Die Nachrichten

Die Nachrichten

Die Nachrichten

Covid-19Kinder und das Coronavirus - wie es um die Gefahr der Ansteckung und Verbreitung steht

Bamberg, Deutschland 25. April 2020: Symbolbilder - Coronavirus - 25.04.2020 Coronavirus / Virus / Covid-19 / Schule / Schultasche / Schulrucksack / Mundschutz tragen / Infektion vermeiden / Ansteckung / Ansteckung vermeiden / duerfen Kinder ueberhaupt Mundschutz tragen / Pflicht Mundschutz zu tragen / Pflicht in der Schule Mundschutz zu tragen / In die Schule gehen / Schule / Emma Schmitt / | Verwendung weltweit (Fotostand)
Wie infektiös sind Kinder? Die Wissenschaft forscht und hat erste Erkenntnisse. (Fotostand)

Kinder seien keine Treiber für Corona-Infektionswellen, hieß es in einer kürzlich veröffentlichten Studie zur Ansteckungsgefahr. Allerdings bleiben in der Untersuchung viele Fragen zur Rolle von Kindern in der Pandemie offen.

Dass Kinder sich mit dem neuen Coronavirus anstecken können, ist unter Forscherinnen und Forschern unbestritten. Bei einem Ausbruch in einem Wohnblock in Neukölln zum Beispiel waren rund 40 Prozent der Infizierten Kinder - 40 von 93 bestätigten Fällen.

Häufig allerdings zeigen Kinder gar keine Symptome oder die Erkrankungen ähneln einer normalen Erkältung oder Magen-Darm-Verstimmung. Schwere Verläufe kommen sehr viel seltener vor als zum Beispiel bei Seniorinnen und Senioren. In Deutschland sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts seit Beginn der Pandemie nur drei Menschen mit oder an dem Coronavirus gestorben, die unter 18 Jahre alt waren. Damit unterscheidet sich die Altersverteilung bei Covid-19 von anderen Infektionskrankheiten, wo Kinder teils als sogenannte Treiber der Infektion gelten - sie verbreiten das Virus also in der Bevölkerung.

Die "Tübinger Studie"

Laut einer Studie, die die Landesregierung von Baden-Württemberg in Auftrag gegeben hatte, spielen Kinder diese Rolle im aktuellen Infektionsgeschehen des Coronavirus nicht - zumindest nicht in dem Bundesland. Anlass für die Untersuchung war die Frage, ob Kitas und Schulen geschlossen bleiben sollten. Es seien jedoch keine Evidenzen gefunden worden, dass Kinder besonders empfänglich für das Virus seien oder aber in der Familie und in der Umgebung Ansteckungen verursachten, sagte einer der Autoren der Studie, Klaus-Michael Debatin, im Deutschlandfunk (Audio-Link). Debatin ist Ärztlicher Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Ulm, das die Untersuchung zusammen mit Universitätskliniken in Heidelberg, Freiburg und Tübingen durchgeführt hat. Er riet darüber hinaus zu mehr Besonnenheit in der Diskussion. Man lerne jeden Tag ein Stück dazu und setze quasi seit einem halben Jahr ein Puzzle zusammen.

Für die Studie aus Baden-Württemberg waren knapp 5.000 Menschen ohne Corona-Symptome und ohne vorherigen Corona-Nachweis auf das Virus sowie auf Antikörper getestet worden. Es handelte sich um rund 2.500 Kinder unter zehn Jahren sowie je ein Elternteil von ihnen, die sich freiwillig gemeldet hatten. Eine aktuelle Infektion mit dem Coronavirus konnte nur bei einem Elternteil-Kind-Paar festgestellt werden. 64 Getestete hatten Antikörper gebildet und weitgehend unbemerkt eine Corona-Infektion durchlaufen. Darunter befanden sich 45 Erwachsene und 19 Kinder. Baden-Württemberg nahm die Studie als Grundlage für weitere Öffnungsschritte von Kitas und Grundschulen.

Andere Studien, andere Ergebnisse

Der Berliner Virologe Drosten war in einer Studie zu der Infektiosität von Kindern im April zu einem anderen Ergebnis gekommen. Seine Untersuchungen legen nahe, dass Kinder genauso ansteckend sein könnten wie Erwachsene. Kinder konnten demnach genauso viele Viren im Rachen nachweisen wie Erwachsene. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Untersuchung aus den USA, von der die New York Times berichtete.

Drosten schloss aus seinen Ergebnissen, dass die Öffnung von Schulen und Kitas vorsichtig angegangen werden sollte - und war dafür zum Teil in die Kritik geraten. Dennoch hält er an seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen fest und erklärte in Folge 49 seines Podcasts "Das Coronavirus-Update", die Diskussion über die Schließungen von Bildungseinrichtungen sei noch nicht beendet. Wichtig sei es, nun all die offenen Punkte zu benennen. Denn, so Drosten: "Vielleicht können wir keine virusfreien Schulen haben. Was heißt das? Was heißt das für die Lehrer? Was heißt das für diejenigen, die Angehörige von Lehrern oder Schülern sind und Risikofaktoren haben? Was heißt das für die Schulpflicht?" Vielleicht habe man die Debatte dann im Herbst gesellschaftlich geführt und Vorüberlegungen getroffen.

Unterstützung für seine wissenschaftliche These, dass Kinder eine ähnlich hohe Viruslast haben wie Erwachsene, bekommt Drosten von anderen, internationalen Studien. Kürzlich etwa hat eine neue Fallberichtsserie aus den USA gezeigt, dass Säuglinge unter drei Monaten sehr hohe Viruslasten in sich tragen. Sie selbst seien in der Regel gesund und ihre Atemwege durch die Infektion nur gering oder gar nicht betroffen. Trotzdem, so warnen die Forschenden, seien Kontakte mit ihnen wahrscheinlich mit einem hohen Ansteckungsrisiko verbunden.

Jedoch ist die reine Anwesenheit von Viren in den Atemwegen noch kein Nachweis, dass diese auch genauso stark weitergegeben werden. Das erklärten Kinderärzte und Fachärzte für Hygiene in einer Stellungnahme von vier Fachgesellschaften.

Diese Frage wird auch durch die Studie aus Baden-Württemberg nicht beantwortet. Denn durch die frühen Schul- und Kita-Schließungen zu Beginn der Pandemie hatten viele Kinder kaum noch Kontakte außerhalb der Familie und damit kaum Gelegenheiten, sich mit dem Virus zu infizieren. Die geringen Fallzahlen der Kinder der Studie aus Baden-Württemberg, die eine Infektion bereits durchgemacht haben, könnten damit zusammenhängen.

Mit der Frage, ob Schulen und Kitas bei Ausbrüchen wieder schließen sollten beschäftigte sich eine Studie des "Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung". Sie hält Schul- und Kitaschließungen für das wirksamste Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Den Autoren zufolge haben sie die Wachstumsrate der bestätigten Infektionen um fast acht Prozentpunkte verringert. Kaum Wirkung zeigten der Studie zufolge dagegen die Einschränkungen in anderen Bereichen wie dem Einzelhandel, dem Gastgewerbe oder bei Friseuren und Kosmetik.

Andere Studien widersprechen dieser These. Forscherinnen und Forscher der ETH Zürich etwa kamen in ihrer Untersuchung zu dem Schluss, dass die Schließung von Restaurants und Geschäften ebenso wie von Kinos etwas bringt. Nicht so effizient seien dagegen die Schulschließungen. Für die Erhebung nutzten die Forschenden Daten unter anderem aus der Schweiz, weiteren EU-Ländern sowie auch den USA und Kanada. Sie räumten ein, dass die Daten eine große "Streuung" besäßen und nur eine grobe Bewertung zuließen, wie der Tages-Anzeiger berichtete.

Weitere Untersuchungen laufen

Nötig sind also weitere Studien. Für Bayern hat Ministerpräsident Söder eine flächendeckende Langzeitstudie angekündigt. Sechs Universitätskinderkliniken sollen die Öffnung von Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen im Freistaat bis voraussichtlich Januar 2021 begleiten. Zudem soll die Studie Aufschluss über die Auswirkungen der Pandemie auf die allgemeine Kindergesundheit geben.

In Nordrhein-Westfalen begann im Juni eine große Untersuchung zum Corona-Infektionsgeschehen bei Kindern. 35.000 Speichelproben von mehr als 5.200 Kindern und Kita-Beschäftigten wurden untersucht. Wie die Universitätsklinik Düsseldorf mitteilte, wurde in den Proben nur eine Infektionen bei einem Kind gefunden. Allerdings hat es nach Angaben des Düsseldorfer Gesundheitsamtes während des vierwöchigen Studienzeitraums in den 115 beteiligten Einrichtungen weitere Corona-Infektionen bei Kindern und Beschäftigten gegeben, die nicht an der Studie teilgenommen haben. Insgesamt wurden demnach zehn Neuinfektionen festgestellt - zwei beim Personal und acht bei Kita-Kindern. Die Auswertung zeige, dass im Studienzeitraum die Häufigkeit von Neuinfektionen in den Kitas auf dem gleichen Niveau wie für die Stadt Düsseldorf insgesamt gelegen habe, erklärte Professor Jörg Timm, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik. In einem Fall habe es Hinweise darauf gegeben, dass es innerhalb der Kita zu einer Übertragung von Sars-CoV-2 auf ein weiteres Kind und von dort auf Haushaltsangehörige gekommen sei. Auf dieser Grundlage von wenigen Infektionen sei eine klare Aussage dazu, welche Bedeutung Kinder als Infektionsquelle haben, aber leider nicht möglich, sagte Timm.

Auch in Hessen ist kürzlich ein neues Studienprojekt gestartet. Hier testen an 60 Kitas die Eltern ihre Kinder über drei Monate hinweg auf das Coronavirus. Das soll Rückschlüsse auf die Ausbreitung von Sars-CoV-2 in den einzelnen Regionen bringen. Ähnliche Untersuchungen sind in Berlin geplant. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) liegen bereits erste Zwischenergebnisse vor: Bei älteren Kindern lassen sich häufiger Antikörper gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 nachweisen als bei jüngeren - das ist das Zwischenfazit. Demnach haben ältere Kinder zwischen 10 und 18 Jahren häufiger Antikörper entwickelt als solche bis 10 Jahre.

Im Ausland liegen bereits die Endergebnisse repräsentativer Studien vor, zum Beispiel in Schweden. Dort wurden in der Pandemie die Schulen nicht komplett geschlossen. Erste Ergebnisse mit Antikörpertests zeigen, dass die Kinder nicht seltener eine Infektion durchlebt haben als Erwachsene. Ob sie das Virus aber genauso stark weitergegeben haben, kann man jedoch auch aus diesen Ergebnissen nicht ableiten. Die Frage bleibt also bisher unbeantwortet.

Sie können die Erkenntnisse des Robert Koch-Instituts zu Kindern hier nachlesen.

Pädiatrisches entzündliches Multisystem-Syndrom (MIS-C)

US-Forscher haben zwei ausführlichere Studien zu einem Syndrom veröffentlicht, das im Zusammenhang mit Coronavirus-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen auftritt. Die im Fachblatt "New England Journal of Medicine" veröffentlichten Untersuchungen beleuchten das sogenannte pädiatrische entzündliche Multisystem-Syndrom, abgekürzt MIS-C. Die Wissenschaftler werteten dazu die Krankenakten von knapp 300 Kindern und jungen Menschen unter 21 Jahren aus, die zwischen März und Mai in den USA behandelt wurden. Bei allen war eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus festgestellt worden oder es bestand der dringende Verdacht einer solchen Infektion.

Großbritannien hatte Ende April vor dem Syndrom bei Kindern im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 gewarnt, im Mai schloss sich auch die US-Gesundheitsbehörde CDC der Warnung an. Weltweit wurden rund 1.000 Fälle des Syndroms registriert, wie Michael Levin vom Londoner Imperial College in einem Kommentar zu den US-Studien schrieb. Das Europäische Zentrum für Seuchenprävention und -kontrolle meldete bis zum 15. Mai 230 Fälle in Europa. Jeweils ein Kind in Frankreich und Großbritannien starb demnach an dem Syndrom.

Die nun veröffentlichten US-Studien zeigen, dass das Syndrom erst einige Wochen nach einer Corona-Infektion auftritt. Bei der Studie auf nationaler Ebene vergingen meist 25 Tage, in der New Yorker Studie traten die Fälle einen Monat nach dem Höhepunkt der Pandemie in der US-Metropole auf.

(Stand 1.8.2020)

Weiterführende Artikel zum Coronavirus

Wir haben ein Nachrichtenblog angelegt. Das bietet angesichts der zahlreichen Informationen einen Überblick über die wichtigsten aktuellen Entwicklungen.

Urlaub und Freizeit

+ Reisen: Die aktuellen Regelungen in Deutschland
+ Infektionszahlen und Einreise: Wie ist die Lage in den Urlaubsländern
+ Unterwegs: Welche Regeln in der Bahn und im Flugzeug gelten
+ Maskenpflicht in Bussen und Bahnen: Wer setzt sie eigentlich durch?
+ Tourismus: Reise-Kunden können weiter Geld zurück verlangen

Zahlen und Daten zur Coronavirus-Pandemie

+ Aktuelle Entwicklungen: Zahlen zum Coronavirus in Deutschland
+ Deutschland: Warum die Todesrate durch das Coronavirus in Deutschland vergleichsweise niedrig ist
+ Unentdeckte Infizierte: Wie hoch die Dunkelziffer bei den Coronavirus-Infektionen ist
+ Welche Zahlen wir zum Coronavirus nennen und warum
+ Desinformation: Warum Bill Gates zum Ziel von Verschwörungstheoretikern geworden ist

Ansteckung und Übertragung

+ Übersterblichkeit: Wie tödlich ist das Coronavirus?
+ Spätfolgen: ie sehen die Langzeitfolgen einer Corona-Infektion aus?
+ Prävention: Wie es derzeit um eine Zweite Welle beim Coronavirus steht
+ Kinder: Wie es um die Gefahr der Ansteckung und Verbreitung bei ihnen steht
+ Tröpfcheninfektion oder Schwebeteilchen: Welche Rolle spielen Aerosol-Partikel bei der Übertragung?
+ Ausbreitung: Wie gefährlich sind Superspreader in der Corona-Pandemie?
+ Einkaufswagen und Co.: Wie lange sich das Coronavirus auf Oberflächen hält

Test und Schutz

+ Herbst: Was zu tun ist, wenn Corona und Grippewelle aufeinandertreffen
+ Tests: Wie sinnvoll sind Corona-Massentests für alle?
+ Tests: Wo man sich testen lassen kann
+ Impfung: So weit ist die Forschung
+ Behandlung: Wie weit ist die Suche nach Medikamenten gegen Covid-19?
+ Gesichtsmasken: Was man zu Schutzmasken wissen sollte

Die Dlf-Nachrichten finden Sie auch bei Twitter unter: @DLFNachrichten.