Die Nachrichten
Die Nachrichten

Covid-19Wie gefährlich sind die neuen Mutationen des Coronavirus?

Fußgänger in London laufen an einer digitalen Anzeigentafel vorbei, auf der "Coronavirus-Fälle in London sehr hoch" steht (AFP/ Tolga Akmen)
Nach Angaben der britischen Behörden waren im Dezember 60 Prozent der Neuinfektionen in London durch die neue Virus-Variante verursacht worden (AFP/ Tolga Akmen)

In Großbritannien und Südafrika haben sich Mutationen des Coronavirus verbreitet. Vor allem die britische Variante ist inzwischen in vielen weiteren Ländern nachgewiesen worden. Politik und Wissenschaft sind aufmerksam bis alarmiert - auch die verschärften Maßnahmen in Deutschland wurden zum Teil mit den neuen Varianten begründet. Doch wie gefährlich sind diese überhaupt? Darüber gibt es inzwischen mehr Erkenntnisse.

Um welche Mutationen geht es?

Dass Viren ständig mutieren, ist lange bekannt. Sars-CoV-2 ist keine Ausnahme und - verglichen etwa mit Grippeviren - eher langsam darin, überlebensfähige Varianten zu entwickeln. Auch hier sind inzwischen weltweit Varianten des Corona-Virenstamms bekannt, der zu Beginn der Pandemie beschrieben wurde. Die meisten davon haben keinen entscheidenden Einfluss auf die Ausbreitung des Virus.

Das ändert sich, wenn durch eine oder mehrere Mutationen ein Virustyp entsteht, der dem Erreger selektive Vorteile verschafft: etwa, indem er ansteckender, also schneller übetragbar wird, oder indem er die Fähigkeit entwickelt, dem Immunsystem auszuweichen, das ihn bekämpft. Man spricht dann von einer bedenklichen Variante, einer "Variant of Concern", kurz VOC. In diesem Zusammenhang stehen zurzeit vor allem zwei Varianten von Sars-CoV-2 im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit:

Die erste wurde in Großbritannien entdeckt und wird VOC 2020/12/01 oder B.1.1.7 genannt. Sie hat mehrere Mutationen angesammelt. Es gibt inzwischen Belege dafür, dass sie deutlich ansteckender ist als die bislang vorherrschende Variante. Die britische Regierung teilte zunächst mit, die Mutation sei bis zu 70 Prozent ansteckender - eine Zahl, die der Virologe Drosten im Deutschlandfunk als "Schätzwert" einstufte. Erstens Erkenntnissen zufolge scheinen Menschen, die sich mit B.1.1.7 angesteckt haben, mehr Virus zu produzieren - was eine Ansteckung erleichtern könnte. Gesicherte Studien aber gibt es dazu noch nicht, wie der Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth im DLF betonte.

Die höhere Übertragbarkeit beruht nach heutigen Erkenntnissen im Wesentlichen auf einer Mutation des sogenannten Spike-Proteins, das an bestimmte Zellen im menschlichen Körper andockt. Weltweit wurde diese Variante nach Angaben des "European Center for Disease Prevention and Control", ECDC, in mindestens 26 Ländern nachgewiesen, auch in Deutschland (Stand 4.1.). Hinweise auf einen schwereren Krankheitsverlauf gibt es bislang nicht.

Eine zweite Mutation wurde bei genetischen Untersuchungen in Südafrika entdeckt. Das ECDC führt sie unter der Bezeichnung 501.V2. Auch diese Variante wurde inzwischen in anderen Ländern nachgewiesen, darunter Großbritannien und Frankreich. In Südafrika ist diese Virusvariante inzwischen für die meisten Ansteckungen verantwortlich. Auch hier gibt es laut ECDC bislang keine Hinweise darauf, dass sie einen schwereren Krankheitsverlauf verursacht.

Was bedeutet das für die Entwicklung der Pandemie?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen ein Risiko in der mutmaßlich höheren Übertragbarkeit der Virusvarianten. Wenn sich mehr Menschen anstecken, könnte es in der Folge zu einer größeren Zahl von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen kommen, etwa, weil sich auch mehr Angehörige von Risikogruppen infizieren. Das durch die Einschleppung der beiden bedenklichen Virusvarianten verursachte Risko sei deshalb als hoch einzustufen, schreibt das ECDC. Die Forschenden warnen außerdem vor einer Überlastung der Gesundheitssysteme in den jeweiligen Ländern.

Auch Bund und Länder begründen die kürzlich beschlossene Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen unter anderem mit dem Verweis auf die Mutationen des Virus, die man "mit Besorgnis" betrachte. In der australischen Stadt Brisbane wurde jüngst ein "Express-Lockdown" verhängt, um die rasante Ausbreitung der veränderten Virusvariante einzudämmen - mehr als zwei Millionen Menschen müssen dort mindestens drei Tage lang in ihren Häusern bleiben. Auch Politiker in Deutschland, etwa der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach und Kanzleramtschef Braun, warnten vor noch drastischeren Maßnahmen hierzulande, die aufgrund der Mutationen auf uns zukommen könnten.

In Großbritannien gibt es Hinweise darauf, dass die neue die bekannte Virusvariante verdrängt. Nach Angaben der britischen Behörden waren im Dezember 60 Prozent der Neuinfektionen in London durch die neue Virus-Variante verursacht worden.

Nachweise der Mutation sind nur möglich, wenn der Genpool des Virus vollständig analysiert wird. In Deutschland ist das aber nicht standardmäßig der Fall. In Großbritannien hingegen werden fünf bis zehn Prozent aller Virusproben vollständig analysiert.

Benötigen wir neue Impfstoffe?

Der Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer schützt offenbar auch vor den beiden neuen Varianten des Coronavirus. Das geht aus einer Laborstudie des Herstellers Pfizer und der University of Texas hervor, die auf Servern für Forscher im Internet veröffentlicht wurde. Eine Überprüfung der Ergebnisse durch unabhängige Wissenschaftler steht allerdings noch aus.

Dass die Impfstoffe nun ihre Wirksamkeit einbüßten, sei nicht zu erwarten, schreibt DLF-Wissenschaftsjournalist Arndt Reuning in einem Kommentar. Es könnte sein, dass manche Antikörper an den mutierten Stellen des Virus weniger gut binden. Aber durch eine Impfung lerne das Immunsystem, den Erreger an verschiedenen Teilen zu erkennen. Und jenseits der Antikörper reagiere die Immunabwehr außerdem auch mit weißen Blutkörperchen auf Eindringlinge. Gerade dieser Arm des Immunsystems lasse sich von mutationsbedingten Veränderungen eines Erregers weniger stark beeindrucken.

Pessimistischere Töne kommen dagegen aus Großbritannien. Verkehrsminister Shapps sprach von einer "sehr großen Besorgnis unter den Wissenschaftlern", dass Impfstoffe auf die südafrikanische Variante des Virus nicht in gleicher Weise ansprechen könnten wie bei der Ursprungsform.

Derzeit führt Biontech Tests mit der neuen Variante und seinem Impfstoff durch. Biontech-Gründer Sahin sagte auf einer Pressekonferenz, "dass die Immunreaktion durch dieses Vakzin auch mit dem neuen Virus umgehen kann". Zudem lassen sich, darauf weisen sowohl Sahin als auch Mertens hin, mRNA-Impfstoffe wie von Biontech oder Moderna leicht an Mutationen anpassen. Ein solcher angepasster Impfstoff müsse dann allerdings neu zugelassen werden.

(Stand: 9.1.21)

Weiterführende Artikel zum Coronavirus

Wir haben ein Nachrichtenblog angelegt. Das bietet angesichts der zahlreichen Informationen einen Überblick über die wichtigsten aktuellen Entwicklungen.

+ Aktuelle Entwicklungen: Zahlen zum Coronavirus in Deutschland (Stand: 11.01.)
+ Hohe Corona-Infektionszahlen: Ist die Orientierung am Inzidenzwert 50 richtig? (Stand 05.01.)
+ Neue Regeln: So setzen die Länder die Beschlüsse um (Stand 11.01.)

Test und Schutz

+ Schutz: Die Impfverordnung: Wer wird zuerst geimpft, wer später? (Stand: 26.12.)
+ Termine: Wie, wann und wo kann ich mich impfen lassen? (Stand: 9.1.)
+ Biontech und Pfizer: Was über Nebenwirkungen des Corona-Impfstoffs bekannt ist (Stand: 21.12.)
+ Schutz: So steht es um die Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus (Stand: 06.01.)
+ Was bringen nächtliche Ausgangssperren (Stand 05.12.)
+ Corona-Infektionsgeschehen: Wie zuverlässig sind die Tests? (Stand: 18.11.)
+ Erkrankte: Neue Erkenntnisse bei der Suche nach Medikamenten (Stand: 06.01.)
+ Wie ist die Lage in den Krankenhäusern? (Stand: 09.01.)
+ Wirtschaft: Wie die Arbeitswelt mit den Infektionszahlen umgeht (Stand: 11.01.)

Ansteckung und Übertragung

+ Virus-Varianten: Wie gefährlich sind die neuen Mutationen des Coronavirus? (Stand: 02.01.)
+ Gegner von Infektionsschutz-Maßnahmen: Was AfD und Querdenker mit Verbreitung des Coronavirus in Deutschland zu tun haben (Stand: 17.12.)
+ Übertragung: Welche Rolle Aerosole spielen (Stand: 10.10.)
+ Übersterblichkeit: Wie tödlich ist das Coronavirus wirklich? (Stand: 30.12.)
+ Reisewarnung: Die aktuelle Liste der Risikogebiete (Stand 24.12.)

Die Dlf-Nachrichten finden Sie auch bei Twitter unter: @DLFNachrichten.