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StartseiteEine WeltPandemie bedroht politische Stabilität18.04.2020

COVID-19 in Subsahara-AfrikaPandemie bedroht politische Stabilität

COVID-19 hat Afrika spät erreicht, doch inzwischen steigen auch dort die Infektionszahlen. Nicht nur Millionen Menschen sind bedroht, sondern die Stabilität ganzer Staaten könnte gefährdet sein. Die Zahl der Terrorangriffe im Tschad, in Mali und Nigeria ist bereits gestiegen.

Von Marc Engelhardt

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Straßenszene am 8. April 2020 in Nairobi, Kenia, inmitten der weltweiten Covid-19-Pandemie. Wandmalerei zur Sensibilisierung für die Gefahren des Virus. (picture alliance / SOPA Images / ZUMA Wire / Boniface Muthoni)
In vielen afrikanischen Staaten gelten wegen des Coronavirus Reise- und Ausgangsbeschränkungen (picture alliance / SOPA Images / ZUMA Wire / Boniface Muthoni)
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Ein Handyvideo aus Yopougon, das im Netz kursiert. Aufnahmen aus einer Vorstadt von Abidjan, Anfang April: Aufgebrachte Bewohner demolieren ein Testzentrum für Corona-Infizierte – aus Angst, von hier aus könne sich die Krankheit ausbreiten. Polizisten treiben die Menge mit Tränengas und Knüppeln auseinander. Dass die Szenen authentisch sind, bestätigten uns weitere Quellen.

"Es mangelt an Vertrauen in die Regierungen"

Nicht nur in der Elfenbeinküste, auch in Kenia, Mali oder Kamerun spielen sich derzeit solche Szenen ab. Auf die Ausbreitung der Corona-Pandemie reagieren viele Regierungen mit Härte, was Proteste vor allem der armen Bevölkerung anheizt. Ein Teufelskreis, der die Stabilität vieler Länder gefährden könnte, warnt Elissa Jobson, Regionaldirektorin der International Crisis Group, einer Nichtregierungsorganisation.

"Es mangelt an Vertrauen in die Regierungen, vor allem in Ländern, die unter den Folgen eines Bürgerkriegs oder unter laufenden Konflikten leiden. Warnungen und Vorschriften werden dann nicht befolgt, eben weil man diesen Regierungen nicht traut."

Straßenszene am 8. April 2020 in Nairobi, Kenia, inmitten der weltweiten Covid-19-Pandemie (picture alliance / SOPA Images / ZUMA Wire / Boniface Muthoni)Straßenszene Anfang April in Nairobi, Kenia (picture alliance / SOPA Images / ZUMA Wire / Boniface Muthoni)

"Bewaffnete Gruppen nutzen das Chaos"

Wegen der Ausgangssperren wissen schon jetzt Millionen Tagelöhner nicht, wovon sie leben sollen. Dabei hat die Coronapandemie in Afrika noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht. Sollten die Infektionen weiter ansteigen und die in vielen Ländern von Missmanagement und Korruption gebeutelten Gesundheitssysteme kollabieren, drohten Aufstände bis hin zu Umstürzen, warnt Jobson. Profiteure dürften dann Terroristen und Rebellen sein.

"Es besteht das Risiko, dass Dschihadisten oder andere bewaffnete Gruppen ihre Angriffe ausweiten. Diese Gruppen nutzen das Chaos, und die Gefahr ist groß, dass Armee und Polizei in Zeiten wachsender Unruhen in den ohnehin unregierten Gegenden, wo Terroristen agieren, noch weniger präsent sind als sonst."

Die Zahl der Terrorattentate nimmt bereits zu. Ende März überfielen Islamisten einen Armeestützpunkt im Tschad und töteten 92 Soldaten. Im Nordosten Nigerias überfiel ein Boko-Haram-Kommando einen Konvoi der nigerianischen Armee, erbeutete schwere Waffen und tötete 70 Armeeangehörige.

"Für die Terroristen bedeutet das eine riesige Chance"

Verschärft wird die Lage durch den Kampf zwischen den Islamisten, die zum Teil dem sogenannten Islamischen Staat, zum Teil Al-Kaida anhängen. Doch im Zweifel eine sie der Hass auf den Staat, glaubt Jean-Paul Rouiller, Terrorexperte am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik.

"Auf der einen Seite verbreiten die Gruppen die Idee, dass Corona die Strafe Allahs sei, die vor allem die Ungläubigen trifft. Und dann ist da die Überzeugung, dass früher oder später alle Sicherheitskräfte in allen afrikanischen Staaten auf die eine oder andere Weise von Corona betroffen sein werden. Sie werden andere Aufgaben bekommen oder verlegt werden, und für die Terroristen bedeutet das eine riesige Chance."

Wahlbeobachter und Wähler am 29. März in Bamako, Mali, inmitten der weltweiten Covid-19-Pandemie (imago / Afrikimage / Amadou Keita)Wählen in Zeiten von Corona: ein Wahllokal in Bamako, Mali, Ende März 2020 (imago / Afrikimage / Amadou Keita)

In Mali nutzen bewaffnete Gruppen diese Chance bereits. Seit März haben die Vereinten Nationen allein in der Region um die Stadt Mopti 13 Attentate gezählt – mit mindestens 55 zivilen Todesopfern. Viele malische Soldaten sind vor der umstrittenen Parlamentswahl an diesem Sonntag in die Städte verlegt worden. Die regionale Anti-Terroreinheit G5-Sahel hat angekündigt, der Kampf gegen das Coronavirus habe jetzt Vorrang vor dem Anti-Terrorkampf.

"Sie werden überall dort einmarschieren, wo sie keine Gegenwehr erwarten"

Schließlich sind noch ausländische Truppen im Land, unter ihnen die UN-Mission MINUSMA, an der auch bis zu 1.100 Bundeswehrsoldaten beteiligt sind. Bis Ende Juni dürfen die Soldaten nicht rotieren, was sich auf die Moral auswirken dürfte. In sozialen Medien wächst zudem der Druck auf die Blauhelme, denen vorgeworfen wird, das Coronavirus nach Afrika gebracht zu haben. Sollte sich die Stimmung so zuspitzen, dass irgendwann ein Rückzug nötig würde, hätte das fatale Folgen, meint Rouiller.

"Wenn die französischen Truppen oder MINUSMA sich zurückziehen oder nicht mehr im normalen Rhythmus patrouillieren können, dann müssen wir davon ausgehen, dass Terroristen im Norden Malis die Lücke füllen werden. Sie werden überall dort einmarschieren, wo sie keine Gegenwehr erwarten."

Wie dramatisch die Lage von manchen gesehen wird, zeigt ein vertrauliches Papier aus dem französischen Außenministerium. Darin prognostiziert der Direktor der Strategieabteilung, Manuel Lafont Rapnouil, den Zusammenbruch ganzer Staaten – etwa, weil der Tod eines greisen Machthabers einen Nachfolgekrieg auslösen könnte. Oder weil die Bevölkerung die Coronakrise als Anlass nehmen könnte, ohnehin verhasste Mitglieder der politischen Elite hinwegzufegen.

Stabilität durch Unterstützung der Gesundheitssysteme

Für diesen Fall macht die französische Regierung sich bereits Gedanken darüber, wer an die Stelle bisheriger Regierungen treten soll: Religiöse Anführer etwa, Vertreter der Diaspora oder Unternehmer, die möglichst "neoliberale Ansichten vertreten" sollten, wie es in dem Papier heißt. Solche Überlegungen hält Robert Malley, der Präsident der International Crisis Group, für geradezu gefährlich:

"Ich würde zu diesem Zeitpunkt weder den Zusammenbruch von Staaten vorhersagen noch würde ich irgendjemandem empfehlen, seine künftigen Ansprechpartner auszuwählen. Es hatte in der Geschichte oft tragische Folgen, wenn gerade westliche Regierungen versucht haben, ihnen genehme Nachfolger zu bestimmen."

Die Stabilität ließe sich wohl am besten wahren, wenn die Gesundheitssysteme fragiler Staaten massiv unterstützt würden. Schutzkleidung, Masken und Tests etwa sind auch in Afrika Mangelware, ebenso wie Intensivbetten und Beatmungsgeräte.

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