Die Nachrichten

Die Nachrichten

Die Nachrichten

Covid-19Wie es um die "Zweite Welle" beim Coronavirus steht - in einigen Ländern ist sie schon da

Südkorea, Bucheon: Menschen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie mit Covid-19 infiziert sind, warten in einer Coronavirus-Screening-Station in einer Schlange darauf, vom dortigen Gesundheitspersonal in Schutzanzügen und Gesichtsvisieren getestet zu werden. (Yun Hyun-Tae/Yonhap/dpa)
Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Seoul ist wieder gestiegen. (Yun Hyun-Tae/Yonhap/dpa)

Nach dem Rückgang der Infektionen mit dem Coronavirus vielerorts haben nun viele Menschen Angst vor einer sogenannten Zweiten Welle. Dass dies nicht ganz unbegründet ist, zeigt ein Blick in andere Staaten.

Nachdem sich in Südkorea über einen längeren Zeitraum wieder verstärkt Personen mit dem Coronavirus infizierten, sprechen die Behörden in Seoul dort nun offiziell von einer Zweiten Welle. Vor Journalisten sagte ein Sprecher des südkoreanischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention, man glaube, dass mit den Ferien im Mai das Coronavirus damit begonnen habe, sich erneut auszubreiten.

Südkorea bekam die erste Virusausbreitung mithilfe eines umfangreichen Programms zur Fallverfolgung, Testung und Behandlung der Infizierten unter Kontrolle. Die Regierung konnte dabei auf Ausgangssperren verzichten und erließ nur Abstandsregeln, die Anfang Mai gelockert oder in manchen Landesteilen sogar aufgehoben worden.

Wieder Abstandsregeln in Südkorea

Seitdem verzeichneten die Behörden nun aber wieder 35 bis 50 neue Fälle pro Tag, hauptsächlich in der Region um die Hauptstadt Seoul. Beim Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention gibt man sich jedoch zuversichtlich, das Virus einzudämmen. Wenn Abstands- und Hygieneregeln eingehalten würden, ließen sich Übertragungen verhindern. Das hätten die bislang gemachten Erfahrungen gezeigt.

Bisher wurden nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität in Südkorea 12.850 Corona-Fälle nachgewiesen, 282 Menschen starben bislang an oder mit ihrer Infektion (Stand: 1.7.)

Ungenaue Angaben aus dem Iran

Auch der Iran erlebt derzeit eine Zweite Welle. Es steigen die Zahlen der Ansteckungen wieder. Offiziellen Angaben der Regierung zufolge infizieren sich pro Tag zwei- bis dreitausend Menschen mit dem Erreger. Beobachter gehen davon aus, dass die Zahlen deutlich höher liegen könnten, da auch zu Beginn der Pandemie die iranische Regierung geschönte Angaben zur Ausbreitung des Coronavirus machte. Die Johns-Hopkins-Universität gibt für den Iran rund 230.000 Ansteckungen an. Bislang gibt es fast 11.000 Tote (Stand: 1.7.). Das iranische Gesundheitsministerium will aber nicht von einer zweiten Welle sprechen. Aktuell erreiche das Coronavirus einen Höchststand in den Regionen, in denen es in den ersten Monaten nicht aufgetreten ist", sagte eine Sprecherin der Nachrichtenagentur Irna. Es handele sich somit nicht um eine zweite Welle, sondern um die erste.

Neue Corona-Fälle auch in Neuseeland

Nach dreieinhalb Wochen ohne neue Fälle hatte sich Neuseeland Anfang Juni schon für coronavirusfrei erklärt. Dann wurde Mitte des Monats bei zwei Frauen, die kürzlich aus Großbritannien eingereist waren, sowie bei einer weiteren Person, der Erreger nachgewiesen. Seitdem wächst in Neuseeland die Furcht vor einer erneuten Ausbreitung. Derzeit (Stand 1.7.) verzeichnet das Land aber nur 22 aktive Fälle von Covid-19.

USA bereiten sich vor

In den USA bereitet man sich nach Regierungsangaben auf eine Zweite Welle vor. Das sagte der Handelsberater des Weißen Hauses, Peter Navarro, im Sender CNN. Man fülle die Vorräte in Erwartung eines möglichen Problems im Herbst auf. Man tue hinter den Kulissen alles, was möglich sei. Das heiße allerdings nicht, dass es passieren werde. "Wir bereiten uns lediglich vor." Mehrere US-Bundesstaaten verzeichnen die zweite Wochen in Folge Rekordanstiege bei der Zahl der bekannten Infektionen. Zuletzt gab es in den USA rund 40 000 Neuinfektionen pro Tag - mehr als an den meisten Tagen der Hochphase der Pandemie im April.

Der führende Immunologe des Landes in der Corona-Krise, Anthony Fauci, sagte Ende Juni im Repräsentantenhaus, die Zahl der täglichen Neuinfektionen könne sogar auf 100.000 ansteigen. "Ich bin sehr besorgt und ich bin nicht zufrieden mit dem, was passiert, weil wir in die falsche Richtung gehen", sagte Fauci. "Wir haben die Lage derzeit eindeutig nicht komplett unter Kontrolle." Bei einer früheren Anhörung im Repräsentantenhaus hatte er von einer beunruhigenden Entwicklung unter anderem in Florida, Texas und Arizona gesprochen. Die nächsten Wochen seien entscheidend dafür, diesem Anstieg entgegenzuwirken, sagte er.

Israel und die Palästinensergebiete

In Israel, auf das viele lange Zeit geschaut haben, weil es so gut durch den Beginn der Pandemie gekommen ist, scheint auch eine Zweite Welle zuzurollen. Ministerpräsident Netanjahu drängte die Bevölkerung jedenfalls diese Woche eindringlich zum Einhalten der Corona-Regeln. "Wenn wir nicht schleunigst unser Verhalten beim Maskentragen und Abstandhalten ändern, werden wir gegen unseren Willen eine Rückkehr der Abriegelungen über uns bringen", sagte er nach einer Kabinettssitzung. "Das will niemand von uns." In Israel waren zuletzt wieder deutlich mehr Neuinfektionen mit dem Virus Sars-CoV-2 gemeldet worden als zuvor. Auch die Palästinensergebiete sind betroffen.

Die Zeitung "Haaretz" schreibt in einer Analyse, das Expertengremium des Nationalen Sicherheitsrats, das Corona-Virusinformationszentrum des militärischen Geheimdienstes und die Israelische Gesellschaft für Infektionskrankheiten hätten die Regierung gewarnt, dass Israel vor dem Abgrund stehe, wenn es seine "apathische Haltung" dem Coronavirus gegenüber beibehalte. Israel leide unter mangelnder Führungskraft der Regierung, so die Zeitung, und deren Sorglosigkeit. Im Westjordanland sind insgesamt nach offiziellen Angaben nur zehn Menschen am Coronavirus gestorben. Zuletzt waren es aber vier an einem Tag, was auf einen Anstieg der Infektionszahlen schließen lässt.

WHO: Nord- und Südamerika sind der Hotspot

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete Anfang der Woche einen sehr hohen Anstieg bei den weltweiten Coronavirus-Fällen. Die Gesamtzahl der Neuinfektionen stieg nach offiziellen Daten innerhalb eines Tages um 163.865 (30. Juni). Laut dem täglichen Bericht der WHO meldet Nord- und Südamerika mit über 94.000 den größten Teil der Neuinfektionen. Weltweit sind nach Angaben der WHO mehr als 10,3 Millionen Menschen an dem Virus erkrankt und mehr als 507.000 an den Folgen von Covid-19 gestorben.

Die Situation in Deutschland

Und wie sieht es hierzulande aus? Nach den lokalen Ausbrüchen im Schlachtbetrieb Tönnies sowie in Göttingen und Berlin registriert das Robert Koch-Institut auch in Deutschland wieder steigende Infektionszahlen. Die für eine Ausbreitung so entscheidende sogenannte Reproduktionszahl lag zwischenzeitlich bei über 2,7. Internationale Medien wie etwa die US-Zeitung Politico spekulierten bereits: "Is Gütersloh where Europe’s battle to prevent a second coronavirus wave starts?" ("Beginnt in Gütersloh Europas Kampf um die Verhinderung einer zweite Coronavirus-Welle?") Inzwischen (Stand 1.7.) liegt der R-Wert wieder deutlich unter 1: Der 4-Tage-R wird vom RKI auf 0,86 geschätzt, der 7-Tage-R-Wert auf 0,79.

Ob die Entwicklungen in NRW jetzt schon Anzeichen einer zweiten Welle sind, darüber sind sich die Experten aber uneins. Der Virologe Christian Drosten sagte im NDR-Podcast am 23.06., generell gebe es aktuell in mehreren Orten, darunter auch in Berlin, eindeutige Anzeichen, dass Sars-CoV-2 wieder komme. Schon jetzt sei aus seiner Sicht große Vorsicht geboten, dass sich keine zweite Welle entwickle. "Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht", führte Drosten aus: "In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten."

Auch laut Robert Koch-Institut könnte sich eine zweite Welle in Deutschland entwickeln. RKI-Chef Wieler sagte, man wisse aber, wie man dies verhindern könne: "Wenn wir weiterhin beispielsweise Großveranstaltungen verbieten, können wir die zweite Welle verhindern". Die Menschen in Deutschland müssten sich auch für die nächsten Monate auf ein Leben mit Einschränkungen einstellen. Wieler betonte, man werde das Virus kontinuierlich im Land haben, lokale Ausbrüche werde es wohl weiter geben. Man müsse weiter wachsam sein und Abstands- und Hygieneregeln einhalten. "Das wird die neue Normalität sein für die nächsten Wochen und Monate", sagte Wieler.

Virologe Streeck: Keine zweite, sondern kontinuierliche Welle

Der Virologe Hendrik Streeck, Professor an der Uni Bonn und Verfasser der "Heinsberg-Studie", hat eine etwas andere Betrachtungsweise. Er sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung": "Ich glaube nicht, dass wir eine zweite oder dritte Welle haben werden. Ich glaube, wir sind in einer kontinuierlichen Welle. Einer Dauerwelle, die immer wieder hoch- und runtergeht." Die Frage sei, inwiefern eine Teilimmunität erreicht werden könne. Wenn die Menschen sich infiziert hätten, würden sie sich möglicherweise nicht mehr infizieren oder der Krankheitsverlauf wäre ein milderer. Das Virus werde aber nicht verschwinden, so Streeck: "Wir sind keine Insel, und auch wenn wir die Neuinfektionsraten auf null drücken würden, wäre es bald wieder da. Solange wir keinen Impfstoff haben, müssen wir es im Alltag integrieren."

Dlf-Autor Volkart Wildermuth hat in der Sendung "Sprechstunde" versucht, die Frage "Kommt eine zweite Welle?" zu beantworten und das Für und Wider gegeneinander abgewogen.

Söder ist sich sicher

Der bayerische Ministerpräsident Söder betont derweil: "Dass es eine zweite Welle gibt, da bin ich ganz sicher. Der CSU-Chef führte auf einem Online-Podium der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) in München aus, die Ausbrüche in Nordrhein-Westfalen, Peking und anderswo zeigten, dass schon ein Funke genüge. Zuletzt bekräftigte er in einer Videobotschaft: "Wir müssen wirklich aufpassen." Man dürfe nicht riskieren, "dass wir sogar noch schneller als befürchtet, vor dem Herbst, eine zweite Welle bekommen, eine schleichende Welle, und überall regionale Lockdowns bekommen."

Weiterführende Artikel zum Coronavirus

Wir haben ein Nachrichtenblog angelegt. Der bietet angesichts der zahlreichen Informationen einen Überblick über die wichtigsten aktuellen Entwicklungen.

Urlaub und Freizeit

+ Urlaub: Zelt, Wohnwagen, Ferienhaus: Wie der Urlaub 2020 aussehen könnte
+ Reisen: Die aktuellen Regelungen in Deutschland
+ Unterwegs: Welche Regeln in der Bahn und im Flugzeug gelten
+ Tourismus: Reise-Kunden können weiter Geld zurück verlangen

Zahlen und Daten zur Coronavirus-Pandemie

+ Aktuelle Entwicklungen: Zahlen zum Coronavirus in Deutschland
+ Deutschland: Warum die Todesrate durch das Coronavirus in Deutschland vergleichsweise niedrig ist
+ Unentdeckte Infizierte: Wie hoch die Dunkelziffer bei den Coronavirus-Infektionen ist
+ Übersterblichkeit: Wie tödlich ist das Coronavirus wirklich?
+ Welche Zahlen wir zum Coronavirus nennen und warum

Erkrankung und Schutz

+ Prävention: Wie es derzeit um eine Zweite Welle beim Coronavirus steht
+ Tests: Wie sinnvoll sind Corona-Massentests für alle?
+ Tröpfcheninfektion oder Schwebeteilchen: Welche Rolle spielen Aerosol-Partikel bei der Übertragung?
+ Ausbreitung: Wie gefährlich sind Superspreader in der Corona-Pandemie?
+ Impfung: So weit ist die Forschung
+ Behandlung: Wie weit ist die Suche nach Medikamenten gegen Covid-19?
+ Gesichtsmasken: as man zu Schutzmasken wissen sollte
+ Einkaufswagen und Co.: Wie lange sich das Coronavirus auf Oberflächen hält

Fake News, Verschwörungstheorien, Proteste

+ Verbreitete Anschuldigungen: Wie Bill Gates zum Ziel von Verschwörungstheoretikern wurde

Die Dlf-Nachrichten finden Sie auch bei Twitter unter: @DLFNachrichten.