Freitag, 22.10.2021
 
Seit 05:30 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heute"Da sind erhebliche Schwachstellen"19.10.2010

"Da sind erhebliche Schwachstellen"

Architekt kritisiert mangelnde Transparenz bei Stuttgart 21

Laut Peter Conradi habe man bei dem Bauprojekt Stuttgart 21 von Anfang an versäumt, die Ziele des Vorhabens transparent zu machen und über Alternativen zu reden. Das Baugesetzbuch des Bundes schreibe aber vor, dass auch andere Lösungen zu erörtern sind.

Peter Conradi im Gespräch mit Beatrix Novy

Conradi: Protest gegen "Stuttgart 21" ist gerechtfertigt. (AP)
Conradi: Protest gegen "Stuttgart 21" ist gerechtfertigt. (AP)

Beatrix Novy: Seit der Kampf der vielen Stuttgarter Bürger gegen die Großplanung des neuen Durchgangsbahnhofs, kurz "Stuttgart 21", immer erstaunlichere Formen und Dimensionen angenommen hat, hat das Lager der Befürworter des Projekts zwei grundsätzliche Argumentationslinien in die Debatte darum eingezogen: einmal das Muster, hier demonstrieren egoistisch saturierte Bürger gegen Zukunftsfähigkeit. Dazu könnte man fragen, warum zukunftsfreudige Städte wie München und Frankfurt ähnliche Planungen verwarfen. Und zum anderen grassiert der Vorwurf, hier gehe es um ein grundsätzlich bedrohliches Aushebeln demokratischer Prozesse. Schließlich geht ja die Planung von "Stuttgart 21" auf die frühen 90er-Jahre zurück. Peter Conradi, ehemaliger Präsident der Bundesarchitektenkammer, Stuttgarter Bürger und "21"-Gegner, Peter Conradi habe ich das gefragt: Warum wurden denn die Gelegenheiten zum zivilen Einspruch nicht viel früher wahrgenommen? Die Bürger in Stuttgart hatten doch diese Gelegenheit.

Peter Conradi: Nein, das ist nicht so. Vor 16 Jahren wurde das Projekt in einem Hauruckverfahren vorgestellt, es war ausgearbeitet in wichtigen Teilen und wir waren alle völlig verblüfft, und erst im Laufe der Jahre sind wir dann auf die Schwachstellen gekommen, auch die Fehler in der Planung. Die Planung wurde auch nach und nach verdeutlicht. Aber es hat von Anfang an keine Möglichkeit bestanden, über Alternativen zu reden: Gibt es andere Lösungsmöglichkeiten, was sind die Ziele?

Novy: Warum nicht?

Conradi: Weil sich die Bahn zusammen mit dem Land und der Stadt festgelegt hatten auf eine Lösung. Und wenn Sie das etwa vergleichen mit Planungsvorhaben der Schweiz, insbesondere der Schweizer Bundesbahn, dann wird dort zuerst einmal gefragt, was sind die Ziele und wie erreichen wir die Ziele, und das wird mit den Leuten öffentlich besprochen. Der jetzt so gerühmte Gotthardtunnel ist ja durch mehrere Volksabstimmungen gegangen. Das heißt, dort entwickelt man solche Planungen schrittweise, immer im Kontakt mit der Bevölkerung.

Novy: Das heißt, es gibt keine Bürgerbeteiligung in dem Sinn, dass die Bürger eingeladen werden, aktiv angesprochen werden, sich zu beteiligen?

Conradi: Das gab es erst sechs Jahre später bei dem Planfeststellungsverfahren. Da war ich dabei. Aber die Planfeststellungsbehörde, das Regierungspräsidium in diesem Fall, hat nur einen Teil der Einwendungen zugelassen, die auch Detailfragen betrafen. Die meisten wurden abgelehnt. Auch später der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hat dann entschieden, immer aufgrund der vorliegenden Planung. Aber das Interessante ist ja zu fragen: Was will ich erreichen, etwa für den Güterzugverkehr, etwa für den Regionalverkehr, und gibt es dazu Alternativen? Im Baugesetzbuch des Bundes heißt es, dass auch andere Lösungen zu erörtern sind. Das heißt, dass man nicht von Anfang an festlegt, so sieht es aus und jeder, der jetzt kommt und was sagt, der wird niedergeschrien oder rausgeschmissen.

Novy: Also ich muss jetzt noch mal nachfragen. Es war also nicht möglich, grundsätzliche Einwände nachzutragen, sondern das war alles schon gelaufen? Was man noch machen konnte, war, um bestimmte Korrekturen ansuchen?

Conradi: Das ist richtig. Wir haben dann im Laufe der weiteren Jahre Alternativen vorgeschlagen und haben dazu auch Bahnfachleute bekommen, pensionierte und Fachleute, die mit uns das erarbeitet haben, aber die Bahn, das Land und die Stadt haben sich schlicht geweigert, die auch nur zur Kenntnis zu nehmen und mit uns zu prüfen.

Novy: Was war denn der Grund dafür? Warum hat die Stadt nicht schon vorher Alternativplanungen zu einer so weit reichenden Umgestaltung in Auftrag gegeben?

Conradi: Die Stadt hat sich nur verantwortlich gefühlt für die Planung der frei werdenden Flächen, aber nicht für die Bahnplanung. Da hat sie gesagt, das gehe sie nichts an, sondern die hat sie akzeptiert - das Land desgleichen. Und das Ärgernis ist einfach, dass Alternativen von vornherein ausgeschlossen werden, niedergemacht werden, auch in der Öffentlichkeit, und daher kommt ja auch der große Ärger in Stuttgart, dass die Leute sich jetzt falsch informiert fühlen, dass sie ein großes Misstrauen haben gegenüber den Kosten, die Baugrundrisiken. Das ist ja erst alles Tröpfel-Tröpfel an die Öffentlichkeit gekommen – meistens durch uns, die Gegner. Dann hat die Bahn erst mal geschrien, das ist ja alles Quatsch, oder das Land hat gesagt, der Bundesrechnungshof, die hätten keine Ahnung, um dann nach und nach dann doch einräumen zu müssen, das war richtig, die Bedenken, da sind erhebliche Schwachstellen.

Novy: Peter Conradi zu den ersten Jahren des Prozesses der Planung zu "Stuttgart 21".

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk