Dienstag, 24.11.2020
 
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Das Buch Ich # 9

Eine Reportage

Ein Romanautor auf "Abwegen": Richard Powers hat sich in die Hände der Molekulargenetiker begeben und sein Erbgut analysieren lassen. Damit habe er vorweggenommen, was in zehn Jahren Alltag sein werde, meint Powers, der auf 79 Seiten Flattersatz der Frage nachgeht, wie sich dieses Wissen auf ihn auswirken wird - und was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn schon bald alle Menschen ihr Genom auf einem Chip mit sich umhertragen.

Rezension: Dagmar Röhrlich

Richard Powers: Das Buch Ich # 9. Eine Reportage (S. Fischer Verlag)
Richard Powers: Das Buch Ich # 9. Eine Reportage (S. Fischer Verlag)

Aber noch ist das alles eine prohibitiv teure Angelegenheit. Deshalb verdankt Powers sein "persönliches Genom" einer Idee des amerikanischen Herrenmagazins "Gentlemen's Quarterly" Als man ihm Anfang 2008 das entsprechende Angebot machte, arbeitete der Autor an seinem Wissenschaftskrimi "Das grössere Glück", der von einem "Glücks-Gen" handelt. Und so akzeptierte Powers, ließ sein Erbgut beim Bejing-Genome-Center in China entschlüsseln - mit Hilfe von 2000 Stunden menschlicher und um die 9000 Stunden Computerarbeit. Ein paar Monate, nachdem ihm vier Ampullen Blut abgenommen worden waren, überreichte ihm der Chef einer Bostoner Gentechfirma feierlich ein Rosenholzkästchen mit einem USB-Stick darin, auf dem sechs Milliarden Informationseinheiten samt Interpretationshilfen abgespeichert waren.

Zusammen mit einigen Beratern schaut sich Powers das Ergebnis an: So besonders aussagekräftig ist es nicht. Immerhin erfährt er, dass er etliche Risikogene für Übergewicht in seinem Erbgut trägt - aber weder sein Vater noch seine Mutter waren übergewichtig, und Powers selbst sieht sich trotz seines Appetits als "Strichmännchen". Außerdem lernt er, dass er ein "Neugier-Gen" in sich trägt, hört von einer Unverträglichkeit mit einem Blutgerinnungshemmer - und beunruhigenderweise besitzt er auch Risikogene für Alzheimer und Darmkrebs und noch so einiges: "Ich werde mich wohl nie wieder vollkommen sicher fühlen".

Richard Powers schreibt über die sich schnell verändernde Welt der kommerziellen molekulargenetischen Forschung und deren Protagonisten. Mal ist er skeptisch, mal neugierig, mal voller Hoffnung auf die Zukunft. Powers fühlt sich "wie jene Jäger und Sammler, die zum ersten Mal tiefgefrorene Lasagne sahen". Er denkt darüber nach, wie sich die Welt verändert, wenn jeder seine individuelle Genomanalyse bekommen wird. Wie werden die Menschen mit dem Wissen um Wahrscheinlichkeiten und Risiken umgehen? Normalerweise sind sie denkbar schlecht darin. Und er schreibt von den Träumen der Wissenschaftler: dass die Menschen eine Genomanalyse wie eine Versicherungspolice kaufen werden "in der Hoffnung, dass sie sie nie brauchen". Dass sie sich dann als Teil eines Experiments begreifen würden: Jeder leiste seinen Beitrag für die Forschung hin zur massgeschneiderten Individualmedizin.

Aber führen die Träume in eine Diktatur der Gene? "Das Buch Ich #9" ist die Gegenleistung des Autors für das rund eine Drittel Million Dollar teure "Geschenk" der Zeitschrift - ein Artikel, den Powers' deutscher Verlag S. Fischer in ein Booklet verwandelt hat. Das # steht übrigens für Nummer, denn Powers ist der neunte Mensch, dessen gesamtes Genom inventarisiert wurde. Es regt zum Nachdenken an: kein Lehrbuch, aber eine packende und persönliche Reportage - mit einem Wermutstropfen, denn 12 Euro sind ein stolzer Preis für dieses Büchlein.

Richard Powers: Das Buch Ich # 9. Eine Reportage
ISBN: 978-310-059-027-5
S. Fischer Verlag, 79 Seiten, 12 Euro

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