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Covid-19Wie es um eine zweite Welle der Corona-Infektionen in Deutschland steht

Eine junge Frau mit Schutzmaske steht am Fenster in einem Zimmer und blickt hinaus. (imago / Sven Simon)
Vor einem halben Jahr wurde in Deutschland der erste Coronafall gemeldet. (imago / Sven Simon)

Nach dem erneuten Anstieg der Corona-Neuinfektionen in Deutschland und weiteren Ländern haben etliche Menschen Sorge vor einer sogenannten zweiten Welle. Sind diese Sorgen begründet? Und was heißt "zweite Welle" überhaupt? Expertinnen und Experten sind sich uneins.

Was sagen Experten in Deutschland?

Für den Leipziger Epidemiologen Markus Scholz zeichnete sich am 14. August deutlich ab, dass eine zweite Welle komme. Zehn Tage zuvor war sich der Ärzteverband Marburger Bund sicher, dass die zweite Welle Deutschland bereits erfasst habe. Die Vorsitzende der Organisation, Johna, sprach von einer zweiten, "flachen" Anstiegswelle. Diese sei aber nicht vergleichbar mit den Zahlen von März und April, sagte sie der "Augsburger Allgemeinen".

Doch nach Einschätzung des Weltärztebundes erlebt Deutschland derzeit weniger eine zweite Corona-Welle als vielmehr eine dauerhafte Infektionswelle. Der Vorstandsvorsitzende Montgomery warnte am 05. August im Deutschlandfunk (Audio-Link), die Pandemie werde uns noch lange begleiten. Das Problem sei die lange Inkubationszeit des Coronavirus.

Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck, Verfasser der Heinsberg-Studie, vermeidet die Bezeichnung "zweite Welle". Es handele sich vielmehr um eine kontinuierliche Welle, eine "Dauerwelle, die immer wieder hoch- und runtergeht", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung" bereits Ende Juni.

Doch ganz gleich, ob wir uns nach der ersten und vor der zweiten Welle befinden oder irgendwo in den Höhen und Tiefen einer Dauerwelle – Fakt ist, dass die Zahlen in Deutschland wieder steigen. Und nicht nur in Deutschland.

Wie ist die Lage in anderen Ländern?

In einigen Ländern, in denen das Coronavirus eigentlich als eingedämmt galt, sind die Fallzahlen zwischenzeitlich wieder angestiegen - wenn auch häufig lokal begrenzt und in unterschiedlichem Ausmaß.

Besonders besorgniserregend sind die Anstiege aus deutscher Sicht in europäischen Reiseländern wie Spanien und Frankreich. Das Land wurde von der Bundesregierung weitestgehend zum Risikogebiet erklärt, ebenso Teile von Südfrankreich sowie Paris. Hier gilt wegen der steigenden Fallzahlen die Maskenpflicht auch unter freiem Himmel.

Für Großbritannien warnen 37 renommierte Wissenschaftler vor einer zweiten Coronavirus-Welle mit bis zu 120.000 Toten als "Worst-Case-Szenario". Demnach könnte der Höhepunkt im kommenden Januar und Februar erreicht werden. Die Forschenden warnen, ein zweiter Corona-Ausbruch zwischen kommendem September und Juni 2021 könne durch ein Zusammentreffen mit der Grippewelle deutlich schlimmer ausfallen als der erste.

In Südkorea galt das Coronavirus zunächst als schon unter Kontrolle. Ende Juni stiegen die Fallzahlen dann aber so stark, dass die Regierung in Seoul von einer möglichen "zweiten Welle" sprach. Im Iran, einem der ersten Hotspots weltweit, geht die Zahl der Ansteckungen ebenso kontinuierlich nach oben. Die seit Anfang Juni um sich greifende zweite Welle sei weitaus schwerer als die erste, sagt ein Vertreter des iranischen Coronavirus-Krisenstabs.

Auch in Israel geht man von einer zweiten Welle aus. Die Infektionszahlen sind so stark gestiegen, dass die Corona-Einschränkungen wieder verschärft wurden. Mittlerweile steht das Krisenmanagement der Regierung in der Kritik.

Und selbst in Neuseeland, wo über 100 Tage lang keine Corona-Neuinfektionen nachgewiesen worden waren, gibt es wieder Covid-19-Fälle. Darum wurde die ursprünglich für den 19. September geplante Parlamentswahl um vier Wochen verschoben.

Was sagt die WHO?

Auch die Weltgesundheitsorganisation sieht bislang davon ab, von einer "zweiten Welle" zu sprechen. Allerdings rechnet die WHO damit, dass das Risiko neuer Infektionen nach dem Ende der Sommerurlaubszeit wieder ansteigt. Bei sinkenden Temperaturen würden sich die Menschen dann wieder mehr in geschlossenen Räumen aufhalten, wo sich das Virus stärker verbreite.

In einer Zwischenbilanz ein halbes Jahr nach Ausbruch der Pandemie wies WHO-Generaldirektor Tedros darauf hin, dass sich die Pandemie weiterhin beschleunige. Allerdings hatte die WHO schon früher angemerkt, dass ein Anstieg der globalen Fallzahlen erst die zweite Spitze der ersten Corona-Welle sei. Länder müssten immer wieder mit dem Aufflackern von Covid-19 rechnen.

Weltweit haben sich laut der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität bislang mehr als 24,2 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert, über 826.000 Menschen sind nachweislich an oder mit dem Virus gestorben (Stand 27.08.2020).

Was bedeutet "zweite Welle" überhaupt?


Dlf-Autor Volkart Wildermuth hat in der Sendung "Sprechstunde" unter anderem darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Begriff "zweite Welle" keineswegs um einen wissenschaftlich exakt definierten Begriff handele. Für den einen sei jeder Neuanstieg der Fallzahlen eine zweite Welle. Andere würden erst davon sprechen, wenn es zu einer Überforderung der Gesundheitssysteme komme. Das sei aber in Deutschland derzeit nicht der Fall. Wirtschaftsverbände nennen den Begriff "zweite Welle" im Zusammenhang mit einem erneuten Lockdown.

Der Ökonom Thomas Straubhaar hat vor einem zweiten, bundesweiten Lockdown gewarnt. Im Deutschlandfunk sagte er, dieser könne dazu führen, dass auch die Bekämpfung des Corona-Virus schwieriger werde, da die Wirtschaft letzlich die Mittel erwirtschaften würde, um Menschen zu helfen und auch den medizinischen Fortschritt voranzutreiben. Straubhaar plädiert daher für eine "Zulassungsstrategie" - Deutschland solle lernen, mit den steigenden Infektionszahlen umzugehen. Einfache Maßnahmen wie Abstandsregeln, das Tragen von Gesichtsmasken und Hygieneregeln sollten aber weiterhin eingehalten werden; diese Regeln würden niemanden in seinen Grundrechten einschränken.

(Stand 27.08.2020)

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