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StartseiteEuropa heuteLieber im Garten als im Sozialbau31.05.2018

Das afrikanische Lissabon (4/5)Lieber im Garten als im Sozialbau

Nach dem Ende der Kolonialkriege kamen Hunderttausende Migranten aus Afrika nach Portugal. Rund um Lissabon errichteten viele von ihnen Gärten und Wohnbaracken, die später wieder abgerissen wurden. Manuel Santos erhielt dafür eine Sozialwohnung vom Staat - doch die alte Nachbarschaft bleibt sein Zuhause.

Von Tilo Wagner

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Ein Stückchen Kapverden in Lissabon: Manuel Santos vor Zuckerrohrpflanzen in seinem Garten (Deutschlandradio/ Tilo Wagner)
Ein Stückchen Kapverden in Lissabon: Manuel Santos vor Zuckerrohrpflanzen in seinem Garten (Deutschlandradio/ Tilo Wagner)
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Portugal und Migration Vom Aus- zum Einwanderungsland

Jeden Morgen steigt Manuel Santos in einem Sozialbauviertel im Norden Lissabons in einen Stadtbus und fährt zu seinem Garten. Zu Fuß sind es nur vier Kilometer, aber weil er einmal umsteigen muss und die Busse nur selten fahren, braucht der 78-Jährige manchmal über eine Stunde. Von der Haltestelle läuft er über die alte Militärstraße – ein Festungswall aus dem 19. Jahrhundert, der rund um Lissabon auf einer Anhöhe verläuft. Santos öffnet ein Gartentor.

Der kleine Mann mit dem buschigen grau-weißen Oberlippenbart zeigt auf seine Pflanzen und exotischen Obstbäume: Goiaba, Mais, Zwiebeln, Zucchini. Fast wie zu Hause auf den kapverdischen Inseln, sagt Santos, der von seinen Freunden "Santinho" genannt wird – der kleine Heilige.

Die Kirche Nossa Senhora da Conceicao - in Sao Filipe auf Fogo, einer der Kapverdischen Inseln (Imago)Bis in die 60er-Jahre lebte Manuel Santos mit seiner Familie auf der Vulkaninsel Fogo (Imago)

Rassistische Hierarchie

Santos läuft auf hohe bambusähnliche Pflanzen zu. "Das ist Zuckerrohr", sagt er. Die Ernte gibt er einem Freund, der daraus Schnaps brennt und ihm einen Teil abgibt: Drei bis fünf Liter im Jahr. Der sei ganz gut, sagt er, aber nicht zu vergleichen mit dem Schnaps aus der alten Heimat. Bis in die 60er-Jahre lebte Manuel Santos mit seiner Familie auf der Vulkaninsel Fogo im Atlantik. Doch dann brach der Kolonialkrieg aus:

"Zur Zeit der Salazar-Diktatur wurde die Wehrpflicht auch in den Kolonien eingeführt. Ich arbeitete auf unserem Feld immer mit einem Cousin zusammen. Eines Tages wurde er eingezogen und nach Angola verschifft. Ein paar Tage später war er tot. Da habe ich Angst gekommen. Ich wollte nicht in den Krieg und da bin ich auf die Kakaoplantagen nach São Tomé gegangen."

Auf der damals portugiesischen Inselgruppe im Golf von Guinea tauchte er unter, bis ihn die Behörden fanden. Doch sein Boss, ein weißer Portugiese, beantragte Santos' Freistellung. In der rassistischen Hierarchie des Salazar-Regimes kamen die Bewohner der Kapverden gleich hinter den Weißen:

"Wir hatten eine gewisse Sonderstellung. Aber das hieß auch, dass wir uns nicht mit den anderen Schwarzen zusammentun sollten. Wenn die Angolaner, Mosambikaner oder die Leute aus Bissau auf die Insel kamen, da trugen sie Ketten um die Füße. Ich weiß nicht, ob es Gefangene waren oder ob sie zwangsverschifft wurden. Das habe ich nicht rausgefunden. Für mich sah es nach echter Sklaverei aus."

Der portugiesische Politiker António de Oliveira Salazar an seinem Schreibtisch. Von 1932 bis 1968 bekleidete er das Amt des Ministerpräsidenten und baute ein diktatorisches Regierungssystem auf. (picture alliance/ dpa)Der portugiesische Diktator António de Oliveira Salazar regierte Portugal von 1932 bis 1968 (picture alliance/ dpa)

Baracken und Gärten von Migranten aus Afrika

Mit seinem Boss kam Manuel Santos 1972 nach Portugal. Er fand Arbeit in einer der vielen Porzellanfabriken, die im Norden Lissabons Hunderte von Migranten aus Afrika beschäftigten. Ein reicher Großgrundbesitzer erlaubte den Neuankömmlingen, auf seinen brachliegende Feldern Gärten zu errichten. Und entlang der alten Militärstraße bauten Santos und viele seiner Bekannten einfache Wohnbaracken.

Eine große Passagiermaschine startet vom nahe gelegenen Flughafen. Santos zieht seine Baseballkappe ins Gesicht und läuft durch die grelle Sonne auf die andere Seite der alten Militärstraße. Zwischen hohem Gras und wilden Feldblumen liegen ein paar zerschlagene Backsteine.

"Hier stand mein Haus", sagt er und schaut über das Gras den Hügel hinunter auf ein weites Tal. Zusammen mit Freunden und Nachbarn hatte Santos die Hauswände in den 80er-Jahren selbst hochgezogen. Seine Töchter spielten mit den vielen anderen Kindern auf den Feldern und in den Gärten. Der Anschluss an Strom und fließendes Wasser wurde später auch gelegt. Doch vor zehn Jahre ließ die Stadtverwaltung das Haus von Manuel Santos abreißen.

"Ich habe das bis heute nicht verstanden. Klar, die haben uns gesagt, das Land gehört nicht uns, die Militärstraße gehört dem Staat. Die sind mit uns zur neuen Wohnung im Sozialbauviertel gefahren und haben uns den Schlüssel gegeben. Und dann haben sie das Haus abgerissen. Früher habe ich natürlich keine Miete gezahlt, aber jetzt wird das Geld knapp, weil wir für die neue Wohnung bezahlen müssen."

Umsiedlung in Problemviertel

Baltasar Ribeiro kommt vorbei, ein ehemaliger Nachbar. Der Mittvierziger stammt auch von der Insel Fogo und kennt Santos kapverdische Familie. "Santinho", sagt Ribeiro und grinst breit übers Gesich. "Lass Dich nicht täuschen: ein Heiliger ist der ganz bestimmt nicht."

Die beiden laufen ein paar Meter die Militärstraße hinunter zu einem Café: Vor der braunen Baracke stehen ein paar alte Plastikstühle, ein Radio plärrt im Hintergrund. Die Mittagssonne brennt, Santos bestellt augenzwinkernd einen "hellen Kaffee": Zuckerrohrschnaps im kurzen Glas. Entlang der alten Militärstraße hat die Stadtverwaltung ein paar Häuser abreißen lassen, aber viele Baracken stehen immer noch und sind weiterhin bewohnt. Was mit den Leuten passiert, sei völlig unklar, erzählt Baltasar Ribeiro:

"Zu Beginn hat die Stadtverwaltung noch Entschädigungen gezahlt. Davon haben einige gut profitiert. Aber irgendwann ging das Geld aus. Und dann haben sie angefangen, die Leute zwangsumzusiedeln. Das war nicht schön. Die meisten kamen dann in richtige Problemviertel. Wer dort wohnt, will eigentlich sofort wieder raus. Wie können sie die Leute zwingen, dahin zu ziehen?"

Ribeiro und Santos sitzen noch eine Zeit zusammen und sprechen über ehemalige Nachbarn aus ihrer Siedlung. Dann trinkt Manuel Santos seinen Schnaps aus und bricht auf. Er will noch mal kurz in seinen Garten, bevor er den Heimweg antritt.

"Heute würde ich mich weigern, hier wegzuziehen. Ich hab hier alles: den Garten, meine Freunde. In meine neue Wohnung gehe ich nur zum Schlafen. Und jeden Morgen komme ich wieder hierher."

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