Die Nachrichten

Die Nachrichten

Die Nachrichten

Covid-19Welche Rolle Aerosole bei der Übertragung des Coronavirus spielen

Schilder an einer Einkaufspassage in Düsseldorf weisen auf Verhaltensregeln während der Corona-Krise hin (dpa-Bildfunk / Marius Becker)
Masken helfen, die Verbreitung der Aerosole zu stoppen (dpa-Bildfunk / Marius Becker)

Das neue Coronavirus wird nicht nur über die Tröpfcheninfektion verbreitet. Eine wichtige Rolle spielen auch die sogenannten Aerosol-Partikel, also kleine Schwebeteile in der Luft. Sie sind insbesondere seit den Corona-Ausbrüchen in deutschen Schlachthöfen in den Fokus gerückt.

Was sind Aerosole?

Aerosole sind feine Partikel, die anders als die beim Husten oder Niesen ausgestoßenen Tröpfchen, nicht schnell zu Boden sinken, sondern länger in der Luft schweben - teilweise Minuten oder sogar Stunden. Also kann jemand, der nach einem Infizierten einen nicht gelüfteten Raum betritt, sich anstecken. Bei einigen Krankheiten ist bekannt, dass sie zum Teil auf diesem Weg übertragen werden, zum Beispiel Tuberkulose. Ein direkter Kontakt zu einem Infizierten ist also nicht notwendig, um sich anzustecken.

Welche Erkenntnisse gibt es dabei in Bezug auf das Coronavirus?

Die Weltgesundheitsorganisation sieht zunehmende Indizien dafür, dass sich das neuartige Coronavirus auch über mehrere Meter hinweg in der Luft übertragen kann. WHO-Expertin Benedetta Allegranzi spricht von möglichen Beweisen für diese These. Sie forderte die Mitgliedstaaten auf, "offen" für diese Erkenntnisse zu sein - und für "die Vorsichtsmaßnahmen, die getroffen werden müssen". Eine Gruppe aus 239 internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hatte angesichts der weltweiten Lockerungen bei den Corona-Einschränkungen Alarm geschlagen und auf Studien verwiesen, wonach sich das Coronavirus auch über einen Abstand von mehr als zwei Metern in der Luft übertragen kann.

Aufenthalt in schlecht belüfteten Räumen erhöht Risiko

Das Robert Koch-Institut bezeichnet die "respiratorische Aufnahme von virushaltigen Flüssigkeitspartikeln" als Hauptübertragungsweg für SARS-CoV-2. Dabei kann es sich um größere Partikel, also um sogenannte Tröpfchen handeln, die zum Beispiel beim Husten oder beim Niesen entstehen; oder um kleinere Partikel, also Aerosole. Sie entstehen schon beim Atmen und beim Sprechen, insbesondere aber beim Schreien und Singen. Laut RKI kann der längere Aufenthalt in kleinen oder schlecht belüfteten Räumen eine Übertragung durch Aerosole auch über eine Distanz von zwei Metern hinaus erhöhen.

Übertragung im Umkreis von mehr als acht Metern

Auch im Zusammenhang mit den Corona-Ausbrüchen in Schlachtbetrieben in NRW und Niedersachsen ist der Übertragungsweg über Aerosole nochmal stärker in den Fokus gerückt. Das Helmholtz-Institut für Infektionsforschung veröffentlichte im Juli erste Ergebnisse einer Studie über den Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Demnach hat ein Mitarbeiter in der Rinderzerlegung das Virus im Mai auf mehrere Personen übertragen, und zwar im Umkreis von mehr als acht Metern. Die Studie habe auch gezeigt, dass die Wohnsituation der Arbeiter keine wesentliche Rolle gespielt habe, so die Forscher. Bei den Ergebnissen der Forschenden handelt es sich um eine Vorabveröffentlichung, die noch von unabhängigen Experten begutachtet werden muss.

Aerosol-Studie soll Corona-Gefahr bei Chor und Orchester klären

Der Freistaat Bayern fördert eine Studie zur Ausbreitung von Corona durch Aerosole bei Gesang und beim Spielen von Blasinstrumenten. 120.000 Euro sollen Forschende von den Universitätskliniken München und Erlangen nach Angaben des Wissenschafts- und Kunstministeriums in München erhalten. Diese arbeiten für die Studie mit dem Chor und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zusammen.

Ziel der Untersuchung ist es laut Mitteilung, die maximale Ausbreitung der Aerosol- und Tröpfchenwolke nach dem Ausstoß direkt zu messen und so eine Grundlage für eine weitere Wiederaufnahme von Kulturveranstaltungen zu bekommen.

Dominanter Infektionsweg über Aerosole?

Es gibt auch Stimmen, die Aerosolen eine weniger wichtige Rolle bei der Übertragung des Coronavirus beimessen: Ein Team der Harvard Medical School veröffentlichte eine Analyse, in der sie argumentieren, dass die Virus-Übertragung über Aerosole nicht der dominante Infektionsweg für das Corona-Virus sein könne. So stecke ein Erkrankter weniger Menschen an als bei anderen von Aerosolen übertragenen Krankheiten, schreiben sie.

Wie gefährlich sind Flugreisen?

Im Hinblick auf Flugreisen besteht zumindest aus Sicht der Flugzeugbauer und Airlines für Passagiere kein Risiko. So betont Airbus, dass ein komplexes und geschlossenes Belüftungssystem für eine sehr saubere Luft und ein geringes Infektionsrisiko an Bord sorge. Die Luft in der Kabine werde alle zwei bis drei Minuten erneuert und entspreche der Qualität in einem Krankenhaus. Hinzu komme, dass die Luft permanent von der Decke herabströme und am Boden wieder abgesaugt werde.

Wie hoch die Ansteckungsgefahr in Flugzeugen wirklich sein könnte, ist allerdings umstritten – wegen der Nähe der Passagiere zueinander, weil die Aerosole nicht sofort abgezogen werden und weil die Klimaanlagen nur im Flugbetrieb voll arbeiten.

Wie lange bleiben Aerosole in der Luft?

US-Forscher unternahmen ein Experiment, bei dem Testpersonen in einem geschlossenen Raum 25 Sekunden lang den kurzen Satz "Stay healthy!" laut wiederholen sollen. Wegen der dann gezählten Mikro-Tropfen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass eine corona-infizierte Person beim normalen Sprechen im Schnitt pro Minute rund tausend virusbelastete Tröpfchen ausstößt, die etwa acht Minuten lang in der Raumluft schweben.

Eine weitere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Partikel bis zu drei Stunden lang in der Luft nachweisen lassen. Allerdings experimentierten die Forscherinnen und Forscher mit künstlich hergestellten Aerosolen, die sich "grundlegend von hustenden/niesenden Patienten mit COVID-19 im normalen gesellschaftlichen Umgang unterscheidet", wie das Robert-Koch-Institut hervorhebt. Ob und wie schnell Aerosole absinken, hänge auch von Faktoren wie Raumtemperatur oder Luftfeuchtigkeit ab.

(Stand: 12.8.2020)

Weiterführende Artikel zum Coronavirus

Wir haben ein Nachrichtenblog angelegt. Das bietet angesichts der zahlreichen Informationen einen Überblick über die wichtigsten aktuellen Entwicklungen.

Zahlen und Daten

+ Aktuelle Entwicklungen: Zahlen zum Coronavirus in Deutschland (Stand: 11.09.)
+ Einordnung: Welche Zahlen wir zum Coronavirus nennen und warum (Stand: 22.08.)
+ Unentdeckte Infizierte: Wie hoch die Dunkelziffer bei den Coronavirus-Infektionen ist (Stand: 02.09.)
+ Neue Entwicklung: Warum die Corona-Sterberate so niedrig und die Infektionszahl so hoch ist (Stand: 04.09.)
+ Chronologie: Ein halbes Jahr Corona-Pandemie (Stand: 11.09.)

Test und Schutz

+ Behandlung: So weit ist die Impfstoffforschung gegen das Coronavirus (Stand: 08.09.)
+ Infektion: Was man bisher zu Reinfektionen und Immunität gegen das Coronavirus weiß (Stand: 25.08.)
+ Gesichtsmasken: Was man zu Schutzmasken wissen sollte (Stand: 27.08.)
+ Tests: Wo man sich testen lassen kann (Stand: 27.08.)

Urlaub und Freizeit

+ Reise-Rückkehrer und Party-Gänger: Wer die deutschen Infektionszahlen derzeit in die Höhe treibt (Stand: 27.8.)
+ Reisen: Die aktuellen Regelungen in Deutschland (Stand: 16.08.)
+ Reiseplanung: Wie ist die Lage in den europäischen Urlaubsländern? (Stand 05.09.)
+ Reisewarnung: Die aktuelle Liste der Risikogebiete (Stand 10.09.)
+ Reisekosten: Volle Erstattung auch ohne Reisewarnung (Stand: 06.09.)
+ Party und Feiern: Wie es um Diskotheken und Clubs in der Coronakrise steht (Stand: 27.8.)

Ansteckung und Übertragung

+ Kinder und das Coronavirus: Wie es um die Gefahr der Ansteckung und Verbreitung steht (Stand: 07.09.)
+ Übertragung: Welche Rolle spielen Aerosol-Partikel bei der Übertragung? (Stand: 12.08.)
+ Prävention: Wie es derzeit um eine Zweite Welle beim Coronavirus steht (Stand: 27.08.)
+ Herbst: Was zu tun ist, wenn Corona und Grippewelle aufeinandertreffen (Stand: 03.09.)
+ Superspreader-Events": Wann können Demonstrationen, Feiern und Veranstaltungen zum Problem werden? (Stand 07.08.)
+ Übersterblichkeit: Wie tödlich ist das Coronavirus? (Stand: 16.08)
+ Spätfolgen: Wie sehen die Langzeitfolgen einer Corona-Infektion aus? (Stand: 08.08.)
+ Einkaufswagen und Co: Wie lange sich das Coronavirus auf Oberflächen hält (Stand: 08.08.)

Die Dlf-Nachrichten finden Sie auch bei Twitter unter: @DLFNachrichten.