkeit liegen, die das alles beobachtet, finden Sie, dass er verantwortungsvoll mit seiner Erkrankung umgegangen ist und umgeht?

Freund: Ich nehme an, er hat es nicht verschwiegen. Er ist sofort in die Öffentlichkeit gegangen. Er hat auch die Größe besessen zu sagen, ja, ich habe COVID. Aber genauso sagt er auch, wir werden wahrscheinlich um eine Massenimmunisierung nicht herumkommen, weder in den USA und ich behaupte mal auch nicht in Deutschland. Wir können nur den Krankheitsverlauf strecken, damit wir genügend medizinische Kapazität haben, um die Fälle zu behandeln. Er schätzt das Risiko etwas tiefer ein, als vielleicht die deutsche und auch die amerikanische Öffentlichkeit es zu diesem Zeitpunkt wahrhaben möchte.

Ralph Freund, Vizepräsident der Republicans Overseas Germany, zu Gast in der Talkshow von Anne Will im Ersten. (imago / Jürgen Heinrich)Ralph Freund, Vizepräsident der Republicans Overseas Germany (imago / Jürgen Heinrich)

"Wir haben eine Ungleichverteilung der COVID-Fälle"

Schulz: Was sagen Sie? Ist sein Umgang mit der Erkrankung verantwortungsvoll? Wenn ich Sie zwischen den Zeilen richtig interpretiere, dann sagen Sie, die ist doch gar nicht so gefährlich.

Freund: Das Problem ist in den USA mehr als in Deutschland ein soziologisches Problem. Wir haben eine Ungleichverteilung der COVID-Fälle. Wir haben natürlich dort in den Städten und den Bundesstaaten mit einer hohen Bevölkerungsdichte eine ganz andere Verbreitung als logischerweise auf dem Lande. Nun ist es zynischer Weise so, dass die Verantwortung aufgrund der Gebietskörperschaften ähnlich wie in Deutschland ja auf Bundesstaatenebene ist und nicht auf Bundesebene. Frau Merkel ist nicht verantwortlich in Deutschland für das Covid-Management und Präsident Trump ist es auch nicht. Es ist vielmehr Bundesstaatenebene und auf Bundesstaatenebene ist es nun so, dass in den demokratischen Staaten oder demokratisch regierten Bundesstaaten die Bevölkerung in der Regel eine höhere Bevölkerungsdichte aufweist als in den republikanisch geführten Bundesstaaten. Sind damit die republikanischen Gouverneure bessere Covid-Krisenmanager? – Mitnichten! – Es ist mehr ein soziologisches Problem.

Schulz: Jetzt machen Sie ganz viele Punkte auf einmal auf. Nur um die Chance zu haben, das noch strukturiert zu besprechen. Wenn Sie sagen, das ist ein soziologisches Problem; das sagen Sie auch den inzwischen ja mehr als 210.000 an oder mit Covid gestorbenen in den USA und deren Angehörigen?

Freund: Ganz recht, weil in diesen afroamerikanischen Hintergründen oder hispanischen Hintergründen leben die Familien, wie es auch früher der Fall war, eher unter einem Dach: Großeltern, Eltern, Kinder. Und es gibt dort ein geringeres Gefahrenbewusstsein. Zynisch erweise ist es eben so, dass in diesen Bundesstaaten ein höheres Risiko ist als beispielsweise in North oder South Dakota, wo Sie eine geringere Bevölkerungsdichte haben.

Schulz: Haben die vielleicht auch eine möglicherweise nicht ganz so gute medizinische Versorgung, wie jetzt der US-Präsident sie bekommen hat?

Freund: Das wäre die verkürzte Schlussfolgerung.

Schulz: Was ist daran verkürzt?

Freund: Verkürzt ist daran, dass es eben nicht daran liegt, dass nachdem sie es erhalten haben Komplikationen auftreten oder Todesfälle, sondern es liegt mehr daran, dass die Personengruppen in der Regel älter sind und Vorerkrankungen haben. Die Vorerkrankungen sind oft Ursache für den deutlich schlechteren Krankheitsverlauf. Das heißt, man könnte ja auch behaupten, nur weil die Bevölkerungsdichte niedriger ist und mehr republikanische Verantwortung auf diesen Bundesstaaten liegt, geht es denen dort besser. Die Frage ist doch vielmehr, warum gibt es nicht dieses Gefahrenbewusstsein in allen Bevölkerungsgruppen gleich verteilt, und das ist soziologisch und das ist kein Problem des gegenwärtigen Krisenmanagements der einzelnen Gouverneure der Bundesstaaten, sondern vielmehr ein Problem der allgemeinen Lebensführung.

Schulz: Wir haben es in den USA mit einem Präsidenten zu tun, der im Frühjahr gesagt hat, das wird vielleicht schon zu Ostern vorbeigehen, vielleicht verfliegt es durch ein Wunder. Jetzt kommt er aus dem Krankenhaus zurück, ist mutmaßlich noch ansteckend und sagt jetzt schon, habt keine Angst vor dem Virus. Könnte es einen Zusammenhang geben zwischen diesen Äußerungen und dem Tatbestand, den viele Studien gezeigt haben in den USA, dass viele Menschen in den USA die Gefahr durch Covid radikal unterschätzen?

Freund: In der Tat wird es unterschätzt, aber es wird nicht unterschätzt, weil der Präsident ein Krisenmanagement macht. Noch mal: Er ist dafür nicht verantwortlich. Es sind die Ministerpräsidenten, es sind die Gouverneure der einzelnen Bundesstaaten.

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"Ich glaube, das ist die richtige Relativierung"

Schulz: Das ist in Deutschland ja auch so. Hier in Deutschland hat Angela Merkel gesagt, nehmen Sie es ernst, denn die Lage ist ernst. Sie hat genauso wenig Zugriffsmöglichkeiten auf die Bundesländer, was ja auch immer wieder kritisiert wurde. Aber diese Äußerungen – es geht ja da um Mentalitätsfragen. Und Sie haben auch gerade angedeutet, dass Corona möglicherweise gar nicht so gefährlich ist, wie immer wieder gesagt wird. Es gibt Studien, die ab einer Altersklasse von 65 aufwärts eine Sterblichkeit von sieben Prozent der Fälle belegen. Es geht dann noch mal ganz dramatisch bergauf, wenn wir in höhere Altersklassen gehen. Ist dieses Narrativ nicht auch Teil des Problems?

Freund: Es ist vor allen Dingen, wie Sie ganz richtig sagen, das korreliert überproportional mit einer höheren Lebenserwartung und höherem Lebensalter. Aber noch mal: Diese Personen haben auch mehr Vorerkrankungen. Soweit ich informiert bin, haben 90 Prozent der COVID-Verstorbenen alle eine Vorerkrankung gehabt. Ich glaube, darin liegt das Problem. Sie argumentieren, dass Präsident Trump dort psychologisch falsch ansetzt. Ich für meinen Teil sehe das, dass er dem COVID das richtige Risiko einteilt und sagt, seht euch vor, schützt euch, aber wenn ihr jünger seid und gesünder seid, braucht ihr weniger Schutz, als wenn ihr älter seid und wenn ihr Vorerkrankungen habt. Ich glaube, das ist die richtige Relativierung.

Schulz: Wir sind jetzt viel tiefer in diesen virologischen Diskurs eingestiegen, als ich eigentlich wollte. Eigentlich wollte ich mit Ihnen gerne über die Politik in den USA sprechen. Donald Trump sagt, habt keine Angst vor dem Virus. Diese 210.000 Verstorbenen und deren Angehörige, kommen die gar nicht vor beim US-Präsidenten?

Freund: Selbstverständlich kommen die vor. Aber noch mal: Das Thema ist eher soziologischer Art, nicht eines der Psychologie. Es ist nicht so, wenn der Präsident sagt und mehr mahnt, dass es dann möglicherweise weniger Covid-Tote geben würde.

Schulz: Aber Sie können den Verstorbenen doch nicht sagen, dass es ein soziologisches Problem ist. Das ist doch zynisch!

Freund: Nein, ist es nicht, weil die Lebensform dieser Personen, die verstorben sind, überwiegend eine andere ist. Man lebt dort auf engerem Raum. Man lebt dort mit weniger Gefahrenbewusstsein. Es ist eben nicht so leicht, einer Großfamilie aus Florida oder Miami beizubringen, dass man Abstand halten muss auch in einer Großfamilie und sich dort vorsehen muss. Das sind Grundsatzfragen.

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Sollten dem Präsidenten gesundheitlich die Daumen drücken

Schulz: Wenn man sich nicht ansteckt bei Veranstaltungen mit enger Bestuhlung im Weißen Haus, was ja jetzt im Moment eine der Theorien für die Ansteckung von Donald Trump ist. – Ich möchte mit Ihnen noch mal auf dieses Hin und Her auch über den Gesundheitszustand von Donald Trump schauen. Sie haben eben gesagt, er habe sofort gesagt, dass er die Erkrankung habe. Was macht Sie da so sicher? Auch da gibt es ja ganz unterschiedliche Darstellungen, dass er möglicherweise diese Information noch zurückgehalten hat. Was macht Sie da so sicher?

Freund: Es gibt natürlich vor allem bei Donald Trump immer wieder gewisse Theorien. Ich will jetzt nicht sagen das abgegriffene Wort der Verschwörungstheorie. Aber natürlich versucht man ihm immer zu unterstellen, er würde dort nicht die Wahrheit sagen.

Schulz: Der Arzt Conley hat am Samstag gesagt, die Diagnose sei 72 Stunden alt. Ich weiß nicht, ob Sie den als Verschwörungstheoretiker sehen.

Freund: Nein. Aber soweit ich das verstanden habe, war er zum Zeitpunkt des TV-Duells noch negativ gewesen. Er wurde wie alle Gäste übrigens dort auf Covid getestet. Ein, zwei, drei Tage später war es dann. Es ist müßig zu diskutieren. Tatsache ist, er ist an die Öffentlichkeit getreten. Tatsache ist auch, er scheint, dort alles überwunden zu haben. Er geht nun wieder zurück nachhause, nicht zwangsläufig an seinen Arbeitsplatz. Man soll die Sache auch nicht überinterpretieren. Die Börsen auf jeden Fall heute in Asien nehmen es positiv auf. Ich tue es auch. Ich glaube, wir sollten dem Präsidenten gesundheitlich und vielen anderen Infizierten auch die Daumen drücken.

Schulz: Ja, das glaube ich auch. – Warum darf der Arzt von Trump nicht sagen, wie es ihm geht?

Freund: Nun gut. Ich würde auch nicht gerne haben wollen, dass mein Arzt in die Öffentlichkeit geht. Ich würde auch nur so viel herauslassen. Und dann ist es auch eine Frage der nationalen Sicherheit. Man möchte ja auch nicht einen Präsidenten haben, der im Außenauftritt möglicherweise erkrankt ist oder zumindest eine Erkrankung haben könnte, die für die nationale Sicherheit eine Gefahr wäre. Er geht nachhause, wie jeder andere auch gerne nachhause möchte, zu seiner Frau und Familie, und dort sollten wir ihm ein paar Tage Ruhe gönnen. Und er wird dann wieder in die Öffentlichkeit treten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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