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StartseiteInterview"Damit solche Dinge nie wieder geschehen können"01.09.2009

"Damit solche Dinge nie wieder geschehen können"

Görlitz an der Neiße 70 Jahre nach Kriegsausbruch

Görlitz an der Neiße wurde im Zweiten Weltkrieg geteilt. Erst nach 1989 wurden die Kontakte wiederaufgenommen. Der Oberbürgermeister von Görlitz und die Kulturbeauftragte Agnieszka Mazur aus Zgorzelec zum deutsch-polnischen Verhältnis.

Eine hölzerne Behelfsbrücke verbindet Zgorzelec und Görlitz (AP)
Eine hölzerne Behelfsbrücke verbindet Zgorzelec und Görlitz (AP)

Friedbert Meurer: Der Angriff auf die Westerplatte vor 70 Jahren. Um 4 Uhr 45 heute Morgen hat das Gedenken dort auf der Westerplatte begonnen. Mittags werden die Staats- und Regierungschefs Sarkozy, Putin sowie die Kanzlerin Angela Merkel erwartet. Den Überfall mussten neben den Polen vor allem die Ostdeutschen büßen. Görlitz an der Neiße zum Beispiel wurde geteilt – in einen deutschen Teil Görlitz und rechts der Neiße liegt jetzt Zgorzelec. Erst seit der Wende 1989 ist der Kontakt zwischen beiden Teilen wieder möglich. In Görlitz wollen wir hören, wie stehen Deutsche und Polen heute, 70 Jahre danach, zueinander. Ich sprach mit dem parteilosen Oberbürgermeister Joachim Paulick und der polnischen Kulturmanagerin Agnieska Mazur darüber, was den polnischen Einwohnern von Zgorzelec der deutsche Überfall vor 70 Jahren heute bedeutet.

Agnieska Mazur: Ich glaube, für die Bewohner sowohl von Görlitz als auch wie aus Zgorzelec ist das ein besonderes Datum, und sie blicken vielleicht am heutigen Tag zurück auf die Geschichte, auf dieses Ereignis, was für ihre Eltern beziehungsweise teilweise schon Großeltern, eben diese einschneidende Änderung im Leben bedeutet hat. Für mich ist das nur ein solches Ereignis, und ich kann demgegenüber auch ziemlich emotionslos gegenüberstehen. Ohne diese familiäre Bindung ist das für mich ein solches Ereignis, das für mich keine starken Gefühle hervorruft.

Meurer: Auch Sie, Herr Paulick, gehören zur Nachkriegsgeneration, sind allerdings etwas älter als Frau Mazur, was verbindet Sie mit dem 1. September 1939?

Joachim Paulick: Ja, bei mir ist wie bei Frau Mazur. Für Görlitz insbesondere ist es ein sehr einschneidendes Datum gewesen, ohne den Krieg wäre die Stadt nicht geteilt worden. Die Stadt Görlitz hat ein Drittel ihres Stadtgebietes und große Ländereien nicht mehr zur Verfügung, das wirkt sich bis heute auch auf die finanzielle Situation der Stadt aus. Und natürlich viele Einzelschicksale von Bürgern, die jetzt in Görlitz leben, und natürlich auch der Zgorzelecer, Frau Mazur sagte es ja gerade. Sie sind nicht hier, sie stammen nicht von hier, sie sind ebenfalls vertrieben oder umgesiedelt worden, und viele Görlitzer haben auch das Schicksal der Vertreibung und der Flucht erleben müssen.

Meurer: Gibt es Verbitterung in der Stadt?

Paulick: Also ich stelle fest, dass es, wenn überhaupt noch, immer weniger Verbitterung gibt, und das ist eigentlich das gute Signal, was wir in den letzten 20 Jahren deutlich ausbauen konnten, auch dadurch, dass wieder Kontakte möglich waren und dass man sich wieder verständigen kann, dass man sich besuchen kann, dass man einfach auch da hinfahren kann, wo zum Beispiel bei denen, die noch leben, wo die Vertreibung als Kind stattfand, dass man da suchen kann, mit den Menschen reden kann, die jetzt da leben, und feststellt, dass man gleiche Schicksale hat. Das führt dazu, dass eine sehr große Verständigung zwischen den deutschen und den polnischen Schlesiern stattfindet.

Meurer: Frau Mazur, spüren Sie als Polin, die in Görlitz lebt, antipolnische Ressentiments?

Mazur: Ich bekomme sie nicht zu spüren, aber ich sehe sie, jetzt vor allem bei der letzten Aktion der NPD mit den antipolnischen Plakaten. Ich nehme das wahr, aber ich spüre es nicht. Das heißt, ich bin in meinem Selbstbewusstsein hier als Polin ... ich fühle mich so sicher und so willkommen, dass mich das nicht tangiert.

Meurer: Auf diesen Plakaten stand zum Beispiel von der NPD: Stoppt die Poleninvasion! Was geht da in Ihnen vor, wenn Sie das lesen?

Paulick: Ich glaube, da ist nur die Angst zu sehen vor einem Land, das sich entwickelt, aber ob ... Wie gesagt, Spüren ist etwas mehr, Spüren wäre, wenn ich mich bedroht fühlte, wenn mich das verunsichern würde, aber das tut es nicht.

Meurer: Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, Herr Paulick, wenn Sie das gelesen haben bei der NPD, stoppt die Poleninvasion?

Paulick: Also da geht durch den Kopf, dass es plumper Populismus oder was weiß ich ist, also was Frau Mazur auch gesagt hat. Es findet auch in Görlitz keinen Anklang. Seit 20 Jahren entwickeln wir die Europastadt Görlitz/Zgorzelec gemeinsam. Vielfältige Aktivitäten. Der normale Görlitzer, insbesondere seitdem das Schengenabkommen gilt, freut sich darüber, dass er wieder nach Zgorzelec gehen kann, dass er die Angebote betrachten, auch nutzen kann. Wenn Sie durch Görlitz gehen, da sehen Sie, dass ganz, ganz viele polnische Bürger unterwegs sind, dass sie durch die Stadt bummeln, dass sie die wunderschöne Struktur unserer Stadt, dieses unzerstörte städtebauliche Denkmal auch nutzen, um einfach zu bummeln. Man kann in der Innenstadt einkaufen gehen.

Meurer: Die polnischen Gäste haben es ja offenbar auch wertgeschätzt, dass es Bürger in Görlitz gab, die Anti-NPD-Plakate geklebt haben. Ihr Kulturbürgermeister hat sich dann an diese Anti-NPD-Aktion als Privatperson beteiligt. Das haben Sie unterbunden, warum?

Paulick: Das ist nicht richtig. Als Privatperson ist es ihm sicherlich erlaubt, das zu tun, aber als Amtspersonen sind wir zu Neutralität verpflichtet, weil zurzeit der Wahlkampf für die Landtagswahl gewesen ist und ja am vergangenen Sonntag diese Wahl stattgefunden hat, und das war mein Hinweis.

Meurer: Frau Mazur, wie rege ist der Austausch zwischen Deutschen und Polen, zwischen Einwohnern von Görlitz und Zgorzelec, wie sehen Sie das?

Mazur: Also zum einen das, was Herr Paulick schon erwähnt hat, es gibt rege Kontakte auf diesem kommerziellen Niveau, dass die Polen in Görlitz einkaufen und die Görlitzer in Zgorzelec, das ist die eine Schiene. Auf der anderen Seite werden auch ziemlich viele Kontakte initiiert, wie zum Beispiel spontan organisierte deutsch-polnische Tandemsprachkurse, wo sich die Görlitzer und Zgorzelecer auf der einen oder auf der anderen Seite treffen. Was mir heutzutage noch fehlt, das ist von Leuten gemacht, die nicht mit der Stadtverwaltung zu tun haben, die nicht mit den Bürgermeistern zu tun haben, das sind einfach nur Kulturschaffende, und die machen große Sachen.

Paulick: Man muss natürlich die Dinge, die sich über Jahrzehnte aufgebaut haben beziehungsweise die über Jahrzehnte auch nicht zustande kommen konnten, weil eben die Grenze sehr, sehr dicht war zur Zeit der DDR, sich entwickeln lassen. Frau Mazur sagte gerade einige Beispiele, und da gibt es tausend andere, die man nennen kann, sowohl von der sag ich mal Stadtverwaltung her – die deutsch-polnischen Kindergärten, die Schulen, die bilinguale Ausbildung, die vielen Vereine, die inzwischen Mitglieder aus Polen oder beziehungsweise in Zgorzelec aus Deutschland haben. Sicherlich gibt's das eine oder andere Ressentiment auf beiden Seiten der Neiße, und das ist aber unsere Aufgabe als Menschen, die hier in Görlitz aktiv sind, auch dafür mit zu sorgen, dass wir diese Leute auch einfach mit Erfahrungen ausstatten, die sie zum Nachdenken zwingen. Und das, wo wir natürlich auch gemeinsam sehr stark dran arbeiten müssen, ist, dass wir die Dinge, die auch auf beiden Seiten leider vorhanden sind, die mit Nationalismus oder solchen europafeindlichen Aktivitäten zu tun haben, dass wir wirklich dagegen auftreten und einfach zeigen, es lebt sich gut zusammen, wir haben unsere Vorteile davon und keiner braucht vor dem anderen Angst zu haben. Und das ist ganz wichtig.

Mazur: Entschuldigung. Deswegen fand ich auch ganz super diese Aktion, Görlitz sagt Nein zur NPD, dass die Plakate auch sichtbar sind in der Stadt als eine klare Antwort auf die polenfeindliche und überhaupt ausländerfeindlichen Plakate.

Meurer: Was wünschen Sie sich von den Deutschen, Frau Mazur?

Mazur: Meine Bedenken betreffen die Einstellung zu Schlesien hier, und ich würde mir wünschen, also wenn ich schon nach Erwartungen gefragt werde, dass das mit viel Gefühl und mit viel Verstand gemacht wird. Schlesien ist natürlich ein sehr schönes Gebiet mit einer Geschichte, die von Deutschen und von Polen gleichmäßig geprägt ist, und bestimmte Ansprüche auf Alleinmerkmale oder Ansprüche auf Verlorenes, Vergangenes – ich würde mir wünschen, dass das unterbunden wird und eine gesunde Dimension aufweist.

Meurer: Herr Paulick, vor schon ungefähr zehn Jahren gab's mal ein Plakat in Ihrer Stadt von einem DSU-Stadtratsmitglied: "Herzlich willkommen Polen in der EU, Mord verjährt nicht". Und der Mann war Vorsitzender des schlesischen Jugendvereins. Was tragen die Schlesier zum deutsch-polnischen Verstehen bei?

Paulick: Die Schlesier auf beiden – also die deutschen und die polnischen Schlesier. Und ich finde es gut, dass inzwischen sehr, sehr viele Polen hier in Schlesien sagen, wir sind auch Schlesier, und dass sie sehr, sehr offen mit sich, mit ihrer Geschichte, aber auch mit der Vergangenheit, mit den letzten Jahrhunderten umgehen und sehr, sehr stolz darauf sind. Und wir können gemeinsam stolz darauf sein. Und dazu tragen, ich sagte es vorhin schon sehr deutlich, tragen sehr, sehr viele da bei. Es gibt in Görlitz einen schlesischen Heimatverein, es gibt ein Projekt, was am Anfang noch steht zwischen Zgorzelec und Görlitz, mit meinem Kollegen Bürgermeister Gronicz haben wir die Idee geboren, es nennt sich "gemeinsames Erinnern". Es geht darum, die Geschichte nach 45, die in beiden Teilen, auch in Polen noch, mit vielen Lücken behaftet ist, aufzuarbeiten und als Grundlage für die weitere Zusammenarbeit zu nehmen, weil die Zukunft kann man ja nur gestalten, wenn man auch voneinander weiß, was in der Vergangenheit geschehen ist. Und wenn man da auch sagt, wir wissen, was im Ort Görlitz auf der Seite der Neiße, auf der Seite geschehen ist, warum, wo kommen die Leute her, die jetzt in Zgorzelec leben, die Familie, was ist da passiert und wie können wir die Zukunft gemeinsam aufbauen, damit solche Dinge nie wieder geschehen können. Und das ist die Aufgabe, die wir auch gestellt bekommen haben aus der Geschichte und von der Geschichte gerade auch an einem Tag wie dem 1. September.

Meurer: 70 Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf Polen, 70 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Wie funktioniert das Zusammenleben in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec? Ich sprach mit dem Oberbürgermeister der Stadt Görlitz, Joachim Paulick, und mit der Kulturmanagerin Agnieska Mazur. Schönen Dank an Sie beide, schöne Grüße nach Görlitz!

Mazur: Danke!

Paulick: Vielen Dank!

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