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Covid-19Wie hoch die Dunkelziffer bei den Coronavirus-Infektionen ist

Passanten mit Mundschutz spiegeln sich in einem Schaufenster, Bayern, Deutschland (imago / Ralph Peters)
Wer nicht getestet wird, taucht auch nicht in der Statistik auf (imago / Ralph Peters)

Weltweit haben sich nach Angaben der Johns Hopkins University fast 26 Millionen Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Klar ist, dass die offiziell angegebenen Zahlen die Realität nicht ganz widerspiegeln und es eine Dunkelziffer gibt. Zu deren Höhe gibt es verschiedene Berechnungen.

Generell gilt: Die Bestimmung der Dunkelziffer ist schwierig. Mit Blick auf die Corona-Pandemie liegt das unter anderem daran, dass sehr viele Infektionen mild verlaufen. Und wer gar nicht merkt, dass er sich infiziert hat, lässt sich in der Regel auch nicht testen und isoliert sich nicht. Die Epidemiologin Nicola Low von der Universität Bern geht etwa davon aus, dass der Anteil der Corona-Infizierten, die keine Symptome haben, bei 20 bis 30 Prozent liegt. Die Zahlen aus unterschiedlichen Studien zu dem Thema schwanken insgesamt aber erheblich. In Studien des Robert Koch-Instituts (RKI) in Hot-Spots hatten 15 bzw. gut 16 Prozent der Infizierten keinerlei Symptome.

Die Dunkelziffer hängt zudem davon ab, wie viel und wer getestet wird: Werden in einem Ort oder Betrieb alle Menschen regelmäßig getestet oder nur die, die Symptome haben oder reichen die Tests - wie in manchen Ländern schon vorgekommen - selbst dafür nicht? Und: Die Dunkelziffer wird auch dadurch beeinflusst, welche Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung getroffen werden, wie Claudia Santos Hövener vom RKI in der Sendung "Forschung aktuell" erklärte.

Studien untersuchen Dunkelziffer anhand von Antikörper-Nachweisen

RKI-Präsident Wieler hatte anfänglich noch erklärt, es gebe keinen Anlass, in Deutschland von einer besonders hohen Dunkelziffer auszugehen, weil hierzulande schon früh mit Tests begonnen worden sei und generell sehr viel getestet werde. Wie für andere Länder rechnen Experten inzwischen aber auch in Deutschland mit einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fälle.

Um die tatsächliche Verbreitung des Coronavirus zu untersuchen, führt das RKI mehrere Studien durch, sowohl bundesweit als auch an besonders betroffenen Orten. Untersucht wurden und werden unter anderem, ob sich im Blut der Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen Antikörper gegen Sars-CoV-2 nachweisen lassen. Damit soll ermittelt werden, wie viele Menschen eine Infektion durchgemacht haben. Das RKI hat demnach in den Hot-Spots Bad Feilnbach und Kupferzell verschiedene Dunkelziffern gemessen: In Bad Feilnbach war die Zahl der tatsächlichen Infektionen 2,6-fach höher, in Kupferzell 3,9-fach. Allerdings wies das RKI darauf hin, dass diese Zahlen aus den Hot-Spots nicht auf ganz Deutschland übertragbar sind.

Für die sogenannte "Serologische Untersuchung an Blutspendern in Deutschland" liegt seit Ende Juni ein Zwischenergebnis vor. Dort wurden bei 1,3 Prozent der Untersuchten Antikörper gegen Sars-CoV-2 nachgewiesen. Der Anteil sei gering, weswegen ein Großteil der Bevölkerung weiterhin für eine Infektion empfänglich sei, hieß es. Die Daten sind allerdings nicht für die Allgemeinbevölkerung repräsentativ. Noch bis Ende September werden für die Studie alle 14 Tage jeweils circa 5.000 anonyme Restproben von Blutspenden aus 28 Regionen in ganz Deutschland auf Antikörper untersucht werden.

Die "Heinsberg-Studie" in der im gleichnamigen Kreis gelegenen nordrhein-westfälischen Gemeinde Gangelt kam zu dem Ergebnis, dass die Dunkelziffer der Coronavirus-Infektionen bundesweit um den Faktor zehn größer sein könnte, als die Zahl der offiziell gemeldeten Fälle. In Gangelt im Kreis Heinsberg hatten sich Mitte Februar auf einer Karnevalssitzung zahlreiche Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Allerdings ist umstritten, wie valide die Ergebnisse der Studie sind. Als Anfang April erste Ergebnisse veröffentlicht wurden, kam bereits Kritik auf. So soll unter anderem nicht klar sein, wie genau die von den Forschenden verwendeten Antikörper-Tests und somit die Ergebnisse sind.

Nicht jeder Infizierte bildet Antikörper

Inzwischen ist allerdings bekannt, dass die Zahl der Antikörper bei vielen Menschen zwei bis drei Monate nach der Infektion absinkt beziehungsweise manche Menschen anscheinend keine Antikörper bilden. Bei der Studie in Bad Feilnbach etwa berichtete das RKI, dass bei rund 40 Prozent der Menschen, bei denen zuvor eine Coronainfektion nachgewiesen wurde, keine Antikörper mehr im Blut waren. In Kupferzell war das bei gut 28 Prozent der Fall. Wie die Sendung "Forschung aktuell" berichtet, reagiert der Körper auf das Virus auch mit einer "T-Zell-Antwort", bei der spezialisierte Immunzellen die Viren angreifen. Der Nachweis dieser auch "zelluläre Immunantwort" genannten Reaktion ist deutlich komplizierter als der von Antikörpern im Blut.

Weitere Studien geben Hinweise auf das Ausmaß der Verbreitung

Der Ski-Ort Ischgl in Österreich galt als einer der ersten Corona-Hotspots. Eine Antikörper-Studie der Medizinischen Universität Innsbruck hat ergeben, dass etwa 42 Prozent der knapp 1.500 getesteten Bürger Antikörper auf das Coronavirus gebildet haben. Der Anteil der durch die Studie positiv Getesteten liege damit etwa sechs Mal, bei Kindern sogar zehn Mal höher, als die Zahl der zuvor mittels PCR-Verfahren positiv getesteten Personen.

Zu einem ähnlichen Wert kam eine Untersuchung in Italien. Das Gesundheitsministerium und das Statistikamt veröffentlichten Anfang August eine Studie, nach der knapp 1,5 Millionen Menschen im Land Antikörper gegen das Virus entwickelt haben, also schon einmal infiziert waren. Nach Daten der Johns Hopkins Universität gab es zu diesem Zeitpunkt knapp 250.000 nachgewiesene Fälle in Italien. Demnach wären rund 2,5 Prozent der italienischen Bevölkerung schon einmal mit dem Coronavirus infiziert gewesen - rund sechs Mal so viele wie bisher bekannt.

Modellrechnungen zur Dunkelziffer zu Beginn der Pandemie

Das Max-Planck-Institut (MPI) für demografische Forschung geht davon aus, dass es zu Beginn der Pandemie in den zehn am meisten betroffenen Ländern im Schnitt vier mal so viele Infizierte wie bestätigte Fälle gab. Die Ergebnisse einer demographischen Modellrechnung, die im Juni veröffentlich wurden, beziehen sich auf Fall-Zahlen aus dem Frühjahr. Demnach lag die Zahl der Infizierten laut MPI in Deutschland rund 1,8 Mal höher als die bestätigte Zahl. In Italien hätten sich gemäß dieser Rechnung sechs Mal so viele Menschen angesteckt wie offiziell gemeldet wurde, erklärt das MPI. Bezogen auf die Vereinigten Staaten gingen die Forschenden aus Helsinki und Rostock von mehr als doppelt so vielen Infizierten wie gemeldeten Fällen aus.

Eine Modellrechnung ist ebenso die Grundlage für eine Dunkelzifferstudie, die ein chinesisches Forscherteam der "Huazhong University of Science and Technology" in Wuhan in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht hat. Sie haben die Ausbreitungsdynamik des Coronavirus im Zeitraum Januar bis März rekonstruiert, während dem die Pandemie in der chinesischen Stadt begonnen hatte. Die Forscher schätzen, dass möglicherweise bis zu 87 Prozent der Infektionen nicht festgestellt worden sind - asymptomatische und milde Verläufe eingeschlossen. 

Forscherinnen und Forscher der Columbia University kamen schon früher auf eine ähnlich hohe Dunkelziffer. Die Daten für ihre Berechnungen stammten ebenso aus der frühen Phase der Pandemie in China, als es noch keine Kontaktbeschränkungen gab. Die im Fachmagazin "Science" veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass zu diesem Zeitpunkt etwa 86 Prozent der Fälle unentdeckt blieben.

(Stand 02.09.)

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