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Covid-19Was der Anstieg der Corona-Infektionen für die Krankenhäuser bedeutet

Krankenhausbetten stehen in einer Messehalle auf dem Messegelände Hannover. Seit dem Frühjahr wird für den Fall hoher Infektionszahlen mit dem Coronavirus ein Behelfskrankenhaus mit über 400 Betten vorgehalten. Im Einsatz war das Notfall-Krankenhaus bisher nicht.  (dpa / Julian Stratenschulte)
Behelfskrankenhaus Messe Hannover am 5. Oktober 2020 (dpa / Julian Stratenschulte)

Die Corona-Infektionen steigen rapide an. In den Nachbarländern und in Deutschland selbst. Experten erklären, einem Anstieg der Infektionen folge mit einem zeitlichen Abstand von etwa 14 Tagen ein Anstieg schwererer Covid-19-Erkrankungen. Wie sieht es derzeit in den Krankenhäusern aus?

Mehrere europäische Länder befürchten bereits eine Gefährdung der Gesundheitsversorgung. Tschechiens Armee beispielsweise baut ein Corona-Feldlazarett auf dem Prager Messegelände. In Belgien wird vor Engpässen bei den Intensivbetten gewarnt. In den Niederlanden mussten die Notaufnahmen einiger Kliniken teilweise schon geschlossen werden. Die französische Regierung kündigte an, den medizinischen Notstand auszurufen. In Großbritannien gibt es mehr als 43.000 Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus. Derzeit liegt die Zahl der ins Krankenhaus eingewiesenen Patienten bereits höher als zum Zeitpunkt des ersten Lockdowns im März.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft äußerte sich ebenfalls besorgt. Es zeige sich bereits eine Verdopplung der Neuaufnahmen infizierter Patienten im Vergleich zur Vorwoche, sagte deren Präsident, Gerald Gaß, in Berlin. Gaß rechnet damit, dass schon im November die Zahl von rund 2.000 Intensivpatienten mit Covid-19 erreicht werde. Der Präsident der "Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv und Notfallmedizin" (DIVI), Uwe Janssens, äußerte sich indes etwas zurückhaltender. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagte er, der Höchststand an Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen habe im Frühjahr bei rund 2.600 gelegen. Nun rechne er bei einer ähnlichen Zahl an bekannten Gesamtinfektionen mit 620 oder 630 Intensiv-Behandlungen.

NDR-Recherche zeigt Anstieg der Zahl an schwer Erkrankten

Insbesondere in den großen Städten steigen die Zahlen der stationär zu behandelnden Menschen stark an. Das zeigt eine Auswertung des NDR. Der Sender hat in den 15 größten Städte Deutschlands angefragt, wie viele Covid-19-Patienten in den vergangenen Monaten dort jeweils stationär behandelt wurden. Nicht alle haben diese Daten erfasst. Doch aus den vorliegenden Zahlen lasse sich ein klarer Trend erkennen, heißt es. Im Sommer sank demnach die Zahl der Infizierten, die im Krankenhaus lag, auf ein recht niedriges Niveau. Aber seit Mitte September sei in fast allen Großstädten wieder ein Anstieg zu sehen, der sich seit Anfang Oktober teils deutlich beschleunige: In Berlin zum Beispiel lagen Ende August weniger als 40 Covid-19-Patienten in einer Klinik. Ende September waren etwa 80 Infizierte. Seit dem - also in weniger als zwei Wochen - hat sich diese Zahl noch einmal mehr als verdoppelt: Aktuell werden mehr als 200 Covid-Patienten stationär behandelt, etwa 50 von ihnen intensivmedizinisch.

Die Tendenz bestätigt auch die DIVI, der Janssens vorsteht. Sie veröffentlicht ein Intensivregister mit einer Übersicht der freien und belegten Intensivbetten. Hier werden in Listen und übersichtlichen Kartendarstellungen bis auf Kreisebene der Anteil der Covid-19-Patienten an der Gesamtzahl der Intensivbetten sowie der Anteil der freien Intensivbetten ausgewiesen. Demnach liegt der Anteil im unteren einstelligen Bereich. Den höchsten Wert hat Berlin mit 5,5 Prozent, gefolgt von Bremen mit 5,2 und Nordrhein-Westfalen mit 2,7 Prozent. Den bundesweit niedrigsten Wert hat Schleswig-Holstein mit 0,5 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern sind 0,8 Prozent der Intensiv-Patienten an Covid-19 erkrankt. (Stand 15.10.2020)

Berlin führt wieder Corona-Regeln für Besuche im Krankenhaus ein

In welchem Umfang Covid-19-Erkrankte eine Behandlung im Krankenhaus brauchen, hängt entscheidend vom Durchschnittsalter der Erkrankten ab. Das ist im Vergleich zum Frühjahr deutlich gesunken, wie Uwe Janssens betont. Während im Frühjahr die Erkrankten im Schnitt 52 Jahre waren, liege der Altersdurchschnitt aktuell bei 38,39 Jahren. Ältere hätten mehr Begleiterkrankungen und schwierigere Verläufe.

In Berlin sollen ab Samstag Besuchsregeln für die Krankenhäuser in der Stadt gelten. Eine entsprechende Verordnung hat die Senatsgesundheitsverwaltung erlassen. Einmal am Tag sollen Patienten demnach von einer Person Besuch bekommen können - für eine Stunde. Menschen mit Symptomen, die auf Covid-19 hinweisen, dürfen laut der Verordnung allerdings nicht zu Besuch in Kliniken kommen. Für den Besuch bei Schwerstkranken und Sterbenden sind keine Einschränkungen vorgesehen. Auch einzelne Kliniken außerhalb Berlins greifen wieder zu Besuchsregelungen.

Fortschritte in der Behandlung von Covid-19

Uwe Janssens verweist auch auf medizinische und organisatorische Fortschritte in den letzten Monaten bei der Behandlung der Covid-19-Krankheit, die den gesamten Organismus betreffen kann. "Wir haben auch das Remdesivir, was wir auch bei Patienten einsetzen, die noch nicht auf Intensiv sind, die aber schon sauerstoffpflichtig sind, und wir führen Blutverdünnungen durch. Wir haben schon in der Strategie einiges dazugelernt."

Klinken befürchten Pleiten

Die wirtschaftliche Lage vieler Krankenhäuser in Deutschland hat sich in den vergangenen Monaten einer Studie zufolge weiter verschärft. Die "Rheinische Post" zitiert aus Untersuchungsergebnissen des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. Demnach waren schon im Jahr 2018 13 Prozent der Kliniken von der Insolvenz bedroht. Spätestens ab dem Jahr 2022 könnten noch weitere folgen. Denn die Finanzhilfen des Bundes zur Bewältigung wirtschaftlicher Einbußen in Folge der Corona-Pandemie hätten vielen Häusern nur eine vorübergehende Atempause verschafft.

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Diese Nachricht wurde am 18.10.2020 im Programm Deutschlandfunk gesendet.