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StartseiteKalenderblattDadaist und Filmpionier06.04.2013

Dadaist und Filmpionier

Vor 125 Jahren wurde der Künstler Hans Richter geboren

Einer der Gründungsväter des Dadaismus in Deutschland war Hans Richter. Doch nachhaltig geprägt hat er die Kunst als Wegbereiter des experimentellen Films. Er kombinierte dadaistische Elemente mit anderen Stilen der europäischen Avantgarde. Am 6.4.1888 wurde Richter in Berlin geboren.

Von Carsten Probst

Die virtuose Leichtigkeit von Richters neuartiger Filmsprache weckte damals das Interesse der kommerziellen Berliner Filmindustrie. (picture-alliance / dpa)
Die virtuose Leichtigkeit von Richters neuartiger Filmsprache weckte damals das Interesse der kommerziellen Berliner Filmindustrie. (picture-alliance / dpa)

Ursprünglich hatte Hans Richter Architektur studiert und sich dann zunächst als Maler für den Kubismus begeistert. Doch 1916 stieß er in Zürich zur Dada-Bewegung. In einer Filmdokumentation von Helmut Herbst resümierte er später das politische Selbstbewusstsein der Dadaisten, das ihn damals anzog:

"Ich muss Ihnen Dada nicht erklären, Sie wissen alle, was Dada ist. Es wurde als Protestbewegung in Zürich gegründet – Protest nicht nur gegen die Welt der Kunst, sondern gegen die Politik. Sie waren alle nicht nur Kriegsgegner, sie wollten einer völlig neuen Mentalität Ausdruck geben. Kunst sollte Teil des Kampfes für eine neue Ethik werden."

In Berlin, wo er am 6. April 1888 geboren wurde, begann Richter Anfang der 20er-Jahre gemeinsam mit dem schwedischen Maler Viking Eggeling mit dem Film zu experimentieren und vereinte dabei den Dadaismus mit anderen Stilen, etwa dem Konstruktivismus. Nach dem vermutlichen Entstehungsjahr wurde Richters erster eigener abstrakter Film nachträglich "Rhythmus 21" genannt, dem mehrere weitere Versionen folgen: Angelehnt an die musikalischen Prinzipien der Kontrapunktlehre Ferruccio Busonis lässt er schwarze, weiße, graue geometrische Formen aneinander vorbeiziehen, sich in wechselnden Tempi vergrößern, verkleinern, einander überlagern – eine synästhetische Verschmelzung von Malerei, Musik und Film, die Richters weiteres Werk prägen sollte.

Quasi über Nacht wird 1924 der Film "Entr'Acte" des französischen Schauspielers Rene Clair zur Musik von Eric Satie populär. Er nutzt zahlreiche damals noch neue technische Handgriffe wie die Zeitlupe, den Rückwärtslauf, Vielfachüberblendung oder die Untersicht von Figuren. Richter adaptiert den "absoluten Film" der Pariser Avantgarde und kombiniert von nun an abstrakte und gegenständliche Motive. 1927 entsteht so der "Vormittagsspuk", ein Kurzfilm, der verschiedene Stilrichtungen in sich vereint, die Richter in einer Handlung verbindet: Alltagsobjekte rebellieren gegen die Menschen und stürzen die gewohnte Ordnung ins Chaos.

Die virtuose Leichtigkeit von Richters neuartiger Filmsprache weckte das Interesse der kommerziellen Berliner Filmindustrie, die nun begann, kleine Leinwand-Essays als Vorprogramm für Publikumsfilme bei ihm zu bestellen. Für den Ufa-Streifen "Die Dame mit der Maske", dessen Handlung zur Zeit der großen Inflation spielt, schuf Richter noch im selben Jahr seinen Kurzfilm "Inflation":

"Dokumentarische Aufnahmen, abstrakte Formen, Symbole, komische Effekte dienen hier zur Interpretation von Tatsachen,"

wie der amerikanische Filmkritiker Herman Weinberg rückblickend schrieb. Laufend erhielt Richter nun Aufträge für kleine experimentelle Essay- und Werbefilme – ein Balanceakt zwischen Kommerzialisierung und Bewahrung des avantgardistischen Erbes. 1933 musste Richter vor den Nazis ins Exil fliehen – über Amsterdam und Brüssel nach New York, das er erst 1940 erreichte. Doch hatte er Glück und erhielt bald eine Dozentenstelle am City College of New York und wurde später zum Leiter des New Yorker Filminstituts berufen.

In New York entstanden Richters abendfüllende und heute wohl noch bekannteste Filme, darunter: "Dreams that Money can buy" von 1947, in dem einige seiner einstigen Weggefährten aus der Züricher Dada-Zeit wie Max Ernst, Marcel Duchamp und Fernand Leger mitwirkten. Richter widmete sich seit den 60er-Jahren bis zu seinem Tod am 1. Februar 1976 schreibend vor allem der historischen Bilanz des Dadaismus. Sein Buch "Dada – Kunst und Anti-Kunst" ist die erste Bestandsaufnahme in dieser Form, in der er zugleich mit der neuen Generation von Künstlern abrechnet, die sich wie die Pop-Art auf den Dadaismus berufen. In ihnen sieht Richter nur noch ...

"... eine Angleichung an den sogenannten Volksgeschmack; eine absichtliche Rückkehr zu den Gartenzwergen. (...) Das Anti ist zum Ruhekissen geworden, auf dem sich Spießer und Kunstsammler gemütlich zurücklehnen."

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