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StartseiteTag für TagDas Christentum ist keine Lehre07.08.2013

Das Christentum ist keine Lehre

Serie "Sören Kierkegaard - Vater der Existenzphilosophie" (Teil 3)

Sören Kierkegaard wurde vor 200 Jahren geboren und gilt als der bedeutendste dänische Philosoph. Als geistiger Wegbereiter der Existenzphilosophie hat er eine enorme Wirkung auf die Philosophie, die Theologie und die Literaturgeschichte im 20. Jahrhundert gehabt. Er übte Kritik am offiziellen kirchlichen Christentum und forderte eine konsequente Trennung von Staat und Kirche.

Von Rüdiger Achenbach

Kierkegaard wehrte sich vehement dagegen, dass der Staat sich in christliche Angelegenheiten einmischt. (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)
Kierkegaard wehrte sich vehement dagegen, dass der Staat sich in christliche Angelegenheiten einmischt. (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)

"Das Christliche hat keine Geschichte, es ist ein Paradox, dass Gott einmal in der Zeit Mensch geworden ist, und es ist nun ganz belanglos, wie viele Jahrhunderte seither vergangen sind. Der Abstand kann nicht gemessen werden mit der Quantität eines zeitlichen oder räumlichen Abstandes."

Wer aber nur historisch denkt, der bleibt in den Vorstellungen von Raum und Zeit verhaftet. Deshalb ist es für die Geschichte nicht möglich, den wahren Christus zu erkennen. Das historische Denken macht etwas anderes aus ihm, als er wirklich war, denn das Spezifische seiner Existenz kann durch die Geschichte nicht erwiesen werden.

Für Kierkegaard begegnet uns in Christus eine überzeitliche Wirklichkeit, die deshalb niemals Vergangenheit und Geschichte werden kann. Die Kierkegaard-Biografin Anna Paulsen:

"Alles Historische, alle Einzelheiten des sogenannten Leben Jesu sind belanglos. Es kommt nicht auf den Inhalt der Jahre ein bis um die 30 als historische Ereignisreihe an, sondern auf den Blick in das eigentliche Geheimnis, und diesen Blick muss der Gleichzeitige genauso gewinnen wie der später Lebende."

Aber auch die späteren Zeiten stellen in ihrer Beziehung zum Christentum keinen Fortschritt im Vergleich zu früheren Zeiten dar.

"Das Christentum verhält sich nicht zur Geschichte wie ein Baum, der aus dem Keim wächst und sich weiter entwickelt. Das Christentum ist in sich selbst abgeschlossen, und es soll nichts mehr hinzugesetzt werden. In jeder Generation beginnt es immer wieder von Neuem."

Kierkegaard legt viel Wert darauf, dass es für das Christentum kein Gesetz der Entwicklung oder der Evolution gibt.

"Denn, was vom eigentlich Christlichen in jeder Generation da ist, ist immer gleichzeitig mit Christus und hat nichts zu schaffen mit den Christen der früheren Generationen, sondern nur mit dem gleichzeitigen Christus."

Damit ist jede historische Gewissheit des Christus-Ereignisses objektiv wertlos, der Zugang zu Christus ist ein rein subjektiver Akt. Richard Purkarthofer, Mitarbeiter an der dänischen und deutschen Kierkegaard Neuausgabe.

"Der Glaube ist damit gewissermaßen nur in der Situation der Gleichzeitigkeit mit dem Ereignis möglich, im Sinne von 'sich selbst gleichzeitig machen.'"

Christus ist, wie Kierkegaard sich ausdrückt, der Gott in der Zeit. Für seine Auffassung vom Christentum ist die Inkarnation, also dass in Christus Gott in menschlicher Gestalt in der Zeit erschienen ist, von entscheidender Bedeutung. Der dänische Religionsphilosoph Johannes Slök:

"Der Christ kann mit Christus gleichzeitig werden, weil Christus als das historische Paradox, dass das Ewige in der Geschichte erschienen ist – niemals auf gleicher Ebene mit allen anderen geschichtlichen Persönlichkeiten etwas geschichtlich längst Vergangenes sein kann. Christus als Träger der Fülle der Ewigkeit ist in jedem neuen Augenblick in seiner göttlichen Fülle zugegen."

Genau hier wird die Möglichkeit aufgezeigt, wie der Mensch von der allgemeinen religiösen Existenz, die Kierkegaard Religiosität A nennt, zur christlichen Lebensform, der Religiostät B, gelangen kann.

Weil sich in Christus die Fülle der Ewigkeit darstellt, kann das existierende Subjekt ein neues Verhältnis zur Ewigkeit aufbauen, indem es sich zu jenem personifizierten Ewigen in Beziehung setzt, das in Menschengestalt unter dem Namen Christus erscheint.

Mit anderen Worten: Es geht darum, sich die Existenz Christi, und damit vor allem das von ihm vermittelte Gottesbewusstsein, existentiell anzueignen. Annemarie Pieper, Professorin für Philosophie an der Universität Basel:

"Es handelt sich um einen privaten und höchst intimen Vorgang, den jedes Individuum für sich vollziehen muss, das heißt, niemand kann für jemand anderen existieren. Anstöße, in einer bestimmten Weise zu existieren, können daher nur indirekt erfolgen, nicht mittels irgendeiner Theorie."

Für Kierkegaard hat auch Christus eine indirekte Mitteilung gewählt. Er führt sozusagen indirekt vor, wie wahres Existieren verstanden werden kann.

Denn er doziert nicht über das Existieren. Er bietet dazu keine Lehre an. Gerade das ist für Kierkegaard das Entscheidende am Christentum. Er kommt hier zu einem völlig neuen Verständnis der christlichen Religion:

"Das Christentum ist eine Existenzmitteilung und keine Lehre!"

Mit dieser Erkenntnis will er einer jahrhundertealten Verwirrung innerhalb der Christenheit ein Ende bereiten. Der Schweizer Kirchenhistoriker Walter Nigg:

"Ganz deutlich sagt Kierkegaard, Jesus Christus ist nicht in die Welt gekommen, um eine Lehre zu bringen. An die Stelle der Lehre gehört die Existenzmitteilung, die jeden Menschen selbst angeht. Das Christentum ist nicht theoretisch erfassbar, es erschließt sich nur dem Einübenden. Der Titel eines der tiefsten Bücher Kierkegaards lautet: Einübung ins Christentum."

Die Existenzmitteilung des Christlichen ist deshalb eine höchst individuelle Angelegenheit.

"Niemand steht zwischen mir und dem letzten Geheimnis meiner Existenz, Gott selbst. Darum kann auch keiner hier für mich einstehen."

Dabei geht es eben nicht um die Aneignung von Wissen und nicht um das Befolgen kirchlicher Normenkataloge, mit deren Hilfe man sich Punkte fürs Jenseits verdienen kann. Solche Vorstellungen gehen für Kierkegaard von einem völlig falschen Sündenverständnis aus. Richard Purkarthofer:

"Bei Kierkegaard hat Sünde nichts mit Moral oder ethischen Erwägungen zu tun. Sünde betrifft den Menschen in seinem Gottesverhältnis und damit auch in seinem Gewissen."

Aber gerade dies verlangt von dem Einzelnen eine geradezu heroische Lebensführung. Denn der Einzelne muss "seine Identität" in seinem Selbstwerdungsprozess immer wieder neu stiften. Denn der Mensch wird in seinem Leben immer wieder neu vor die Wahl gestellt. Seine Existenz ist offen. Er muss sich in jedem Augenblick von Neuem zu sich selbst, zu den anderen Menschen und zu Gott verhalten. Annemarie Pieper:

"Das menschliche Leben besteht also aus ständigen Wiederholungen. Der Mensch wiederholt sich in jedem Augenblick als er selbst in seiner existenziellen Selbstverwirklichung."

Da das Selbstwerden nicht ein für alle Mal erfolgt, muss der Mensch sich immer wieder neu entscheiden. Und da Kierkegaard jede Entscheidung mit einem Sprung vergleicht, muss man zu immer neuen Sprüngen ansetzen.

Dabei ist jeder im freien Willensakt vollzogene Sprung auch ein Protest gegen eine begrifflich definierte Methode des Existierens. Richard Purkarthofer:

"So gesehen ist der Sprung ein Gegenkonzept zu Hegels Auffassung von der Vermittlung."

Der Sprung drückt also das aus, was man letztlich begrifflich nicht unter Kontrolle bekommt. Hermann Deuser, Leiter der Kierkegaard Forschungsstelle an der Universität Erfurt:

"Es gibt keinen Sprung in den Glauben, wie man gerne sagt, das ist niemals von Kierkegaard so formuliert worden, sondern man findet sich in einer Wahlsituation vor, die vorher nicht berechenbar war, und dieser spontane Übergang von einer Situation in eine neue, das ist der Sprung, insofern eine existenzielle Kategorie."

Der Mensch muss sich immer wieder klarmachen, dass er eine Synthese aus dem Ewigen und dem Zeitlichen ist. Das bedeutet konkret für ihn, dass er seine Identität nur dann findet, wenn er sich zu beiden Seiten verhält. Und während er die Freiheit der Entscheidung in seinem Gewissen vor Gott erfährt, erkennt er auch seine Verantwortung, mit der er sich zu den Menschen und Dingen zu verhalten hat, die ihm in der Welt begegnen.

Die ethischen Forderungen erwachsen hier für den Einzelnen sozusagen aus dem erkannten Verhältnis zu Gott. Kierkegaard sieht daher den in der christlich-religiösen Lebensform Existierenden in einer fortwährenden Doppelbewegung:

"Er vollzieht die Bewegung der Ewigkeit und Unendlichkeit und tut dies mit solcher Richtigkeit, dass er sich ständig auch wieder in der Zeitlichkeit und Endlichkeit vorfindet."

Dem Existierenden wird klar, dass er seine unverlierbare Basis in seinem Gottesverhältnis hat, und von dort aus bekommt sein Verhältnis zu sich selbst und zu allem anderen in der Welt eine neue Qualität, die auch sein Handeln bestimmt.

Für Kierkegaard ist diese Form des christlichen Existierens deshalb das einzig Wahre. Indem der Einzelne das Christentum als Existenzmitteilung erfährt und sich Christus aneignet, ist er unabhängig von jeder Institution. Hier setzt Kierkegaard dann auch mit seiner Kritik an der Institution Kirche an.

"Das Christentum meint ewig und immer nur den Einzelnen, die Kirche aber rechnet mit der Masse, dem Kollektiv. Der Egoismus des Pastorenstandes zielt ab auf die vielen Christen, sowohl des Geldes wie auch ihrer eigenen Macht wegen."

Die Hauptschuldigen am Niedergang des Christentums sind für Sören Kierkegaard die Pastoren, denn sie haben aus dem Evangelium eine Lehre gemacht, mit der sie die bürgerliche Welt ausschmücken und deren Bestand sichern wollen.

"Das ganze christliche Familienleben ist eine einzige verlogene Sentimentalität. Die Pastoren kitten die Familien zusammen, indem sie Familienfestlichkeiten arrangieren. Wenn mir einer sagen würde, dass er sich verheiratet, um Kinder zu zeugen und diese zu wahren Christen zu erziehen, so sage ich: Unsinn! Deine Lust treibt dich dazu."

Im Laufe der Jahre wird Sören Kierkegaard mit seiner Kritik am offiziellen kirchlichen Christentum immer radikaler. Auch der Staat wird schließlich in die Kritik einbezogen, denn die verbürgerlichte Volks-und Staatskirche wäre – das ist hier für ihn der entscheidende Kritikpunkt - ohne staatliche Unterstützung nicht möglich gewesen. Anna Paulsen:

"Bisher war Kierkegaard an dem Problem Staat und Kirche bewusst vorbeigegangen, weil er nicht durch äußere Reformen den Blick von den entscheidenden Grundfragen ablenken wollte."

Doch jetzt dehnt er seinen Kirchenkampf aus. Denn beim Christentum geht es um die Existenz des Einzelnen und sein Gottesverhältnis. Der Staat aber beteiligt sich daran, dass Christentum zu verbürgerlichen und hindert dadurch die Menschen daran, ihre eigentliche Bestimmung zu entdecken.

"Wie kommt der Staat dazu, das Christentum zu autorisieren und zu legalisieren, und ihm damit seinen Schutz zu verleihen. Die Aufgabe des Staates ist doch, das Leben seiner Bürger zu sichern und zu erhalten."

Kierkegaard wehrt sich vehement dagegen, dass der Staat sich in christliche Angelegenheiten einmischt, und fordert eine konsequente Trennung von Staat und Kirche. Der Schweizer Kirchenhistoriker Walter Nigg:

"Kierkegaard, der sein Zündpulver in diesem Kampf nicht feucht werden ließ, hat den Begriff der Staatskirche gesprengt, womit aber bei ihm nicht die geringste Sympathie für das Freikirchentum verbunden war."

Mit seinen Vorstellungen vom Christentum geriet er in Konflikt sowohl mit den konservativen Christen, mit den Pietisten, mit den christlichen Sektierern und auch mit den fortschrittlich denkenden Christen.

Beim Staatsrat wurde sogar der Antrag gestellt, Kierkegaard vor allem wegen dieser Angriffe auf die Staatskirche zu verhaften. Was jedoch am Widerstand des damaligen Premierministers scheiterte.

Am 2. Oktober 1855 erlitt Sören Kierkegaard in Kopenhagen auf der Straße einen Schlaganfall. Am 11. November ist er im Alter von 42 Jahren gestorben.

Das Abendmahl hatte er auf dem Sterbebett abgelehnt, weil er es von einem Pfarrer hätte nehmen müssen, der ein königlicher Beamter war. Dass es königlich staatliche Beamte fürs Christliche gab, war für ihn ein Verrat am Christentum.

Die Trauerfeier fand in der Frauenkirche in Kopenhagen statt. Außer Sören Kierkegaards Bruder Peter Christian, der zwei Jahre später Bischof von Aalborg wurde, und dem zuständigen Dompropst, der die Trauerfeier durchführte, war kein anderer Pfarrer anwesend.

Bei der Beisetzung auf dem Assistents Friedhof ergriff dann Sören Kierkegaards Neffe Henrik Lund, der Sohn einer seiner Schwestern das Wort, und protestierte im Namen seines Onkels dagegen, dass dessen Kritik am offiziellen Christentum während der Trauerfeier mit keinem Wort erwähnt worden war. Die anwesenden Trauergäste versuchten diesen Protest verschämt zu überhören.

Damals ahnte noch niemand, welche enorme Wirkung einmal Sören Kierkegaards kritische Gedanken in der Philosophie, Theologie und der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts haben sollten. Sören Kierkegaard wurde zum Vater der Existenzphilosophie.

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