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StartseiteSprechstundePsychotherapie erfolgreicher als medikamentöse Behandlung13.09.2016

Crystal MethPsychotherapie erfolgreicher als medikamentöse Behandlung

Es ist ein Pulver, das aus kleinen Kristallen besteht und daher hat es auch seinen Namen: Crystal Meth. Auf dem Deutschen Suchtkongress, der gerade in Berlin stattfand, war die gefährliche Droge ein wichtiges Thema. Ein Ergebnis: Experten bewerten Psychotherapien höher als Medikamente, wenn es um den Kampf gegen Abhängigkeit geht.

Von Christina Sartori

(picture alliance / dpa)
Crystal Meth neben einer typischen Pfeife. Die Droge wird oft geraucht. (picture alliance / dpa)
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Egal ob als Tablette geschluckt, als Pulver geschnupft, geraucht oder gespritzt: Crystal Meth verdrängt Hunger, Schmerz, Angst und vor allem Müdigkeit. Es ist ein Amphetamin, ein Aufputschmittel, und zwar ein sehr billiges. Das macht es für manche Menschen so attraktiv:

"Der klassische Konsument von Crystal Meth ist eigentlich erst mal der unauffällige Konsument, der dieses Amphetamin benutzt, um sich arbeitsfähig zu halten, der das Gefühl hat: Iich kann mich auf eine Prüfung besser vorbereiten, ich kann meine Leistungsfähigkeit erhöhen."

Einige dieser Konsumenten schaffen es über Jahre, Crystal Meth sporadisch, nicht regelmäßig zu nehmen, sagt Falk Kiefer, Professor für Suchtforschung an der Universität Heidelberg. Doch mit jedem Mal wächst die Abhängigkeit.

"Immer schwieriger, den Konsum wegzulassen"

 "Und irgendwann wird es immer schwieriger, diesen Konsum wegzulassen. Und dann kann man Krankheitsstadien erreichen, die so schlimm sind, wie man von diesen typischen Bildern kennt, mit den ausgefallenen Zähnen und den schwer beeinträchtigten Personen."

Nicht nur die Zähne, auch das Gehirn und andere Organe schädigt Crystal Meth, es kann zu Paranoia und Depressionen führen. Wie aber hilft man Süchtigen, von dem Amphetamin wieder loszukommen? Ein Expertengremium hat dazu internationale und nationale Studien ausgewertet und festgestellt: Medikamente helfen hier nicht weiter, fasst der Psychologe Professor Stephan Mühlig von der TU Chemnitz zusammen:

"Wir müssen sagen, es gibt relativ wenige Studien und die Studien, die es gibt, sind nicht zu überzeugenden Ergebnissen gekommen. Sodass man sagen kann: Es bleiben eigentlich nur zwei Wirkstoffgruppen übrig, die überhaupt in Frage kommen, aber in beiden Bereichen ist die Befundlage noch nicht so überzeugend, dass man sie rundum empfehlen kann. Und die Effekte sind auch schwächer, als bei den Psychotherapien und psychosozialen Angeboten."

Es gibt eine ganze Palette von verschiedenen Psychotherapien und psychosozialen Angeboten, von der kognitiven Verhaltenstherapie bis hin zur familienorientierten Unterstützung im Alltag – welche ist nun die wirksamste?

"Das hängt sehr davon ab: Es gibt sehr unterschiedliche Konsumentengruppen mit völlig heterogenen Voraussetzungen und Motivationslagen, das kann man so pauschal schlecht beantworten."

Eine Gruppe sticht heraus: junge Mütter

Manager, Arbeitslose, Partygänger - Crystal Meth wird von sehr unterschiedlichen Typen konsumiert, die auch unterschiedlich behandelt werden müssen. Eine Gruppe sticht dabei heraus: junge Mütter – denn hier schädigt der Drogenkonsum gleich zwei Menschen, Mutter und Kind. Dazu kommt: Crystal Meth fördert ungewollte Schwangerschaften. Einmal, weil durch die Droge der Menstruationszyklus gestört wird und eine drogenabhängige Frau keine Ahnung haben kann, an welchen Tagen sie unbedingt verhüten sollte. Einen weiteren Faktor erklärt Diplom Psychologe Frederik Haarig von der TU Chemnitz:

"Zudem ist man unter Crystal auch viel risikobereiter, sodass man auch ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, und damit steigt auch die Anzahl der Schwangerschaften, die ungewollt sind."

Risiko Fehl- oder Totgeburt

Wenn eine Schwangere Crystal Meth konsumiert, dann riskiert sie damit eine Fehl- oder Totgeburt. Oder es kommt zu Entwicklungsstörungen beim Neugeborenen. Und auch später leidet ein Kind, wenn die Mutter süchtig ist, beschreibt Frederik Haarig:

"Crystal Meth geht vor allem mit sehr starken Gewaltdurchbrüchen einher, das heißt, es gibt sehr viel Aggressivität, die hier an der Tagesordnung ist. Da gibt es auch Befunde, die das nahelegen, das durchaus Crystal mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Kindeswohlgefährdungen und dann auch Inobhutnahmen einhergehen kann. Und das Zweite ist einfach die Vernachlässigung der Kinder."

Denn wer durch die Droge zum Beispiel drei Tage lang nicht schläft, der muss danach den Schlaf nachholen. Außerdem wirkt Crystal Meth auf das Gehirn, schränkt mehr und mehr die Fähigkeit ein, selbst einfache Alltagsaufgaben zu erledigen – geschweige denn, sich um ein Baby zu kümmern.

Süchtige Mütter so früh wie möglich beraten und unterstützen

Deswegen ist es besonders wichtig, süchtige Mütter so früh wie möglich zu beraten, zu unterstützen – und zu beobachten. Je früher das geschieht – vor oder während der Schwangerschaft –, desto größer die Chance, dass die Mutter das Angebot auch annimmt. Wichtig ist, dass die verschiedenen Institutionen, die hier beteiligt sind, zusammen arbeiten. Zum Beispiel in dem das Krankenhaus das Jugendamt verständigt, wenn das Baby geboren wird.

"Bei dieser Zielgruppe, junge Mütter, muss dieses Konzept eher an die Leute herangetragen werden. Und da geht es nicht nur um das Fördern, dass man da ist, um die Eltern irgendwo abzuholen und zu unterstützen, sondern es geht auch um das Fordern. Das Fordern bedeutet: Man muss den Eltern auch klar und deutlich sagen: Wenn ihr an der Situation nichts ändert, und wenn ihr an eurem Konsum nichts ändert, dann wird es irgendwann mit Konsequenzen einhergehen."

Ein Kind aus seiner Familie zu nehmen, ist stets der letzte Schritt – doch manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Wenn die Droge Crystal Meth nicht nur das Leben Mutter, sondern auch das Leben ihres Kindes zu zerstören droht.

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