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Covid-19Übersterblichkeit - Wie tödlich ist das Coronavirus wirklich?

Drei Personen stehen dicht beieinander und umarmen sich, im Hintergrund sind viele Holzkreuze mit bunten Blumenkränzen zu sehen. (Getty Images / Andre Coelho)
Verwandte eines Corona-Toten in Manaus während eines Massenbegräbnisses. (Getty Images / Andre Coelho)

Wie viele Menschen sterben, weil das Coronavirus in Umlauf ist? Statistiken zur sogenannten Übersterblichkeit können helfen, diese Frage zu beantworten. Doch auch dabei gibt es Schwierigkeiten, die von Kritikern benannt werden.

Was ist Übersterblichkeit?

Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität) gibt an, wie viele Menschen im Vergleich zu durchschnittlichen Parametern mehr gestorben sind. Dazu betrachtet man jeweils bestimmte Zeiträume - wie ausgewählte Monate in früheren Jahren. Es geht somit um eine erhöhte Sterberate.

Das Robert Koch-Institut berücksichtigt die Übersterblichkeit zum Beispiel bei den jährlichen Grippetoten in Deutschland. Während der Grippewelle 2017/2018 wurde die Zahl mit rund 25.000 angegeben. Das ist eine Schätzung. Im Zeitraum dieser Grippewelle starben insgesamt - also unabhängig von der Todesursache - mehr Menschen, als man zuvor erwartet hatte. Dieses Mehr an Toten ist die Übersterblichkeit. Unter bestimmten statistischen Voraussetzungen (Stichwort: Prognoseintervall) können diese zusätzlichen Todesfälle der Grippe zugeordnet werden. So kam es zu der geschätzten Zahl von 25.000 Grippetoten; laborbestätigt sind für den Zeitraum 1.674 Influenza-bedingte Todesfälle. Experten hoffen, durch die aktuellen Zahlen zur Übersterblichkeit Rückschlüsse auf die Auswirkungen des Coronavirus ziehen zu können.

Welche Erkenntnisse zur Übersterblichkeit der vergangenen Monate gibt es?

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht schon seit einiger Zeit konkrete Daten zur Übersterblichkeit, die regelmäßig aktualisiert werden. In den ersten drei Monaten des Jahres zeigte sich demnach kein auffälliger Anstieg der Sterbefallzahlen. Auch die Grippewelle fiel dieses Jahr im Vergleich zu den Vorjahren moderater aus. Im März 2018 - in einem Jahr, in dem die Grippewelle besonders heftig war - starben zum Beispiel 107.100 Menschen. Im März 2019 waren es 86.500, im März 2020 87.100. Wie das Statistische Bundesamt erklärt, könnten demnach auch ohne Corona-Pandemie die Sterbefallzahlen in der Grippezeit stark schwanken.

Im April lagen die Zahlen allerdings deutlich über dem Durchschnitt der Vorjahre, mit einem Plus von zehn Prozent. Seit Anfang Mai bewegten sich die Sterbefallzahlen zunächst wieder etwa im Durchschnitt. Zuletzt gab es wieder einen leichten Anstieg: Zwischen dem 1. und 18. Oktober 2020 sind demnach 44.179 Menschen gestorben - und damit knapp ein Prozent mehr Menschen als im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019.

Daten im europäischen Vergleich gibt es bei Euromomo, ein Portal, dass seit Jahren die Todesfälle von 24 EU-Staaten zusammenträgt. Für Deutschland war dort bisher keine Übersterblichkeit erkennbar. Allerdings wurden hier keine Daten für ganz Deutschland verwendet, sondern lediglich für Berlin und Hessen. Der Virologe Kekulé erklärte dazu im MDR-Podcast, dass Deutschland eigentlich nur in diesen beiden Bundesländern Todesfälle statistisch sauber erhebe. Weil Ansteckungen mit dem Coronavirus regional sehr unterschiedlich auftauchten, könne man aus diesen Daten kaum einen Wert für ganz Deutschland errechnen.

Wie steht es um die Übersterblichkeit durch Covid-19 in anderen Ländern?

Unabhängige Experten haben in einer Untersuchung die Übersterblichkeit in mehreren europäischen Ländern untersucht. Die fünfköpfige Gruppe unter Leitung des Schweizer Infektiologen Didier Pittet attestierten Frankreich während der Pandemie bislang 68 Tage lang eine erhöhte Sterblichkeit. Für Deutschland registrierten sie 44 Tage. In Italien waren es 97 Tage.

Eine hohe Übersterblichkeit in den USA

Durch das Coronavirus sind in den USA nach offiziellen Angaben bislang rund 224.000 Menschen ums Leben gekommen, laut einer Studie verursachte die Pandemie aber womöglich noch deutlich mehr Opfer. Seit Ende Januar seien in den Vereinigten Staaten beinahe 299.028 mehr Menschen gestorben als üblich, heißt es einer Untersuchung der Gesundheitsbehörde CDC. Davon seien 198.081 und damit zwei Drittel der Fälle direkt auf Covid-19 zurückzuführen.

Die Zahl der Todesfälle, die durch Herz-Kreislauferkrankungen, Alzheimer und andere Formen von Demenz sowie Atemwegserkrankungen verursacht wurden, nahm demnach im gleichen Zeitraum ebenfalls zu. Einige dieser mehr als 100.000 zusätzlichen Todesfälle könnten der Studie zufolge falsch klassifiziert worden sein; sie müssten womöglich ebenfalls auf die Corona-Pandemie zurückgeführt werden.

Die Studienautoren erklären die Übersterblichkeit auch dadurch, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung wegen der Pandemie eingeschränkt war. Die höchste Übersterblichkeit, beinahe 95.000 Todesfälle, wurde in der Altersgruppe der 75- bis 84-Jährigen registriert. Die Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen verzeichnete mit 26,5 Prozent den größten Anstieg.

Übersterblichkeit unter Weißen Amerikanern deutlich geringer

Die Übersterblichkeitsrate bei Latinos und Schwarzen nahm um etwa 54 beziehungsweise 33 Prozent zu, die der asiatisch-stämmigen Amerikanern um etwa 37 Prozent. Die Übersterblichkeitsrate unter weißen Bürgerinnen und Bürgern liegt demnach bei zwölf Prozent. Diese Diskrepanz wird vielfach damit erklärt, dass weiße Amerikaner oft wirtschaftlich besser gestellt sind und damit bessere Zugänge zu medizinischer Versorgung haben.

Das Forscherteam verglich für ihre Übersterblichkeitsstudie den Zeitraum von Ende Januar 2020 bis zum 3. Oktober 2020 mit den durchschnittlichen wöchentlichen Todeszahlen zwischen 2015 und 2019.

Mehr Todesfälle als üblich auch in Lateinamerika

Der Economist hat weltweit Zahlen ausgewertet und in mehreren Grafiken veranschaulicht (Stand: Juli 2020). Diese zeigten gerade zu Beginn der Pandemie insbesondere in Mexico, Chile, Ecuador und Peru erhebliche Anstiege seit April.

Welche Unklarheiten gibt es bei der Übersterblichkeit?

Unklar ist derzeit unter anderem, welche Effekte zum Beispiel die Kontaktbeschränkungen und Anti-Corona-Maßnahmen auf die Todeszahlen haben. Einige Experten haben etwa die Sorge geäußert, dass Suizidraten steigen könnten, wenn psychisch Kranke derzeit schlechter versorgt werden. Auch zeigte die Entwicklung, dass einige Menschen mit schweren Erkrankungen nicht oder zu spät zum Arzt gehen, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus etwa im Wartezimmer zu vermeiden. Zudem wurden zu Zeiten von hohem Infektionsgeschehen in Deutschland nicht notwendige Operationen verschoben. Auch das werde zu mehr Todesfällen führen, haben �?rzte vielfach gewarnt. Im Sommer, als die Infektionszahlen sehr niedrig waren, verzeichneten manche Bestatter allerdings weniger Beerdigungen als sonst. In der FAZ ging eine Firma davon etwa aus, dass durch verschobene Operationen zeitweise weniger alte Menschen starben, da diese einige Eingriffe nicht immer überleben würden. Die Berechnung der Übersterblichkeit bleibt also kompliziert.

(Stand 14.11.2020)

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