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StartseiteDie neue PlatteKlingende Seelenverwandschaften11.10.2015

Daniil Trifonov und RachmaninowKlingende Seelenverwandschaften

Der gerade mal 24-jährige Pianist Daniil Trifonov zählt zu den bemerkenswertesten Talenten seiner Generation. Vor Kurzem erschien beim Label Deutsche Grammophon seine neue CD mit Variationswerken von Sergej Rachmaninow – sie wartet mit ein paar Seelenverwandtschaften des Pianisten zum Komponisten auf.

Von Klaus Gehrke

Der russische Pianist Daniil Trifonov im August 2012 beim Edinburgh International Festival. (imago / United Archives)
Der russische Pianist Daniil Trifonov im August 2012 beim Edinburgh International Festival. (imago / United Archives)

Sergej Rachmaninow genoss als Interpret der Werke Frédéric Chopins einen exzellenten Ruf. Und so ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass er etwas von dem verehrten Meister für einen Variationszyklus aussuchte. Allerdings nahm Rachmaninow nicht einfach nur ein Thema, sondern gleich eine komplette Komposition: das Prélude Nr. 20 c-Moll aus Chopins op. 28. Wie das Stück anschließend verändert wird, ist schlichtweg atemberaubend. Das Werk, das 1903 abgeschlossen wurde, entstand in einer für ihn glücklichen Zeit: der damals 30-jährige Rachmaninow war frisch verheiratet und wurde nicht nur in seiner Heimat Russland, sondern zunehmend auch in ganz Europa und den USA als Virtuose und Komponist gefeiert.

Verlust und Krise

Als er 1931 die Variationen über ein Thema von Corelli schrieb, hatte seine Welt sich drastisch verändert. Nach der Oktoberrevolution 1917 war Rachmaninow aus Russland in die USA geflohen; heimisch wurde er dort jedoch nicht. Zudem schätzte das amerikanische Publikum ihn nur als Pianisten, nicht aber als Komponisten. In diesem Bereich kämpfte Rachmaninow nach dem Verlust der Heimat mit einer Schreibblockade, die er erst 1930 mit dem Kauf eines Sommerhauses in der Schweiz am Vierwaldstätter See überwand. Zu den ersten Werken, die dort entstanden, gehören die Variationen über ein Thema von Corelli op. 42. Corelli hat besagtes Thema jedoch nicht erfunden, sondern die zu seiner Zeit sehr populäre Melodie "Folia" aus Spanien übernommen und kunstvoll variiert. Genauso raffiniert verfuhr Rachmaninow in seinen Variationen mit dem Thema.

Wesensverwandt mit Rachmaninow

Mit dem Komponisten hat der Pianist einen Punkt gemeinsam: das Heimweh. Allerdings verließ er 2009 nicht aus gesellschaftspolitischen Gründen seine russische Heimat, vielmehr wollte der 18-Jährige in den USA sein Klavierstudium fortsetzen. Offensichtlich fiel Trifonov die Trennung von Eltern und der gewohnten Umgebung nicht so leicht wie gedacht. Und um sein Heimweh zu verarbeiten, begann er zu komponieren. Heraus kam eine fünfsätzige Suite, die in ihrer Klangsprache deutlich an den spätromantischen Stil Rachmaninows erinnert. Folgerichtig nannte Trifonov sein Werk "Rachmaniana"; hier treffen melancholische und sehnsuchtsvolle Stimmungsbilder mit energisch kraftvollen und hoch virtuosen Passagen zusammen, die durchaus die zwiespältigen Gefühle des russischen Pianisten am fremden US-amerikanischen Studienort widerspiegeln.

Charismatischer Shootingstar

Die "Rachmaniana"-Suite widmete Daniil Trifonov seinem Lehrer und Mentor Sergej Babayan, der dem jungen russischen Pianisten den letzten Schliff gab. Ab 2010 gewann Trifonov eine ganze Reihe renommierter internationaler Klavierwettbewerbe, etwa den Artur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv oder den Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Bei seinem Deutschlanddebüt im Mai 2013 bezeichnete ein Kritiker ihn als "eines der erfolgreichsten und unbegreiflichsten Klaviertalente der letzten Jahrzehnte". Nur wenige Monate später gab der 22-Jährige ein aufsehenerregendes Konzert in der New Yorker Carnegie Hall. 2014 erhielt Trifonov als "Nachwuchskünstler des Jahres" einen Echo Klassik. Mit seiner neuen CD hat er eine überaus beeindruckende und fulminante Einspielung der Variationswerke Rachmaninows vorgelegt, die in technischer wie auch in interpretatorischer Hinsicht keine Wünsche offen lassen. In diesen Kontext fügt sich seine eigene Hommage an den "letzten Romantiker" gut ein.

Klavierdrama um Paganinis Seele

Ein regelrechtes Feuerwerk entfacht Trifonov zusammen mit dem Philadelphia Orchestra unter der Leitung des kanadischen Dirigenten Yannick Nézet-Séguin in Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43 für Klavier und Orchester: 1934 in der Schweiz komponiert, werden in dem Werk verschiedene Formen wie Variationen, Rhapsodie und sinfonische Dichtung miteinander verschmolzen. Im Booklet sagt Trifonov darüber: "Die Rhapsodie ist für mich wie ein Miniaturballett; es ist ein Tanz mit dem Schicksal um Paganinis Seele". Und wahrlich ein Stück, das in dieser Interpretation unter die Haut geht. 

"Rachmaninow – Variations", Daniil Trifonov und das Philadelphia Orchestra, Leitung: Yannick Nézet-Séguin, Deutsche Grammophon, Bestellnummer: 0289 479 4970 1

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