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Covid-19"Superspreader-Events" - Wenn Demos, Feiern und Veranstaltungen zum Problem werden

Dicht gedrängt und ohne die Abstandsregeln zu beachten stehen Tausende bei einer Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße des 17. Juni. Zu der Demonstration gegen Corona-Maßnahmen hat die Initiative «Querdenken 711» aufgerufen. Das Motto der Demonstration lautet «Das Ende der Pandemie - Tag der Freiheit» (Christoph Soeder/dpa)
Dicht gedrängt standen Anfang August Tausende bei einer Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße des 17. Juni in Berlin. (Christoph Soeder/dpa)

Kaum etwas ist in der Corona-Krise so gefürchtet wie die so gennannten "Superspreader-Events". Veranstaltungen, auf denen sich viele Menschen anstecken. Was ist darüber bekannt und welche Situationen können problematisch sein?

Auch wenn US-Präsident Trump sich wieder als "genesen" und "immun" gegen das Corona-Virus präsentiert - auch er dürfte sich bei einem Superspreader-Ereignis angesteckt haben. Experten haben dabei die Nominierung der Juristin Barrett als Kandidatin für den Supreme Court in Verdacht. Die fand am 26. September im Rosengarten des Weißen Hauses statt. Zwar im Freien - aber von den mehr als 100 geladenen Gästen trugen nur wenige eine Maske und zwischen den Stühlen war kaum Abstand. Offenbar gute Bedingungen, damit das Coronavirus sich verbreiten konnte.

Was ist ein Superspreader?

Nicht nur die Ereignisse, auf denen der Virus verbreitet wird, stehen im Interesse der Forscher. Sie schauen besonders auf die Menschen, die den Virus so verbreiten, dass sie gleich mehrere andere anstecken - und damit zu "Superspreadern" werden. Jamie Lloyd-Smith von der University of California, Los Angeles, hat mit seinem Team in jahrelanger Forschung an den mit Covid-19 verwandten Krankheiten SARS und MERS herausgefunden, dass der Reproduktionsfaktor R dabei nur eingeschränkt aussagekräftig ist, denn "die meisten Menschen übertragen die Krankheit nicht", so Lloyd-Smith. Adam Kucharski von der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) geht inzwischen davon aus, dass "etwa 10 Prozent der Fälle zu 80 Prozent der Ausbreitung" führen.

Wer ist ein typischer Superspreader?

Laut Kucharski spielen die Eigenschaften einzelner Patienten eine Rolle. Einige Menschen scheiden offenbar weit mehr Viren aus als andere - noch dazu auch über einen längeren Zeitraum. Das führen Mediziner auf Unterschiede im Immunsystem oder auch auf die Verteilung von Virusrezeptoren im Körper zurück. Studien an gesunden Menschen zeigten beispielsweise, dass einige beim Sprechen viel mehr Partikel ausatmen als andere. Zusätzlich spielt auch noch das Sozialverhalten der Menschen eine Rolle. Wer viele soziale Kontakte hat und / oder sich nicht die Hände wäscht, wird eher zum Virenüberträger als andere.

Der japanische Virologe Hitoshi Oshitani hat versucht herauszufinden, wer die Superspreader typischerweise sind. Wie der Focus berichtet, analysierte er mit seinem Team Orte oder Situationen, wo sich viele Menschen gleichzeitig ansteckten. Zu den Hotspots gehörten demnach Altenheime, Fitnessstudios, Restaurants, Konzerthallen oder Karaoke-Bars. Doch auch über die Personen selbst fanden die Forschenden etwas heraus. In 22 Fällen konnten sie die Infektionsherde auf eine konkrete Person zurückführen. Darunter waren viele Frauen, die unter 30 Jahre alt waren und keine Symptome zeigten. Dass gerade junge Leute das Virus übertragen, vermuteten auch andere Forschende schon. Denn sie halten sich oft an Orten mit vielen Menschen auf, etwa in Bars oder Clubs.

Kucharski ergänzt, dass "auch das Timing eine Rolle spielt". Es gebe Hinweise darauf, dass Corona-Infizierte nur einen relativ kurzen Zeitraum besonders infektiös seien. Wenn man in dieser Zeit beispielsweise auf ein Konzert in geschlossenen Räumen oder in einen Club gehe, könne dies zu einem Superspreading-Ereignis werden. "Zwei Tage später könnte sich diese Person auf dieselbe Weise verhalten und Sie würden nicht dasselbe Ergebnis sehen", betont der Forscher.

In welchen Situationen gab es bisher "Superspreader-Events"?

Mangelnder Abstand scheint fast immer eine Rolle bei Superspreading-Ereignissen zu spielen. Nicht nur im Rosengarten des Weißen Hauses, auch bei der Party auf Sylt, bei der Experten glauben, dass sie sich im Nachhinein als Superspreading-Ereignis erweisen könnte. Anfang Oktober haben dort nach Angaben der Behörden bis zu 100 Menschen in einem Lokal gefeiert - offenbar ohne die gängigen Corona-Hygieneregeln zu beachten. Ein einzelner mit dem Virus infizierter Mann könnte für zahlreiche Infektionen unter den Gästen gesorgt haben, wie die Behörden befürchten.

Kein Einzelfall: In den Lageberichten des Robert Koch-Instituts wird auch immer wieder von Fallhäufungen in Zusammenhang mit Feiern im Familien- und Freundeskreis berichtet. Auch die Hochzeit in Hamm, die in der Stadt für ein deutliches Ansteigen der Corona-Fälle gesorgt hat, fällt darunter.

Ähnliche Ereignisse konnten sogar weltweit nachgewiesen werden: Sogenannte "Cluster" von Infektionen traten auch an Bord von Schiffen und in Pflegeheimen, in fleischverarbeitenden Betrieben, in Skigebieten, Kirchen, Restaurants, Krankenhäusern und Gefängnissen auf. Der Berliner Virologe Christian Drosten verweist in seinem NDR-Podcast auch auf die Fälle in Deutschland, die nach einem Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt und nach einer Veranstaltung in geschlossener Gesellschaft in einem Restaurant in Niedersachsen bekannt wurden. "Wir haben explosive Übertragungsereignisse, die diese ganze Epidemie eigentlich treiben", betont Drosten.

Christian Althaus, Epidemiologe an der Universität Bern, bringt es so auf den Punkt: "Es ist klar, dass in geschlossenen Räumen ein viel höheres Risiko besteht als im Freien", sagt Althaus. Eine Studie in Japan ergab, dass das Infektionsrisiko in Innenräumen fast 19 Mal höher ist als im Freien.

Ist es bei Demonstrationen bisher zu Übertragungen gekommen?

Diese Frage treibt viele Menschen um, doch sie ist nicht eindeutig zu beantworten. Nach den Demonstrationen im Mai gegen die Corona-Maßnahme als auch Anfang Juni gegen Rassismus und Polizeigewalt bestätigte ein Großteil der betroffenen Städte auf Deutschlandfunk-Anfrage, dass auch einen Monat später kein signifikanter Anstieg der Infektionszahlen in der jeweiligen Stadt zu verzeichnen war.

Allerdings ist es auch nicht so einfach, überhaupt einen Zusammenhang herzustellen. Denn viele Demonstrantinnen und Demonstranten reisten nicht nur aus der Region, sondern landes- und bundesweit an. Darüber hinaus zeigt bekanntlich auch nicht jeder Infizierte Symptome und fällt somit durch das Raster in den Bereich der Dunkelziffer.

Was lässt sich gegen Superspreading-Events tun?

Jamie Lloyd-Smith von der University of California, Los Angeles, sagt, es sei alles eine rein mathematische Frage: "Wenn man vorhersagen kann, welche Umstände zu diesen Ereignissen führen, zeigt die Mathematik, dass man die Fähigkeit der Krankheit, sich auszubreiten, wirklich sehr schnell einschränken kann." Bund und Länder haben beispielsweise beschlossen, dass Großveranstaltungen bis mindestens Ende des Jahres nicht stattfinden sollen. Kleinere Veranstaltungen sind möglich und auch die Bundesliga spielt vereinzelt wieder vor Zuschauern - wenn auch weiterhin sehr eingeschränkt. Klar ist aber auch: Sobald die Coronazahlen in einer Region ansteigen, wird die Zahl der bei einem Ereignis zugelassenen Teilnehmer eingeschränkt. In Köln beispielsweise, das derzeit als Risikogebiet gilt, dürfen sich für private Feiern außerhalb der eigenen Wohnung nur noch maximal 25 Menschen treffen. Von ausgelassenen Feiern innerhalb der eigenen Wohnung wird sogar ganz abgeraten.

(Stand 13.10.2020)

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