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Covid-19Wie gefährlich sind die neuen Mutationen des Coronavirus?

Fußgänger in London laufen an einer digitalen Anzeigentafel vorbei, auf der "Coronavirus-Fälle in London sehr hoch" steht (AFP/ Tolga Akmen)
Nach Angaben der britischen Behörden waren im Dezember 60 Prozent der Neuinfektionen in London durch die neue Virus-Variante verursacht worden (AFP/ Tolga Akmen)

In Großbritannien, Südafrika und Brasilien sind bereits neue Mutationen des Coronavirus entdeckt worden. Die britische Variante wurde inzwischen in rund 100 weiteren Ländern nachgewiesen und sorgt unter anderem in Portugal für extrem hohe Infektionszahlen. Auch in Deutschland sollen laut Gesundheitsminister Spahn über 20 Prozent aller Neuinfektionen mit dem Coronavirus auf die neue Variante zurückgehen. Politik und Wissenschaft sind aufmerksam bis alarmiert - auch die bis Anfang März verschärften Maßnahmen in Deutschland wurden zum Teil mit den neuen Varianten begründet. Doch wie gefährlich sind diese überhaupt? Darüber gibt es inzwischen mehr Erkenntnisse.

Um welche Mutationen geht es?

Dass Viren ständig mutieren, ist lange bekannt. Sars-CoV-2 ist keine Ausnahme, aber - verglichen etwa mit Grippeviren - eher langsam darin, überlebensfähige Varianten zu entwickeln. Auch hier sind inzwischen weltweit Varianten des Corona-Virenstamms bekannt, der zu Beginn der Pandemie beschrieben wurde. Die meisten davon haben keinen entscheidenden Einfluss auf die Ausbreitung des Virus.

Das ändert sich, wenn durch eine oder mehrere Mutationen ein Virustyp entsteht, der dem Erreger selektive Vorteile verschafft: etwa, indem er ansteckender, also schneller übertragbar wird, oder indem er die Fähigkeit entwickelt, dem Immunsystem auszuweichen, das ihn bekämpft. Man spricht dann von einer bedenklichen Variante, einer "Variant of Concern", kurz VOC. In diesem Zusammenhang stehen zurzeit mehrere Varianten von Sars-CoV-2 im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit:

Die erste wurde in Großbritannien entdeckt und wird VOC 2020/12/01 oder B.1.1.7 genannt. Sie hat mehrere Mutationen angesammelt. Die britische Regierung teilte zunächst mit, die Mutation sei bis zu 70 Prozent ansteckender als die bislang vorherrschende Variante - eine Zahl, die der Virologe Drosten im Deutschlandfunk als "Schätzwert" einstufte. Der Virologe Kekule sprach im DLF von einer etwa 20 bis 30 Prozent höheren Infektiösität, gemäß den Zahlen aus England. Ersten Erkenntnissen zufolge scheinen Menschen, die sich mit B.1.1.7 angesteckt haben, mehr Virus zu produzieren - was eine Ansteckung erleichtern könnte. Gesicherte Studien aber gibt es dazu noch nicht, wie der Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth im DLF betonte.

Die höhere Übertragbarkeit beruht nach heutigen Erkenntnissen im Wesentlichen auf einer Mutation des sogenannten Spike-Proteins, das an bestimmte Zellen im menschlichen Körper andockt. Weltweit wurde diese Variante nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO in mindestens 100 Ländern nachgewiesen, auch in Deutschland (Stand 17.2.). Der britische Premierminister Johnson sorgte mit der Aussage für Aufregung, dass B.1.1.7 wahrscheinlich auch mit einer höheren Sterblichkeitsrate verbunden sei.

Diese Aussage wurde von dem wissenschaftlichen Beratungsgremium "Nervtag" nun gestützt. In einer Auswertung von einem Dutzend Beobachtungs- und Modellstudien in Großbritannien hat sich demnach gezeigt, dass die Variante B.1.1.7 mit einem erhöhten Risiko für einen schweren und tödlichen Verlauf verbunden sein könnte. Auch in zwei weiteren Fallstudien wird über eine vermehrte Sterblichkeit berichtet: Die eine wird im Fachmagazin British Medical Journal vorgestellt, die andere im Fachblatt London School of Hygiene and Tropical Medicine. Sichere Angaben konnten jedoch nicht gemacht werden. Die Untersuchungen beziehen sich noch auf zu wenige Patienten für eine statistisch abgesicherte Aussage über den Verlauf von Infektionen mit unterschiedlichen Virenvarianten. Peter Horby, Professor für neu auftretende Infektionskrankheiten an der Universität Oxford und Vorsitzender von "Nervtag" betonte jedoch, dass die bisherigen Analysen gezeigt hätten, dass die Sterberate, bei Personen mit der B.1.1.7-Variante höher sei als bei Personen mit anderen Virusvarianten. Dennoch benötige man Ergebnisse weiterer Studien, um ein klares Bild zu gewinnen.

Eine zweite Mutation wurde bei genetischen Untersuchungen in Südafrika entdeckt. Das "European Center for Disease Prevention and Control", ECDC, führt sie unter der Bezeichnung 501.V2. Auch diese Variante wurde inzwischen in anderen Ländern nachgewiesen, darunter Deutschland, Österreich Großbritannien oder Frankreich. In Südafrika ist diese Virusvariante inzwischen für die meisten Ansteckungen verantwortlich. Laut ECDC gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass sie einen schwereren Krankheitsverlauf verursacht.

Eine weitere Mutation wurde in Brasilien entdeckt. Wie die Gesundheitsbehörde mitteilte, ist die Variante nicht identisch mit der britischen oder der südafrikanischen Mutation. Wissenschaftler nehmen an, dass die brasilianische Variante des Virus ansteckender ist als die ursprüngliche Form – ähnlich wie die in Großbritannien und Südafrika entdeckten Mutationen. Außerdem scheinen sich etwa im brasilianischen Manaus Menschen mit der neuen Variante anzustecken, die bereits eine Corona-Infektion hinter sich haben. Das steigert die Befürchtung, dass die bisher entwickelten Impfstoffe gegen diese Mutation nicht ausreichend schützen.

Große Besorgnis gibt es auch darüber, dass in Großbritannien erste Fälle der britischen Virus-Variante entdeckt wurden, die zusätzlich auch noch eine Genveränderung der südafrikanischen Viruslinie in sich tragen. Dadurch könnten diese Viren noch ansteckender sein und zudem Mehrfachinfektionen befördern, weil sich die neutralisierenden Antikörper nicht mehr so stabil an das Virus binden.

Was bedeutet das für die Entwicklung der Pandemie?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen ein Risiko in der mutmaßlich höheren Übertragbarkeit der Virusvarianten. Wenn sich mehr Menschen anstecken, könnte es in der Folge zu einer größeren Zahl von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen kommen, etwa, weil sich auch mehr Angehörige von Risikogruppen infizieren. Das durch die Einschleppung der beiden bedenklichen Virusvarianten verursachte Risko sei deshalb als hoch einzustufen, schreibt das ECDC. Die Forschenden warnen außerdem vor einer Überlastung der Gesundheitssysteme in den jeweiligen Ländern.

Auch Bund und Länder begründen die kürzlich beschlossene Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen unter anderem mit dem Verweis auf die Mutationen des Virus, die man "mit Besorgnis" betrachte. Demgegenüber verwies der Virologe Kekule darauf, dass die bestehenden Maßnahmen auch gegen eine ansteckendere Variante helfen würden - wenn sie denn konsequent umgesetzt würden. So sei die größere Ansteckungsgefahr wohl darauf zurückzuführen, dass es mehr Infizierte ohne Krankheitssymptome gebe und die Infizierten das Virus länger ausschieden. Kekule betonte, dass Maske und Abstand aber auch vor diesen Varianten schützen.

In Großbritannien gibt es Hinweise darauf, dass die neue Mutante die bekannte Virusvariante verdrängt. Auch in Portugal ist sie inzwischen für einen großen Teil der Ansteckungen verantwortlich. In Deutschland wächst der Anteil der Variante an den Neuansteckungen stark an. Laut Gesundheitsminister Spahn gehen inzwischen über 20 Prozent aller Neuinfektionen mit dem Coronavirus auf die neue Variante zurück. Allerdings ist der Nachweis der Mutation nur möglich, wenn der Genpool des Virus vollständig analysiert wird. In Deutschland ist das nicht standardmäßig der Fall, wird aber nun vermehrt angestrebt.

Benötigen wir neue Impfstoffe?

Der Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer schützt offenbar auch vor den in Großbritannien und Südafrika entdeckten Varianten des Coronavirus. Das geht aus einer Laborstudie des Herstellers Pfizer und der University of Texas hervor, die auf Servern für Forscher im Internet veröffentlicht wurde. Eine Überprüfung der Ergebnisse durch unabhängige Wissenschaftler steht allerdings noch aus.

Dass die Impfstoffe nun ihre Wirksamkeit einbüßten, sei nicht zu erwarten, schreibt DLF-Wissenschaftsjournalist Arndt Reuning in einem Kommentar. Es könnte sein, dass manche Antikörper an den mutierten Stellen des Virus weniger gut binden. Aber durch eine Impfung lerne das Immunsystem, den Erreger an verschiedenen Teilen zu erkennen. Und jenseits der Antikörper reagiere die Immunabwehr außerdem auch mit weißen Blutkörperchen auf Eindringlinge. Gerade dieser Arm des Immunsystems lasse sich von mutationsbedingten Veränderungen eines Erregers weniger stark beeindrucken.

Pessimistischere Töne kommen dagegen aus Großbritannien. Verkehrsminister Shapps sprach von einer "sehr großen Besorgnis unter den Wissenschaftlern", dass Impfstoffe auf die südafrikanische Variante des Virus nicht in gleicher Weise ansprechen könnten wie bei der Ursprungsform - ebenso wie bei der in Brasilien verbreiteten Mutante.

Derzeit führt Biontech Tests mit der neuen Variante und seinem Impfstoff durch. Biontech-Gründer Sahin sagte auf einer Pressekonferenz, "dass die Immunreaktion durch dieses Vakzin auch mit dem neuen Virus umgehen kann". Zudem lassen sich mRNA-Impfstoffe wie von Biontech oder Moderna an Mutationen anpassen. Ein solcher angepasster Impfstoff müsse dann allerdings neu zugelassen werden.

Eine Studie der Universitäten Witwatersrand und Oxford ist bei dem der Wirksamkeit des Impfstoffs von AstraZeneca bei der südafrikanischen Variante zu einem anderen Ergebnis gekommen: Das Mittel bietet offenbar nur begrenzten Schutz. Daher wurden Impfungen in Südafrika mit dem Wirkstoff unterbrochen. Die WHO warnte jedoch davor, das Impfmittel von AstraZeneca vorschnell aufzugeben.

(Stand: 17.2.2021)

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