Die Nachrichten

Die Nachrichten

Die Nachrichten

Covid-19Übersterblichkeit - Wie tödlich ist das Coronavirus wirklich?

Eine Mann mit Mundschutz berührt den Sarg seiner Mutter.  (AFP / Piero Cruciatti)
Wie viele Tote es durch Covid-19 wirklich gibt, kann wohl erst nach der Pandemie final errechnet werden. (AFP / Piero Cruciatti)

Wie viele Menschen sterben am Coronavirus? Statistiken zur sogenannten Übersterblichkeit können helfen, diese Frage zu beantworten. Doch auch dabei gibt es Probleme - die zum Teil von Kritikern und Aktivisten missbraucht werden.

Ende April sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler: "Wir gehen eigentlich davon aus, dass mehr Menschen an dem Virus gestorben sind, als eigentlich gemeldet." Belastbare Zahlen gebe es dafür noch nicht, aber man beobachte, dass die Übersterblichkeit steige.

Was ist Übersterblichkeit?

Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität) gibt an, wie viele Menschen im Vergleich zum Durchschnitt mehr gestorben sind. Dazu betrachtet man jeweils bestimmte Zeiträume - wie ausgewählte Monate in früheren Jahren. Es geht somit um eine erhöhte Sterbrate.

Das Robert Koch-Institut berücksichtigt die Übersterblichkeit zum Beispiel bei den jährlichen Grippetoten in Deutschland. Während der Grippewelle 2017/2018 wurde die Zahl mit rund 25.000 angegeben. Das ist eine Schätzung. Im Zeitraum dieser Grippewelle starben insgesamt - also unabhängig von der Todesursache - mehr Menschen, als man zuvor erwartet hatte. Dieses Mehr an Toten ist die Übersterblichkeit. Unter bestimmten statistischen Voraussetzungen (Stichwort: Prognoseintervall) können diese zusätzlichen Todesfälle der Grippe zugeordnet werden. So kam es zu der geschätzten Zahl von 25.000 Grippetoten; laborbestätigt sind für die Zeitraum 1.674 Influenza-bedingte Todesfälle.

Dass es bei den oft genannten Angaben zur Todesrate im Zusammenhang mit Covid-19 einige Probleme und Unklarheiten gibt, haben wir bereits in unserem Stück zu den vergleichsweise niedrigen Todesraten in Deutschland erläutert (siehe unten). Experten hoffen nun, durch Daten zur Übersterblichkeit ein genaueres Bild der Covid-19-Todesfallzahl zu bekommen.

Welche Erkenntnisse zur Übersterblichkeit der vergangenen Wochen gibt es bereits?

"Kaum Anzeichen für erhöhte Sterblichkeit", titelten die einen, "Sterbefallzahlen in Deutschland steigen an", titelten die anderen an ein und dem selben Tag. Das Statistische Bundesamt hat kürzlich erste Daten zur Übersterblichkeit der vergangenen Wochen veröffentlicht. Wegen des Meldeverzugs sind derzeit nur Daten bis zum 19. April verfügbar. Die Daten sollen in den kommenden Wochen laufend ergänzt werden.

Von Januar bis Mitte April sind pro Tag konstant etwa 2.600 bis 3.000 Menschen in Deutschland gestorben. Während sich also in den ersten Monaten des Jahres keine besondere Übersterblichkeit zeigt, nahm dieser Wert in der letzten Märzwoche leicht zu. Da schwer erkrankte Corona-Patienten mehrere Wochen auf der Intensivstation liegen, dürften sich entsprechende Todesfälle erst relativ spät in den Statistiken zeigen.

Seit dem 10. April sind aber die Todeszahlen wieder ein wenig rückläufig. Etwas deutlicher ist der Effekt der Übersterblichkeit auf Wochenbasis zu sehen. In der 15. Kalendarwoche 2020 starben 19.872 Menschen in Deutschland. Zwei Jahre zuvor waren es 19.165 und beim Durchschnitt von 2016 bis 2019 waren es 17.893 Verstorbene. In der 16. Kalendarwoche 2020 starben 18.693 Menschen, 2019 waren es noch 18.025 Verstorbene.

Daten im europäischen Vergleich gibt es bei Euromomo, ein Portal, dass seit Jahren die Todesfälle von 24 EU-Staaten zusammenträgt. Für Deutschland war dort bisher keine Übersterblichkeit erkennbar. Der Virologe Kekulé erklärte dazu im MDR-Podcast, dass Deutschland eigentlich nur in zwei Bundesländern Todesfälle statistisch sauber erhebe: in Berlin und Hessen. Weil Ansteckungen mit dem Coronavirus regional sehr unterschiedlich auftauchen, könne man aus diesen Daten kaum einen Wert für ganz Deutschland errechnen.

Das Nachrichtenportal t-online.de hat nach eigenen Angaben die Übersterblichkeit in besonders vom Coronavirus betroffenen Regionen ausgewertet. Demnach zählten die Standesämter im Landkreis Tirschenreuth für den März 146 Todesfälle. Das seien rund 55 Prozent mehr Todesfälle als in einem durchschnittlichen März der vergangenen fünf Jahre, berichtet t-online.de. Im Landkreis Heinsberg seien laut Daten des Landesamts für Statistik NRW und des Landkreises im März ebenfalls mehr Sterbefälle registriert worden als üblich. Je nach Datensatz erscheine eine Übersterblichkeit zwischen 10 und 19 Prozent im Verhältnis zu den Vergleichsmonaten der fünf Vorjahre möglich, heißt es.

Wie steht es um die Übersterblichkeit durch Covid-19 in anderen Ländern?

Wie die Tagesschau unter Berufung auf Euromomo berichtet, sind in Europa zwischen Mitte März und Mitte April rund 100.000 Menschen mehr als normal gestorben. Besonders hoch liege dieser Wert bei den über 65-Jährigen: In dieser Altersklasse gebe es eine Übersterblichkeit von rund 95.000 Fällen.

Bei Euromomo werden für 24 EU-Staaten auch die Abweichungen vom Normalbereich der Sterblichkeit berechnet. Derzeit gibt es diese vor allem in Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Belgien und auch in Schweden.

Auch für die USA gibt es bereits Analysen zur Übersterblichkeit. Wie die Washington Post in Zusammenarbeit mit der Universität Yale berichtet, gab es von Anfang März bis einschließlich 4. April rund 15.400 Todesfälle mehr als im gleichen Zeitraum der Vorjahre. Offiziell als Corona-Tote gemeldet wurden in diesem Zeitraum aber nur 8.128 Menschen. Allerdings ließen die Zahlen keinen gesicherten Schluss zu, wie viele der rund 7.000 zusätzlichen Todesfälle mit einer Corona-Infektion zusammenhingen, hieß es.

Der "Economist" hat die Zahlen jüngst in mehrere Grafiken veranschaulicht - und diese zeigen insbesondere in New York City, Belgien, Spanien und der Lombardei erheblich Anstiege seit Ende März.

Welche Unklarheiten gibt es bei der Übersterblichkeit?

Unklar ist derzeit, welche anderen Effekte die Kontaktbeschränkungen und Anti-Corona-Maßnahmen auf die Todeszahlen haben. Einige Experten haben etwa die Sorge geäußert, dass Suizidraten steigen könnten, wenn psychisch Kranke derzeit schlechter versorgt werden. Auch steht die Befürchtung im Raum, dass einige Menschen mit schweren Erkrankungen derzeit nicht oder zu spät zum Arzt gehen, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus etwa im Wartezimmer zu vermeiden. Denkbar wäre es, heißt es in einem Beitrag von Deutschlandfunk-Kollegen, dass etwa Herzinfarktpatienten, die aus Angst vor Ansteckung die Klinik meiden, zur Übersterblichkeit beitragen. Zudem werden seit dem 16. März nicht notwendige Operationen in Deutschland verschoben. Auch das werde zu einer Übersterblichkeit führen, haben Ärzte vielfach gewarnt: Menschen würden indirekt an den Folgen der Coronakrise sterben, weil Kontrolltermine nicht stattfinden und wichtige Eingriffe verschoben würden. Recherchen der NewYorkTimes zur Übersterblichkeit lassen ebenfalls vermuten, dass längst nicht alle Corona-Toten als solche erfasst oder erkannt werden.

Auf der anderen Seite ist es denkbar, dass die Unfallzahlen im Straßenverkehr abnehmen könnten, wenn wie derzeit weniger Autos auf den Straßen sind. Und laut einer Studie des Centre for Research on Energy an Clean Air, von der die Nachrichtenagentur AFP berichtet, könnte die durch die Corona-Beschränkungen verbesserte Luftqualität zur Vermeidung von rund 11.000 frühzeitigen Todesfällen in Europa führen. Eine wirklich fundierte Schätzung der Todesfälle durch Covid-19 dürfte es also erst geben, wenn die Pandemie vorbei ist.

Ähnlich argumentiert auch der Statistikexperte Gerd Antes. Er hält die Todeszahlen im Zusammenhang mit Covid-19 sogar für unzuverlässig. Im Interview mit dem Spiegel sagte er, die wirklichen Zahlen ließen sich erst am Jahresende in der jährlichen Totenstatistik ablesen lassen. Denn derzeit gelte jeder Tote, der mit dem Virus in Verbindung stehe, als Corona-Todesfall. Es lasse sich aber bei Menschen mit Vorerkrankungen kaum auseinanderdividieren, welche Krankheit am Ende zu Tod geführt habe, betonte er: "Nehmen wir etwa eine Person, die schwer herzkrank ist. Wenn sie sich nun mit dem Coronavirus infiziert und stirbt, war dann das Herzleiden entscheidend oder das Virus?"

Nach Ansicht von Antes bieten auch die Zahlen nachgewiesener Infektionen derzeit kaum eine Grundlage für Prognosen. Man wisse nicht, wie viele Menschen sich bislang mit dem neuen Coronavirus infiziert haben und wie viele jeden Tag hinzukämen. Schätzungen zufolge könnte die Zahl der tatsächlich Infizierten fünf- bis zehnmal höher liegen als die offiziell gemeldeten Zahlen zeigen. Manche Schätzungen lägen sogar beim Zwanzigfachen. Man könne also nur grob abschätzen, wann und in welchem Umfang Krankenhäuser mit schwer erkrankten Covid-19-Patienten rechnen müssten.

Vorsicht Missbrauch

Trotz all solcher Unsicherheiten und statistischer Probleme greifen manche Kritiker der Corona-Einschränkungen einzelne Zahlen heraus, um sie in ihrem Sinne zu missbrauchen. Die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die heute der AfD nahe steht, rief dazu auf, die Maßnahmen zu Corona sofort aufzuheben. Dazu verlinkte sie eine Petition, in der damit argumentiert wird, Covid-19 sie nachweislich weniger gefährlich als die Grippe. Der Faktenfinder der Tagesschau hat sich eingehender damit befasst.

Weiterführende Artikel zum Coronavirus

Wir haben einen Nachrichtenblog angelegt. Der bietet angesichts der zahlreichen Informationen einen Überblick über die wichtigsten aktuellen Entwicklungen.

Urlaub und Freizeit

+ Campingplätze, Ferienwohnungen, Hotels: Die aktuellen Reiseregelungen in Deutschland
+ Reisen: Wie der Urlaub 2020 aussehen könnte
+ Urlaub: Welche Regeln in der Bahn und im Flugzeug gelten
+ Tourismus: Streit um Gutscheinlösungen für Reisende
+ Schwimmen: Wie es mit Freibad und Schwimmbad weitergehen kann
+ Sport: Wie es mit Sportverein und Fitnessstudio weitergehen kann

Zahlen und Daten zur Coronavirus-Pandemie

+ Corona-Pandemie - und danach? Wie geht es mit dem Umweltschutz nach der Krise weiter?
+ Zahlen aus Europa: Wie sich das Coronavirus in Europa ausbreitet
+ Aktuelle Entwicklungen: Zahlen zum Coronavirus in Deutschland
+ Deutschland: Warum die Todesrate durch das Coronavirus in Deutschland (noch) so niedrig ist
+ Unentdeckte Infizierte: Wie hoch die Dunkelziffer bei den Coronavirus-Infektionen ist
+ Übersterblichkeit: Wie tödlich ist das Coronavirus wirklich?

Erkrankung und Schutz

+ Übertragen Kinder Coronaviren in gleichem Maße wie Erwachsene? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Die gesellschaftlichen Folgen einer möglichen Antwort sind schwerwiegend. Wann sollen Kitas und Schulen wieder vollständig öffnen?
+ Behandlung: Wie weit ist die Suche nach Medikamenten gegen Covid-19?
+ Ansteckung: Welche Rolle spielen Kinder bei der Übertragung des Corona-Virus?
+ Gesichtsmasken: Was man zu Schutzmasken wissen sollte
+ Einkaufswagen und Co.: Wie lange sich das Coronavirus auf Oberflächen hält

Fake News, Verschwörungstheorien, Proteste

+ Corona-Demos: Gegner der Corona-Maßnahmen sind in der Minderheit
+ Corona-Falschnachrichten: Ärzte und Virologen warnen vor Infodemie
+ Selbsternannte Partei: Wie Widerstand 2020 die Corona-Krise in Frage stellt
+ Verbreitete Anschuldigungen: Wie Bill Gates zum Ziel von Verschwörungstheoretikern wurde

Die Dlf-Nachrichten finden Sie auch bei Twitter unter: @DLFNachrichten.