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StartseiteDie neue PlattePodium für eine junge Komponistengeneration26.12.2016

Darmstädter Ferienkurse Podium für eine junge Komponistengeneration

Die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt gibt es seit 1946. Alle zwei Jahre treffen sich dort Komponisten und Musiker aus aller Welt, diskutieren aktuelle Arbeiten und führen neue Werke auf. Seit 2010 erscheinen regelmäßig Boxen der CD-Edition "Darmstadt Aural Documents" - ohne Frage ein musikhistorisches Dokument.

Am Mikrofon: Hanno Ehrler

Der französische Komponist Pierre Boulez (Foto) lehrte in den 50er-Jahren "Neue Musik" in Darmstadt. ( AFP / Photo Mehdi Fedouach)
Der französische Komponist Pierre Boulez (Foto) lehrte in den 50er-Jahren "Neue Musik" in Darmstadt. ( AFP / Photo Mehdi Fedouach)

Das Internationale Musikinstitut Darmstadt, der Veranstalter der Ferienkurse, hat die Aufnahmen digitalisiert und gibt seit 2010 zusammen mit dem Label NEOS die CD-Edition "Darmstadt Aural Documents" heraus. Die nun erschienene vierte Box enthält 7 CDs und stellt Pianistinnen und Pianisten vor, die in Darmstadt aktuelle Kompositionen interpretiert haben. Am Mikrofon Hanno Ehrler. 

Arnold Schönberg: Sechs kleine Klavierstücke op. 19, 4. Rasch, aber leicht
Eduard Steuermann, Klavier
auf: Darmstadt Aural Documents, Box 4, Pianist, NEOS, NEOS 11630, LC 15673, EAN 4260063116308

Das war das vierte der 1911 geschriebenen "6 kleinen Klavierstücke" von Arnold Schönberg, 1957 von Eduard Steuermann, einem Zeitgenossen und Schüler von Schönberg gespielt. Dass solch ältere Werke in Darmstadt aufgeführt wurden, dokumentiert das große Nachholbedürfnis, das nach dem Zweiten Weltkrieg wegen der Verfolgung der modernen Kunst durch die Nationalsozialisten entstanden war.

Dafür boten die Darmstädter Ferienkurse ein Podium und gleichzeitig für die junge Komponistengeneration, anfangs vor allem für die Vertreter der sogenannten seriellen Musik. In den ersten beiden Jahrzehnten dominierten sie die Darmstädter Ferienkurse derart, dass sogar von der "Darmstädter Schule" gesprochen wird. Zu dieser zählen Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez. Boulez verwendet in seiner 1957 entstandenen 3. Klaviersonate außer seriellen Techniken auch zufallsgesteuerte, sogenannte "aleatorische" Elemente. 1959 führte er die Sonate selbst in Darmstadt auf. 

Pierre Boulez: 3. Klaviersonate
Pierre Boulez, Klavier
auf: Darmstadt Aural Documents, Box 4, Pianist, NEOS, NEOS 11630, LC 15673, EAN 4260063116308

Soweit die Anfänge der Darmstädter Ferienkurse, die Musikgeschichte geschrieben haben. Sie sind in der CD-Box natürlich dokumentiert. Darüber hinaus hatten die Herausgeber der Edition die heikle Aufgabe, aus der Unmenge an Material Wesentliches auszuwählen; laut CD-Beilage wurden in Darmstadt bisher über 700 Klavierwerke von über 300 Pianistinnen und Pianisten aufgeführt.

Die Auswahl scheint gelungen, mit Aufnahmen von 1948 bis 2014 und mit stilistisch höchst unterschiedlichen Kompositionen. Sie bieten einen Eindruck von der Vielfältigkeit der neuen Musik, die in Darmstadt über die Jahrzehnte diskutiert wurde. Genauso gibt es bei den 42 Pianistinnen und Pianisten, die in der Edition vertreten sind, höchst unterschiedliche Schwerpunkte und Charaktere: Musiker der jüngeren Generation sowie solche, die sich schon in den 1950er Jahren mit aktuellen Kompositionen beschäftigten – unter ihnen Aloys Kontarsky.

Als einer der wichtigsten Neue-Musik-Pianisten seiner Zeit ist er in der CD-Box mehrfach vertreten, unter anderem mit dem 1973 geschriebenen Stück "Evryali" von Yannis Xenakis, das er 1974 aufführte. Bei diesem hochvirtuosen und klangorientierten Werk entfalten sich komplexe und ineinander verschränkte melodische Linien nach statistisch-mathematisch ermittelten Prozessen.

Yannis Xenakis: Evryali
Aloys Kontarsky, Klavier
auf: Darmstadt Aural Documents, Box 4, Pianist, NEOS, NEOS 11630, LC 15673, EAN 4260063116308

Dieses Stück von Yannis Xenakis ist extrem schwierig zu spielen. Es dokumentiert das Phänomen, dass die instrumentaltechnischen Anforderungen an die Musiker von Jahr zu Jahr immer größer wurden, und dieser Prozess scheint kein Ende zu haben. So kommt es, dass sich manche Pianisten, wie der 1970 geborene Nicolas Hodges, sogar auf extrem schwierig zu spielende Werke spezialisierten.

Bei Salvatore Sciarrinos 2001 entstandenen "Due notturni crudeli" steht die äußere Virtuosität allerdings nicht im Vordergrund. Hier geht es darum, mit den Repetitionen und der Verteilung der Töne über die ganze Klaviatur Spannung zu erzeugen und den Klang zu halten. 2002 spielte Nicolas Hodges in Darmstadt die deutsche Erstaufführung des Werks. 

Salvatore Sciarrino: Due notturni crudeli
Nicolas Hodges, Klavier
auf: Darmstadt Aural Documents, Box 4, Pianist, NEOS, NEOS 11630, LC 15673, EAN 4260063116308

Seit Mitte der 1970er-Jahre kehrten eine Reihe von Komponisten der Avantgarde den Rücken. Man hörte wieder tonale Akkorde und Melodien, gehüllt in ein expressives Gewand, wie man es von der klassisch-romantischen Musik kennt. Diese Richtung des Komponierens heißt "neue Expressivität" oder "neue Einfachheit", und einer ihrer Vertreter ist Wilhelm Killmayer. Sein 1988 geschriebenes "Klavierstück Nr. 7" wurde im gleichen Jahr von Siegfried Mauser in Darmstadt aufgeführt – ein Pianist, der sich Killmayers Werk angenommen hat und auch sehr viele andere zeitgenössische Kompositionen nicht nur spielte, sondern auch analysierte. Hören Sie einen kurzen Ausschnitt aus dem knapp viertelstündigen Werk.

Wilhelm Killmayer: : Klavierstück Nr. 7 "Phantasie-Paraphrase"
Siegfried Mauser, Klavier
auf: Darmstadt Aural Documents, Box 4, Pianist, NEOS, NEOS 11630, LC 1567´3, EAN 4260063116308

Etwa zehn Jahre später, 1999, schrieb die russische Komponistin Olga Rayeva das Klavierstück "Drawing with an Angel". Diese Musik entfaltet eine völlig andere musikalische Welt. Sie besteht aus einzelnen Tönen und Klängen, die nicht nur auf den Tasten, sondern auch im Innern des Instruments, direkt auf den Saiten gespielt werden. Das Pedal dient dazu, die Klänge zu verlängern, um in diese Nachklänge hinein neue Töne und Akkorde zu setzen. Hier geht es nicht nur um das Abspielen der Noten, sondern auch um das genaue Aushören der nachhallenden Klangfelder. Die Pianistin Hi-Psien Chen führte dieses Werk 2002 in Darmstadt auf.

Olga Rayeva: Drawing with an Angel
Pi-Hsien Chen, Klavier
auf: Darmstadt Aural Documents, Box 4, Pianist, NEOS, NEOS 11630, LC 15673, EAN 4260063116308

Die Herausgeber der CD-Edition haben auch einen ganz besonderen Klaviermusik-Interpreten berücksichtigt, das Player Piano, also ein vom Computer angesteuerter Flügel. Mit diesem Instrument kann man Dinge realisieren, die für einen Menschen mit seinen zwei Händen und zehn Fingern zu schnell oder zu komplex sind. In dem 2013 entworfenen Stück "Matrix" lässt der slowenische Komponist Vito Zuray das Klavier sehr dichte Passagen spielen und bereichert den Klang durch elektronische Sounds.

Vito Zuray: Matrix für Player Piano und Elektronik
auf: Darmstadt Aural Documents, Box 4, Pianist, NEOS, NEOS 11630, LC 15673, EAN 4260063116308

Im Begleitheft zur CD-Box "Darmstadt Aural Documents" gibt es leider keine Auskünfte zu den Pianistinnen und Pianisten. Die Tonqualität der älteren Aufnahmen beschwört die Aura ihrer Entstehungszeit, und manche Nebengeräusche in neueren Produktionen lassen, durchaus erfrischend, die live-Situation der Aufführung spüren. Der große Wert der Edition als musikhistorisches Dokument steht außer Frage. Sie erschien dieses Jahr als vierte Box mit Aufnahmen von den Darmstädter Ferienkursen beim Label NEOS.

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