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Covid-19Sollten Schwangere gegen das Coronavirus geimpft werden?

Eine schwangere Frau wird in Santiago de Chile gegen Corona geimpft. (Imago / Marcelo Hernandez)
Eine schwangere Frau wird in Santiago de Chile gegen Corona geimpft. (Imago / Marcelo Hernandez)

Schwangere haben Medizinern zufolge ein höheres Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung. Die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut rät ihnen derzeit jedoch im Allgemeinen nicht zu einer Corona-Impfung - weil die Datengrundlage zu dünn sei. Immer mehr Länder impfen Schwanger aber inzwischen. Und auch unter deutschen Medizinern wird Kritik an der Handhabung der Stiko geäußert.

Der Mediziner Ekkehard Schleußner vom Universitätsklinikum Jena sagte im Deutschlandfunk, Schwangere erkrankten zwar nicht häufiger an Covid-19. Aber wenn sie erkrankten, sei der Verlauf unter Umständen "sehr deutlich schwerer". Man sehe mit Blick auf die Statistik auch eine erhöhte Mortalität. Der Mediziner kritisierte, dass die Stiko an ihren restriktiven Vorgaben festhalte.

Ähnlich sehen es etwa die Virologen Christian Drosten und Alexaner Kekulé. Kekulé appellierte kürzlich im MDR, dass Schwangerschaft dringend als erhöhtes Risiko anerkannt werden müsse. Schwangere hätten ein "ganz massiv erhöhtes Risiko für Komplikationen, wenn sie sich eine Covid-Infektion einfangen", sagte er. Drosten sprach sich im NDR-Podcast für ein Vorgehen wie unter anderem in Frankreich aus: Dort gelten Schwangere ab dem zweiten Trimester als impfberechtigt.

Immunsystem ist bei Schwangeren herabgesetzt

Es gibt mehrere Hypothesen, warum eine Covid-Erkrankung bei Schwangeren schwerer verläuft. Schleußner nimmt an, dass die hormonelle Umstellung während der Schwangerschaft die Entzündungsmechanismen unterstützt. Der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena weist darauf hin, dass das Immunsystem bei Schwangeren generell etwas herabgesetzt und die Sauerstoffaufnahme reduziert ist.

Stiko empfiehlt generelle Corona-Impfung von Schwangeren derzeit nicht

Auf der Internetseite des Robert Koch-Instituts heißt es: Zur Anwendung der Covid-19-Impfstoffe in der Schwangerschaft gebe es aktuell keine Daten - das RKI gibt dies mit dem Stand 1. April an. Daher empfehle die Stiko die generelle Impfung in der Schwangerschaft derzeit nicht. Schwangeren mit Vorerkrankungen und einem daraus resultierenden hohen Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung könne jedoch in Einzelfällen nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung und nach ausführlicher Aufklärung eine Impfung angeboten werden.

Die Stiko sichte und prüfe kontinuierlich "die sich entwickelnde Erkenntnis-Lage", sagte Marianne Röbl-Mathieu, die Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in dem Expertengremium, der Deutschen Presse-Agentur. Man werde die Impfung Schwangerer gegebenenfalls dann allgemein empfehlen, wenn die "vorliegende Evidenz" dies zulasse.

Mediziner Schleußner verweist auf neue Studien

Der Jenaer Mediziner Schleußner erklärte im Deutschlandfunk, es gebe mittlerweile sehr wohl Daten. In den vergangenen Wochen seien mehrere Studien mit zahlreichen Teilnehmerinnen erschienen. Diese zeigten ganz klar, dass eine Corona-Impfung "nicht zu vermehrten schwangerschaftsspezifischen Komplikationen" führe. Auch ein erhöhtes Krankheits- oder Sterbe-Risiko der Schwangeren oder der Föten sei nicht zu erkennen. Schwangere hätten auch keine anderen oder schwereren Nebenwirkungen als Nicht-Schwangere. Die Antikörperbildung verlaufe ebenfalls in gleicher Weise. Die Antikörper gingen zudem auf das Kind über und geben ihm demnach einen "Nestschutz".

Wie Schleußner weiter sagte, beziehen sich die bisherigen Studien auf mRNA-Impfstoffe. Bisher zugelassen in Deutschland sind die Präparate von Biontech/Pfizer sowie Moderna. Das bedeute jedoch nicht, dass Vektor-basierte Impfstoffe potenziell gefährlich seien.

Nicht Impfstoff eine Gefahr für Ungeborene, sondern eine Erkrankung der Mutter

Mit Blick auf die Risiken für das ungeborene Kind erklärte Schleußner: Auf Basis der bisherigen Studien könne man sagen, dass vor allem Antikörper der Mutter auf den Fötus übergingen, und so gut wie keine mRNA des Impfstoffs. Die Gefahr sei nicht der Impfstoff, sondern dass die Mutter wegen einer Covid-19-Erkrankung schwer erkranken und möglicherweise sterben könnte und das Kind als Frühgeburt mit ungünstigen Umständen zur Welt kommen könnte.

Der Virologe Kekulé berichtete im MDR von einer Studie: Die Wahrscheinlichkeit, auf der Intensivstation zu landen, sei für erkrankte Schwangere demnach im Vergleich zu Schwangeren ohne Covid-19 rund fünffach erhöht, die Wahrscheinlichkeit zu sterben 22-fach. Ein Forscherteam stellte diese Beobachtungen aus 18 Ländern im Journal "Jama Pediatrics" vor, es ging um mehr als 2.100 infizierte und nicht-infizierten Schwangere. Drosten verwies allerdings darauf, dass darunter auch Länder mit schlechteren Gesundheitssystemen seien.

Im Ärzteblatt erschienen kürzlich Daten zu Schwangeren in Deutschland. Demnach haben Schwangere überwiegend günstige Verläufe im Falle einer Covid-19-Erkrankung. Allerdings bezieht sich das auf Daten bis Oktober 2020 - wie sich die inzwischen dominante britische Variante auf Schwangere auswirkt, ist unklar. Im Hamburger Universitätsklinikum nahm die Zahl der Schwangeren auf der Intensivstation zuletzt zu. Dies könne daran liegen, dass sich das Virus vermehrt unter Jüngeren und Kindern ausbreitet. Vor allem Schwangere, die bereits Kinder haben, seien besonders gefährdet, hieß es.

In Israel gab es mehrere Todesfälle ungeimpfter, schwangerer Frauen sowie Totgeburten nach einer Corona-Infektion. Israel hat die höchste Geburtenrate der westlichen Welt - mit durchschnittlich drei Kindern pro Frau.

Israel empfiehlt schon lange Impfung für Schwangere - andere Länder folgen

In Israel wird wohl auch deshalb im Gegensatz zu Deutschland bereits seit Januar die Impfung von Schwangeren ausdrücklich empfohlen. Der israelische Gynäkologenverband schrieb, die Covid-19-Erkrankung könne während der Schwangerschaft Schaden anrichten, bei Schwangeren einen schwereren Krankheitsverlauf auslösen und Frühgeburten verursachen. Deshalb sei es wichtig, sich impfen zu lassen. Man empfehle eine Immunisierung aller Schwangeren, die dies wünschten. Dies gelte besonders, wenn sie gefährdet seien, mit dem Virus in Kontakt zu kommen oder Vorerkrankungen hätten, die das Risiko für einen schweren Verlauf erhöhten. Auch die US-Gesundheitsbehörde CDC empfiehlt Schwangeren inzwischen, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen.

In Großbritannien wies das Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) darauf hin, dass etwa 90.000 schwangere Frauen in den Vereinigten Staaten geimpft worden seien. Dies sei hauptsächlich mit den Präparaten von Biontech/Pfizer und Moderna geschehen, ohne dass Sicherheitsbedenken aufgekommen seien. Basierend auf diesen Daten rate das JCVI, dass es vorzuziehen sei, schwangeren Frauen in Großbritannien diese mRNA-Impfstoffe anzubieten, sofern diese verfügbar seien. Auch in Frankreich und seit Kurzem in Österreich werden Schwangere geimpft.

Der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, Christian Albring, geht davon aus, dass Schwangeren auch in Deutschland in absehbarer Zeit eine Impfung von der Stiko empfohlen wird. Daten aus den USA und Großbritannien ließen dies erwarten, sagte er. Denn ohne Impfung sehe es so aus: Eine von 25 erkrankten Schwangeren müsse intensivmedizinisch behandelt werden. Werde eine Beatmung notwendig, so liege die Sterblichkeit bei zwei Prozent.

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