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StartseiteKultur heuteMüde Revolution auf der Baustelle21.09.2019

Dantons Tod im sanierten Schauspielhaus DüsseldorfMüde Revolution auf der Baustelle

1970 wurde das Düsseldorfer Schauspielhaus mit "Dantons Tod" eröffnet – höchst umstritten und begleitet von studentischen Protesten. Fast 50 Jahre später verläuft die Rückkehr in das sanierte Haus deutlich ruhiger, fast ein wenig langweilig.

Von Dorothea Marcus

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Ein Mann in blutverschmierter Kleidung liegt am Boden. Menschen stützen ihn, recken die Hälse, um einen Blick auf den gestürzten zu erhaschen.    (D'haus/ Thomas Aurin)
Menschen und Ideale auf der Schlachtbank in Georg Büchners Dantons Tod (D'haus/ Thomas Aurin)
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"Das Schauspielhaus gleicht einer Festung. Hermetisch abgeriegelt durch Barrieren und fast 600 Polizisten." Notierte die Düsseldorfer Stadtpost, als das - Zitat - riesige eckenlose Monumentalkunstwerk - im Januar 1970 eröffnet wurde. Die Polizisten sicherten in Eins-zu-Eins-Betreuung ab, dass die rund 600 Demonstranten nicht zur Prominenz in Nerz und Diamantschmuck vordringen konnten, die vorsichtig über die Baustellenreste stieg, um Büchners großem Revolutionsstück "Dantons Tod" beizuwohnen. Das bekanntlich davon handelt, wie weit man gehen darf, um gesellschaftliche Veränderung zu bewirken. Schon damals war dies ein seltsamer Widerspruch in sich. Heute ist er womöglich noch größer - fällt aber weniger auf. Im September 2019 stolpern die Premierenbesucher in Galagarderobe bei der Eröffnung zwar wie damals über Kabel und Kiesel, das Haus wirkt noch ganz und gar unfertig. Doch Demonstranten versammeln sich schon lange nicht mehr vor neu eröffneten Schauspielhäusern, Privilegien werden nicht mehr hinterfragt.

"Ihr wollt Privilegien? Hahaha. Ihr wollt Privilegien? Das Beil des Gesetzes schwebt über uns Allen!!!!"

Ideale auf dem Müllhaufen

Eine gigantische betongraue Guillotine hat Regisseur Armin Petras auf die große Bühne bauen lassen, sie könnte auch das Innere eines Müllschluckers sein. Von oben fließt ein Bach voller Blut. Mit liebevoll artifizieller Schäbigkeit ist das Gewimmel auf der Bühne in Lumpen und staubigen Perücken ausgestattet. Petras lässt zunächst die Utopien der Revolution Revue passieren und gibt dem Volk das Wort. Reden dürfen nicht nur die Protagonisten aus Büchners Stück. Petras hat auch Texte etwa von der frühen Feministin und Kämpferin Olympe de Gouges gegen die Vorherrschaft des Mannes ausgegraben. Zu Wort kommt auch ein haitianischer Revolutionär, der für eine Gesellschaft der Schwarzen kämpfen will und gegen Sklaverei eintritt - und selbst heutige Diskurse von Gender-Gleichheit und Diversität werden eingestreut. Und doch landen alle Ideale, wie wir wissen, letztlich auf dem Müllhaufen der Zeit: "Dantons Tod" erzählt vom Fatalismus der Geschichte, davon, wie Utopie in Terror umschlägt. An diesem Ausgang kann auch nichts ändern, wenn  Robespierre von einer Frau, Lieke Hoppe, gespielt wird:

"Rede Robespierre: Die Kraft der Republik ist der Schrecken, die Waffe der Republik ist die Tugend - die Revolution ist der Despotismus der Freiheit!"

Spektakuläre Bilder entstehen, wenn sich die Guillotinenwand hebt und senkt, wenn unter ihr hervor graue Rauchwolken quellen, wenn die Henker Bluteimer heranschleppen und sich die rund 20 Protagonisten in einer Orgie aus Lust und Gewalt verknäulen. Das wirkt immer wieder unfreiwillig komisch. Wenn Danton dann wieder ganz alleine auf Robespierre trifft, zieht er sich ganz nackt aus - doch auch dieser letzte Beweis von Verletzlichkeit zieht nicht beim neuen Despoten.

"Nicht wir haben die Revolution gemacht, sondern die Revolution hat uns gemacht. Ich will lieber guillotiniert werden als guillotinieren lassen. Ich habe es satt."

Das Volk auf der Schlachtbank

Robespierre lässt Danton trotzdem in Ketten legen, in Düsseldorf hängt er mit Seilen, die bondage-artig seinen Kopf verschnüren, auf der abschüssigen Fläche. Als es zum Prozess kommt, wird sein Bild dann überlebensgroß draufprojiziert. Grandios und glasklar artikuliert wird an diesem Abend die Sprache Büchners - und die neue Akustik im großen Haus gefeiert, einwandfrei und energetisch agieren die Darsteller. Und doch wirken die choreografierten Massenszenen und die erzwungene Hochfrequenz gestellt, theatert, nicht dringlich genug. Auch das bombastische Bühnenbild kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem vielbeschäftigten Regisseur Armin Petras - abgesehen von den feministisch-diversen Einsprengseln - nicht viel zum fatalistischen Revolutionsstück eingefallen ist. Am Ende liegt das Volk, nachdem es einen lustig-verzweifelten Zombietanz aufgeführt hat, am Bühnenrand, die Kehlen nach oben - bereit zum letzten Schnitt. Das einfache Volk auf der Schlachtbank. Gemütlich beobachtet vom gut gekleideten Premierenpublikum.

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