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Covid-19So weit ist die Forschung an Impfstoffen gegen das Coronavirus

Eine Mitarbeiterin am Institut für Virologie der technischen Universität München (TUM) pipettiert in einem Labor einen Ansatz zum Proteinnachweis. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Weltweit arbeiten Wissenschaftler an einem Impfstoff gegen Covid-19. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)

Als hoffnungsvollstes Mittel gegen Sars-CoV-2 und die von dem Virus ausgelöste Erkrankung Covid-19 gilt ein Impfstoff. Weltweit wird daran geforscht, auch von deutschen Firmen. Inzwischen gibt es erste Ergebnisse der wichtigen Phase-III-Studien.

Normalerweise dauert es viele Jahre, bis ein Impfstoff gegen einen Krankheitserreger gefunden ist - und der Prozess kann in jeder Phase scheitern. Warum es normalerweise lange dauert, haben die Kollegen von "Forschung aktuell" hier erklärt.

Viren-Erbgut war schnell bekannt

Im Fall von Sars-CoV-2 hatten die Forschenden Glück: Die Sequenz des Viren-Erbguts, in diesem Fall einzelsträngige RNA, war schnell bekannt und die ersten Forschungsprojekte konnten bereits Anfang 2020 in Angriff genommen werden.

Wie wird ein Impfstoff bis zur Zulassung getestet?

Ein Impfstoffkandidat durchläuft bis zur Zulassung mehrere Phasen. In Phase I geht es noch nicht um die Wirksamkeit eines Präparats, sondern um dessen Sicherheit. Tests erfolgen an einer kleinen Gruppe von unter 100 Personen. In Phase II wird der Stoff an bis zu 1.000 Menschen meist in verschiedenen Dosierungen getestet und sichergestellt, dass der Körper einen Schutz gegen das Virus entwickelt. In Phase III wird der Stoff mehreren Tausend Freiwilligen verabreicht. Es geht unter anderem um die Bestätigung der Dosierung sowie um seltenere Wechsel- und Nebenwirkungen. Mehrere Studien sind bereits seit längerem in der dritten und letzten Phase vor der Zulassung.

Wann wird es erste Impfstoffe geben?

Mehr als 150 mögliche Impfstoffe waren anfangs in der Entwicklung, mindestens 42 werden laut WHO bereits an Menschen getestet. Rund ein Dutzend Impfstoffkandidaten gelten Stand Oktober als relativ weit in der Entwicklung und als vielversprechend.

Erste Impfstoffe kurz vor der Zulassung

Das Mainzer Unternehmen Biontech und der US-Pharmakonzern Pfizer kommen nach eigener Darstellung der Zulassung eines Corona-Impfstoffs sehr nahe. Sie teilten mit, die seit Juli laufende entscheidende Phase-III-Studie sei vielversprechend. Der Wirkstoff zeige sich in 90 Prozent der Fälle als wirksam. Ein Impfschutz werde eine Woche nach der zweiten Injektion erreicht. Biontech erklärte, man sei optimistisch, dass die immunisierende Wirkung einer Impfung mindestens ein Jahr lang anhalten werde. Pfizer zeigte sich zuversichtlich, noch in diesem Monat eine Zulassung in den USA im Rahmen des beschleunigten Dringlichkeitsverfahrens zu erhalten.

Auch das Forschungsprojekt des US-Biotechkonzerns Moderna klingt vielversprechend. Laut einer Zwischenanalyse zeigt der entwickelte Impfstoff eine Wirksamkeit von rund 95 Prozent beim Schutz vor Covid-19. Die Phase-III-Studie umfasste 30.000 Probanden. 95 Teilnehmer erkrankten, wobei auf die geimpften Personen 5 Fälle entfielen und auf die nicht geimpften 90 Fälle.

Moderna will in den kommenden Wochen eine Zulassung des Wirkstoffs in den USA beantragen. Dies ist auch in anderen Ländern geplant. Die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema startete ein Verfahren, das eine rasche Zulassung zum Ziel hat. Die EU-Kommission verhandelt mit Moderna über die Lieferung von bis zu 160 Millionen Impfdosen.

Wie steht es um die Impfstoffe aus Russland?

Russland hat als erstes Land weltweit bereits im August einen Impfstoff zugelassen - ohne Tests an mehreren Zehntausend Menschen. In der Hauptstadt Moskau sollen in den nächsten Monaten Massenimpfungen gegen das Coronavirus beginnen. Die ersten größeren Lieferungen des Impfstoffes "Sputnik V" würden im November eintreffen, teilte Moskaus Bürgermeister Sjobanin mit. Nach Angaben des russischen Gesundheitsministeriums ist auch "Sputnik" in mehr als 90 Prozent der Fälle wirksam. Allerdings werden Sicherheitsbedenken geltend gemacht: Da der Impfstoff vor Abschluss der dritten Prüfphase freigeben wurde, warfen viele Länder der russischen Regierung vor, die Gesundheit der Menschen aufs Spiel zu setzen und die allgemeine Akzeptanz des Impfens zu schmälern.

Mitte Oktober teilte Russlands Präsident Putin mit, man habe einen zweiten Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen. Auch dieses Mal kam die Zulassung vor Abschluss der entscheidenden Studien.

Wie sicher werden die Impfstoffe sein?

Eine Antwort darauf wird es wohl erst geben, wenn ausreichend Forschungsergebnisse zu möglichen Impfstoffen vorliegen. Sowohl Bundesgesundheitsminister Spahn als auch Forschungsministerin Karliczek betonten, dass es bei der Entwicklung keine "riskanten Abkürzungen" geben werde. Absolute Priorität habe die Sicherheit. Ein Impfstoff könne nur zur Anwendung kommen, wenn der Nutzen höher sei als die Risiken, sagte Karliczek.

Auch die Zulassungsbehörden in Europa und den USA betonten mehrfach, dass auch bei beschleunigten Verfahren die Sicherheit der Präparate an oberster Stelle steht.

Wie geht es nach der Zulassung eines Corona-Impfstoffs weiter?

Sollte die Entwicklung eines Impfstoffs gelingen, warten zahlreiche Herausforderungen. Zunächst geht es um die massenhafte Produktion eines Vakzins. Die Hamburger Virologin Marylyn Addo sagte dazu im Deutschlandfunk, momentan stünden in der Welt nicht genug Herstellungskapazitäten zur Verfügung. Daher werde es in den kommenden Monaten zu einem Ressourcenkampf kommen. Auch der Chef der US-Firma Moderna, Stéphane Bancel, geht davon aus, dass es nicht nur anfangs, sondern etwa anderthalb Jahre lang Engpässe geben könnte. Im Spiegel sagte er, das Problem seien vor allem regulierte medizinische Rohmaterialien wie Zellkulturen, Enzyme oder Lipide. Wenn eine Komponente fehle, bringe das die gesamte Produktion zum Stillstand.

Klar ist, dass gerade am Anfang ausgewählt werden muss, wer zuerst eine Impfung bekommt. Wenn in Deutschland ein Impfstoff gegen das Coronavirus zur Verfügung steht, sollen ihn zunächst Menschen aus Risikogruppen und Beschäftigte aus "Bereichen der Daseinsvorsorge“ erhalten. Das geht aus der Nationalen Impfstrategie der Bundesregierung hervor. Die Empfehlungen wurden vom Deutschen Ethikrat, der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina und von der Ständigen Impfkommission (StIKo) am Robert Koch-Institut erarbeitet. Zu den Risikogruppen zählen unter anderem ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen. Zu den Bereichen der Daseinsvorsorge gehören etwa die Polizei, Krankenhäuser und Schulen.

Weltweit versucht die internationale Initiative "Covax" einen fairen Zugang zu Covid-19-Impfstoffen zu ermöglichen. Sie wird federführend von der WHO und den Impfallianzen "Gavi" und "Cepi" getragen. Sobald ein Impfstoff sich als effektiv und sicher herausgestellt hat, sollen bis Ende 2021 zwei Milliarden Impfdosen hergestellt werden und weltweit an Pflegekräfte und durch Alter oder Vorerkrankung besonders gefährdete Menschen verteilt werden.

Die nächste Herausforderung ist die Logistik: Wenn in kurzer Zeit Millionen Menschen geimpft werden wollen, dürfte das die Hausarztpraxen überlasten. Deshalb, so berichten mehrere Medien, wird mit großen Impfzentren etwa in Messehallen geplant. Im Magazin "Der Spiegel" kündigte Spahn zudem an, dass derzeit mehrere Apps rund um Corona-Impfungen entwickelt werden. Mit einer soll das Terminmanagement geregelt werden, in einer weiteren sollen Nebenwirkungen gemeldet werden können. Bezahlt werden soll ein Impfstoff aus dem Bundeshaushalt - das Vorzeigen einer Krankenversicherungskarte entfällt laut Spahn dann.

Beendet ein Impfstoff die Pandemie?

Ein zugelassener Impfstoff gegen das Coronavirus wäre sicherlich eine gute Nachricht. Doch ein Ende der Pandemie wäre dadurch noch nicht gegeben. Zum einen, weil es eine gewisse Zeit dauert, bis genügend Menschen geimpft sind, um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen. Dazu müssten sich in Deutschland nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums zudem 55 bis 65 Prozent der Bürgerinnen und Bürger freiwillig impfen lassen. Eine Impfpflicht wurde von Spahn mehrfach ausgeschlossen.

Auch ist noch nicht klar, wie lange die Impfstoffe wirksam sein werden und was sie genau verhindern werden: lediglich schwere Verläufe oder auch zuverlässig die Verbreitung des Coronavirus.

Einen Bericht zum "Rennen um die Zulassung der Corona-Impfstoffe" unserer "Hintergrund"-Redaktion finden Sie hier.

(Stand 16.11.2020)

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