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StartseiteInterviewDahesch: Worte können viel bewegen16.03.2012

Dahesch: Worte können viel bewegen

Behinderte Menschen werden durch Joachim Gauck mehr Gehör finden

Der Journalist Keyvan Dahesch war parteiloses Mitglied in der Bundesversammlung von 1994 und nahm als erster Sehbehinderter an der Wahl teil. Der designierte Bundespräsident Joachim Gauck könnte mit seinen Worten die Situation behinderter Menschen auch anderen wirksam klar machen, glaubt Dahesch.

Keyvan Dahesch im Gespräch mit Jürgen Liminski

Joachim Gauck (picture alliance / dpa /Thomas Frey)
Joachim Gauck (picture alliance / dpa /Thomas Frey)

Jürgen Liminski: Am Sonntag wird ein neuer Bundespräsident gewählt und die Bundesversammlung wird dazu im Reichstag zusammenkommen. Unter den Abgeordneten befinden sich auch ein paar Dutzend ernannte Mitglieder, ernannt von den Parteien, um für ihren Kandidaten zu stimmen. Meist handelt es sich um Prominente, Schauspieler oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, manchmal aber auch um sogenannte kleine Leute. Selbst Behinderte gehören gelegentlich dazu. Einer von ihnen war bei der Wahl zwischen Herzog und Rau der blinde Journalist Keyvan Dahesch. Er war der erste Blinde, der an solch einer Wahl teilnahm, und er ist jetzt am Telefon. Guten Morgen, Herr Dahesch.

Keyvan Dahesch: Guten Morgen, Herr Liminski.

Liminski: Herr Dahesch, wie kam man damals auf Sie? Was hat man sich Ihrer Meinung nach davon versprochen?

Dahesch: Erstens, weil ich ja bekannt war, weil ich viel in Zeitungen und Rundfunkanstalten berichtete über die Situation behinderter Menschen. Außerdem wusste man, dass ich eben blind bin, und da hat man gedacht, na ja, da verbinden wir das Angenehme mit dem Nützlichen. Und als ich dann gewählt worden war, hat die damalige Sozialministerin Hessens in einer Pressemitteilung geschrieben, mit Keyvan Dahesch wählen die behinderten Menschen in Deutschland den Bundespräsidenten mit. Man hatte sich erhofft, dass das vielleicht auf irgendwelche anderen Mitglieder der Bundesversammlung irgendwie Eindruck machen würde und die würden auch für den Kandidaten der SPD, nämlich damals den Johannes Rau stimmen, was ja eine aussichtslose Hoffnung war.

Liminski: Gab es denn damals Druck auf die Parteilosen, auf Sie, für einen bestimmten Kandidaten, in diesem Fall für Rau zu stimmen?

Dahesch: Ja und nein. Wir hatten von einer Gruppe von Frauen einen Brief bekommen, alle Mitglieder der Bundesversammlung, die nicht aus der Union kamen, und die Frauen hatten gebeten, wenn es mit Rau nicht klappt, sollte man doch vielleicht die Frau Hamm-Brücher ins Gespräch bringen und wählen, sie würde nach fünf Jahren 78-Jährig aufhören und dann könne immer noch der Rau gewählt werden. Aber man hat uns sofort angedeutet, wenn wir in der Fraktionssitzung so etwas sagen würden, dann würden wir niemals mehr in diese Position kommen, oder auch kein Mensch würde uns mehr angucken.

Liminski: Also doch ein ziemlicher Druck. – Glauben Sie, dass das Behindertenthema mit Gauck mehr Gehör finden kann in der Bevölkerung, vor allem in der Politik?

Dahesch: Ich hoffe es. Er ist ja sehr glaubwürdig und er greift viele Themen auf und spricht sie auch so, dass jeder gleich weiß, worauf es ankommt. Ich hoffe, dass er mit seinen Worten, die sehr wirksam sind, die Situation behinderter Menschen anderen auch klar machen kann.

Liminski: Kann der Präsident das überhaupt tun, nur mit dem Wort?

Dahesch: Ja! Die beste Rede in dieser Hinsicht hat seinerzeit der Bundespräsident Richard von Weizsäcker gehalten. Er hat ja die weltweite Rede zur Schuldfrage Deutschlands während der NS gehalten. Und die zweite Rede eben zum Thema Menschen und Behinderung war in Bonn, die wurde sehr beachtet und er hat alles sehr gut auf den Punkt gebracht. Später kam es ja dann zur Aufnahme des Benachteiligungsverbots von Menschen wegen ihrer Behinderung in das Grundgesetz.

Liminski: Keyvan Dahesch, blinder Journalist und parteiloses Mitglied in der Bundesversammlung von 1994. Besten Dank für das Gespräch, Herr Dahesch.

Dahesch: Bitte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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