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Covid-19Wie hoch die Dunkelziffer bei den Coronavirus-Infektionen ist

Menschen sitzen mit Schutzmasken in der U-Bahn von Peking/China (MAXPPP)
Menschen mit Schutzmasken in der U-Bahn von Peking/China (MAXPPP)

Weltweit sind nach Angaben der Johns Hopkins University mehr als 15 Millionen Menschen nachweislich an einer Coronavirus-Infektion erkrankt. Klar ist, dass die offiziell angegebenen Zahlen die Realität nicht ganz widerspiegeln und es eine Dunkelziffer gibt. Zu deren Höhe gibt es verschiedene Berechnungen.

Die Bestimmung der Dunkelziffer ist schwierig. Mit Blick auf die Corona-Pandemie liegt das unter anderem daran, dass sehr viele Infektionen milde verlaufen. Und wer gar nicht merkt, dass er sich infiziert hat, lässt sich in der Regel auch nicht testen und isoliert sich nicht.

Deutschlandfunkf-Wissenschaftsredakteur Volkart Wildermuth teilt die Menschen, die sich zwar infiziert haben, aber noch nicht in der Statistik auftauchen, in drei Kategorien ein: Personen, die positiv getestet wurden, aber noch nicht offiziell dokumentiert sind. Menschen, die "systematisch übersehen werden". Und die, die erst mit Zeitverzug bemerken, dass sie sich infiziert haben, sagte Wildermuth im Deutschlandfunk.

Die Epidemiologin Nicola Low von der Universität Bern geht davon aus, dass der Anteil der Corona-Infizierten, die keine Symptome haben, bei 20 bis 30 Prozent liegt. Die Zahlen aus unterschiedlichen Studien zu dem Thema schwanken insgesamt erheblich. 

Das RKI erforscht die Verbreitung anhand mehrerer Antikörper-Studien

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Wieler, hatte anfänglich noch erklärt, es gebe keinen Anlass, in Deutschland von einer besonders hohen Dunkelziffer auszugehen, weil hierzulande schon früh mit Tests begonnen worden sei und generell sehr viel getestet werde. Wie für andere Länder rechnen Experten inzwischen aber auch in Deutschland mit einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fälle.

Um die tatsächliche Verbreitung des Corona-Virus zu untersuchen, führt das RKI mehrere Studien durch, sowohl bundesweit als auch an besonders betroffenen Orten. Untersucht wird unter anderem, ob sich im Blut der Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen Antikörper gegen Sars-CoV-2 nachweisen lassen. Damit soll ermittelt werden, wie viele Menschen eine Infektion durchgemacht haben.

Für eine dieser Studien, die sogenannte "Serologische Untersuchung an Blutspendern in Deutschland", liegt seit Ende Juni ein Zwischenergebnis vor. Der Anteil positiv Getester ist laut RKI mit 1,3 Prozent gering, weswegen ein Großteil der Bevölkerung weiterhin für eine Infektion empfänglich sei. Noch bis Ende September werden für die Studie alle 14 Tage jeweils circa 5.000 anonyme Restproben von Blutspenden aus 28 Regionen in ganz Deutschland auf Antikörper untersucht werden. 

Weitere Studien geben Hinweise auf das Ausmaß der Verbreitung

Der Ski-Ort Ischgl in Österreich galt als einer der ersten Corona-Hotspots. Eine Antikörper-Studie der Medizinischen Universität Innsbruck hat ergeben, dass etwa 42 Prozent der knapp 1.500 getesteten Bürger Antikörper auf das Coronavirus gebildet haben. Der Anteil der durch die Studie positiv Getesteten liege damit etwa sechs Mal, bei Kindern sogar zehn Mal höher, als die Zahl der zuvor mittels PCR positiv getesteten Personen. Damit betrage die Rate der offiziell gemeldeten Fälle nur 15 Prozent der de facto Infizierten.

Auch die "Heinsberg-Studie" in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Gangelt kam zu dem Ergebnis, dass die Dunkelziffer der Coronavirus-Infektionen bundesweit um den Faktor zehn größer sein könnte, als die Zahl der offiziell gemeldeten Fälle. In Gangelt im Kreis Heinsberg hatten sich Mitte Februar auf einer Karnevalssitzung zahlreiche Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Ein Forschungsteam der Universität Bonn um den Virologen Hendrik Streeck hatte 919 Studienteilnehmer aus 405 Haushalten befragt und auf Corona getestet.

Allerdings ist umstritten, wie valide die Ergebnisse der Studie sind. Als Anfang April erste Ergebnisse veröffentlicht wurden, kam bereits Kritik auf. So soll unter anderem nicht klar sein, wie genau die von den Forschenden verwendeten Antikörper-Tests und somit die Ergebnisse sind. Die meisten Antikörper-Tests galten bislang als ungenau, weil sie zum Teil auch bei Antikörpern gegen andere Coronaviren anschlagen. 

Antikörper-Tests sind nicht der einzige Weg

Hinzu kommt, dass Antikörpertests womöglich nicht ausreichen, um den Grad der Durchseuchung in der Bevölkerung zu ermitteln. Der Körper könne auf zwei Wegen auf eine Virusinfektion reagieren, berichtet zum Beispiel die Sendung "Forschung aktuell". Erstens durch die Produktion von Antikörpern, die in den sogenannten "seroepidemiologischen Studien" gemessen werden, wie sie auch das RKI durchführt. Und zweitens durch eine "T-Zell Antwort", bei der spezialisierte Immunzellen die Viren angreifen. Der Nachweis dieser auch "zelluläre Immunantwort" genannten Reaktion ist deutlich komplizierter als der von Antikörpern im Blut.

Weltweit ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung geht davon aus, dass es in den zehn am meisten betroffenen Ländern im Schnitt vier mal so viele Infizierte wie bestätigte Fälle gibt. Die Ergebnisse einer demographischen Modellrechnung, die im Juni veröffentlich wurden, beziehen sich auf Fall-Zahlen aus dem Frühjahr. Demnach lag die Zahl der Infizierten laut MPI in Deutschland rund 1,8 Mal höher als die bestätigte Zahl. In Italien hätten sich gemäß dieser Rechnung sechs Mal so viele Menschen angesteckt wie offiziell gemeldet wurde, erklärt das MPI. Bezogen auf die Vereinigten Staaten gehen die Forschenden aus Helsinki und Rostock von mehr als doppelt so vielen Infizierten wie gemeldeten Fällen aus.

Eine Modellrechnung ist ebenso die Grundlage für eine Dunkelzifferstudie, die ein chinesisches Forscherteam der "Huazhong University of Science and Technology" in Wuhan kürzlich in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht hat. Sie haben die Ausbreitungsdynamik des Coronavirus im Zeitraum Januar bis März rekonstruiert, als die Pandemie in der chinesischen Stadt ausgebrochen ist. Die Forscher schätzen, dass möglicherweise bis zu 87 Prozent der Infektionen nicht festgestellt worden sind, asymptomatische und milde Verläufe eingeschlossen. 

Forscherinnen und Forscher der Columbia University kamen schon früher auf eine ähnlich dramatische Dunkelziffer. Die Daten für ihre Berechnungen stammten ebenso aus der frühen Phase der Pandemie in China, als es noch keine Kontaktbeschränkungen gab. Die im Fachmagazin "Science" veröffentlichten Studie kam zu dem Ergebnis, dass etwa 86 Prozent der Fälle unentdeckt blieben.

(Stand 25.7.)

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