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StartseiteCorsoIm Dialog mit Audrey Hepburn02.03.2019

Dagoberts Album „Welt ohne Zeit“Im Dialog mit Audrey Hepburn

Der traurige Schnulzensänger aus den Schweizer Alpen kehrt für sein drittes Album mit traurigen Liedern über die Liebe auf die Bildfläche zurück. "Audrey Hepburn hat mir das Leben erklärt", sagte Lukas Jäger alias Dagobert im Dlf. Für ihn ist das keine Fiktion, sondern eine wahrhaftige Erscheinung.

Lukas Jäger alias Dagobert im Gespräch mit Christoph Reimann

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Christoph Reimann: War es wichtig für diese Geschichten, die Sie erzählen, dass Sie die selbst erlebt haben?

Dagobert: Ja. Früher war es so, dass ich sehr lange sehr alleine gelebt habe, mir all diese Dinge, die man machen könnte mit anderen Menschen, nur vorgestellt habe. Quasi in einer Fantasie habe ich gelebt. Seit ich nach Berlin gezogen bin, habe ich natürlich mit richtigen Menschen zu tun. Daraus ergeben sich richtige Geschichten. Und das hat das ganze Songwriting schon verändert und auch sehr stark geprägt. Ich finde, man hört den Unterschied.

Reimann: Ich glaube, ein Song lässt sich zurückdatieren ins Jahr ... da sind Sie 22. Ist das richtig?

Dagobert: Auf dem Album jetzt?

Reimann: Ja. Ich hatte das ausgerechnet.

Dagobert: "Der Geist" vielleicht.

Reimann: Da gibt es einen Zeitbezug drin.

Dagobert: Genau. "Es war im Jahr 2004, in einem Dorf weit weg von hier."

Reimann: Genau.

Eine Erscheinung wurde zum Song

Dagobert: Den Song habe ich erst kürzlich geschrieben. Aber er handelt von einer Begegnung im Jahre 2004. Das war damals ein sehr entscheidendes Ereignis in meinem Leben. Ich hatte eine Erscheinung, Audrey Hepburn hat mich besucht und mir das Leben erklärt. Davon handelt der Song. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um das musikalisch zu verarbeiten. Aber nicht nur musikalisch - überhaupt damit klarzukommen.

Reimann: Wie hat sie Ihnen das Leben erklärt?

Dagobert: Ich war in der Zeit schon, ich sage mal, relativ alleine unterwegs und habe teilweise auch darunter gelitten. Sie hat mir erklärt, dass Alleinsein völlig in Ordnung ist und dass man daraus auch eine Kraft ziehen kann. Und dass es okay ist.

Reimann: Aber das müssen Sie mir erklären: Erscheinung. Wie ist das passiert?

Dagobert: Ich war damals quasi obdachlos und habe in so einem Keller gehaust. Ich habe sehr viel Zeit draußen verbracht, weil die Luft da besser war als dort in dem Keller. Und eines Abends, als ich mich da die Treppen runtergewagt habe, um da zu schlafen, da stand sie plötzlich in der Ecke und hat mich angequatscht.

Zehn Frauen - zehn Lieder

Reimann: Sie ist eine von den zehn Frauen, um die es dann geht auf dieser Platte. Das heißt, es gibt vielleicht noch andere fiktive Frauen?

Dagobert: Das war nicht fiktiv. Das war ein richtiges Erlebnis. Aber alle anderen Frauen sind natürlich noch mal wesentlich realer, also das sind dann quasi Menschen aus Fleisch und Blut.

Reimann: Es sind schöne Songs, aber es sind auch sehr traurige Songs. Wie war das für Sie beim Songschreiben?

Dagobert: Na, die Sache ist die: Ich kann eigentlich nur über Dinge schreiben, die ich schon längst verarbeitet habe. Es müssen Geschichten sein, die abgeschossen sind. Und ich muss mich gut fühlen. Und sonst kann ich gar nicht schreiben. Wenn ich gerade übermannt bin von irgendwelchen schlimmen Gefühlen, dann mache ich sicher keine Musik. Dann muss ich erst mal klarkommen. Deswegen handeln meine Songs auch immer von der Vergangenheit.

Reimann: Sprechen wir weiter darüber, wie Sie die Songs schreiben. Auf Deutsch zu singen - das kommt ja seit einigen Jahren wieder ziemlich gut an. Aber es kann ja auch gefährlich sein: Auf der einen Seite gibt es diese sogenannten Deutschpoeten mit ihrem Befindlichkeitspop. Auf der anderen Seite gibt es dann schnell solche Leute wie Andreas Gabalier, die - vorsichtig formuliert - volkstümelnd texten, singen, und damit auch ziemlich erfolgreich sind. Versuchen Sie, sich bewusst davon abzugrenzen?

Dagobert: Ehrlich gesagt, ich höre überhaupt keine deutschsprachige Musik. Eigentlich nur mit einer Ausnahme: Tommi Stumpff, den mag ich sehr gerne. Der macht so Asi-Techno.

Reimann: Asi-Techno?

Dagobert: Er nennt es Elektro-Metal. Das ist eigentlich die einzige Musik, wo die deutsche Sprache für mich Sinn macht, neben meiner eigenen. Aber ansonsten finde ich deutschsprachige Musik sehr oft sehr verkopft oder einfach sehr blöd. Und auch meistens irgendwie unmusikalisch.

Flippers-Fantum

Reimann: Früher haben Sie gerne die Flippers gehört, haben Sie mal gesagt. Die sind auch nicht so verkopft.

Dagobert: Ja, das stimmt. Mein Flippers-Fantum wurde medial immer ein bisschen übertrieben. Es stimmt aber, dass ich die mag. Die haben natürlich über 1.000 Songs aufgenommen, und davon sind 950 nicht so wahnsinnig interessant für mich. Aber ein paar sehr gute sind dabei. Die sind auch so ein kleiner Hoffnungsschimmer am deutschen Pop-Horizont.

Reimann: Aber wie funktioniert denn das Texten, das für Sie Sinn ergibt? Wie muss denn da ein Text sein?

Dagobert: Ich brauche eigentlich immer jemanden, für den ich einen Text schreiben kann. Und das sind bei mir natürlich immer Frauen. Und wenn ich da was zu übermitteln habe, eine Botschaft quasi, dann schreibe ich die einfach auf.

Reimann: Schauen Sie dann aber trotzdem vielleicht manchmal mit Neid auf den Erfolg der anderen, die auch auf Deutsch texten?

Dagobert: Mit Neid auf keinen Fall. Ich gönne jedem alles. Ich finde es schön, wenn irgendwer erfolgreich ist und glücklich. Oder: Es ist auch egal. Bei mir persönlich ist jetzt noch nicht so der ganz große Durchbruch abgelaufen. Aber ich habe eigentlich schwer das Gefühl, dass der irgendwann kommt, weil ich werde immer genau das, was ich mache, weitermachen, so lange, bis es halt wirklich klappt. Obwohl es für mich jetzt schon klappt, weil ich ja sonst nichts mache.

Reis als Hauptnahrungsmittel

Reimann: Das heißt Sie können davon leben. Es gab eine Zeit, sagten Sie mal, da haben Sie von nicht viel mehr als von Reis gelebt.

Dagobert: Daran hat sich leider noch nichts geändert. Aber ich mag Reis. Das ist auch kein Problem. Ich lebe auch immer noch von all meinen Freunden. Aber auch die haben kein Problem damit. Deswegen ist alles gut.

Reimann: Sie haben mal gesagt, Pflichten, Besitz oder Betroffenheit empfinden Sie als Last. Sind das nicht vielleicht aber auch so ein bisschen Betroffenheits-Songs, die Sie jetzt singen?

Dagobert: Nein, das sind einfach ganz ehrliche Gefühle, es ist nichts Prätentiöses daran. Ich glaube, dieses Betroffenheitstum, das fand ich immer unangenehm, weil es oftmals sehr theatralisch ist und nicht echt. Und in meinem Fall ist es bestimmt nicht so.

Humor als Stolperfalle

Reimann: Ehrliche Gefühle - da landet man dann aber auch schnell so ein bisschen beim Kitsch, gerade wenn es um Liebesgefühle geht. Sie haben ja auch in diesem einen Song, in "Flashback", diese krasse Gitarre drin, die man auch als kitschig empfinden kann. Wie erleben Sie das? Vielleicht muss man auch manchmal die Kitschgrenze überschreiten?

Dagobert: Diese Grenze, die sehe ich halt persönlich gar nicht. Ich nehme auf, was mir gefällt. Und warum mir das gefällt, das kann ich nicht wirklich erklären. Die musikalischen Einflüsse, die bei diesem Album oder bei meiner ganzen Musik wichtig sind, sind unglaublich unterschiedlich. Und warum es dann letztlich zu so einer Gitarre wie bei diesem Song "Flashback" kommt, das weiß ich nicht. Es gefällt mir halt. Aber ich will nicht damit irgendeine Tradition wieder auferleben lassen. Oder es gibt keinen vernünftigen Grund, warum ich das so entschieden habe.

Reimann: Aber gab es dieses Mal irgendeine Sound-Idee?

Dagobert: Ich habe Songs ausgewählt, die insgesamt recht ernst sind. Und das waren dann halt vor allem die Balladen. Und die nicht mehr so viel Humor haben wie meine älteren Songs. Weil da ist es oft passiert, dass die Menschen über den Humor gestolpert sind und die Musik nicht mehr richtig genießen konnten. Weil sie nicht wussten, ob das jetzt alles ernst ist oder nicht. Und in dem Fall wollte ich schon eine Platte machen, wo man sich das gar nicht fragen muss, sondern wo man einfach von dem Gefühl übermannt wird. Dass man da in diese Gefühlswelt hineingesogen wird und es nichts gibt, was einen davon ablenkt.

Reimann: Und das funktioniert auch sehr gut. Und ich glaube, diesen Vorwurf, wenn man es als Vorwurf verstehen möchte, dass Sie ein Ironiker sind, den wird man Ihnen jetzt nicht mehr unbedingt machen.

Dagobert: Das finde ich schön.

Reimann: Dagobert, vielen Dank für dieses Gespräch.

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