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StartseiteBüchermarktDie Ökonomie der Lust12.09.2021

Dana Kaplan und Eva Illouz: „Was ist sexuelles Kapital?“Die Ökonomie der Lust

Das Rätsel der Sexualität hat schon viele fasziniert. Schienen seit der Revolution der 1960er-Jahre alle Geheimnisse gelüftet, so zeigen Eva Illouz und Dana Kaplan in „Was ist sexuelles Kapital?“, wie wenig unsere Sexualität mit dem Innenleben und wie viel sie mit der Gesellschaft zu tun hat.

Von Leander Scholz

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Das Cover von Eva Illouz, Dana Kaplan: „Was ist sexuelles Kapital?“ vor Sexualspielzeug (Cover Suhrkamp Verlag, Hintergrund dpa)
"Was ist sexuelles Kapital?" zeigt, inwiefern der neoliberale Umgang mit Sexualität zur Reproduktion des Kapitalismus beiträgt (Cover Suhrkamp Verlag, Hintergrund dpa)

Was einmal als sexuelle Revolution und Akt der Befreiung begonnen hat, ist längst zu einem sexuellen Markt gnadenloser Konkurrenz geworden. So lässt sich die These des Buchs "Was ist sexuelles Kapital?" von Eva Illouz und Dana Kaplan zusammenfassen. Konnten die Hippies im 20. Jahrhundert noch mit einer unbeschwerten Lust protzen, untersteht das sexuelle Begehren heute einem aufwendigen Management der eigenen Identität. Um ihr sexuelles Profil zu schärfen, müssen die Menschen daher zu vielem bereit sein:

"Ob sie sich mit plastischer Chirurgie Gesicht oder Körper verschönern lassen, populäre Sexratgeber konsultieren oder sich einer ‚Verführungsgemeinschaft‘ anschließen, in der sie vielleicht mehr Selbstvertrauen in ihre sexuelle Subjektivität entwickeln können: Mit all diesen Investitionen verbessern sie womöglich ihre Position im Wettbewerb um den sexuellen Zugang zu den Körpern anderer. Dieser sexuelle Konkurrenzkampf kann auf die Maximierung von Lust ausgerichtet sein, aber auch auf das bloße Gefühl, von anderen begehrt zu werden."

Die Entdeckung der Lust

In ihrem neuen Buch gehen Dana Kaplan und Eva Illouz der Frage nach, wie sich die vielfältigen Beziehungen zwischen Ökonomie und Sexualität in der Gegenwart angemessen beschreiben lassen. Beide Autorinnen können dabei auf eine längere Beschäftigung mit dem Thema zurückblicken. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der hebräischen Universität Jerusalem und am europäischen Zentrum für Soziologie und Politikwissenschaft der Universität Sorbonne in Paris. Sie hat sich in mehreren sehr erfolgreichen Büchern mit der ökonomischen Durchdringung des Gefühlslebens auseinandergesetzt. In ihrem letzten Buch, dem Bestseller "Warum Liebe endet", hat sie analysiert, wie selbst intime Gefühle zu einer Ware werden und in der heutigen Lebenswelt genauso wie alles andere konsumierbar sind. Auch Dana Kaplan ist Soziologin, sie unterrichtet an verschiedenen Universitäten in Israel.

Ausgangspunkt der Untersuchung in ihrem Buch "Was ist sexuelles Kapital?" ist die Beobachtung, dass die erotische Lust nicht nur im Privatleben der Menschen eine immer wichtigere Rolle spielt. Sie hat auch im Berufsleben einen zunehmenden Anteil an der Steigerung der Produktivität. Die Tatsache, dass sexuelle Attraktivität seit jeher von Vorteil für das eigene Fortkommen ist, lassen die beiden Autorinnen dabei keineswegs außer Acht. Genauso wenig, dass auch die Verflechtung von Sexualität und Ökonomie kein neues Phänomen ist.

Das belegen die lange Geschichte der Prostitution und die durchgängige Existenz von Heiratsmärkten. Das grundlegend Neue an unserer sexualisierten Gegenwart sehen die beiden Autorinnern vielmehr darin, dass private Erfahrungen der Lust zur Voraussetzung für den Erfolg im ökonomischen Sinne geworden sind. Das gegenwärtige sexuelle Kapital basiert aus ihrer Sicht auf den vielfältigen neuen Möglichkeiten, die ein liberales Sexualleben eröffnet hat:

"Das neoliberale Sexualkapital, wie wir es nennen, beruht auf der Fähigkeit, aus sexuellen Begegnungen Selbstwertgefühl zu beziehen und diesen Selbstwert in die eigenen Beschäftigungschancen zu investieren."

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Der Sex im Kapitalismus

Die Übersetzung von Sexualität in ökonomisches Kapital kennt viele verschiedene Formen. Zu den traditionellen Formen zählen die beiden Autorinnen die gewerbliche Sexarbeit von der brutalen Ausbeutung bis hin zur gehobenen Dienstleistung.

Dazu gehören auch indirekte Formen, die lediglich auf einem sexuellen Versprechen beruhen wie der gezielte Einsatz von Hostessen oder die Model-Branche insgesamt. Aber in der gegenwärtigen Konsumgesellschaft gibt es noch viele weitere Varianten, in denen der sexualisierte Körper zur Steigerung des ökonomischen Mehrwerts beiträgt. Die bekannteste ist sicherlich die Pornographie. Deren Produktion und Konsumtion haben seit der sexuellen Revolution derart zugenommen, dass sie inzwischen in viele Lebensbereiche ausstrahlt. Auch die verschärfte Arbeit am eigenen Körper verstehen die beiden Autorinnen als eine Möglichkeit, um sexuelles Kapital zu akkumulieren. Wer besser aussieht und für andere anziehend ist, erhöht seine Chancen am Arbeitsmarkt:

"Ganze Industriezweige kümmern sich darum, dass sich Menschen attraktiver fühlen (durch Schönheitsoperationen, Reizwäsche, Fitness und vieles mehr) und sexuell erfolgreicher sind. Als sexy oder schön anerkannt zu werden, kann die eigene sexuelle Beliebtheit steigern und zur Maximierung von Lust beitragen."

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In den Fokus ihrer Untersuchung rücken die beiden Soziologinnen jedoch eine deutlich subtilere und vermutlich auch weitreichendere Form der Gewinnung von sexuellem Kapital. Deren Voraussetzung ist die Loslösung der Sexualität aus ihren traditionellen moralischen Zuschreibungen durch religiöse oder staatliche Institutionen.

Aus der Sicht einer liberalen Welt ist Sex weder gut noch schlecht, weder geboten noch verwerflich, sondern wird vor allem als persönliche Erfahrung geschätzt. Das ist die frohe Botschaft der sexuellen Revolution und zugleich die neue Ökonomisierung der Lust. Erst wenn das breite Spektrum der Sexualität vornehmlich als interessant gilt, können daraus gewinnbringende Erfahrungen für ihre ökonomische Verwertung werden:

"Der Begriff des sexuellen Kapitals wird genau deshalb nützlich, weil er zugleich die (wahrgenommene) Möglichkeit sexueller Freiheit und die Tatsache anerkennt, dass die individuelle Freiheit in der Spätmoderne nicht nur mit der Marktfreiheit vereinbar geworden ist, sondern sogar eine Verlängerung von ihr darstellt."

Die Erkundung des Selbst

Mit dem Begriff des sexuellen Kapitals schließen die beiden Autorinnen unter anderem an die Arbeiten von Pierre Bourdieu an. Bereits in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts hatte der französische Soziologe zu Formen des Kapitals geforscht, die zwar selbst nicht ökonomischer Natur sind, sich aber zur Vermehrung des eigenen Vermögens einsetzen lassen. So bezeichnet das kulturelle Kapital nach Bourdieu die persönliche Bildung, die häufig von der Herkunft abhängig ist und sich in der Fähigkeit niederschlägt, wichtige gesellschaftliche Kontakte zu knüpfen und die eigene Position sichtbar in der sozialen Hierarchie zu markieren. Bourdieu hat gezeigt, dass nicht nur ökonomisches Kapital von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden kann. Auch für die anderen Formen des Kapitals werden die Grundlagen meist schon in der Kindheit geschaffen.

Anders, so zeigen es Dana Kaplan und Eva Illouz, verhält es sich beim sexuellen Kapital, das viel enger an den eigenen Körper und den individuellen Lebenslauf gebunden ist. Es kann nur durch persönliche Erfahrung erworben und bloß in geringem Maß weitergegeben werden. Seine Akkumulierung ist für viele Menschen erst durch die sexuelle Revolution im 20. Jahrhundert möglich geworden. Denn seitdem lässt sich Sexualität als ein Bereich betrachten, der zur Erkundung des eigenen Selbst dient.

War das sexuelle Feld bis dahin durch Verbote und ihre Überschreitung strukturiert, wird es nun zu einem experimentellen Feld individueller Erfahrung. Wer sich sexuell ausprobiert, testet seine Grenzen und lernt sich selbst besonders gut kennen. Wie die forcierte Förderung individueller Kreativität ist auch die gezielte Freisetzung individueller Sexualität seitdem ein Kennzeichen des modernen Subjekts, wie die beiden Autorinnen feststellen:

"Der Blick aufs sexuelle Kapital eröffnet uns eine einzigartige Einsicht in die Bedeutung, die subjektive Erfahrungen und Seelenzustände für die Arbeitsmarktfähigkeit und Klassenreproduktion (der Mittelschicht) erlangt haben. Gefühlslagen und sexuelle Neigungen spielen nicht nur für Strategien der sozialen Mobilität eine wichtige Rolle, sondern auch für das individuelle Selbstverständnis am Arbeitsplatz."

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Die Sexualität der Gesellschaft

Keine Gesellschaft kommt ohne eine Regulierung der Sexualität aus. In traditionellen Gesellschaften werden die Vorschriften, was erlaubt ist und was nicht, meist aus religiösen und familiären Vorgaben abgeleitet. Das gilt auch für die europäische Geschichte. Doch bereits im 19. Jahrhundert begann sich eine wissenschaftliche Neugierde am sexuellen Verhalten zu entwickeln, die über das alte Schema der Vorschriften hinausging.

Es wurden zahlreiche Versuche durchgeführt, um die sexuellen Triebe zu entziffern und wenn möglich zu lenken. Zu den bekanntesten Ergebnissen dieser Bemühungen gehört die Psychoanalyse, die ein ganz neues Wissen über die menschliche Lust hervorgebracht hat. Seitdem gilt das Begehren nicht mehr als etwas Natürliches, sondern wird als produziert verstanden.

Einer der ersten, der diese Geschichte der Sexualität rekonstruiert hat, war der französische Historiker Michel Foucault. Auf dessen Arbeiten zum 19. und 20. Jahrhundert beziehen sich die beiden Soziologinnen bei ihren Thesen zu unserer Gegenwart. Bereits Ende der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte Foucault nachgewiesen, dass die weit verbreitete Sichtweise von einer seit Jahrhunderten unterdrückten Sexualität nicht den geschichtlichen Tatsachen entspricht.

Lange bevor sich die revoltierenden Jugendlichen daran machten, den Sex endlich von moralischen Autoritäten zu befreien, gab es bereits ein großes Interesse daran, sexuellen Trieben mehr Raum zu geben und sie ökonomisch nutzbar zu machen. Die entstehende Popkultur und der neue Konsumkapitalismus sind eng miteinander verbunden. Ohne die Ausweitung des Marktes lässt sich der Erfolg der sexuellen Revolution nicht verstehen, wie Dana Kaplan und Eva Illouz bemerken und im Hinblick auf den digitalen Kapitalismus beschreiben:

"Die Sexindustrie hat bekanntlich gewaltige Ausmaße angenommen; sie erzielt Milliardengewinne und stützt Konzernumsätze ebenso wie Volkswirtschaften und ist mit der Verlagerung der Pornobranche ins Internet zum Bestandteil des digitalen Kapitalismus geworden."

Vor allem sexuelle Praktiken, die früher als abartig in den sozialen Untergrund verbannt wurden, rückten durch die sexuelle Revolution in den Fokus einer neuen Ökonomie der Aufmerksamkeit. Nicht nur Homosexualität und Bisexualität, sondern auch alle Formen eines ehemals als pervers verstandenen Begehrens weckten die Neugierde des Mainstreams. Sadomasochismus wurde salonfähig und galt fortan als eine besondere Herausforderung des sexuellen Subjekts, sich in extremen Situationen selbst zu begegnen.

Der eigene Sex avancierte zum philosophischen Spiegel, in dem sich das freigesetzte Individuum an seinen eigenen Lüsten erkennen sollte. Die gesamte Gesellschaft erlebte eine éducation sentimentale und lernte ihr sexuelles Begehren zu erforschen, zu pflegen und auch zu steigern. So konnte im Zuge der sexuellen Befreiung an die Stelle traditioneller moralischer Vorschriften eine neue ökonomische Regulierung treten. Darin sehen die beiden Autorinnen den entscheidenden historischen Umbruch:

"Somit war es die Lockerung der Normen und Tabus zur Regulierung der Sexualität und deren zunehmende Eingliederung in die ökonomische Sphäre, die die Bildung eines sexuellen Kapitals ermöglichte. Ist die Sexualität erst einmal durch wirtschaftliche Strategien strukturiert, bringt sie wirtschaftliche Vorteile und ist sie ein Schlüssel für die Sphäre der Wirtschaft selbst, dann sprechen wir von sexuellem Kapital in einer neoliberalen Kultur oder neoliberalem Sexualkapital."

Das sexuelle Subjekt

Heute ist das sexuelle Begehren geradezu umstellt von zahlreichen Ratgebern und Anleitungen zum Training. Es gibt nicht nur ein großes Angebot an Sexspielzeugen und Kursen zur Atemtechnik, mit denen sich die Qualität der Orgasmen nachhaltig verbessern lässt. Die sexuellen Subjekte sind auch aufgefordert, sich selbst immer wieder Rechenschaft über ihr Begehren abzulegen und ihre Neigungen permanent in Frage zu stellen. Aus dem ehemaligen Wunsch nach Selbstverwirklichung ist eine Dauerwerbesendung für den Entwurf einer eigenen sexuellen Identität geworden.

Galt unter traditionellen Bedingungen der eheliche Sex als der einzig legitime, ist jetzt nichts so schlimm wie eingefahrene sexuelle Muster, die sich reproduzieren. Wie in der Wirtschaft wird Innovation zu einer dauernden Herausforderung des Sexuallebens und das eigene sexuelle Kapital zu einem Investment ins Ungewisse. Denn damit umzugehen gehört zu den neuen Kompetenzen des modernen Subjekts, das nun bei seinen sexuellen Abenteuern lernen kann, wie es sich im Berufsleben der neuen Ökonomie der Gefühle behaupten kann:

"Arbeitssoziologen haben festgestellt, dass in der New Economy Privatsphäre und Öffentlichkeit endemisch verschwimmen. Dies bedeutet auch, dass die Arbeitnehmerinnen als Ein-Personen-Marken auftreten müssen. Sie verkaufen also nicht mehr nur ihre Arbeitskraft, sondern ihr ganzes existenzielles Sein."

Bereits zu Beginn unseres Jahrhunderts hat die Philosophin und Feministin Nancy Fraser darauf hingewiesen, dass die Ausrichtung der feministischen Kämpfe auf die soziale Konstruktion von Geschlecht zur Neudefinition von Emanzipation in Marktbegriffen beigetragen hat. Mit der Ablösung des politischen Engagements für Gleichberechtigung zugunsten einer Vielzahl von Geschlechtern und ihrer Anerkennung ging demnach eine Individualisierung von politischen Forderungen einher, die der Steuerung der Märkte durch Affekte entgegenkam.

Dana Kaplan und Eva Illouz stimmen dieser Sichtweise zu und interessieren sich daher insbesondere für den elementaren Beitrag, den die neuen Spielformen der Sexualität zum heutigen Kapitalismus der Gefühle leisten:

"Statt zu fragen, wie der Kapitalismus heteronormative und geschlechtsspezifische Drehbücher und Narrative reproduziert, drehen wir die Frage um: Inwiefern tragen die neoliberale Sexualität und der sexuelle Kapitalstock, den sie aufbauen kann, zur Reproduktion des Kapitalismus bei?"

Rückblick auf die sexuelle Revolution

Das Buch "Was ist sexuelles Kapital?" macht deutlich: Das heutige sexuelle Subjekt ist ein flexibles Subjekt. Es wehrt sich gegen jede geschlechtliche Kategorisierung und will nicht mehr festgelegt sein auf die über viele Jahrhunderte eingeübte Binarität von Mann und Frau. Indem es gegen die alte Geschlechterordnung ankämpft und sich seine sexuelle Identität selbst erfindet, versteht es sich selbst als ein sexueller Partisan, der die klassischen Rollenbilder und traditionellen Erwartungen permanent unterläuft.

Das sexuelle Kapital des flexiblen Subjekts besteht in der Unerkennbarkeit seines Begehrens, die es von der trägen Masse und ihren eingefahrenen Denkmustern unterscheidet. In der Geste, mit der es sich als erotische Avantgarde auszeichnet, hallt immer noch der einstige politische Aufbruch der Jugend nach, mit dem die sexuelle Revolution ihren Anfang nahm.

Mit ihrer Soziologie des sexuellen Kapitals werfen Dana Kaplan und Eva Illouz zugleich einen kritischen Blick auf die historischen Wandlungen der Sexualität im Zusammenhang mit den Emanzipationsbewegungen seit den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Heute ist offensichtlich, dass der Traum von der sexuellen Freiheit neue Formen der Machtausübung hervorgebracht hat, bei der eine alte konservative Elite durch eine neue progressive Elite abgelöst wurde.

Aus dem Kampf um Anerkennung ist längst ein Kampf um Aufmerksamkeit geworden, die vermutlich zu den wichtigsten Ressourcen in der neuen Ökonomie der Affekte gehört. Dana Kaplan und Eva Illouz haben ein bemerkenswertes Buch zu einem hochaktuellen Thema geschrieben, das auch die Abgründe vermeintlich aufgeklärter Positionen beleuchtet. Das wird ohne Zweifel für Diskussionen sorgen.

Dana Kaplan und Eva Illouz: "Was ist sexuelles Kapital?"
Aus dem Englischen von Michael Adrian
Suhrkamp Verlag, Berlin. 125 Seiten, 22 Euro.

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