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Covid-19Übersterblichkeit - Wie tödlich ist das Coronavirus wirklich?

Eine Mann mit Mundschutz berührt den Sarg seiner Mutter.  (AFP / Piero Cruciatti)
Wie viele Tote es durch Covid-19 wirklich gibt, kann wohl erst nach der Pandemie final errechnet werden. (AFP / Piero Cruciatti)

Wie viele Menschen sterben am Coronavirus? Statistiken zur sogenannten Übersterblichkeit können helfen, diese Frage zu beantworten. Doch auch dabei gibt es Probleme - die zum Teil von Kritikern und Aktivisten missbraucht werden.

Was ist Übersterblichkeit?

Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität) gibt an, wie viele Menschen im Vergleich zum Durchschnitt mehr gestorben sind. Dazu betrachtet man jeweils bestimmte Zeiträume - wie ausgewählte Monate in früheren Jahren. Es geht somit um eine erhöhte Sterberate.

Das Robert Koch-Institut berücksichtigt die Übersterblichkeit zum Beispiel bei den jährlichen Grippetoten in Deutschland. Während der Grippewelle 2017/2018 wurde die Zahl mit rund 25.000 angegeben. Das ist eine Schätzung. Im Zeitraum dieser Grippewelle starben insgesamt - also unabhängig von der Todesursache - mehr Menschen, als man zuvor erwartet hatte. Dieses Mehr an Toten ist die Übersterblichkeit. Unter bestimmten statistischen Voraussetzungen (Stichwort: Prognoseintervall) können diese zusätzlichen Todesfälle der Grippe zugeordnet werden. So kam es zu der geschätzten Zahl von 25.000 Grippetoten; laborbestätigt sind für den Zeitraum 1.674 Influenza-bedingte Todesfälle.

Dass es bei den oft genannten Angaben zur Todesrate im Zusammenhang mit Covid-19 einige Probleme und Unklarheiten gibt, haben wir bereits in unserem Stück zu den vergleichsweise niedrigen Todesraten in Deutschland erläutert (siehe weiter unten). Experten hoffen nun, durch Daten zur Übersterblichkeit ein genaueres Bild der Covid-19-Todesfallzahl zu bekommen.

Welche Erkenntnisse zur Übersterblichkeit der vergangenen Wochen gibt es bereits?

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht schon seit einiger Zeit konkrete Daten zur Übersterblichkeit, die regelmäßig aktualisiert werden. Wegen des Meldeverzugs sind derzeit nur Daten bis zum 21. Juni verfügbar.

In den ersten drei Monaten des Jahres zeigte sich laut Statistischem Bundesamt kein auffälliger Anstieg der Sterbefallzahlen. Auch die Grippewelle fiel dieses Jahr im Vergleich zu den Vorjahren moderater aus. Im März 2018, in einem Jahr, in dem die Grippewelle besonders heftig war, starben zum Beispiel 107.100 Menschen. Im März 2019 waren es 86.500, im März 2020 87.100. Wie das statistische Bundesamt erklärt, könnten demnach auch ohne Corona-Pandemie die Sterbefallzahlen in der Grippezeit stark schwanken.

Im April lag der Wert laut Statistischem Bundesamt dann allerdings merkbar über dem Durchschnitt der Vorjahre, mit einem Plus von neun Prozent. In der 15. Kalenderwoche, also vom 6. bis zum 12. April, war die Abweichung mit 14 Prozent über dem vierjährigen Durchschnitt am größten. Ab dem 4. Mai lagen die Sterbefallzahlen dann nach der vorläufigen Auszählung des statistischen Bundesamtes bis zum 21. Juni wieder im Bereich des Vorjahres oder schwankten darum. Da schwer erkrankte Corona-Patienten mehrere Wochen auf der Intensivstation liegen, dürften sich entsprechende Todesfälle erst relativ spät in den Statistiken zeigen.

Daten im europäischen Vergleich gibt es bei Euromomo, ein Portal, dass seit Jahren die Todesfälle von 24 EU-Staaten zusammenträgt. Für Deutschland war dort bisher keine Übersterblichkeit erkennbar. Der Virologe Kekulé erklärte dazu im MDR-Podcast, dass Deutschland eigentlich nur in zwei Bundesländern Todesfälle statistisch sauber erhebe: in Berlin und Hessen. Weil Ansteckungen mit dem Coronavirus regional sehr unterschiedlich auftauchen, könne man aus diesen Daten kaum einen Wert für ganz Deutschland errechnen.

Das Nachrichtenportal t-online.de hat nach eigenen Angaben die Übersterblichkeit in besonders vom Coronavirus betroffenen Regionen ausgewertet. Demnach zählten die Standesämter im Landkreis Tirschenreuth für den März 146 Todesfälle. Das seien rund 55 Prozent mehr Todesfälle als in einem durchschnittlichen März der vergangenen fünf Jahre, berichtet t-online.de. Im Landkreis Heinsberg seien laut Daten des Landesamts für Statistik NRW und des Landkreises im März ebenfalls mehr Sterbefälle registriert worden als üblich. Je nach Datensatz erscheine eine Übersterblichkeit zwischen 10 und 19 Prozent im Verhältnis zu den Vergleichsmonaten der fünf Vorjahre möglich, heißt es.

Wie steht es um die Übersterblichkeit durch Covid-19 in anderen Ländern?

Wie die Daten auf Euromomo zeigen, sind in Europa bis zum 12. Juli fast 200.000 Menschen mehr als üblicherweise gestorben. Besonders hoch liege dieser Wert bei den über 65-Jährigen: In dieser Altersklasse gebe es eine Übersterblichkeit von mehr als 25.000 Fällen.

Bei Euromomo werden für 24 EU-Staaten auch die Abweichungen vom Normalbereich der Sterblichkeit berechnet. Derzeit gibt es diese vor allem in Spanien, Portugal, Belgien und auch in Schweden, in Deutschland demnach auch in Hessen.

Auch für die USA gibt es bereits Analysen zur Übersterblichkeit. Wie die Washington Post in Zusammenarbeit mit der Universität Yale berichtet, gab es von Anfang März bis einschließlich 4. April rund 15.400 Todesfälle mehr als im gleichen Zeitraum der Vorjahre. Offiziell als Corona-Tote gemeldet wurden in diesem Zeitraum aber nur 8.128 Menschen. Allerdings ließen die Zahlen keinen gesicherten Schluss zu, wie viele der rund 7.000 zusätzlichen Todesfälle mit einer Corona-Infektion zusammenhingen, hieß es.

Der "Economist" hat die Zahlen jüngst in mehrere Grafiken veranschaulicht - und diese zeigen insbesondere in Mexico City, Chile, Ecuador und Peru erhebliche Anstiege seit April.

Welche Unklarheiten gibt es bei der Übersterblichkeit?

Unklar ist derzeit, welche anderen Effekte die Kontaktbeschränkungen und Anti-Corona-Maßnahmen auf die Todeszahlen haben. Einige Experten haben etwa die Sorge geäußert, dass Suizidraten steigen könnten, wenn psychisch Kranke derzeit schlechter versorgt werden. Auch zeigte die Entwicklung, dass einige Menschen mit schweren Erkrankungen nicht oder zu spät zum Arzt gehen, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus etwa im Wartezimmer zu vermeiden. Denkbar wäre es, heißt es in einem Beitrag von Deutschlandfunk-Kollegen, dass etwa Herzinfarktpatienten, die aus Angst vor Ansteckung die Klinik meiden, zur Übersterblichkeit beitragen. Zudem wurden zu Zeiten von hohem Infektionsgeschehen in Deutschland nicht notwendige Operationen verschoben. Auch das werde zu einer Übersterblichkeit führen, haben Ärzte vielfach gewarnt: Menschen würden indirekt an den Folgen der Coronakrise sterben, weil Kontrolltermine nicht stattfinden und wichtige Eingriffe verschoben würden.

Auf der anderen Seite ist es denkbar, dass die Unfallzahlen im Straßenverkehr abnehmen könnten, wenn weniger Autos auf den Straßen sind. Und laut einer Studie des Centre for Research on Energy an Clean Air, von der die Nachrichtenagentur AFP berichtet, könnte die durch die Corona-Beschränkungen verbesserte Luftqualität zur Vermeidung von rund 11.000 frühzeitigen Todesfällen in Europa führen. Eine wirklich fundierte Schätzung der Todesfälle durch Covid-19 dürfte es also erst geben, wenn die Pandemie vorbei ist.

Ähnlich argumentiert auch der Statistikexperte Gerd Antes. Er hält die Todeszahlen im Zusammenhang mit Covid-19 sogar für unzuverlässig. Im Interview mit dem Spiegel im März sagte er, die wirklichen Zahlen ließen sich erst am Jahresende in der jährlichen Totenstatistik ablesen lassen. Es lasse sich aber bei Menschen mit Vorerkrankungen kaum auseinanderdividieren, welche Krankheit am Ende zu Tod geführt habe, betonte er: "Nehmen wir etwa eine Person, die schwer herzkrank ist. Wenn sie sich nun mit dem Coronavirus infiziert und stirbt, war dann das Herzleiden entscheidend oder das Virus?"

Vorsicht Missbrauch

Trotz all solcher Unsicherheiten und statistischer Probleme greifen manche Kritiker der Corona-Einschränkungen einzelne Zahlen heraus, um sie in ihrem Sinne zu missbrauchen. Die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die heute der AfD nahe steht, rief dazu auf, die Maßnahmen zu Corona sofort aufzuheben. Dazu verlinkte sie eine Petition, in der damit argumentiert wird, Covid-19 sie nachweislich weniger gefährlich als die Grippe. Der Faktenfinder der Tagesschau hat sich eingehender damit befasst.

(Stand 18.07.2020)

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