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Covid-19-ImpfstoffeWann ist eine Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus nötig?

Zwei Mitarbeitende des Impfzemtrums ziehen Spritzen mit Corona-Impfstoffen auf (picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA)
Die Ständige Impfkommission erwartet, dass im kommenden Jahr eine Impfauffrischung gegen Covid-19 nötig ist. Die Details sind aber derzeit unklar. (picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA)

Dass die Impfungen gegen das Coronavirus wahrscheinlich aufgefrischt werden müssen, vermuten Experten schon länger. Unklar ist aber bisher, wann genau. Eine Übersicht zum Thema:

Die Ständige Impfkommission rechnet damit, dass die aktuellen Impfungen nicht die letzten sein werden. Der Stiko-Vorsitzende Mertens sagte der "Funke Mediengruppe", das Virus werde uns nicht wieder verlassen. Seinen Angaben zufolge ist es denkbar, dass der Impfschutz bei einzelnen Gruppen bereits wieder nachlässt oder generell zu schwach ist. Das könne einzelne Altersgruppen betreffen oder auch Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Bei Patienten, deren Immunabwehr medikamentös gesteuert werde, könne es sein, dass bereits kurzfristig eine dritte Dosis nötig sei, so Mertens. "Grundsätzlich müssen wir uns darauf einstellen, dass möglicherweise im nächsten Jahr alle ihren Impfschutz auffrischen müssen."

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Dahmen forderte eine frühzeitige Planung der Auffrischungs-Impfungen. Mit Blick auf den Herbst müsse man sich Gedanken machen, wie und für wen man Auffrischungs-Impfungen anbieten solle, sagte Dahmen der "Rheinischen Post" aus Düsseldorf. Hier müsse nach Indikationsgruppen vorgegangen werden: Menschen, bei denen die Impfung kürzer anhalte, müssten vorrangig wieder geimpft werden.

Wie lange hält die Schutzwirkung der Impfung an?

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach geht davon aus, dass die Immunität nach einer Impfung gegen Covid-19 rund sechs Monate hält. Die erste Auffrischung werde deshalb für einige bereits im Herbst fällig sein. Der Virologe Drosten von der Berliner Charité rechnet mit einer einmaligen Auffrischung "zum Winter hin" und zwar für "mehr als nur sehr eng umgrenzte Risikogruppen", wie er Ende April im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" erklärte.

Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Falk, sagte der Zeitung "Die Zeit", man müsse quasi jeden Monat schauen, ob und wie gut Genesene und Geimpfte noch geschützt seien. Der Chef des Robert Koch-Instituts, Wieler, verwies darauf, dass man anhand von Studien sehe, wann eine Auffrischung angezeigt sei. Zeitabstände könne man noch nicht benennen.

Die beiden Impfstoff-Hersteller Moderna und Biontech/Pfizer haben die Personen aus ihren Zulassungsstudien weiterverfolgt, um abzuschätzen, wie lange die Vakzine vor einer schweren Erkrankung schützen. Beide Unternehmen melden, dass die Wirkung ihrer Impfstoffe sechs Monate nach der zweiten Impfung immer noch bei über 90 Prozent liege. Der Chef des Pharmakonzerns Pfizer, Albert Bourla, sagte dennoch kürzlich laut US-Medien, er halte künftig jährliche Corona-Impfungen für möglich.

Eine Aussage, über die sich der Immunologe Carsten Watzl wunderte. Er glaubt: "Für den Großteil der Bevölkerung ist nicht zu erwarten, dass das gesamte Prozedere jedes Jahr wiederholt werden muss. "Eine Dosis pro Saison - ähnlich wie bei der Grippeschutzimpfung - bräuchten voraussichtlich jene Menschen, deren Immunsystem nicht mehr so gut auf eine Impfung anspricht, etwa aus Altersgründen oder wegen Immunschwäche durch Vorerkrankungen. Für sie sei es auch wichtig, durch ein geimpftes Umfeld mitgeschützt zu werden." Dafür reichten voraussichtlich Auffrischungen im Abstand von mehreren Jahren, so Watzl. Auch bei der Hebräischen Universität in Jerusalem geht man davon aus, dass die Corona-Impfungen zwei Jahre oder länger wirken könnten. Da die Antikörper bei Genesenen aber tatsächlich schon früher deutlich zurückgehen, wird vermutet, dass Geimpfte besser gegen Covid-19 geschützt sein könnten als Genesene, wie DLF-Wissenschaftsredakteur Volkart Wildermuth zusammenfasst.

Gleicher oder veränderter Impfstoff?

Die Hersteller arbeiten nach eigener Aussage bereits an modifizierten Impfstoffen, die auch gegen relevante bekannte Mutanten wirksam sein sollen. Besser abgedeckt werden sollen mit den Boostern auch neue Virusvarianten, die der Immunantwort entgehen könnten. Aktuell sind diese in Deutschland noch selten. Doch mit wachsendem Anteil von Geimpften und Genesenen in der Bevölkerung könnten sie zunehmen. Im Fokus sind momentan die in Südafrika und Brasilien entdeckten Mutanten B.1.351 und P.1.

Wie beispielsweise Moderna-Europachef Dan Staner in einem Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erläuterte, entwickelt das Unternehmen gerade eine neue Version seines mRNA-Impfstoffes. Am Ende werde nur eine Booster-Variante zur Zulassung eingereicht, nämlich die effizienteste. Dies solle für Europa voraussichtlich bereits im September geschehen, sodass eine Zulassung noch im Oktober oder November dieses Jahres möglich wäre.

Regulatorisch hoffen die Firmen auf ein vereinfachtes Zulassungsverfahren analog zu den Grippeimpfstoffen, wo die Impfantigene jährlich angepasst werden, ohne dass klinische Studien nötig sind. Das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für die Arzneimittelsicherheit zuständig ist, stellte das bereits in Aussicht. Der Präsident des Instituts, Klaus Cichutek, sagte, Voraussetzung sei, dass die Herstellung gleich laufe wie beim herkömmlichen Impfstoff. "Dann sind keine weiteren präklinischen Versuche mit Tiermodellen mehr notwendig sondern nur eine kleine Studie mit Menschen, die nachweisen muss, dass der veränderter Wirkstoff genauso wirksam ist, wie der ursprüngliche". Die Wirksamkeit werde aber nicht so aufwendig gemessen, wie in den klinischen Phase-3 Studien, wo die Forscher über Monate auf zufällige Erkrankungen an Covid-19 warten müssten. Sondern es solle ausreichen, in Blutproben ausreichend hohe Mengen von neutralisierenden Antikörpern nachzuweisen. Das gesamte Verfahren, das aktuell mit der Europäischen Arzneimittelagentur EMA diskutiert werde, könnte so nur wenige Monate dauern.

Nicht notwendig ist es aller Voraussicht nach, mit dem gleichen Präparat nachzuimpfen wie bei den ersten beiden Dosen. Grundsätzlich gebe es erst einmal keine Hinweise darauf, dass ein Mix aus verschiedenen Impfstoffen zum Problem werden könne, sagt Marylyn Addo, Infektiologin und Studienleiterin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Natürlich müsste die Wirkung in Studien abgeklärt werden. Sie betonte aber: "Es ist nicht so, dass, wenn
man mit einem Impfstoff seine Impfreise beginnt, dass das andere Impfstoffe oder andere Impfstoff-Kategorien ausschließt in der Zukunft."

Kommt es mit notwendigen Auffrischungsimpfungen zu Engpässen?

Die FDP fordert die Bundesregierung bereits seit einiger Zeit auf, sich ausreichend früh um weitere Impfstoffmengen für den Schutz gegen Mutanten des Coronavirus zu kümmern. Mit neuen Virusvarianten steige die Wahrscheinlichkeit für eine notwendige dritte Impfdosis, die sogenannten Impfbooster, heißt es in einem Positionspapier der FDP-Bundestagsfraktion. „Um nicht erneut in eine Knappheitssituation zu geraten, bei der ein Großteil der Bevölkerung auf die Schutzimpfung warten muss, sollten bereits jetzt Beschaffungsaufträge für den Herbst veranlasst werden“.

Die Europäische Union hat bereits 900 Millionen weitere Impf-Dosen von Biontech/Pfizer bestellt, die bis 2023 geliefert werden sollen. Sie sind laut EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen als Auffrischimpfung für Erwachsene gedacht und auch, um die 70 bis 80 Millionen Kinder in der EU zu impfen.

Israel bereitet sich bereits auf eine erneute Impfung seiner gesamten Bevölkerung vor. Premierminister Benjamin Netanjahu geht von einem millionenfachen Bedarf an Impfdosen alle sechs Monate aus. Er warnt: "Es gibt eine riesige Konkurrenz unter den Ländern" - und er sei entschlossen "erneut die Länder der Welt anzuführen bei der Einfuhr von Millionen Impfdosen."

In Großbritannien kündigte der zuständige Minister Nadhim Zahawi im "Daily Telegraph" zwar an, dass über 70-Jährige und Menschen mit hohen gesundheitlichen Risiken sowie medizinisches Personal bereits im September eine Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus bekommen könnten. Bis zum Herbst würden aber vermutlich acht verschiedene Impfstoffe zur Verfügung stehen, darunter einige, die vor Varianten schützen könnten. Vor diesem Hintergrund betonte Zahawi. "Wie auch immer das Virus sich verhält - wir werden bereit sein."

(Stand: 9.06.2021)

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