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StartseiteBüchermarktPlötzlich und unerwartet22.12.2020

„Das alles hier, jetzt“ von Schweizer Buchpreisträgerin Anna SternPlötzlich und unerwartet

Anna Stern war die Überraschungssiegerin des Schweizer Buchpreises. Inhaltlich geht es in ihrem ausgezeichneten Roman „Das alles hier, jetzt“ zwar um das ewig alte Thema Tod, aber die Form ist höchst ungewöhnlich. Denn Stern vermeidet unter anderem jede Geschlechtszuschreibung für ihre Figuren.

Von Christel Wester

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Collage - Vordergrund: Buchcover "das alles hier, jetzt" von Anna Stern / Hintergrund: Stockimage (Elster & Salis Verlag)
Formal interessante Trauerchronik: Der mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnete Roman "das alles hier, jetzt" von Anna Stern (Elster & Salis Verlag)
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Radikaler als die Schweizer Autorin Anna Stern kann man einen Roman kaum beginnen: Nur ein einziger Satz steht oben auf der ersten Seite, anderthalb Zeilen in Kleinbuchstaben.

"ananke stirbt an einem Montag im winter, nachmittags zwischen sechzehn und siebzehn uhr."

Am Anfang steht der Tod eines geliebten Menschen 

Auf diese eher nüchterne Information folgt ein weißes Blatt: Leere, die es auszuhalten gilt, nach dem Tod einer nahestehenden Person. Mit der Weißfläche gibt Anna Stern dem Schock und der Sprachlosigkeit Raum, die sich einstellen, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist. Denn in diesem Roman, für den die 1990 in Rorschach geborene Schriftstellerin den Schweizer Buchpreis 2020 bekommen hat, geht es darum, einen Ausdruck zu finden für Trauer und Verlusterfahrung.

Die Autorin Anna Stern (Florian Bachmann) (Florian Bachmann)Buchpreis-Gewinnerin Anna Stern - Von der Neugier getrieben
Anna Stern ist Romanautorin. Für ihr neuestes Werk wurde sie mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Sie ist aber auch Wissenschaftlerin. Beide Felder liegen näher beieinander, als man auf den ersten Blick vermuten würde, meint sie.

Anna Stern wählt dafür eine ungewöhnliche Form. Sie hat ihren Roman wie eine Art Tagebuch aufgebaut, in dem eine Figur namens Ichor ein intimes Protokoll ihrer Trauer schreibt. Ichors Notizen verlaufen in zwei getrennten, aber parallelen Strängen, aufgeteilt auf die linken und die rechten Buchseiten. Links geht es um die Gegenwart, rechts um die Vergangenheit. Das drückt sich auch im Schriftbild aus. Links sind die Buchstaben schwarz gedruckt, rechts grau. So wirken die rechten Seiten ähnlich unscharf, wie wir auch Vergangenes erinnern. Auf den linken Seiten erzählt Ichor von der Bewältigung des Alltags in der Trauer. Oft sind das kurze poetische Texte, die an Prosagedichte erinnern.

"du gehst in den winter hinaus, blind, in die nacht. die tränen gefrieren in deinen augenwinkeln, auf deinen tauben wangen. die kälte trifft dich gestalt-, geruch-, weiter auch geräuschlos: keine menschen, nirgends. nicht mehr."

Ein leeres Blatt, radikale Kleinschreibung, Spalten-Grafik 

Auf den rechten Buchseiten dagegen stehen längere und kürzere Anekdoten aus der Kindheit und Jugend von Ananke und Ichor: Diese ungewöhnlichen Namen aus der griechischen Mythologie haben sich die beiden gegenseitig gegeben. Sie sind zusammen aufgewachsen und sie verband eine innige Freundschaft.

"als ananke und du das erste mal allein zusammen in die stadt dürft, kauft ihr euch pyjamas im partnerlook. anankes ist blau und deiner ist rot, und auf den langen hosenbeinen und ärmeln sind faustgroße sterne abgedruckt und monde, der umriss weiß gezeichnet, das innere gelb."

Ichor trägt den Sterne-Pyjama so lange, bis die Hosenbeine nur noch zur Mitte der Wade reichen und der Stoff an Knien und Ellbogen durchsichtig geworden ist.

"es ist nicht so, dass dir der pyjama gefällt, dir je gefallen hätte; dir gefällt primär die vorstellung, nachts, wenn du im dunkeln liegst, von ananke, weniger als hundert meter luftlinie von dir entfernt: ananke im selben pyjama, in derselben dunkelheit, vielleicht dieselben träume träumend."

Rückblick auf eine symbiotische Freundschaft

Die Sehnsucht nach einer symbiotischen Gemeinschaft prägen Ichors Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit mit Ananke, aber auch von schmerzhaften Ablösungsprozessen bei den ersten Schritten ins Erwachsenenleben ist die Rede. Ananke ist sehr jung gestorben, mit etwa Mitte 20. Woran genau, erfährt man nicht. War es womöglich ein psychisches Leiden, das zu einem Suizid auf Raten führte? Zumindest gibt es in Ichors Trauerbericht mehrmals Hinweise auf Selbstverletzungen, auf Schnitte in der Haut.

"die schneeweißen narben, das feine blau der adern, und ich höre ananke, ich höre, wie ananke sagt, lasst mich, es ist nichts, es ist alles gut, wie es ist."

Die Erinnerungen Ichors sind nicht streng chronologisch angeordnet, sondern in einem assoziativen Durcheinander. Oft sind es auch nur Fragmente. Aus ihnen spricht eine Angst, das gemeinsam Erlebte zu vergessen und damit auch die eigene Vergangenheit zu verlieren. Aus dieser Angst erwächst ein manisches Bedürfnis, jede noch so kleine Erinnerung festzuhalten, damit bloß nichts verloren geht. Ichors Schreiben ist ein Aufbegehren gegen die Vergänglichkeit – und darin natürlich zum Scheitern verurteilt.

"die erinnerungen sind nicht deckungsgleich, ihr wachst in die höhe, in die breite, die ereignisse verschieben sich geografisch um entscheidende millimeter, sodass unmöglich wird, sich an eine erinnerung zu erinnern."

Manisches Anschreiben gegen das Vergessen

Aus dem Flickenteppich der Erinnerungen entsteht in "dies alles hier, jetzt" dennoch allmählich das Bild einer Kindheit und Jugend in einer ländlichen Umgebung. Zwei benachbarte Familien verbringen viel Zeit zusammen: Vier Erwachsene, sieben Kinder. Unter den Kindern entsteht ein Freundeskreis entsteht, der ins Erwachsenenalter hineinreicht, aber auch Krisen durchlebt. Neben Ananke und Ichor gehören zu diesem Freundeskreis auch noch drei andere Personen mit den ebenfalls antik anmutenden Rufnamen Cato, Vienna und Eden, Ichors Zwilling. Anna Stern gibt ihren Figuren Namen, die an uralte Mythengestalten erinnern und nicht erkennen lassen, ob es sich um Männer oder um Frauen handelt. Auch sonst vermeidet die Autorin bewusst eindeutige Geschlechtszuordnungen. Sie verzichtet konsequent auf Personal- und Possessivpronomen sowie auf Beschreibungen von Aussehen und Kleidung. Mit diesem Kunstgriff beansprucht sie selbstbewusst etwas Zeitlos-Allgemeingültiges für ihren Trauerbericht. Dennoch bleiben dadurch ihre Romanfiguren und deren Beziehungen untereinander eigentümlich abstrakt. Darin kann man eine Schwäche des Romans sehen. Denn diese Romankonstruktion wirkt wie eine Versuchsanordnung in einem Laboratorium.

"es heißt: erinnerung wird nicht in nervenzellen, sondern in der extrazellulären matrix gespeichert. was nichts erklärt, sondern bloß neue fragen aufwirft."

Manchmal wirken die Formexperimente zu konstruiert-abstrakt 

Hier wird die naturwissenschaftliche Seite der Autorin erkennbar, die im Hauptberuf Biologin ist und derzeit für ihre Doktorarbeit über Antibiotikaresistenzen forscht. Doch die Biologin Anna Stern ist daneben  auch eine Poetin, der es ziemlich gut gelingt, schwer greifbare Gefühle und Stimmungen darzustellen. Stern betont mit ihrer Erzählweise das Unausgesprochene und erzeugt so eine bedrückende Atmosphäre der Sprachlosigkeit, die man beim Lesen beinahe körperlich spürt. Gleichzeitig zeichnet sie Situationen nach, die ungemein treffend erfassen, wie Tod und Trauer soziale Gruppen verändern. Jeder erlebt und verarbeitet den Verlust eines geliebten Menschen auf seine eigene, individuelle Weise. Tiefer Schmerz kann viele widersprüchliche Gefühle auslösen, die von von abgrundtiefer Traurigkeit bis hin zu maßloser Wut reichen. Das wiederum kann bei den anderen Befremden auslösen und Vertrautheit zerstören.

"du suchst viennas blick, catos, der von eden kreuzt sich mit dem euren; du siehst zuerst weg, auf deine hände, zu fäusten verkrampft in deinem schoß."

Der Tod eines geliebten Menschen hinterlässt eine Lücke, die unerträglich ist und die doch ertragen werden muss. Wie schaffen Menschen es, das Unvermeidliche zu akzeptieren? Das ist die zentrale Frage, der Anna Stern auf ebenso eigenwillige wie tiefgründige Weise nachgeht – um ihren Roman am Ende überraschend in einen irrwitzigen und doch auch irgendwie tröstlichen Roadtrip mit der gestohlenen Urne in einem Mercedes-Oldtimer münden zu lassen.

Anna Stern: "das alles hier, jetzt". Roman
Verlag Elster & Salis, Zürich. 243 Seiten, 24 Euro.

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