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StartseiteRock et ceteraWut, Beobachtung, Leerstellen24.05.2020

Das Berliner Trio Kala BrisellaWut, Beobachtung, Leerstellen

Die Texte sind aufrührerisch bis dadaistisch und ebenso unberechenbar wie die Musik: Das Noise-Rock-Trio Kala Brisella kommt aus dem Theater-Umfeld und hat den Bandnamen dem traurigsten Berliner Pizzabäcker entliehen.

Von Anja Buchmann

Eine blonde Frau und zwei Männer stehen vor einer blauen Wand. (Andrea Wunstorf)
Kala Brisella lernten sich während einer Theaterproduktion kennen (Andrea Wunstorf)

Musik: "King of the moon"

Theater-Wurzeln und Do-it-yourself

Am Stadttheater Freiburg haben sie sich kennen gelernt: Anja und Dennis kamen als Performerin und Tänzerin bzw Dramaturg aus Berlin und Jochen arbeitete damals im Badischen Ländle als Licht- und Sounddesigner. Abends wurde dann gemeinsam Musik gemacht. Das machte Spaß, sollte eigentlich nur zu einem abschließenden Konzert führen. Aber es wurde mehr. Jochen spielte Gitarre und sang, Dennis bediente den Bass und Anja begann kurzfristig damit, Schlagzeug zu lernen. Ohne Unterricht, im klassisch punkigen DIY-Stil.

"Anja hatte immer so ellenlange Zettel vor sich liegen, dass man alles ganz genau notiert hat, wann welcher Schlag kommt. Anja: Und genau wir haben früher Jochens Kompositionen gespielt, hat schon so solo Aufnahmen gemacht. Er hat früher so mit Ableton sein Schlagzeug sich selbst rein gemischt, und das hab ich mir super exzessiv angehört und alles aufgeschrieben und versucht, es nachzumachen. Aber ich hatte noch gar nicht die Fähigkeiten, mit all diesen vier Exkrementen….irgendwie spielen, was ich gehört habe. Ja, äh... Exkrementen?"

Extremitäten natürlich.

"Das Problem war, dass das Schlagzeug von mir, was ich da programmiert hatte, auch extrem unrealistisch war und eigentlich nicht zu spielen war. Und das hat Anja ganz gut hingekriegt. Ich glaube, jemand, der nicht schon lange Schlagzeug gespielt hätte, der hätte wahrscheinlich das nicht so gut gemacht wie Anja damals."

Es gibt einige Bands, die mit einer Schlagzeugerin oder einem Schlagzeuger spielen, der sich erst zur Bandgründung mit dem Drumset beschäftigt hat. So auch International Music aus dem Ruhrgebiet, der Drummer ist eigentlich  Maler und bildender Künstler. Das führt in der Regel nicht zu einem virtuosen, eleganten Schlagzeugspiel - aber passt in seiner Geradlinigkeit, Kraft und Rauheit und mit manchmal ‚unorthodoxen‘ Ideen auch zum Sound der Band Kala Brisella.

Musik: "Immer neu immer fresh"

"Immer neu, immer fresh" von Kala Brisella, aus ihrem Debut-Album "Endlich krank" von 2017.

"Wir spielen und reflektieren sofort"

"Die Richtung der Musik würde ich sagen, dass wir angefangen haben, schon zu hinterfragen, was wir da eigentlich machen und was wir machen wollen. Wir wandeln uns da vielleicht ein bisschen gerade. Ich glaube, wir reflektieren, ehrlich gesagt, richtig viel wir im Moment, diese Momente, wo wir uns treffen und einfach nur spielen, die gibt es eigentlich so grad nicht wirklich. Wir spielen und reflektieren sofort. Und dann spielen wir gleich nochmal. Aber dann reflektieren wir auch wieder sofort. Ja, aber früher haben wir nicht so krass gemacht. Da haben wir, da war das Treffen, spielen es irgendwie gerne auch laut, und ich glaube, da sind wir irgendwie so ein bisschen weggekommen. Aber im einem positiven Sinne."

Sprich: Bei der aktuellen Arbeit an ihrem dritten Album diskutieren die Drei sehr viel. Was in den Anfängen weniger der Fall war.

"Ich glaube, "Endlich krank" ist noch ein bisschen impulshafter als "Ghost"."

Das zweite Album von Kala Brisella.

"Und noch ein bisschen emotionaler entstanden. "Ghost" hat sich schon... da kam schon die Reflektionen ins Spiel, über die wir gesprochen haben, schon mehr. Wir haben bei "Ghost" dann schon uns gefragt: Was wollen wir für ein zweites Album machen. Bei "Endlich krank" - da gab es diese Frage noch nicht. Da war die Frage: Wir machen jetzt ein Album - Ausrufezeichen. Und beim zweiten Album war es dann einfach so: Was wollen wir denn eigentlich für ein Album machen? Und was wollen wir für eine Band sein? Und wir haben auch viel live gespielt. Zwischen den beiden Alben. Und ich glaube, wir haben auch gemerkt: Wo haben wir Bock drauf? Was hat uns gefallen bei "Endlich krank". Und das haben wir dann bei Ghost ein bisschen versucht weiterzuentwickeln. Wir hatten ein bisschen mehr Lust auf Melodien und klareren Sound. "Endlich krank" ist ja sehr, sehr Postpunk. Und "Ghost" versucht Post poppig zu sein"

Hier der Titel-Song aus "Endlich krank". Eine Hymne ans Nicht-Arbeiten:

"Es kam schon die Frage im Proberaum: Können wir das so machen? Und wir haben uns dafür entschieden, das zu machen. Ja, ‚Endlich krank‘ ist natürlich ein Liebeslied ans nicht Arbeiten. Ich bin damals auch nach Berlin gezogen und habe erst einmal nicht so viel gearbeitet. Ich hab vorher auch recht viel gearbeitet und habe dann aufgehört, und es hat mir sehr gut getan. Das kann ja auch echt so eine Art letzter Ausweg aus diesem komischen Verwertungssystem sein. Ich weiß auch, ich habe früher Zivildienst gemacht und habe da sehr gelitten, habe leider auch eine sehr doofe Stelle bekommen, die überhaupt gar keinen Sinn gemacht hat, und dann tauchten dann auch so Fragen nach Selbstverletzungen unter den Leuten auf, die da gearbeitet haben, weil das einfach scheiße war, man nicht wusste. Wie komme ich da raus?"

Musik: "Endlich krank"

Zweites Album "Ghost"

Im Vergleich zum Debut-Album klingen Kala Brisella auf "Ghost" tatsächlich entspannter, zurück gelehnt, weniger wütend, nachdenklicher. Und auch musikalisch vielfältiger: Vom schrammeligen, lauten Post-Punk hin zu mehr Melodien und differenzierteren Klängen. Ein gemeinsamer musikalischer Referenzpunkt für alle drei Bandmitglieder, neben Vorlieben von Neil Young über Jazz bis Hip Hop, ist Tocotronic. Vielleicht passt der Begriff "post poppig", den Sänger und Texter Jochen für ihr zweites Album verwendet hat. In "Versteck" erinnern die Gitarrensounds und die melodische Basslinie an glitzernden Dream-Pop.

Musik: "Versteck"

"Jedes Versteck hat jemand, der es findet", singt Jochen Haker, der auch für die Texte der Kala Brisella-Songs zuständig ist. Die sind häufig schräg, lyrisch,  skurril – und man hat trotzdem das Gefühl zu ahnen, worum es geht. Oder man hört das Nicht-Gesagte in den Leerstellen zwischen den Worten. Vielleicht ist es auch komplett egal, Hauptsache die Atmosphäre stimmt. So zum Beispiel beim entrückten Stück "Gezackte Linie". Die Schlagzeugerin singt bzw. flüstert Mantra artig wiederholend die Worte "Ich bin eine gezackte Linie, ich leuchte in der Nacht. Ich bin eine gezackte Linie, ich zeige an, wo du nicht sein kannst". Und das zu einem schlichten Orgel-Motiv und minimalistischen Gitarren und Bass-Tönen.

Musik: "Gezacke Linie"

Manchmal hat sie etwas Theatralisches, die Musik von Kala Brisella. Insbesondere auf ihrem letzten Album "Ghost", wo sie weniger energetisch-wütende Songs präsentieren und mehr ins kryptische Reflektieren kommen. Was auch kein Wunder ist, denn die drei arbeiten allesamt weiterhin in der Theater/Tanz- und Performance-Szene. Oftmals auch gemeinsam, wie beim Stück "Three Cheers to existance"‘, das in etwa zur Zeit ihres zweiten Band-Albums "Ghost" entstanden ist.

"Ja, es gibt, glaube ich, viel mehr Theater-Verbindungen als wir das selber überhaupt raffen, wahrscheinlich. Ich glaube, das raffen wir gar nicht so. So krass reflektieren wir uns glaube ich doch irgendwie nicht."

"Alles außen", der Opener auf "Ghost" etwa erinnert sprachlich stark an die "Moritat von Meckie Messer" aus Brechts Dreigroschenoper. Vielleicht sei er indirekt davon beeinflusst worden, meint Texter Jochen, da er auch gern die deutsche Band Slut höre. Die wiederum hat vor einigen Jahren Songs aus der Dreigroschenoper aufgenommen.

Musik: "Alles außen / Braun Oral"

Von elektrischen Zahnbürsten und Kommunikationsproblemen

Die Anleitung für eine elektrische Zahnbürste, die Jochen von Kala Brisella da in "Braun Oral" von ihrem Debutalbum shoutet. Einer der wenigen Songs mit konkreten, erkennbaren politischen Anspielungen, in diesem Fall auf rechte Strömungen in der Gesellschaft.

"Mir ist das mit dem "Braun Oral" tatsächlich in der Supermarkt-Schlange irgendwie gekommen. Dann hab ich dann auf dem Nachhauseweg noch Google, diese Anleitung mit diesen Borsten und sowas und singt sich so super. Irgendwie hat es sofort was aufgemacht. Es wird viel zu selten über Borsten gesungen in der deutschen Musik. Das war so bildlich, der Text ist sehr schnell entstanden."

Viele der musikalischen Ideen des Trios entstehen beim gemeinsamen Spielen im Proberaum. In Berlin-Lichtenberg, 6. Stock, Plattenbau. Die Texte stammen meist von Sänger und Gitarrist Jochen, werden aber auch in der Gruppe diskutiert. Denn jede und jeder hat  ja ein anderes Verständnis, eine andere Interpretation oder Sichtweise. Wie der Song "Dein Du" sehr gut verdeutlicht.

"Solististische Weltanschauungen - wir leben alle in unseren Köpfen und können doch nicht über das Gleiche reden. Jochen: Und was ist dann die Wahrheit? Wenn ich jetzt sage, das ist wahr, dann ist es ja noch lange nicht wahr. Also merken wir ja heutzutage auch schon ganz viel so was. Dennis: Was kann eine gemeinsame Zukunft sein, wenn man gar nicht versteht, was der andere meint? Grün, was meinst du damit? Das ist sehr oft so, weil man spricht ja so viel aneinander vorbei ist. Kommunikation ist ja eh schwierig."

Musik: "Dein Du / Gespenster"

Die Berliner Band Kala Brisella mit "Gespenster" aus dem Jahr 2018. Auch wenn er leicht von der Zunge geht, der Bandname Kala Brisella: Was bedeutet er eigentlich?

"Eigentlich ist es egal, weil wir mögen, dass er erst mal nicht für etwas Konkretes steht und Leute da sehr unterschiedliche Assoziationen zu haben, die vielleicht nicht in so ein Post-Punk Spektrum erst mal gleich so reinpassen, aus dem wir ja kommen. Es kommt aber ursprünglich von einem kleinen Pizza Imbiss am Berliner Hermannplatz."

Im Stadtteil Neukölln.

"Genau der heißt auch Kala Brisella, aber mit C und zusammengeschrieben. Und in dem Laden haben wir uns eine Zeit lang wirklich oft aufgehalten und für drei Euro fünfzig eine Pizza gegessen. Beim traurigsten Pizza-Menschen der ganzen Welt und haben über neuen Namen nachgedacht, weil wir eigentlich anders hießen. Ja, und dann kamen wir auf Kala Brisella.

Der ist melancholisch, der hat so eine Schilddrüsenunterfunktion oder so was? Oder Vitamin-D-Mangel... der ist so sehr, sehr herzlich, aber auf eine sehr sentimentale Art und Weise.  Der lächelt eigentlich nie, und wenn er einmal was richtig Gutes tun will, dann packt er auf die Pizza, so ungefähr 15 Peperoni.  Dennis: Weil er sich dann freut, der zeigt seine Gefühle durch Peperoni. Ich finde das eigentlich sehr schön."

Musik: "Kommst du mit mir"

Die drei von Kala Brisella haben Glück, dass sie in Zeiten der Corona-Krise inklusive Ausgangsbeschränkungen keine Konzerte geplant hatten, sondern sich in den gemeinsamen Proberaum verziehen wollten, um an ihrem neuen Album zu werkeln. Diverse Theater-Aufführungen sind aber doch der Krise zum Opfer gefallen. Zum Glück haben sie Unterstützung durch die Berliner Corona-Soforthilfe bekommen und können erst einmal weiter an der Musik herum feilen.

"Eigentlich muss man sagen: Wir haben sehr viel Zeit jetzt, die wir nicht gehabt hätten, sonst. Wir müssen die Zeiten blocken und so furchtbar anstrengen, sich die Zeiten raus zu nehmen. Und jetzt ist es so, dass wir einfach immer Zeit haben. Aber es gab natürlich auch Absagen. Anja: Wir haben jetzt sehr viel Geld eingespart. - Nein, falsch: Andere Leute haben an uns Geld gespart."

"Das haben viele Bands, diese Beobachtung, dass eine Band und eine Freundschaft  schwierig zusammen existieren. Eine Sache hat meistens die Oberhand, irgendwie."

"Was nichts damit zu tun, ob man sich gut versteht oder nicht, sondern einfach, dass dieses diese Ungezwungenheit, die so eine Freundschaft braucht, nicht mehr so schnell da ist. Ich kenne das auch von so Theaterprojekten - Je mehr man miteinander zusammenarbeitet, umso schwieriger, umso seltener sind die Momente, wo man einfach mal abends zusammensitzen und über Gott und die Welt redet."

"Aber das kann man machen, das kann man machen, das muss man nur sich sich vornehmen, den Terminkalender eintragen. Das muss man üben. Jochen: Ja, jetzt gehts ja erst mal nicht. Corona und so. Anja: Ist doch egal, ob wir uns hier treffen, oder woanders? Jochen: Nein, das hier ist Arbeit. Das andere, privat, das ist verboten."

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