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StartseiteCampus & Karriere"Da werden wirklich Zehntausende jährlich in den nächsten Jahren abgelehnt werden"17.07.2013

"Da werden wirklich Zehntausende jährlich in den nächsten Jahren abgelehnt werden"

Studierendenvertreter: Bildungsministerin "verschließt die Augen" vor Problem mit Masterstudienplätzen

Die Erfolgsmeldung von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) zur Situation der Masterstudienplätze schaffe einen falschen Eindruck, sagt Erik Marquardt. Der Studierendenvertreter meint, es gebe zu wenig Studienplätze und die Hürden für einen Masterplatz seien zu hoch.

Erik Marquardt im Gespräch mit Kate Maleike

Bundesbildungs-ministerin Johanna Wanka (CDU) sieht sich durch eine Studie in ihrer Arbeit bestätigt. (picture alliance / dpa / Ole Spata)
Bundesbildungs-ministerin Johanna Wanka (CDU) sieht sich durch eine Studie in ihrer Arbeit bestätigt. (picture alliance / dpa / Ole Spata)

Kate Maleike: Fast alle machen ihren Master im Wunschfach und am Wunschort. Mit dieser Überschrift flatterte heute eine Nachricht ins Haus, die vom HIS stammt, vom Institut für Hochschulforschung in Hannover. Im Auftrag des Bundesbildungsministeriums hatte man eine erste bundesweite Befragung unter denjenigen gemacht, die gerade ein Masterstudium beginnen. 95 Prozent also studieren demnach ihr Wunschfach und mehr als drei Viertel sogar an der gewünschten Hochschule. Aber wie kann das eigentlich sein? Gibt es nicht auch Berechnungen und immer wieder Studien darüber, dass wir großen Mangel an Masterstudienplätzen in Deutschland haben? Und auch eine große Kritik daran gibt es immer wieder? Fragen wir also nach beim fzs, beim freien zusammenschluss von studentInnenschaften in Deutschland, beim Vorstandsmitglied Erik Marquardt. Guten Tag, Herr Marquardt!

Erik Marquardt: Guten Tag!

Maleike: Welche Meinung haben Sie denn zu den heute vorgelegten Zahlen?

Marquardt: Ja gut, also, man muss sich mal genau angucken, was das HIS da gefragt hat und wen es eigentlich auch gefragt hat. Erst mal ist es ja so, dass die Zahlen im Wintersemester 11/12 erhoben wurden, das ist immerhin auch zwei Jahre her und seitdem ist viel passiert, zum anderen haben sie auch Masterstudierende im ersten Fachsemester gefragt. Das heißt also, wenn man wissen will, wer nicht in den Master kommt oder wer eben sehr unzufrieden ist, weil er gar keinen Studienplatz hat, dann ist es nicht besonders sinnvoll, die Masterstudierenden zu befragen. Das ist ein bisschen so, als würde man versuchen herauszufinden, wie viel Obdachlose es gibt, und dazu Reihenhausbesitzer fragen.

Maleike: Das heißt, wir haben eine große Schattenzahl. Welche Zahl haben Sie dem entgegenzusetzen?

Marquardt: Ich muss da ein bisschen ehrlicher sein als das Bundesministerium und das HIS. Ich möchte denen jetzt nicht vorwerfen, dass sie die Zahlen falsch erhoben haben, aber es ist eben auch gar nicht so leicht herauszufinden, wer in der Gesellschaft gerade herumwandert und keinen Studienplatz bekommt. Ich denke aber, dass man da durchaus von größeren sechsstelligen Zahlen sprechen kann, wenn man die Bachelorstudierenden noch mit einzählt, aber auch im Master wird sich die Situation dann noch verschlechtern. Es ist ja so, dass sehr viele Bachelorstudierende anfangen momentan und die Zahl der Masterstudienplätze sich dem überhaupt nicht anpasst. Da werden wirklich Zehntausende jährlich in den nächsten Jahren abgelehnt werden und die werden eben nicht ihr Wunschstudium machen können. Und da kann Frau Wanka momentan zwar was dran ändern, allerdings verschließt sie eher die Augen, wie mir scheint.

Maleike: Das heißt, diese Meldung ist ein bisschen zu rosarot nach Ihrem Geschmack?

Marquardt: Ja, rosarot, das trifft es vielleicht gar nicht so schlecht. Ich meine, wir sind ja mitten im Wahlkampf, da braucht man ab und zu anscheinend Erfolgsmeldungen. Ich finde es einfach ein bisschen schade, dass man nicht endlich die Chance nutzt und auch wirklich, wenn die Kultusministerkonferenz zum Beispiel das Problem anspricht, dass man dort eben auch reagiert, dass man mehr Studienplätze nicht nur im Bachelor, sondern auch im Master schafft und dass man sich der Lebensrealität der Studierenden auch stellt. Es ist eben nicht so, dass alle momentan besonders zufrieden sind mit ihrem Studienfach und ihrer Studienfachwahl, sondern es ist eben so, dass viele überhaupt nicht mal die Chance haben, in irgendein Studium hereinzukommen. Und vielleicht sollte man sich im Fokus dann auch eher dem widmen.

Maleike: Damit sind wir schon beim Motiv für den Master. Nach 85 Prozent, zumindest ist das eine Zahl, die das Zentrum für Hochschulentwicklung kürzlich veröffentlicht hat, gehen die Studierenden in den Master, weil sie das Bachelorstudium als nicht ausreichend empfinden, als zu defizitär. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Marquardt: Ja, das muss man natürlich von Fach zu Fach betrachten. Es gibt durchaus Fächer, in denen die Studierenden auch nach dem Bachelor schon teilweise finden, dass sie das Masterstudium nicht unmittelbar anschließen müssen. In den allermeisten Fächern allerdings ist es so, dass momentan mit dem Bachelor einfach keine guten Perspektiven bestehen und die Studierenden sich nicht so fühlen, als hätten sie schon fertig studiert. Momentan wird da so reagiert, dass man sagt, okay, also, wir wollen den Bachelor attraktiver gestalten, das heißt, wir wollen mehr Bachelorabsolventinnen und -absolventen in den Beruf schicken und wir machen das so, indem wir relativ wenig Masterplätze anbieten. Das ist ja sozusagen auch die hochschulpolitische Leitlinie, die sich in Finanzierungskonzepten und so niederschlägt, dass man da eben eine Hürde aufbaut zum Master. Und ich glaube, dass man das einfach so nicht machen kann. Wenn die Studierenden etwas studieren wollen, dann ist ihr gutes Recht, das auch im Grundgesetz verankert ist, und dann sollte man sich eben auch nicht nur dem widmen, was man gerne hätte, sondern auch, was die Studierenden gerne hätten. Das passiert momentan überhaupt nicht. Ich denke, wir müssen da zum einen schauen, wie man wirklich auch dafür sorgen kann, dass die Bachelorstudien sinnvolle Studiengänge sind, und wie man dann zum anderen schauen kann, dass die, die einen Master anschließen wollen, ihn auch machen können.

Maleike: Wie schwierig ist denn tatsächlich der Weg zum Masterplatz?

Marquardt: Ja, das muss man auf verschiedenen Ebenen betrachten. Zum einen ist das BAföG, die Studienfinanzierung allgemein noch nicht wirklich Bologna-tauglich, da gibt es beim Übergang zwischen Bachelor und Master große Probleme; zum anderen ist es auch so, dass die Hochschulen natürlich bemerken, dass es da einen Mangel an Masterstudienplätzen gibt, die sie anbieten können, und dass sie da vor allem ihre eigenen Absolventinnen und Absolventen bevorzugen wollen. Das ist eine relativ natürliche Reaktion, die aber natürlich dem Bologna-Prozess total entgegensteht. Das heißt, Mobilität wird eigentlich verhindert durch bestimmte Zugangsvoraussetzungen, dann werden schon, ohne die Kapazitäten zu betrachten, bestimmte Mindestnoten festgelegt, es wird festgelegt, dass man beispielsweise bestimmte Leistungspunkte in bestimmten Fächern, die nur an der eigenen Hochschule angeboten werden, belegt haben muss, um überhaupt ins Bewerbungsverfahren beim Master zu kommen. Wenn man es dann ins Bewerbungsverfahren geschafft hat, dann ist es eben teilweise so, dass sich dort deutlich mehr Leute bewerben, als es Plätze gibt, und da entstehen schon durchaus dann auch NCs von unter 2,0. Es ist einfach so, dass in bestimmten Fächergruppen dort große Probleme momentan existieren und dass man das nicht durch statistische Tricks in den Hintergrund rücken lassen sollte.

Maleike: Der Master für alle war ja auch eine zentrale Forderung des Bildungsstreiks vor ein paar Jahren. Da hat sich offenbar nicht so viel getan. Wie konkret sieht Ihr Programm denn aus, was fordern Sie?

Marquardt: Gut, ich glaube, dass wir im ersten Schritt wirklich diese Zugangsbeschränkungen, also formale Beschränkungen, von denen ich geredet habe, beseitigen müssen. Wir müssen da schauen, dass die Hochschulen nicht mehr das Mittel bekommen, ihre eigenen Absolventinnen und Absolventen so zu bevorzugen, dass im Endeffekt sogar teilweise Studienplätze frei bleiben. Es bleiben Studienplätze frei, obwohl sich viel mehr Leute beworben haben, als es eigentlich Plätze gibt, weil sie die formalen Anforderungen, die viel höher geschraubt werden von Semester zu Semester auch, weil sie die eben nicht erfüllen. Das ist übrigens auch so, dass das statistisch überhaupt nicht wirklich erfasst wird auf Bundesebene, wie viele Leute die Zugangsbeschränkungen nicht erfüllen. Inzwischen ist es so, dass zwei Drittel der Masterstudienplätze nicht nur den Bachelor erfordern, sondern eben darüber hinaus auch weitere Zugangsvoraussetzungen. Im zweiten Schritt müssen wir dann natürlich schauen, wie ist der Bedarf, und wir müssen den Bedarf decken. Ich denke, dass es nicht so unrealistisch ist, dass alle Studierenden, die nach einem Bachelor einen Master abschließen wollen, das auch können. Wir müssen uns ja vor Augen führen, dass vor einigen Jahren das noch vollkommen normal war, dass man ein Diplom angefangen hat und mit dem Diplom abgeschlossen hat. Das ist ja sozusagen Bachelor und Master zusammen. Ich weiß nicht, warum man sozusagen gerade immer in eine komische Ecke gestellt wird, wenn man das fordert. Also, das ist natürlich unsere Forderung. Aber ich denke, wir müssen das zweistufig angehen und sollten das auch bald tun, denn das wird nicht einfacher mit den Masterstudienplätzen in den nächsten Jahren.

Maleike: Der Kampf um den Masterstudienplatz in Deutschland ist also noch im vollen Gange und längst noch hat nicht jeder seinen Platz im Wunschfach und auch am Wunschort. Der fzs, der freie zusammenschluss von studentInnenschaften in Deutschland, widerspricht damit einer Meldung, die heute aus dem Bundesbildungsministerium kam. Und für den fzs war das Erik Marquardt vom Vorstand.

Marquardt: Vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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