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StartseiteHintergrund"Da wurde mir klar, dass der Staat mich tatsächlich töten will"14.02.2012

"Da wurde mir klar, dass der Staat mich tatsächlich töten will"

20 Jahre in einer US-Todeszelle

Vor über 20 Jahren wurde Debra Milke in Arizona zum Tode verurteilt. Laut Anklage soll sie einen Mann dazu angestiftet haben, ihren damals vierjährigen Sohn zu erschießen. Besonders skurril: Ihr angebliches Geständnis basiert allein auf dem Gedächtnisprotokoll eines Sheriffs.

Von Irmtraud Richardson

Die drohende Hinrichtung vor Augen: Debbie Milke sitzt völlig isoliert in der Todeszelle.  (AP)
Die drohende Hinrichtung vor Augen: Debbie Milke sitzt völlig isoliert in der Todeszelle. (AP)
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Die verzweifelte Hoffnung der Debra Milke, genannt Debbie, die vor etwas mehr als 20 Jahren zum Tode verurteilt wurde. Sie hofft, dass die Berufungsrichter in San Francisco jetzt in letzter Instanz das Todesurteil aufheben, ihr das Leben schenken.

Seit ihrer Verurteilung lebt Debbie in der Todeszelle des Perryville State Prison im US-Bundesstaat Arizona. Eine graue Zelle: Schlafpritsche, Schreibtisch, Fernseher, Toilette, Waschbecken. Durch schmale Sehschlitze sieht sie auf der einen Seite ihrer Zelle die Wüstenlandschaft Arizonas, auf
der anderen Seite den Innenhof. Das ist Debbies Welt, die Welt der Gefangenen Nummer 83 533. Seit mehr als 20 Jahren ist sie in Einzelhaft, ohne Kontakt zu anderen Gefangenen. Verlässt sie ihre Zelle zum Duschen oder zum Rundgang im Hof, werden die anderen Insassen eingesperrt.

"Ich könnte mich unter meiner Decke verkriechen und mich bemitleiden – aber das bringt mich auch nicht schneller hier raus."

Trotz 20 Jahren Isolationshaft ist Debbie Milke ungebrochen und kämpft um ihre Freiheit, träumt von dem Moment, da sich die Gefängnistore öffnen und Familie und Freunde sie umarmen.

"Die Erinnerung an meinen Sohn gibt mir Kraft, weil gegen
meinen Sohn und mich ein Verbrechen begangen wurde. Der Staat hat sich nicht für die Wahrheit interessiert, dafür, was meinem Sohn wirklich passiert ist. Mein Sohn und die Erinnerung an ihn, das ist es, was mich am Leben hält."

Debra Milke ist jetzt 47 Jahre alt. Auch als sie noch in Freiheit war, hatte sie nicht viel Glück – ihre Ehe scheiterte, das Geld war knapp. Und dann wurde Weihnachten 1989 ihr vierjähriger Sohn Christopher ermordet. Er wurde von Debbies ehemaligem Freund Jim Styers erschossen. Aus Rache vermutet Debbie, weil sie aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war und einen neuen Partner hatte. Styers, sein Kumpel Roger Scott, der bei der Tat dabei war, und später dann auch Debbie wurden festgenommen. Es kam zum Prozess. Anfang 1991 wurde Debbie Milke vom Gericht zum Tode verurteilt.

Die zwölf Geschworenen sahen es als erwiesen an, dass sie Jim Styers und Roger Scott dazu angestiftet hätte, ihren vierjährigen Sohn Christopher zu töten. Der Grund – laut Anklage – Debbie fühlte sich als Mutter überfordert, Christopher wäre ihr zu viel geworden. Und sie wäre habgierig, hätte die Lebensversicherung für den kleinen Christopher in Höhe von 5000 Dollar kassieren wollen, die ihr Arbeitgeber für sie abgeschlossen hatte. Kernstück der Anklageschrift ist ein Gedächtnisprotokoll des Sheriffs Armando Saldate, der erklärte, Debbie hätte während der ersten Vernehmung die Tat gestanden. Und er wiederholte dies unter Eid auf dem Zeugenstand. Die Geschworenen glaubten ihm. Die Sache hat nur einen Haken – für dieses sogenannte Geständnis gibt es keinerlei Belege, weder ein schriftliches, von Debbie unterschriebenes Dokument, noch eine Audio- oder Videokassette, nur eben das Gedächtnisprotokoll von Armando Saldate.

Debbie beteuerte von Anfang an, dass sie nie ein solches Geständnis abgelegt hätte. Es stand Aussage gegen Aussage. Doch für die Geschworenen in Arizona schien der Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" nicht zu gelten. Ihr Spruch: schuldig! Zwei Jahre nach der Ermordung von Christopher wurden Jim Styers, Roger Scott und Debra Milke zum Tode verurteilt.

Bei Roger Scott wurde zwischenzeitlich eine Schizophrenie diagnostiziert und die Todesstrafe in lebenslange Haft umgewandelt. Die Berufung des Todesschützen Jim Styers hatte keinen Erfolg, er soll hingerichtet werden. Die Stimmung im Gerichtsaal wurde damals angeheizt durch einen ehrgeizigen Staatsanwalt namens Noel Levy, der bei der Urteilsverkündung felsenfest von der Schuld der Angeklagten überzeugt war. Als ich ihn im Sommer 2000 besuchte, sagte er:

"Ich stand während des Kreuzverhörs direkt neben ihr, so wie ich jetzt Ihnen gegenüber sitze. Ich habe ihr in die Augen geschaut und ich sah den Tod."

Objektive Wahrheitsfindung hört sich anders an. Im Sommer des Jahres 2000 habe ich das erste Mal mit Debra Milke reden können – 45 Minuten per Telefon. Ich saß im Büro ihrer Anwälte in Phoenix, Arizona. Und ich konnte sie damals kurz sehen, bei meinem in letzter Minute genehmigten Besuch im Perryville State Prison – durch die schmale Scheibe in der grauen Stahltür ihrer Zelle.

"Sie haben dich reingelassen? Ich bin total schockiert."

Im Sommer des Jahres 2000 lebte sie bereits seit knapp zehn Jahren in der Todeszelle – in totaler Isolation. Das Berufungsverfahren lief bereits, Debbie machte sich Hoffnung auf eine baldige Wiederaufnahme:

"Es gibt keinerlei handfeste Indizien dafür, dass ich an dem Verbrechen beteiligt war. Man kann doch sowas nicht aus dem Blauen heraus behaupten. Meine Verurteilung basiert ausschließlich auf einem fünfseitigen Polizeibericht, den Saldate als Geständnis präsentierte. Das ist alles."

Debbie ist überzeugt davon, dass ihr Gegenspieler, Sheriff Saldate, sie vernichten wollte:

"Das sogenannte Geständnis hat er frei erfunden, das ist so offensichtlich. Bei jedem anderen hält er sich an die Vorschriften, nur bei mir nicht. Und dann sorgt er dafür, dass es keine Zeugen gibt, dass kein Tonbandgerät da ist, dass niemand sonst in dem Raum ist. Und dann drei oder vier Tage später behauptet er, er habe ein Geständnis. Aber er hat nichts, was das belegt, nicht einen einzigen Beweis für diese Behauptung."

Das ist jetzt, in der letzten Phase der Berufung vor dem Bundesgericht in San Francisco, von großer Bedeutung. Denn der Verdacht liegt nahe, dass Debbie ihr verfassungsmäßiges Recht auf einen Anwalt verweigert wurde. Die Berufungsrichter müssen darüber befinden.

Als ich sie im Sommer 2000 das erste Mal besuchte, war Debbie mit den Nerven völlig am Ende, die Erinnerung an ihren ermordeten kleinen Sohn schmerzte sehr, aber sie mochte nicht drüber reden:

"Das ist etwas sehr Persönliches. Natürlich denke ich an ihn, jeden Tag, die ganze Zeit. Ich bin sehr erschöpft und müde. Sie nahmen mich ins Fadenkreuz, ich weiß nicht, warum, aber so war es."

Und sie stand damals unter Schock, denn wenige Monate zuvor hatte die Gefangene 83 533 unerwarteten Besuch in ihrer Todeszelle bekommen – ein Arzt wollte ihre Venen prüfen – für die Giftspritze. Ein erster Termin für die Hinrichtung war bereits angesetzt, doch er wurde später dann verschoben. Das Berufungsverfahren dauerte länger als erwartet.

"Ich dachte, jetzt wird es wirklich Ernst. Als dieser Arzt kam, wusste ich erst gar nicht, was der wollte. Er legte eine dieser Manschetten um meinen Arm und sagt, dass er meine Venen überprüfen müsse. Da bin ich zusammengebrochen. Da wurde mir klar, dass der Staat mich tatsächlich töten will."

"Mein allerletzter wirklich schlimmer Albtraum war: Ich habe diese Hinrichtung bis in jedes Detail selbst an mir erlebt. Ich weiß nicht, ob man das jemand überhaupt glaubhaft machen kann, aber das war so. Ich hab mich auf dem Boden neben meinem Bett wiedergefunden in so einer Panik. Das kann man keinem Menschen beschreiben."

Renate, Debbies Mutter, kämpft seit Jahren unermüdlich dafür, dass Debbie freikommt. Sie hat ein Buch geschrieben und sich immer wieder mit Appellen an die Öffentlichkeit gewandt. Anfangs hatte sie Zweifel an Debbies Unschuld, vor allem, weil während des Verfahrens Debbies Vater und ihre Schwester Sandy gegen Debbie aussagten. Doch das änderte sich, als Renate damit begann, die Gerichtsakten und -protokolle sorgfältig zu studieren. Und sie macht sich Vorwürfe, nicht von Anfang an an Debbies Unschuld geglaubt zu haben. Eine renommierte Anwaltskanzlei in Phoenix hat vor einiger Zeit den Fall Debra Milke ehrenamtlich übernommen, ohne Bezahlung. Der Chef der Kanzlei, Mike Kimmerer:

"Was würden Sie davon halten, wenn Sie durch solche Beweise zum Tode verurteilt würden? Die gesamte Beweisführung basiert allein auf der Aussage eines Polizisten, was angeblich in einem Raum gesagt wurde und an was er sich gar nicht mehr ganz genau erinnerte."

Regelmäßig wird Debbie von ihren Anwälten über den aktuellen Stand des Berufungsverfahrens auf Bundesebene unterrichtet. Zuständig ist das 9th circuit in San Francisco. Meistens spricht die Berufungsanwältin Lori Voepel mit Debbie Milke:

"Sie hat noch immer Hoffnung, aber der ausstehende Beschluss des Berufungsgerichts stellt eine große Belastung dar."

Debbie ist inzwischen absolut davon überzeugt, dass die Verhandlung für sie positiv ausgehen wird; sie hat bereits eine offizielle Erklärung für die Medien vorbereitet, die sie nach ihrer Entlassung verteilen will. Im Juni letzten Jahres bin ich wieder in Phoenix, kann diesmal Debbie aber nicht im Gefängnis besuchen – die Sicherheitsbestimmungen sind verschärft worden – ich darf aber mit ihr telefonieren:

Ihrer Depression ist Zuversicht gewichen. Sie glaubt inzwischen an ein gutes Ende. Doch 7300 Tage und Nächte in der Todeszelle, in Einzelhaft, mit der drohenden Hinrichtung vor Augen – wie hält ein Mensch das aus?

"Ich habe ja bestimmte Gewohnheiten. Die brauche ich, nur so komme ich über die Runden. Ich lese sehr viel, zum Beispiel über Geschichte, dazu hat man ja normalerweise keine Zeit. Als ich auf der High School war, habe ich Spanisch gelernt, das habe ich jetzt verbessert; hier ist das fast wie eine zweite Umgangssprache. Ich tue vieles, um mich geistig fit zu halten, so fit wie möglich. Als ich ins Gefängnis kam, hatte ich keine Ahnung vom Justizwesen, weil ich nie etwas damit zu tun hatte. Als ich ins Gefängnis kam, wollte ich deshalb die Juristensprache lernen, um alles zu verstehen. Und ich höre Musik, bei der man meditieren kann. Und ich versuche, auch körperlich fit zu bleiben – ich laufe jeden Abend, so eine halbe bis dreiviertel Stunde."

Regelmäßig fliegt Renate von Deutschland nach Arizona, um ihre Tochter im Gefängnis zu besuchen – ein Besuch, der für Debbie stets mit einer Tortur beginnt. Die Mutter leidet mit:

"Sie kommt ja gefesselt hinein, wird da von Wächtern hingeführt, in Ketten, Hände an Handschellen und die an der Bauchkette gefesselt, und da wird sie dann reingeführt und dann wird ihr eine Handschelle aufgemacht, so dass sie den Hörer von dem Telefon greifen kann. Sie sitzt hinter einer schusssicheren Glasplatte, und wir sitzen davor. Und wir haben dann außen einen Telefonhörer, sie sitzt dann sehr verkrümmt dort, weil die Telefonschnur nicht lang genug ist und die Bauchkette leider zu kurz, aber wir stören uns nicht daran."

Pat Galbraith ist ein alter Freund von Renate. Er wohnt in einem Vorort von Phoenix. Seit 20 Jahren besucht er Debbie mindestens einmal im Monat. Er ist ihre Verbindung nach draußen, und er trägt dazu bei, dass ihr Leben hinter den Gefängnismauern irgendwie erträglich ist.

"Momentan ist sie positiv gestimmt und voller Hoffnung. Sie glaubt, dass sie unschuldig ist. Sie glaubt an sich und schwankt kein bisschen."

Und es ist in diesen 20 Jahren ein kleines Wunder geschehen: Debbie hat im Gefängnis eine Freundin gefunden, ihre Zellennachbarin Wendy. Auch sie ist eine Todeskandidatin, seit fünf Jahren auf der "death row", im Todestrakt. Pat will nicht genau verraten, wie die beiden in Kontakt treten, nur so viel:

"Sie reden miteinander, aber nicht wie wir miteinander reden. Sie können durch die Lüftungsschlitze miteinander reden. Jemanden zu haben, mit dem man reden kann, das ist wichtig."


Pat Galbraith erzählt mir, dass Debbie inzwischen eine Art Vorbild für ihre Mitgefangenen ist.

Als Debbie 1991 zum Tode verurteilt wurde, war sie 27 alt, ein dunkler Lockenkopf. Etwas mehr als 20 Jahre später ist sie grau geworden.

"Sie kann es kaum erwarten, in einen Schönheitssalon zu gehen, wenn sie rauskommt."

Für Debbie geht es jedoch um etwas Grundsätzlicheres als um eine neue Haarfarbe:

"Ich will diese 20 Jahre Gefängnis von mir abschrubben – ich
will wieder eine Frau sein."

Ob es je dazu kommen wird, dass sich Debra Milke in ihrem Leben noch einmal wie eine Frau fühlen kann, eine Frau in Freiheit, das hängt jetzt von drei Männern ab: den Richtern des Bundesberufungsgerichtes, des 9th circuit in San Francisco. Das ist die letzte Instanz. In diesem Berufungsverfahren geht es im wesentlichen um einen Punkt:

"Es geht dabei vor allem um die Frage, ob Debra freiwillig, wissentlich und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte auf ihre sogenannten "Miranda rights” verzichtet hat – das ist das Recht auf einen Anwalt und das Recht, während der Vernehmung durch die Polizei zu schweigen. Darauf konzentrieren sich die Berufungsrichter."

Und da steht Aussage gegen Aussage. Debbie beteuert, sie habe nicht auf ihre Rechte verzichtet, sondern habe schon bei der ersten Vernehmung einen Anwalt verlangt. Sheriff Saldate behauptet das Gegenteil. Er hatte vor Gericht ausgesagt, Debra Milke hätte gestanden. Die Richter in San Francisco haben schon während der mündlichen Verhandlung erkannt – es
geht vor allem um die Glaubwürdigkeit von Sheriff Saldate. Debbie, ihre Mutter, ihre Freunde und Anwälte hatten gehofft, dass die Richter noch Ende 2011 eine Entscheidung fällen. Doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Noch gibt es keine Nachricht vom Berufungsgericht in San Francisco.

"Es ist hart, weil viele der jungen Leute, die hier arbeiten, so alt sind wie mein Sohn jetzt wäre. Es ist für mich ganz schwierig zu sehen, wie sie hier arbeiten, mit ihnen zu tun zu haben, ohne zu weinen."

Das Warten auf die Entscheidung ist kaum zu ertragen, die Nerven aller sind angespannt. Debra Milke hat bald die Hälfte ihres Lebens in der Todeszelle verbracht. Trotzdem lässt sie sich nicht entmutigen, hofft weiter, dass ihr die Berufungsrichter ihr Leben und ihre Freiheit zurückgeben.

"Debra ist eine erstaunlich starke Frau. Ich habe die größte Hochachtung vor ihr. Sie hat es geschafft, unter schwierigsten Umständen im Gefängnis zu überleben und ihre Hoffnung nicht aufzugeben."

"In der Welt gibt es so viele Probleme, große und kleine. Letzten Endes kommt es für jeden von uns doch nur darauf an, wie wir damit fertig werden. Du hast die Wahl."

Debra Milkes Zukunft, ihr Leben, liegt jetzt, nach einem 20-jährigen juristischen Marathon, in den Händen der Berufungsrichter. Entscheiden sie gegen Debbie, glauben sie Sheriff Saldate und seiner Story von Debbies Geständnis, heben deshalb das Todesurteil nicht auf und gibt es kein neues entlastendes Beweismaterial – dann, so die düstere Prognose ihrer Anwältin Lori Voepel, wird Debra Milke hingerichtet. Auch nach so langer Zeit.

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