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StartseiteForschung aktuellKontaktsperre - wie lange müssen wir durchhalten?25.03.2020

COVID-19Kontaktsperre - wie lange müssen wir durchhalten?

Schulen, Kitas, Restaurants und viele Geschäfte sind zu. Das öffentliche Leben in Deutschland ist stark eingeschränkt. Aber wie lange noch? Epidemiologen sagen, die Zahlen müssen soweit sinken, dass jeder neuen Infektion nachgegangen werden kann. Dann sind nach und nach Aufhebungen der Beschränkungen möglich.

Von Volkart Wildermuth

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Leere Einkaufsstraßen in Kaiserslautern, verwaiste Innenstadt (picture alliance / Fotostand / Schmitt)
Das öffentliche Leben in Deutschland steht still - wie hier in Kaiserslautern sieht es in der Coronazeit in ganz Deutschland aus (picture alliance / Fotostand / Schmitt)
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In Deutschland herrschen strenge Ausgangsbeschränkungen, die weitgehend auch befolgt werden. Wie lange man diese noch durchhalten muss, ist allerdings ungewiss, erklärt Dlf-Wissenschaftsredakteur Volkart Wildermuth. "Ich habe mit dem Robert Koch-Institut telefoniert und mit Epidemiologen. Die halten sich alle sehr bedeckt. Es ist einfach noch viel zu wenig über diese neue Krankheit COVID-19 bekannt. Das heißt, wir müssen abwarten und lernen."

Was die bisherigen Bewegungs-Einschränkungen bringen, könne erst nach gut einer Woche beurteilt werden, erklärt Wildermuth. Denn es vergehen ein paar Tage, bis man nach der Infektion Symptome entwickelt, getestet wird und dann ein Ergebnis vorliegt. Es kann daher gut sein, dass in dieser Phase die Zahl der Infizierten weiter steil ansteigt. "Dann haben die Wähler und damit auch die Politiker vielleicht den Eindruck: Was wir getan haben, reicht noch nicht, wir müssen mehr tun. Aber der Anstieg in den nächsten Tagen, der ist unvermeidlich, weil sich diese Leute bereits infiziert haben. Das kann niemand rückgängig machen, da müssen wir durch."

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Experten rechnen mit Beschränkungen bis zum Sommer

Wenn die Zahlen dann zurückgehen, dürfe man die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung dennoch nicht sofort wieder zurückfahren, gibt Wildermuth zu bedenken. Sonst startet die Infektionswelle einfach wieder. "Das Problem ist, mit all den Einschnitten können wir das Virus abbremsen, aber wir können es wohl nicht stoppen. Der Erreger ist in Deutschland unterwegs und wenn er irgendwo eine Chance erhält, dann wird er sich erneut massiv ausbreiten." Dann würden sich in kurzer Zeit wieder viele Menschen infizieren und auf die Intensivstation kommen, könnten dort – wie jetzt in Italien - nicht ausreichend versorgt werden und sterben. "Nach einer Hochrechnung aus dem Team um Richard Neher von der Universität Basel wären das in Deutschland weit über 100.000 Tote", so Wildermuth. 

Deshalb gehe es darum, dass Infektionsgeschehen so zu steuern, das es immer nur so viel Schwerkranke gibt, wie das Gesundheitssystem bewältigen kann. "Dann bleibt es bei der gleichen Hochrechnung bei etwa 14.000 Toten, das entspräche ungefähr einer schweren Grippesaison. Gerade weisen die Zahlen steil nach oben, deshalb ist es richtig, so drastische Ausgangsbeschränkungen zu haben. Alle, mit denen ich gesprochen habe, gehen davon aus, dass die nicht nur zwei Wochen gelten werden, sondern eher zwei bis drei Monate, also mindestens bis zum Sommer."

Zeit gewinnen - für Krankenhäuser und Impfstoffgewinnung

Mit den drastischen Ausgangsbeschränkungen wird Zeit gewonnen, in der Intensivstationen ausgebaut werden können, in der Beatmungsgeräte beschafft werden können, in der der öffentliche Gesundheitsdienst gestärkt werden kann. Zeit auch, in der klarer wird, wie sich die Sterblichkeit von COVID-19 unter den Bedingungen in Deutschland entwickelt. Zeit im Übrigen auch, um nach China zu gucken oder nach Südkorea. "Dort ist man ja weiter in der Epidemie, hat das Virus weitgehend eingebremst und fährt nun die Beschränkungen zurück. Von diesen Erfahrungen werden wir viel lernen", sagte Wildermuth.

Zeit auch, um einen Impfstoff auf den Markt zu bringen, was allerdings noch Monate dauern kann. "Wenn es keinen Impfstoff gibt, wird das Virus am Ende dieser Pandemie zwischen 50 bis 70 Prozent der Menschen in Deutschland infizieren. Wenn sie wieder gesund sind, dann sind sie auch immun. Für das Virus bedeutet das, es kann sich nicht mehr effektiv ausbreiten, die Epidemie läuft aus, das ist dieses Konzept der Gruppenimmunität."

Die Virologie sei allerdings nur die eine Seite, gibt Wildermuth zu bedenken. "Die Ausgangsbeschränkung hat natürlich auch wirtschaftliche und psychologische Folgen, die dann auch wieder zu Gesundheitskosten führen. Da muss die Politik abwägen." 

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Maßnahmen lockern - nach und nach

Nach Ansicht des Epidemiologen Rafael Mikolajczyk von der Universität Halle müssten die Zahlen soweit sinken, dass die Gesundheitsämter wieder jede neue Infektion schnell feststellen und dann die Kontakte identifizieren und isolieren können, erläutert Wildermuth. Dieser Zeitpunkt werde aber von Region zu Region unterschiedlich sein. "Aktuell breitet sich das Virus zum Beispiel in den Großstädten viel schneller aus, als etwa auf dem Land an der Küste. Rafael Mikolajczyk kann sich dann auch wieder unterschiedliche Regelungen in den Bundesländern vorstellen, je nachdem wie das Gesundheitssystem dort belastet ist." 

Nach Ansicht des Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité werde man zudem nicht alle Beschränkungen auf einmal wieder aufheben. Erst sollten ganz einschneidende Maßnahmen wieder gelockert werden, also zum Beispiel die Schulen wieder öffnen. "Aber ob man als erstes die Bundesliga wieder mit vollen Fankurven eröffnet, das ist eher zweifelhaft", erklärt Wildermuth.

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