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StartseiteTag für TagDas Augsburger Bekenntnis und die Wut der Theologen01.11.2013

Das Augsburger Bekenntnis und die Wut der Theologen

Serie: Philipp Melanchthon - Reformator und Bildungspolitiker, Teil 5

Philipp Melanchthon, eigentlich Philipp Schwarzerdt (1497-1560), war Philologe, Philosoph und Theologe. Wegen seiner umfassenden Gelehrtheit und seines bildungspolitischen Engagements hat man ihn auch "Praeceptor Germaniae" genannt, den Lehrer Deutschlands.

Von Rüdiger Achenbach

"Du wirst von der Wut der Theologen befreit", schrieb Melanchton als Grund, warum er den Tod nicht fürchtete.  (picture alliance / dpa /Hendrik Schmidt)
"Du wirst von der Wut der Theologen befreit", schrieb Melanchton als Grund, warum er den Tod nicht fürchtete. (picture alliance / dpa /Hendrik Schmidt)
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"Ich habe Magister Philipps Confessio durchgelesen, sie gefällt mit recht gut. Ich weiß nichts, was daran geändert werden sollte. Das würde sich auch nicht schicken, denn ich kann nicht so sanft und leise treten."

Schrieb Martin Luther an seinen Landesherrn Johann von Sachen, der in Augsburg auf dem Reichstag Luthers Urteil über die hauptsächlich von Melanchthon verfasste Confessio Augustana erwartete. Luther, der wegen der Reichsacht nicht nach Augsburg reisen konnte, hielt sich auf der Festung Coburg auf, wo er sich über die Ereignisse des Reichstags auf dem Laufenden halten ließ. Der Kirchenhistoriker Robert Stupperich:

"In der Kapitelstube der bischöflichen Pfalz wurde die Confessio Augustana dann am 25. Juni 1530 in deutscher Sprache vom sächsischen Vizekanzler Christian Beyer laut und vernehmlich verlesen, so dass die Draußenstehenden – es sollen etwa 3000 gewesen sein – alles hörten. Die Verlesung dauerte zwei Stunden. Der Kaiser tat gelangweilt oder schlief."

Karl V. interessierte sich nicht für Details wie die Rechtfertigungslehre, den Laienkelch oder die Priesterehe. Dem Kaiser ging es einzig und allein darum, die Einheit im Reich wiederherzustellen, dazu gehörte für ihn die Rückkehr der abtrünnigen Protestanten in die römische Kirche. Er ließ deshalb eine Gegenschrift zur Confessio Augustana, die Confutatio, also die Widerlegung, verfassen und vor dem Reichstag verlesen. Damit war für den Kaiser die Bekenntnisschrift der Protestanten vom Tisch. Die evangelischen Stände wurden nun aufgefordert bis zum April 1531 ihre Neuerungen wieder rückgängig zu machen. Jede kirchliche Reform galt nun als Landfriedensbruch.

Da Melanchthon sich aber nicht so schnell geschlagen geben wollte, führte er unermüdlich mündliche Ausgleichsverhandlungen mit den katholischen Theologen, die die Confutatio abgefasst hatten. Und nicht wenige Protestanten empfanden es geradezu als eine Anbiederung, als Melanchthon dem päpstlichen Legaten Kardinal Campeggio zusicherte, dass man unter gewissen Bedingungen auch in der alten Kirche bleiben könne:

"Wir haben keine von der römischen Kirche verschiedene dogmatische Lehre.
Auch haben wir viele unterdrückt, die versucht haben, gefährliche Glaubenslehren zu verbreiten, wofür es öffentliche Zeugnisse gibt. Wir sind bereit, der römischen Kirche zu gehorchen, sofern sie nur in ihrer Milde, die sie stets gegen alle Völker gezeigt hat, wenige Dinge übergeht oder erleichtert, die wir, selbst wenn wir es wollten, jetzt nicht mehr ändern könnten. Überdies anerkennen wir in tiefer Ehrfurcht die Autorität des römischen Papstes und die ganze kirchliche Verfassung, sofern uns der römische Papst nicht verwirft."


Doch die zahlreichen Verhandlungen bleiben ergebnislos. Auch eine von Melanchthon verfasste Verteidigungsschrift wurde vom Kaiser zurückgewiesen.

Als die evangelischen Stände den Augsburger Reichstag verließen, mussten sie damit rechnen, dass der Kaiser schon bald mit Gewalt gegen sie vorgehen werde, Unter diesem Druck schlossen die evangelischen Landesherren sich dann in Schmalkalden zu einem Verteidigungsbund – den "Schmalkaldischen Bund" – zusammen, dem sich jetzt auch die oberdeutschen Städte anschlossen.

Karl V. wurde aber wieder einmal in kriegerische Auseinandersetzungen mit Frankreich verwickelt. Außerdem wurde ihm klar, dass er besonders für den Kampf gegen die Türken dringend auf die Unterstützung der evangelischen Stände angewiesen war. Daher ließ er das auf dem Augsburger Reichstag ausgesprochene Verbot der evangelischen Neuerungen durch den "Nürnberger Anstand" wieder außer Kraft setzen. Im Gegenzug waren die Protestanten bereit, den Kaiser gegen die Türken zu unterstützen. Aber es gab auch einige unter den Reformatoren, die der Meinung waren, ein Krieg sei grundsätzlich nicht mit dem Evangelium zu vereinbaren. Für diese Haltung hatte Philipp Melanchthon kein Verständnis:

"Es schreien jetzt etliche Prediger, man solle den Türken nicht widerstehen.
Das aber ist Aufruhr! Denn man ist schuldig den Türken zu wehren, die die Länder begehren, Weib und Kinder schänden und ermorden und den Gottesdienst und alle guten Ordnung wegnehmen. Wir wollen lieber tot sein, ehe wir solche Schande leiden. Denn die Türken treiben die Leute zu Markte, kaufen und verkaufen sie, sei es Mann oder Weib. Darum sollen die Prediger die Leute unterrichten, wider solche zu streiten."


Im Blick auf die Kirchenreformen hielt Melanchthon auch nach dem Augsburger Reichstag weiterhin an seiner Idee des Ausgleichs mit der römischen Kirche fest.

Gleichzeitig bemühte er sich auch um die Verständigung mit den Anhängern Zwinglis. Doch diese nach allen Seiten hin auf Aussöhnung gerichtete Haltung stieß im eigenen Lager immer öfter auf Kritik. Man warf Melanchthon unter anderem auch vor, dass er sich in der Rechtfertigungslehre verdächtig der katholischen Auffassung genähert hätte.

Robert Stupperich:
"Für Melanchthon war es schwer, erleben zu müssen, dass teilweise auch seine eigenen Schüler sich gegen ihn wandten und ihn verketzerten. Auch in späteren Jahren hat er es noch oft erfahren müssen, dass undankbare Schüler sich gegen ihn richteten."

Aber Melanchthons grundsätzliche Bereitschaft zu Religionsgesprächen hatte auch ihre Grenzen. Bei den Wiedertäufern etwa sah Melanchthon gefährliche Glaubensauffassungen, die die kirchliche Ordnung untergruben.

Aber auch religiöse Freidenker, die kirchliche Dogmen ablehnten, waren für ihn ein rotes Tuch. Johannes Calvin in Genf gratulierte er ausdrücklich, dass dieser Michael Servet auf dem Scheiterhaufen hatte verbrennen lassen, weil Servet die Dreifaltigkeit Gottes geleugnet hatte.

"Ich bin der Ansicht, dass auch jene, die keine aufrührerischen, aber offensichtlich gotteslästerlichen Lehrmeinungen verteidigen, von der Obrigkeit getötet werden sollen."

1544 hatte Karl V. dann endlich den jahrelangen Kampf mit seinem Hauptrivalen Franz von Frankreich durch den Friedensvertrag von Crepy beendet. Da er sich nun wieder der Einheit der Kirche im Reich widmen konnte, forderte er die Protestanten auf dem Reichstag in Regensburg 1546 dazu auf, eigene Vertreter zum Konzil zu schicken, das wenige Wochen zuvor in Trient, eröffnet worden war. Die Protestanten lehnten eine Teilnahme jedoch ab, denn sie wussten, dass weder der Papst noch der Kaiser bereit waren, ihnen wirklich entgegen zu kommen. Der Kirchenhistoriker Karl Heussi:

"Karl der V. setzte seine Ausgleichsverhandlungen zwar offiziell immer noch fort, aber tatsächlich wollte er die Protestanten nur hinhalten, bis er losschlagen konnte."

Als der "Schmalkaldische Bund", das Verteidigungsbündnis der evangelischen Seite, dann Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel aus seinem Territorium vertrieb und dort die Reformation einführte, waren die kämpferischen Auseinandersetzungen mit dem Kaiser nicht mehr aufzuhalten. Zunächst waren die Protestanten sogar im Vorteil, aber ihre uneinheitliche Strategie wurde ihnen zum Verhängnis. Am 24. April 1547 wurde der "Schmalkaldische Bund" dann bei Mühlberg von den kaiserlichen Truppen vernichtend geschlagen.

Martin Luther hat diese Niederlage nicht mehr erlebt. Er war bereits am 18. Februar 1546 in Eisleben gestorben. Von dort war er mit einem Trauerzug nach Wittenberg gebracht worden. Philipp Melanchthon hatte die lateinische Grabrede gehalten und Luther neben Paulus und Augustinus gestellt und als einen Helden des Glaubens gepriesen.

Später hat Melanchthon aber auch kein Geheimnis daraus gemacht, dass es zwischen ihm und Luther auch Spannungen gegeben habe.

Martin Jung, Professor für Historische Theologie an der Universität Osnabrück:

"Nach Luthers Tod klagte Melanchthon über die 'fast entehrende Knechtschaft', die er an der Seite des Kollegen erduldet habe. Aus Verantwortungsgefühl und Pflichtbewusstsein hat er es dennoch mehr als 40 Jahre lang in Wittenberg ausgehalten."

Verantwortung übernahm er nach Luther Tod auch für dessen Familie. Als im Schmalkaldischen Krieg die kaiserlichen Truppen vor der Wittenberg standen, war er mit seiner eigenen Familie und der Witwe Luthers und deren Kindern geflohen. Er hatte sogar versucht, Katherina Luther und deren Kindern zum dänischen König ins Exil zu schicken, was durch die Kriegswirren aber verhindert wurde.

Als sich die allgemeine Situation wieder einigermaßen beruhigt hatte, ist Melanchthon dann wieder nach Wittenberg zurückgekehrt. Er war fest entschlossen, dort die Universität wieder zu eröffnen, obwohl man ihn eigentlich in Jena erwartete, wo die Söhne seines früheren und dann abgesetzten Kurfürsten eine neue Universität gegründet hatten. Dass Melanchthon sich nun aber dem neu eingesetzten Kurfürsten Moritz als bildungs- und kirchenpolitischer Berater zu Verfügung stellte, konnte man ihm in Jena nicht verzeihen. Doch Melanchthon hatte erkannt, dass der neue Kurfürst, Moritz von Sachsen, der auch "Judas von Meißen" genannt wurde, weil er – um vom Kaiser die Kurfürstenwürde zu erlangen – mit Karl dem V. gegen den Schmalkaldischen Bund gekämpft hatte, trotzdem konsequent lutherisch geblieben war. Mehr noch, Moritz von Sachsen, wurde jetzt sogar zum Retter des Protestantismus. Der Kirchenhistoriker Karl Heussi:

"Die Dinge nahmen plötzlich eine unerwartete Wendung. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Karl V. seit 1547 seinen Sieg in Deutschland ausnutzte, erregte leidenschaftliche Erbitterung. Diese Stimmung erleichterte den politischen Umschwung. Moritz von Sachsen vernichtete mit einem Schlage alle Erfolge, die der Kaiser in den letzten Jahren errungen hatte."

Mit einer Gruppe von Landesherren, die die kaiserliche Politik ablehnten, zettelte Kurfürst Moritz von Sachsen eine Fürstenrebellion an, der der Kaiser aus Mangel an Geld und Truppen nichts entgegen setzen konnte. Moritz von Sachsen nahm deshalb sofort Verhandlungen mit König Ferdinand, dem Bruder des Kaisers, auf. Dazu der Historiker Karlheinz Blaschke:

"Ferdinand war der Mann, auf den er gesetzt hatte, der Kaiser war für ihn kaum noch eine beachtenswerte Größe, ihn wollte er aus der Reichspolitik ausgeschaltet sehen. Und dieses wohl durchdachte Konzept schlug durch. Der Kaiser zog sich aus der Deutschlandpolitik zurück und übertrug seinem Bruder die Reichsgeschäfte."

1555 konnte dann auf dem Reichstag in Augsburg endlich der Religionsfriede geschlossen werden. Neben der römisch katholischen Konfession wurde jetzt auch die lutherische offiziell anerkannt. Philipp Melanchthon war jedoch misstrauisch:

"Alles freut sich, aber wie lange wir uns wirklich freuen werden, weiß niemand."

Für Melanchthon gab es noch zu viele Unklarheiten, die zu neuen Konflikten führen konnten. Aber er erkannte auch, dass nun die eigentliche Reformationsbewegung an ihr Ende gekommen war. Nachdem er ein Drittel seines Lebens auf Reichstagen, bei Disputationen, Kirchenvisitationen und Einweihungen von Schulen zugebracht hatte, zog sich der "Praeceptor Germaniae" ganz auf seine geliebte Lehrtätigkeit an der Universität zurück.

Martin Jung:
"Gerade weil er oft so kompromissbereit und irenisch gesinnt war, hatte er viele Kritiker, ja Gegner. In den letzten Lebensjahren litt er unsäglich unter den zwischen den reformatorischen Theologen ausgebrochenen Lehrstreitigkeiten."

Wenige Tage vor seinem Ableben am 19. April 1560 schrieb der 63-jährige Melanchthon auf einem Zettel die Gründe nieder, warum er den Tod nicht fürchten müsse:

"Du wirst von den Sünden loskommen, du wirst von der Trübsal befreit und von der Wut der Theologen."

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