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StartseiteKommentare und Themen der WocheKurzarbeitergeld ist gut, aber nicht mit der Gießkanne25.08.2020

COVID-19 und die WirtschaftKurzarbeitergeld ist gut, aber nicht mit der Gießkanne

Die Coronakrise dürfte uns noch einige Zeit begleiten, eine Verlängerung der Kurzarbeit sei daher in vielen Bereichen wichtig, kommentiert Mischa Erhardt. Dennoch: Kurzarbeitgelder sollten nur dorthin fließen, wo die Arbeitsplätze auch eine realistische Zukunft nach der Krise haben.

Von Mischa Ehrhardt

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Eine zentrale und flächendeckend die wohl wichtigste Corona-Hilfe ist der massenweise Einsatz von Kurzarbeit in den Unternehmen, meint Mischa Erhardt (© Imago | Westend61 | imagebroker | Collage: Deutschlandfunk Nova)
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Die aktuellen Wirtschaftsdaten belegen, wie heftig die Pandemie die Wirtschaft getroffen hat: Um 9,7 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt eingebrochen. So etwas haben die Statistiker seit 1970, seit sie diese Daten erheben, noch nie gesehen. Die Wucht, die diese ökonomische Krise von bisherigen unterscheidet liegt darin begründet, dass sie alle Wirtschaftsbereiche gleichzeitig getroffen hat. Von der produzierenden und zum großen Teil auch exportierenden Industrie, über den Handel, bis hin zu Dienstleistungen aller Art - die Pandemie und die damit einhergehenden Einschränkungen sind über alle Wirtschaftsbereiche gleichermaßen – quasi über Nacht – hereingebrochen.

   (picture alliance / dpa / Ulrich Baumgarten) (picture alliance / dpa / Ulrich Baumgarten)Beschäftigungssicherung in der Coronakrise -Kurzarbeit ist sozialer Kitt
Die IG Metall hat vorgeschlagen, eine Vier-Tage-Woche als Option für die Betriebe zur Arbeitsplatzsicherung zu vereinbaren. Die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes sei dafür eher ein taugliches Mittel, kommentiert Klemens Kindermann. Die Vier-Tage-Woche führe stattdessen zu einer Erhöhung der Lohnkosten.

Richtige Hilfen der Regierung

Deswegen war es wichtig und richtig, dass die Bundesregierung alle Register gezogen hat, um die verheerenden Auswirkungen der Pandemie, so gut es irgend geht, zu begrenzen: Hilfen für Selbstständige und Kleinstunternehmer bis zu Milliardenkrediten für Großunternehmen oder gar der staatliche Einstieg in strategisch als wichtig eingestufte Unternehmen wie die Lufthansa – all das kann man im Detail sehr wohl kritisieren, im Grundsatz aber eigentlich nicht. Denn niemand kann interessiert sein an einer massiven Pleitewelle von eigentlich gesunden Unternehmen.

Eine zentrale und flächendeckend die wohl wichtigste Hilfe ist der massenweise Einsatz von Kurzarbeit in den Unternehmen. Sie erlaubt es den Firmen in solchen, nicht selbst verschuldeten Krisen, die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten zu reduzieren und mit den Zuzahlungen der Bundesagentur für Arbeit die Lohn- und Sozialversicherungskosten auf erträglichem Niveau zu halten. So haben sie die in vielen Fällen realistische Chance, über die zeitweise Flaute in ihren Auftragsbüchern hinweg zu kommen, ohne massenhaft Beschäftigte entlassen zu müssen. Auch diese wirkungsvolle Maßnahme ist der Krise vollkommen angemessen.

Erholung wird in vielen Branchen dauern

Und da die Krise andauert und uns vermutlich auch noch einige Zeit begleiten wird, ist eine Verlängerung der Kurzarbeit in vielen Bereichen wichtig. Viele Gastronomen beispielsweise werden noch lange auf ihre Umsätze aus Zeiten vor der Krise warten müssen. Auch bei Veranstaltern oder im Tourismusbereich wird sich die Erholung absehbar noch über einen langen Zeitraum ziehen.

Dennoch sollte man nun nicht mit der Gießkanne weiter machen, sondern die Prüfungen wieder intensivieren. Denn während für manche Unternehmen die Kurzarbeit eine notwendige Brücke ist, um halbwegs unbeschadet mit ihren Beschäftigten über das Tal der Krise zu kommen, besteht die Gefahr darin, Zombie-Unternehmen mitzuschleifen. Das sind Kandidaten, deren Geschäftsmodell auch ohne die Krise wacklig und nicht zukunftsfähig ist. Diese Unternehmen mit dem Füllhorn von Steuergeldern künstlich am Leben zu halten, hieße Geld zu versenken. Kurzarbeitergelder sollten nur dorthin fließen, wo die Arbeitsplätze auch wirklich eine realistische Zukunft nach der Krise haben.

Mischa Ehrhardt (©privat)Mischa Ehrhardt (©privat)Mischa Ehrhardt, geboren 1974 in Bayern, studierte Philosophie und Soziologie in Tübingen und Frankfurt. Nach seinem Studium absolvierte er ein Volontariat an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Es folgten Moderationen und Planung von Wissenschafts- und Mediensendungen beim Hessischen Rundfunk, dort war er lange Jahre dann als Wirtschaftsjournalist tätig. Nach sechs Jahren im ARD-Börsenstudio für das Radio arbeitet er schließlich als Wirtschaftskorrespondent für den Deutschlandfunk in Frankfurt.

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