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Covid-19Warum die Todesrate durch das Coronavirus in Deutschland (noch) so niedrig ist

Man sieht von weitem Männer in weißen Schutzkleidungen. Eine schiebt einen Wagen mit einem Sarg in Richtung Bildrand, zwei stehen vor einem Lastwagen, zwei weitere sind auf der Ladefläche.   (Massimo Paolone/LaPresse via ZUMA Press/dpa)
In Italien transportieren Menschen in Schutzanzügen einen Sarg mit einer Leiche eines aufgrund des Coronavirus Verstorbenen. (Massimo Paolone/LaPresse via ZUMA Press/dpa)

Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus in Deutschland extrem niedrig. Jetzt warnt das Robert Koch-Institut davor, sich deshalb in Sicherheit zu wiegen. Wir erklären, warum die Zahl mit Vorsicht zu genießen ist und welche Hypothesen es für diese gibt.

Seit Wochen sprechen und schreiben Behörden, Wissenschaft und Medien über Todesraten einzelner Länder im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit Covid-19. Dabei erstaunt, dass die Zahlen je nach Land stark variieren. Am Mittwoch nannte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Wieler etwa eine Sterberate in Italien von 9,5 Prozent. Weltweit liege sie derzeit bei etwa 4,7 Prozent. Und in Deutschland liegt die Rate laut den offiziell gemeldeten Zahlen des RKI noch nicht einmal bei 0,5 Prozent. Wie kann das sein? Verschiedene Theorien wurden aufgestellt, die wir hier erläutern wollen.

Wie verlässlich sind die Zahlen?

Zunächst einmal muss man sich klar machen, dass die Statistiken der einzelnen Länder nur sehr bedingt vergleichbar sind. Die derzeit genannten Todesraten ergeben sich aus dem Anteil der Todesfälle an den offiziell gemeldeten Zahlen. Diese hinken der Realität durch technische Verzögerungen und unterschiedliche Meldewege aber oft hinterher. Zudem bedingt die Anzahl der getesteten Personen und somit der überhaupt registrierten Fälle die Todesrate enorm: Wenn ein Land viel testet, findet es viele Infizierte mit milden Verläufen – somit sinkt auch die Todesrate.

Der Guardian berichtet zudem darüber, dass in Italien inzwischen viele unklare Todesfälle nach dem Tod auf Sars-CoV-2 getestet würden. In Deutschland sei das noch nicht immer der Fall. Möglicherweise bleiben also einige Todesfälle unentdeckt - allerdings gehen Forscher davon aus, dass dies aufgrund der hohen Sensibilisierung für das Thema derzeit nur selten der Fall sei. Generell lässt sich bei einer Person mit mehreren Vorerkrankungen nicht immer trennscharf feststellen, ob nun Covid-19 oder eine andere Erkrankung zum Tod geführt hat.

Ein weiteres Problem: Nur von einem geringen Teil der gemeldeten Infektionen ist bekannt, wie sie ausgegangen sind. Viele Menschen sind derzeit noch erkrankt und könnten in den nächsten Tagen sterben. Selbst wenn die Zahl der Infektionen irgendwann stoppt, wird die Todesrate weiter steigen, bis alle Infizierten entweder genesen oder gestorben sind. Wie tödlich Sars-CoV-2 wirklich ist und wie sich die Todesraten pro Land unterscheiden, werden Forscher also erst nach der Pandemie sicher sagen können.

Zahl der Tests und Dunkelziffer

Eine relativ wahrscheinliche Erklärung für die unterschiedlichen Zahlen ist die Zahl der Tests in einem Land sowie die sich daraus ergebende Dunkelziffer. RKI-Präsident Wieler erklärte am Mittwoch die im Vergleich zu Italien und Spanien niedrigen Zahlen unter anderem damit, dass man in Deutschland von Anfang an vergleichsweise breit getestet und somit den Erreger früh entdeckt habe. Dadurch seien von Anfang an auch viele Fälle erfasst worden, die mild verlaufen. Dass dies der Fall sei, sehe man auch an den weiteren Daten des RKI: Demnach zeigten nur etwas mehr als 50 Prozent der offiziell gemeldeten Covid-19-Patienten überhaupt Husten, etwa 40 Prozent Fieber. Man erfasse also auch viele leichte Fälle. Dennoch könne man noch keine Angaben zur Dunkelziffer machen, betonte Wieler.

Dass diese in Deutschland aber niedriger liegt als etwa in Italien, ist anzunehmen. Denn wie in unserer Sendung Forschung Aktuell berichtet, konnte in Italien der Infektionsweg des ersten positiv auf Sars-CoV-2 getesteten Patienten nicht nachverfolgt werden. Das Virus hatte sich also schon stark verbreitet. In Deutschland war das anders. Der Virologe Christian Drosten erklärt in einem Interview mit der Zeit, in Italien würden vor allem Menschen getestet, die schon mit schweren Verläufen ins Krankenhaus kämen. Er gehe davon aus, dass sehr viele junge Menschen in Italien nicht getestet und somit auch nicht als infiziert erfasst worden seien.

Demografie und Risikofaktoren

Immer wieder wird gemutmaßt, dass es in Italien so viele Todesfälle gibt, weil dort vergleichsweise viele ältere Menschen leben. Denn unter anderem mit dem Alter steigt das Risiko für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf. Auch Wieler betonte, dass in Deutschland noch nicht so viele alte Menschen erkrankt seien und auch dies ein Faktor für die niedrige Sterberate sein könnte.

Der Anteil von Menschen über 65 Jahren an der Gesamtbevölkerung liegt in Italien tatsächlich etwas höher als in Deutschland – allerdings bei weniger Einwohnern. Ein damit zusammenhängender Aspekt könnte allerdings einen Einfluss haben: So stellt ein Team der Universität Oxford die These auf, dass in Italien mehr alte Leute in Wohn- oder Hausgemeinschaften mit ihren jüngeren Familienangehörigen leben. Wenn diese das Virus – teilweise ohne Symptome zu haben - mit nach Hause bringen, werden viele Ältere angesteckt.

Auch andere Risikofaktoren könnten eine Rolle spielen – allerdings ist deren Einfluss noch unklar. Nachdem Zahlen aus China bekannt wurden, wonach deutlich mehr Männer als Frauen verstorben sind, wurde ein Zusammenhang zum Rauchen hergestellt. Denn in China rauchen, wie in vielen anderen Staaten auch, deutlich mehr Männer als Frauen (etwa 52 Prozent der Männer – aber nur 2,7 Prozent der Frauen). In Deutschland ist der Geschlechterunterschied beim Rauchen viel geringer. Hier rauchen laut Mikrozensus 2017 26,4 Prozent der Männer und 18,6 Prozent der Frauen. Anteilig an der Bevölkerung gibt es etwa in Spanien und Frankreich mehr Raucher als in Deutschland - dort sind auch die Todesraten derzeit höher. In Italien lag der Raucheranteil 2017 allerdings noch leicht unter dem in Deutschland. Rauchen allein kann den Unterschied der Todesraten also eher nicht erklären.

Gesundheitssysteme und Vorbereitungszeit

Vermutet wird auch, dass die Qualität der Gesundheitssysteme einzelner Länder einen Einfluss auf die Todesraten hat. Klar ist: Wenn die Kapazitäten von Intensivbetten und Beatumungsgeräten erreicht sind, steigt auch die Zahl der Todesfälle. Das zeigt sich bereits in einigen Regionen in Italien, wo Ärzte berichten, dass sie entscheiden müssen, welche Patienten sie an eines der wenigen Beatmungsgeräte anschließen und welche nicht.

Durch den späteren Ausbruch sowie die frühe Kenntnis darüber in Deutschland haben die Krankenhäuser hierzulande Zeit gewonnen, um die Kapazitäten hochzufahren. So wird derzeit etwa daran gearbeitet, die Zahl der Intensivbetten zu verdoppeln. Auch werden verschiebbare Operationen abgesagt und Personal aus anderen Bereichen für die Betreuung der Covid-19-Patienten umgeschult.

Ein weiterer Faktor könnte nicht unwichtig sein: Aus Italien wird berichtet, dass zumindest anfangs in den Krankenhäusern nicht immer spezielle Bereiche für Covid-19-Patienten eingerichtet waren. So konnte sich das Virus in Krankenhäusern verbreiten und bereits geschwächte Patienten infizieren - und gewisse Vorerkrankungen sind ebenfalls ein Risiko für schwere Verläufe und somit für Todesfälle. In Deutschland werden derzeit vielerorts eigene Bereiche in Krankenhäusern für Coronapatienten eingerichtet. Drosten erklärt, Deutschland habe seinen Ausbruch sehr früh erkannt und sei zwei bis drei Wochen früher dran als andere Länder.

So oder so: RKI-Präsident Wieler betonte am Mittwoch, dass Deutschland noch am Anfang der Epidemie stehe. Natürlich werde die Anzahl der Todesfälle auch in Deutschland steigen, sagte er. Es sei völlig offen, wie sich diese Epidemie entwickle. Drosten nimmt an, dass bald nicht mehr alle Infizierten getestet werden können. Dann ändere sich das Verhältnis von gemeldeten Fällen und Toten – und somit wird sich auch in Deutschland die Todesrate verschlechtern.

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