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Covid-19"Superspreader-Events" - Wann können Demos, Feiern und Veranstaltungen zum Problem werden?

Dicht gedrängt und ohne die Abstandsregeln zu beachten stehen Tausende bei einer Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße des 17. Juni. Zu der Demonstration gegen Corona-Maßnahmen hat die Initiative «Querdenken 711» aufgerufen. Das Motto der Demonstration lautet «Das Ende der Pandemie - Tag der Freiheit» (Christoph Soeder/dpa)
Dicht gedrängt standen Anfang August Tausende bei einer Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße des 17. Juni in Berlin. (Christoph Soeder/dpa)

Demonstrationen, Familienfeiern, Restaurants, Betriebe - wenn viele Menschen zusammenkommen, besteht eine höhere Infektionsgefahr. Die Forschung geht inzwischen immer mehr davon aus, dass einzelne Personen - sogenannte "Superspreader" - gleich mehrere andere anstecken. Was ist über sie bekannt und welche Situationen könnten problematisch sein?

Was ist ein Superspreader?

Die sogenannten "Superspreader" sind - verkürzt gesagt - Personen, die besonders viele Menschen anstecken. Jamie Lloyd-Smith von der University of California, Los Angeles, hat mit seinem Team in jahrelanger Forschung an den mit Covid-19 verwandten Krankheiten SARS und MERS herausgefunden, dass der Reproduktionsfaktor R nur eingeschränkt aussagekräftig ist, denn "die meisten Menschen übertragen die Krankheit nicht", so Lloyd-Smith. Zumindest rechnerisch geht man davon aus, dass R beim neuen Coronavirus bei zwei bis drei liegt - eine Person also zwei bis drei weitere ansteckt, wenn keine Schutzmaßnahmen ergriffen werden.

Adam Kucharski von der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) geht inzwischen davon aus, dass "etwa 10 Prozent der Fälle zu 80 Prozent der Ausbreitung" führen. Wie eine Studie zum Ausbruch beim Fleischverarbeitungsbetrieb Tönnies herausfand, steckte dort anscheinend eine Person viele weitere an - am Ende hatten sich rund um Tönnies mehr als 2.100 Menschen infiziert.

Wer ist ein typischer Superspreader?

Laut Kucharski spielen die Eigenschaften einzelner Patienten eine Rolle. Einige Menschen scheiden offenbar weit mehr Viren aus als andere - noch dazu auch über einen längeren Zeitraum. Das führen Mediziner auf Unterschiede im Immunsystem oder auch auf die Verteilung von Virusrezeptoren im Körper zurück. Studien an gesunden Menschen zeigten beispielsweise, dass einige beim Sprechen viel mehr Partikel ausatmen als andere. Zusätzlich spielt auch noch das Sozialverhalten der Menschen eine Rolle. Wer viele soziale Kontakte hat und/oder sich nicht die Hände wäscht, wird eher zum Virenüberträger als andere.

Der japanische Virologe Hitoshi Oshitani hat versucht herauszufinden, wer die Superspreader typischerweise sind. Wie der Focus berichtet, analysierte er mit seinem Team Orte oder Situationen, wo sich viele Menschen gleichzeitig ansteckten. Zu den Hotspots gehörten demnach Altenheime, Fitnessstudios, Restaurants, Konzerthallen oder Karaoke-Bars. Doch auch über die Personen selbst fanden die Forschenden etwas heraus. In 22 Fällen konnten sie die Infektionsherde auf eine konkrete Person zurückführen. Darunter waren viele Frauen, die unter 30 Jahre alt waren und keine Symptome zeigten. Dass gerade junge Leute das Virus übertragen, vermuteten auch andere Forschende schon. Denn sie halten sich oft an Orten mit vielen Menschen auf, etwa in Bars oder Clubs.

Kucharski ergänzt, dass "auch das Timing eine Rolle spielt". Es gebe Hinweise darauf, dass Corona-Infizierte nur einen relativ kurzen Zeitraum besonders infektiös seien. Wenn man in dieser Zeit beispielsweise auf ein Konzert in geschlossenen Räumen oder in einen Club gehe, könne dies zu einem Superspreading-Ereignis werden. "Zwei Tage später könnte sich diese Person auf dieselbe Weise verhalten und Sie würden nicht dasselbe Ergebnis sehen", betont der Forscher.

In welchen Situationen gab es bisher "Superspreader-Events"?

Der Fall warf Südkorea bei der Bekämpfung der Pandemie um Wochen zurück: Anfang Mai lockerte das Land die Vorschriften zur räumlichen Distanzierung, nachdem die Ausbreitung des Coronavirus dort fast als gestoppt galt. Dann besuchte ein Mann mehrere Clubs in Seoul. Er wurde später positiv auf das Coronavirus getestet. Und er brachte das südkoreanische Gesundheitssystem an seine Kapazitätsgrenzen. Dutzende Beamte machten sich auf die Suche nach infizierten Kontaktpersonen - und identifizierten mindestens 170, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit in dieser Nacht infiziert hatten. Es könnten hunderte, tausende weitere gewesen sein, nicht alle konnten nachverfolgt werden.

Ähnliche Ereignisse konnten weltweit nachgewiesen werden: Sogenannte "Cluster" von Infektionen traten auch an Bord von Schiffen und in Pflegeheimen, in fleischverarbeitenden Betrieben wie dem niedersächsischen Betrieb Tönnies, in Skigebieten, Kirchen, Restaurants, Krankenhäusern und Gefängnissen auf. Der Berliner Virologe Christian Drosten verweist in seinem NDR-Podcast auch auf die Fälle in Deutschland, die nach einem Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt und nach einer Veranstaltung in geschlossener Gesellschaft in einem Restaurant in Niedersachsen bekannt wurden. "Wir haben explosive Übertragungsereignisse, die diese ganze Epidemie eigentlich treiben", betont Drosten.

Christian Althaus, Epidemiologe an der Universität Bern, bringt es auf den Punkt: "Es ist klar, dass in geschlossenen Räumen ein viel höheres Risiko besteht als im Freien", sagt Althaus. Eine Studie in Japan ergab, dass das Infektionsrisiko in Innenräumen fast 19 Mal höher ist als im Freien.

Eine LSHTM-Forschungsgruppe rund um Gwenan Knight listet einen Ausbruch in einem Wohnheim für Wanderarbeiter in Singapur auf, der mit fast 800 Fällen in Verbindung steht. In Osaka, Japan, hat es 80 Infektionen bei einem Live-Konzert gegeben. In Südkorea hat sich eine Gruppe von 65 Personen bei einem Zumba-Kurs infiziert. Einige Situationen können besonders riskant sein, hat Knight herausgefunden. Fleischverarbeitungsbetriebe sind anfällig wie zahlreiche Fälle zeigten - und zwar auch unabhängig von den Unterbringungsmöglichkeiten der Arbeiter. Denn dort arbeiten viele Menschen in Räumen zusammen, in denen niedrige Temperaturen dem Virus beim Überleben helfen.

"Es kann aber auch relevant sein, dass die Viren zu lauten Orten neigen", sagt Knight. Berichte über Ausbrüche in Chören hätten ihr deutlich gemacht, dass eine Sache zahlreiche Cluster miteinander verbindet: Sie geschahen an Orten, an denen die Menschen schreien oder singen. Und obwohl Zumba-Kurse mit Ausbrüchen in Verbindung gebracht wurden, war das bei Pilates-Kursen nicht der Fall - sie sind weniger lautstärkeintensiv, stellt Knight fest - und schließt daraus: "Vielleicht ist langsames, sanftes Atmen kein Risikofaktor, aber schweres, tiefes oder schnelles Atmen und Schreien schon."

Ist es bei Demonstrationen bisher zu Übertragungen gekommen?

Diese Frage treibt viele Menschen um, doch sie ist nicht eindeutig zu beantworten. Nach den Demonstrationen im Mai gegen die Corona-Maßnahme als auch Anfang Juni gegen Rassismus und Polizeigewalt bestätigte ein Großteil der betroffenen Städte auf Deutschlandfunk-Anfrage, dass auch einen Monat später kein signifikanter Anstieg der Infektionszahlen in der jeweiligen Stadt zu verzeichnen war.

Sowohl Stuttgart, Hamburg als auch München betonten, dass die Nachverfolgung von Einzelnen nach der Teilnahme an einer Versammlung schwer sei. Viele Demonstrantinnen und Demonstranten reisten nicht nur aus der Region, sondern landes- und bundesweit an. Darüber hinaus zeigt bekanntlich auch nicht jeder Infizierte Symptome und fällt somit durch das Raster in den Bereich der Dunkelziffer. Bei einer Demonstration in Stuttgart wurde zudem noch verstärkt darauf geachtet, dass die Mindestabstände zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von 1,50 Meter weitgehend eingehalten wurden.

Berlin schätzte die Situation Anfang Juli wesentlich bedenklicher ein. Genaue Zahlen für die Auswirkungen der Anti-Rassismus-Demo auf dem Alexanderplatz oder der Protest- und Partyaktion auf dem Landwehrkanal mit Schlauchbooten am 31. Mai nannte der Sprecher der Senatsverwaltung für Gesundheit, Moritz Quiske, nicht. Dafür betonte er, dass Berlin im Vergleich mit einer - Stand 5. Juli - kumulativen Zahl von 248 Neuinfektionen beziehungsweise eine Inzidenz von 6,6 auf 100.000 Einwohner an der Spitze der Bundesländer stehe. In der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen sei damals sogar eine Inzidenz von über 10 zu vermerken.

Inwieweit Demonstrationen zur Verbreitung des Coronavirus beitragen, ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts schwer zu bewerten. Grund sind fehlende Daten. Die Sprecherin des Instituts, Glasmacher, erklärte, dem RKI würden die wahrscheinlichen Infektionsorte nur auf Landkreisebene übermittelt, teilweise auch nicht immer vollständig. Zudem werde der Demobesuch als Infektionsrisiko nicht in der Software erfasst. Auch die Experten der Gesundheitsbehörde wiesen darauf hin, dass eine Zuordnung der Fälle zur Demonstration schwierig sei, weil die Besucher einer Demo nicht zwingend aus dem gleichen Ort kommen, so dass sich etwaige Infektionen auf mehrere Land- oder Stadtkreise verteilen könnten.

Ob die Demonstration gegen die Corona-Regeln Anfang August in Berlin mit laut Polizei rund 20.000 Menschen Auswirkungen auf die Infektionszahlen hat, wird sich wohl erst im Laufes des August zeigen. Weil Abstands- und Hygieneregeln nicht eingehalten wurden, wurde die Demonstration aufgelöst.

Was lässt sich gegen Superspreading-Events tun?

Jamie Lloyd-Smith von der University of California, Los Angeles, sagt, es sei alles eine rein mathematische Frage: "Wenn man vorhersagen kann, welche Umstände zu diesen Ereignissen führen, zeigt die Mathematik, dass man die Fähigkeit der Krankheit, sich auszubreiten, wirklich sehr schnell einschränken kann." Bund und Länder beschlossen am 17. Juni etwa, dass Großveranstaltungen, bei denen eine Kontaktverfolgung und die Einhaltung von Hygieneregelungen nicht möglich ist, bis mindestens Ende Oktober nicht stattfinden sollen. Doch kleinere Veranstaltungen sind wieder möglich, und auf Familienfeiern etwa gab es bereits zahlreiche kleinere bis mittelgroße Ausbrüche.

Der Virologe Christian Drosten empfahl in seinem Podcast, beim Entdecken eines Erstfalls von einem "Superspreading-Ereignis", sofort das ganze Cluster unter Quarantäne zu stellen, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Für Diagnostik sei dann keine Zeit. Drosten ist der Ansicht, dass man so unter Umständen "das Gesamtschicksal der Epidemie" unter Kontrolle bringen könne.

Zuletzt erklärte er in einem Gastbeitrag in der Zeit, man gehe davon aus, dass viele Menschen nur eine weitere Person ansteckten. Das sei für das Gesundheitssystem kein Problem. Doch irgendwann in der Kette komme es vor, dass eine Person etwa zehn weitere anstecke. Diese Personen müsse man ausmachen - auf diese müssten die Behörden ihre Kräfte konzentrieren. Drosten verweist dabei auf das Vorgehen der Behörden in Japan: Dort habe man eine Liste mit besonders riskanten Orten und Situationen erarbeitet. Die Gesundheitsämter würden dann in der Kontakthistorie eines Infizierten nach solchen Risikosituationen suchen. Die Mitglieder eines sogenannten Clusters müssten dann sofort in Heimisolierung. Nach fünf Tagen Abklingzeit sollten sie getestet werden. Inzwischen wisse man, dass die infektiöse Phase etwa eine Woche dauert, schreibt Drosten. Die ersten zwei Tage liegen dabei vor dem Symptombeginn. Er empfiehlt, vermehrt auf Infektiösität statt auf das Vorliegen einer Infektion zu testen. Dazu müsste sich die Wissenschaft allerdings zutrauen, eine Grenze festzulegen, ab welcher Virenmenge eine Person nicht mehr als infektiös gelte.

(Stand 07.08.2020)

Anmerkung der Redaktion vom 21.8.20: Aus technischen Gründen stand heute vorübergehend auch eine ältere Version dieses mehrfach aktualisierten Textes im Netz.

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