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Covid-19Warum die Todesrate durch das Coronavirus in Deutschland vergleichsweise niedrig ist

Man sieht von weitem Männer in weißen Schutzkleidungen. Eine schiebt einen Wagen mit einem Sarg in Richtung Bildrand, zwei stehen vor einem Lastwagen, zwei weitere sind auf der Ladefläche.   (Massimo Paolone/LaPresse via ZUMA Press/dpa)
In Italien transportieren Menschen in Schutzanzügen einen Sarg mit einer Leiche eines aufgrund des Coronavirus Verstorbenen. (Massimo Paolone/LaPresse via ZUMA Press/dpa)

Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus in Deutschland nach wie vor niedrig. Das Robert Koch-Institut warnt aber davor, sich deshalb in Sicherheit zu wiegen. Wir erklären, warum die Angaben zu den Todesraten mit Vorsicht zu genießen sind und welche Hypothesen es für die niedrige Zahl in Deutschland gibt.

Seit Wochen sprechen und schreiben Behörden, Wissenschaft und Medien über Todesraten einzelner Länder im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit Covid-19. Die Zahlen variieren je nach Land stark. Die US-amerikanische Johns-Hopkins-Universität listet etwa die Corona-Toten im Verhältnis zur Gesamtzahl der registrierten Fälle und je 100.000 Einwohner auf. Dabei kam Belgien zuletzt auf fast 86 Tote pro 100.000 Einwohner, Spanien auf fast 61 und Italien auf knapp 58. Deutschland verzeichnete demnach nur fast elf Corona-Tote je 100.000 Einwohner (Stand: 13.07.).

Blickt man auf die Todeszahl pro bestätigter Fälle liegt Belgien mit rund 16 Prozent vor Frankreich mit knapp 14 Prozent und Großbritannien mit rund 16 Prozent. Deutschland kommt hier auf einen Wert von etwas über 4 Prozent. Das bedeutet: Von den bisher registrierten Covid-19-Patienten sind gut vier Prozent gestorben. In Schweden, wo es ja bekanntlich kaum Beschränkungen wegen des Virus gibt, liegt diese Rate bei 7,4 Prozent.

Zu den auffällig hohen Werten aus Belgien ist anzumerken, dass dort auch eine andere Zählweise zu deutlich höheren offiziellen Angaben führt.

Unabhängig von der Art der Berechnung gilt die Todesrate in Deutschland jedoch als sehr niedrig. Wie kann das sein? Verschiedene Theorien wurden aufgestellt, die wir hier erläutern wollen.

Wie verlässlich sind die Zahlen?

Zunächst einmal muss man sich klar machen, dass die Statistiken der einzelnen Länder nur sehr bedingt vergleichbar sind. Die derzeit genannten Todesraten ergeben sich in der Regel aus dem Anteil der Todesfälle an den offiziell gemeldeten Zahlen. Diese hinken der Realität durch technische Verzögerungen und unterschiedliche Meldewege aber oft hinterher. Zudem bedingt die Anzahl der getesteten Personen und somit der überhaupt registrierten Fälle die Todesrate enorm: Wenn ein Land viel testet, findet es viele Infizierte mit milden Verläufen – somit sinkt auch die Todesrate. Dies gilt jedoch nicht, wenn man die Zahl der Corona-Toten dem Wert von 100.000 Einwohnern ins Verhältnis setzt, denn hier werden Erkrankte und Gesunde gleichermaßen betrachtet.

Die britische Zeitung "Guardian" berichtet zudem darüber, dass in Italien inzwischen viele unklare Todesfälle nach dem Tod auf Sars-CoV-2 getestet würden. In Deutschland sei das nicht immer der Fall. Möglicherweise bleiben also einige Todesfälle unentdeckt - allerdings gehen Forscher davon aus, dass dies aufgrund der hohen Sensibilisierung für das Thema derzeit nur selten der Fall sei. Generell lässt sich bei einer Person mit mehreren Vorerkrankungen nicht immer trennscharf feststellen, ob nun Covid-19 oder eine andere Erkrankung zum Tod geführt hat. Die Todeszahlen könnten also je nach Land zu hoch oder zu niedrig liegen.

Ein weiteres Problem: Viele Menschen sind noch erkrankt und könnten sterben. Selbst wenn sich ab einem bestimmten Tag niemand mehr neu infizieren würde, würden noch weitere Todesfälle hinzukommen, bei denen sich Patienten in den Tagen zuvor angesteckt hatten. Wie tödlich Sars-CoV-2 wirklich ist und wie sich die Todesraten pro Land unterscheiden, werden Forscher also nicht vor Ende der Pandemie sicher sagen können.

Zahl der Tests und Dunkelziffer

Eine relativ wahrscheinliche Erklärung für die unterschiedlichen Werte ist die Zahl der Tests in einem Land sowie die sich daraus ergebende Dunkelziffer. Das Robert Koch-Institut hatte die im Vergleich zu Italien und Spanien niedrigen Zahlen unter anderem damit erklärt, dass man in Deutschland von Anfang an vergleichsweise breit getestet und somit den Erreger früh entdeckt habe. Dadurch seien auch viele Fälle erfasst worden, die mild verlaufen. Allerdings gebe es auch einen Zeitverzug. "Die Menschen sterben erst nach einem gewissen Krankheitsverlauf. Wir haben jetzt ja auch leider Fälle in Pflege- und Altenheimen. Wir müssen leider davon ausgehen, dass die Sterberate damit ansteigen wird." Um präzisere Angaben zur Dunkelziffer machen zu können, hat das Robert Koch-Institut mehrere Studien angekündigt, bei denen Blutproben auf Antikörper untersucht werden sollen. Ziel sei es etwa zu erfahren, wie viele Menschen im Land immun seien und wie hoch der Anteil symptomloser Fälle sei. Davon hänge auch die Sterberate ab.

Demografie und Risikofaktoren

Immer wieder wird gemutmaßt, dass es in Italien so viele Todesfälle gibt, weil dort vergleichsweise viele ältere Menschen leben. Denn unter anderem mit dem Alter steigt das Risiko für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf. Auch RKI-Präsident Wieler betonte anfangs, dass in Deutschland noch nicht so viele alte Menschen erkrankt gewesen seien und auch dies ein Faktor für die niedrige Sterberate sein könnte.

Ein Team der Universität Oxford stellte die These auf, dass in Italien mehr alte Leute in Wohn- oder Hausgemeinschaften mit ihren jüngeren Familienangehörigen leben. Wenn diese das Virus – teilweise ohne Symptome zu haben - mit nach Hause bringen, werden viele Ältere angesteckt.

Auch andere Risikofaktoren könnten eine Rolle spielen – allerdings ist deren Einfluss noch nicht abschließend geklärt. Nachdem Zahlen aus China bekannt wurden, wonach deutlich mehr Männer als Frauen verstorben sind, wurde ein Zusammenhang zum Rauchen hergestellt. Denn in China rauchen, wie in vielen anderen Staaten auch, deutlich mehr Männer als Frauen (etwa 52 Prozent der Männer – aber nur 2,7 Prozent der Frauen). In Deutschland ist der Geschlechterunterschied beim Rauchen viel geringer. Ob dieser Aspekt die unterschiedlichen Zahlen erklären kann, gilt als eher unwahrscheinlich.

Gesundheitssysteme und Vorbereitungszeit

Vermutet wird auch, dass die Qualität der Gesundheitssysteme einzelner Länder einen Einfluss auf die Todesraten hat. Klar ist: Wenn die Kapazitätsgrenzen von Intensivbetten und Beatmungsgeräten erreicht sind, steigt auch die Zahl der Todesfälle. Das zeigte sich unter anderem in einigen Regionen in Italien, in denen Ärzte berichteten, dass sie entscheiden müssen, welche Patienten sie an eines der wenigen Beatmungsgeräte anschließen und welche nicht.

Durch den späteren Ausbruch sowie die frühe Kenntnis darüber und die damit verbundenen Maßnahmen in Deutschland haben die Krankenhäuser hierzulande Zeit gewonnen, um die Kapazitäten hochzufahren. So wird die Zahl der Intensivbetten deutlich erhöht. Auch werden und wurden verschiebbare Operationen abgesagt und Personal aus anderen Bereichen für die Betreuung der Covid-19-Patienten umgeschult.

Aus Italien wurde zudem berichtet, dass zumindest anfangs in den Krankenhäusern nicht immer spezielle Bereiche für Covid-19-Patienten eingerichtet gewesen seien. So habe sich das Virus in Krankenhäusern verbreiten und bereits geschwächte Patienten infizieren können. In Deutschland wurden vielerorts eigene Bereiche in Krankenhäusern für Coronapatienten eingerichtet. Der Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach ist überzeugt, dass sich durch das frühe Handeln gerade in der ersten Krankheitswelle "die besten Kliniken und Spezialisten um die Infizierten kümmern" konnten.

Die Wahrscheinlichkeit an Covid-19 zu sterben, steigt mit gewissen Vorerkrankungen, etwa Bluthochdruck oder Diabetes. Leben Menschen mit diesen Vorerkrankungen in einem Gesundheitssystem, das sie gut versorgt, könnten sie weniger gefährdet sein als Menschen, die in einem Land mit schlechterem Gesundheitssystem leben. Aus den USA wurde bekannt, dass Afroamerikaner stärker vom Coronavirus betroffen sind. Experten erklären das unter anderem damit, dass sie oft sozial schlechter gestellt sind und als Folge eine schlechtere Gesundheitsversorgung bekommen sowie mehr Vorerkrankungen aufweisen.

(Stand 13.07.2020)

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