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Covid-19Wie funktioniert ein Antikörper-Medikament und wann ist es sinnvoll?

Schematische darstellung mit einem Sars-CoV-Partikel mit Spike-Protein an der Oberfläche und dagegen gerichteten, Y-förmigen Antikörpern (imago KATERYNAxKON)
Y-förmige Antikörper gegen Sars-CoV-2. Illustration. (imago KATERYNAxKON)

Die Bundesregierung hat für Deutschland ein neue Covid-19-Medikamente auf Antikörper-Basis gekauft. Es handelt sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums um Präparate der US-Firmen Regeneron und Eli Lilly, die zunächst in Unikliniken zum Einsatz kommen sollen. Wie funktionieren solche Mittel und wann sind sie sinnvoll? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was sind Antikörper?

Antikörper sind Proteine - also Eiweiße - die im Rahmen einer Immunantwort des Körpers entstehen. Anders gesagt: Infiziert man sich mit einem Krankheitserreger - zum Beispiel mit einem Virus - wird das Abwehrsystem des Körpers aktiv und produziert Abwehrmoleküle, die sich gegen charakteristische Strukturen dieses Krankheitserregers richten: die Antikörper. Diese werden im Verlauf der Infektion in großen Mengen produziert und sind in der Lage, den Erreger zu binden, zu neutralisieren und unschädlich zu machen. Nach der Infektion "merkt" sich der Körper, wie der Erreger aussieht, so dass er im Fall einer zweiten Ansteckung schneller reagieren kann.
Bei einer Infektion mit Sars-CoV-2 sind Antikörper etwa zwei Wochen nach der Infektion nachweisbar, im Fall einer Erkrankung also etwa eine Woche nach Symptombeginn. Eine weitere Sorte Antikörper ist nach neuen Erkenntnissen, veröffentlicht im Fachmagazin Science, noch sechs bis acht Monate im Blut der Genesenen nachweisbar.
Außer der Bildung von Antikörpern gibt es weitere Teile der Immunantwort, die dazu beitragen, den Erreger zu bekämpfen. Daran sind andere Zelltypen des Immunsystems beteiligt.

Was sind monoklonale Antikörper?

"Monoklonal" bedeutet, dass die Antikörper alle aus einem Zell-Klon entstehen, also gleich sind. Sie werden im Labor hergestellt und richten sich hochspezifisch gegen ein charakteristisches Merkmal des Erregers, etwa einen Teil des "spike"- oder Stachelproteins, das Sars-CoV-2 nutzt, um in bestimmte Körperzellen einzudringen. Im Unterschied dazu haben genesene Covid-19-Patientinnen und -Patienten eine Mischung verschiedener Antikörper gegen Teile des Virus im Blut; man spricht von polyklonalen Antikörpern. Jeder Antikörper-Typ richtet sich gegen ein bestimmtes Merkmal des Virus, kann dieses also an unterschiedlichen Stellen binden.

Wie werden Antikörper als Medikament gegen Covid-19 genutzt?

Das Prinzip ist, dem Körper einen Zeitvorsprung zu verschaffen: Indem man Antikörper gibt, überspringt man die Phase der Immunantwort, in der der Körper damit beschäftigt ist, charakteristische Virusstrukturen zu erkennen und selbst passende Antikörper zu produzieren. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sind vor allem zwei Präparate aus den USA bekannt, die dort im November eine Notfallzulassung erhalten haben. Sie stammen von den Firmen Regeneron und Eli Lilly. Der wesentliche Unterschied: Das Medikament von Eli Lilly enthält eine Sorte monoklonaler Antikörper, das der Firma Regeneron einer Mischung zweier monoklonaler Antikörper. Der Vorteil einer Mischung liegt darin, dass mit zusätzlichen Angriffspunkten die Wahrscheinlichkeit der Wirksamkeit steigt. Der ehemalige US-Präsident Trump wurde unter anderem mit dem Regeneron-Präparat behandelt, das damals allerdings auch in den USA noch nicht zugelassen war.

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Generell sind Therapien mit Antikörpern gut erforscht, weil sie auch zur Behandlung anderer Krankheiten wie etwa Krebserkrankungen und Rheuma eingesetzt werden. In einer klinischen Studie traten bei Personen, die mit dem Regeneron-Medikament behandelt wurden, im Vergleich zur Kontrollgruppe keine gehäuften schweren Nebenwirkungen auf. Bei dem Medikament von Eli Lilly gab es nach Angaben der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA in zwei von 850 untersuchten Fällen schwerere Nebenwirkungen. Für beide Präparate gilt: Es besteht ein Risiko des Auftretens von Überempfindlichkeits-Reaktionen. Darüber hinaus gibt es noch nicht genug Daten, um eine endgültige Aussage zu dieser Frage zu treffen. Manche Nebenwirkungen sind möglicherweise noch nicht bekannt.

Antikörper und Virus-Mutationen

Präparate mit einer Mischung verschiedener monoklonaler Antikörper können dazu beitragen zu verhindern, dass sich Mutationen durchsetzen. Vermehrt sich das Virus, entstehen solche Varianten - die meisten davon sind ohne Vorteil oder sogar schädlich für den Erreger und verschwinden wieder. In seltenen Fällen kann es passieren, dass eine Mutation oder eine Kombination verschiedener Mutationen Vorteile für das Virus hat, weil es sich zum Beispiel schneller verbreiten kann, so wie es bei den in Großbritannien und Südafrika zuerst nachgewiesenen Virusvarianten der Fall ist. Ist das Virus nur mit einer einzigen, sehr spezifischen "Waffe" wie etwa einer Sorte eines monoklonalen Antikörpers konfrontiert, werden sich Mutanten durchsetzen, die dieser Antikörper nicht erkennt. Man spricht von Selektionsdruck. Eine Mischung verschiedener Antikörper verringert die Gefahr, dass das passiert.

Warum setzt man Antikörper nicht als Standard-Therapie gegen Covid-19 ein?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen gibt es derzeit weder für das Regeneron- noch das Eli-Lilly-Präparat eine europäische Zulassung, auch ein entsprechendes Antragsverfahren läuft nach Angaben der Europäischen Arzneimittel-Agentur - kurz EMA - noch nicht. Regeneron hat angekündigt, zusammen mit dem Pharmakonzern Roche eine europäische Zulassung zu beantragen. Darüber hinaus ist eine Antikörper-Therapie nicht in jedem Fall sinnvoll. Aufgrund ihrer Wirkungsweise erzielt eine solche Behandlung vor allem zu Beginn einer Erkrankung die besten Ergebnisse. Dann kann sie schwere Krankheitsverläufe verhindern. Aus den Studiendaten, die bislang vorliegen, geht hervor, dass diejenigen am stärksten von der Behandlung profitierten, die das Präparat in den ersten zehn Tagen nach der Infektion erhalten hatten. Patientinnen und Patienten, die bereits schwere Covid-19-Symptome haben - also etwa im Krankenhaus sind und Sauerstoff bekommen - dürfen ein solches Medikament nicht bekommen. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass schwere Symptome einer zweiten Phase von Covid-19 durch die Reaktion des Immunsystems zustande kommen. Ein Wirkstoff gegen das Virus käme hier schlicht zu spät. Dazu kommt: Ein solches Medikament muss per Infusion verabreicht werden, das dauert in diesem Fall etwa eine Stunde und kann nur in Kliniken erfolgen. Außerdem ist die Herstellung von Antikörpern aufwändig und damit teuer. Geschätzt werden Kosten von etwa 2.400 Euro pro Dosis.
Ein weiteres Problem: Antikörper sind körperfremde Eiweiße - und was der Körper nicht kennt, das baut er ab: Das Mittel hätte also eine begrenzte Wirksamkeit und schützt - anders als etwa eine Impfung - nicht vor künftigen Infektionen.

Sonderfall Rekonvaleszenten-Plasma

Rekonvaleszentenplasma ist nichts anderes als Blutplasma von genesenen Patientinnen oder Patienten. Es enthält - oft abhängig von der Schwere der durchgemachten Erkrankung - Antikörper, die das Immunsystem selbst gebildet hat, also eine Mischung polyklonaler Antikörper. Steht es zur Verfügung, kann es frisch Infizierten verabreicht werden, um sie vor einer Erkrankung oder einem schweren Verlauf der Krankheit zu schützen. Man spricht in diesem Fall von passiver Immunisierung. Eine solche Therapie wurde bereits mehrfach bei Epidemien genutzt, etwa beim Ebola-Ausbruch 2014 in Westafrika. Das Paul-Ehrlich-Institut hält eine solche Behandlung für eine mögliche Therapieoption für Covid-19. Allerdings ist eine Wirksamkeit hierfür noch nicht durch Studien belegt.

(Stand 24.01.2021)

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