Montag, 27.09.2021
 
Seit 21:05 Uhr Musik-Panorama
StartseiteCorsoVerrücktes Mix-Tape aus der Wüste16.05.2015

Das Debut von ShamirVerrücktes Mix-Tape aus der Wüste

Las Vegas ist nicht unbedingt für seine Musikszene bekannt. Die Stadt in der Wüste Nevada setzt andere Prioritäten. Trotzdem gibt es natürlich auch hier Menschen, die mit der Musik aufwachsen. Shamir Bailey zum Beispiel. Der hat jetzt sein erstes Album herausgebracht. Und damit, glaubt man den Bloggern, die ihn verfolgen, wird er die Clubs der Welt erobern.

Von Dennis Kastrup

"Dance-Musik steckt nicht in meinen Knochen. Sie ist kein Teil meines Lebensstils. Für mich ist sie ein musikalisches Experiment, etwas Neues, das mich herausfordert." Shamir Bailey ist herrlich unbekümmert, wenn er einem zum ersten Mal begegnet. Der drahtige junge Mann begrüßt jeden Interviewer, also jeden Fremden, mit einer herzlichen Umarmung. Ähnlich offen gegenüber dem Unbekannten hat er sich bei seinem ersten Album gezeigt. Es ist der große Sprung ins kalte Wasser. Weg von der Gitarre, hin zu den Beats. Denn früher spielte Shamir in Punk- und Countrybands.

"Drei oder vier Songs auf meinem Album sind anfangs Countrystücke gewesen. Jede Musik ist doch irgendwie miteinander verbunden. Auf meinem Instagram-Profil findet man von mir auch akustische Versionen von Punksongs. Am meisten liebe ich Melodien, weil eine Melodie alleine funktioniert. Solange man eine gute Melodie hat, kann man es in jedem Genre schaffen. Und genau das will ich mit meiner Musik zeigen."

Und ja: Shamirs Songs sind Ohrwürmer, die sich beim ersten Hören festsetzen. Aber dafür brauchte er auch jemanden, der die Melodien in ein musikalisches Bett legen kann. "Meine Stücke entstehen ohne groß nachzudenken. Die einzigen Gedanken, die man sich machen muss, betreffen die Produktion – und das ist nicht meine Aufgabe."

In dem Lachen lässt sich erahnen, wie sehr Shamir die Arbeit seines Produzenten schätzt. Nick Sylvester hat dem jungen Mann aus Las Vegas genau den richtigen Schliff verpasst. Die spezielle Stimme führt die Stücke an ohne dabei Konkurrenz für die Produktion zu sein. Es pulsiert zwar im Hintergrund, aber das passt zu dem exzentrischen Sänger. Labelbesitzer Sylvester lud den 20-Jährigen vergangenes Jahr nach New York ein und formte aus den rohen Stücken einen knallbunten Disco-House-Dance-Mix. Wenn Shamir das Schwarzpulver ist, dann ist – und das mit dem Namen ist ein glücklicher Zufall - Sylvester der Funke, der es zum Glitzern bringt.

"Zwei Köpfe sind immer besser als einer. Nick Sylvester, der meine EP und mein Album produziert hat, besitzt ein sehr gutes Gehör. Manchmal höre ich Songs in meinem Kopf, und er schafft es, sie genau so klingen zu lassen, wie ich sie höre. Dann hebt er sie auf eine ganz andere Ebene. Das fühlt sich immer großartig an."

Besonders auffällig ist diese Synergie, wenn die Disco-Musik die Oberhand gewinnt. Dann stülpt sich der Sound des New York der 70er auf Shamirs Heimat Las Vegas. In seinen Texten behandelt Shamir das Aufwachsen im Spieleparadies mitten in der Wüste. Eine Umgebung, die für einen jungen Menschen surreal erscheint: überall blitzen die Verheißungen des Geldes, während die Jugendlichen umgeben von trinkenden Touristen ihren eigenen Platz finden müssen. Das Album "Ratchlet" ist das Dokument dieses Älterwerdens. "Das erste Stück auf dem Album heißt "Vegas" und handelt von meiner Geburtsstadt, dem Aufwachsen in dieser Stadt und ihren Klischees. Ab dem zweiten Stück wird es bis zum Schluss düsterer. Es dreht sich um den Tod. Das letzte Stück muntert auf, weil man doch ständig Inspiration suchen sollte. Nach oben gibt es eben keine Grenzen. Folge immer deinen Träumen. "

Auch Shamir musste in seiner Teenagerzeit erst lernen, dass einem viele Menschen beim Träumen Steine in den Weg legen wollen. Seine auffällig hohe Stimme gab reichlich Anlass, in der Schule belächelt und gehänselt zu werden. "Ich mag es nicht, wenn ich gefragt werde: 'Wann hast du bemerkt, dass deine Stimme anders ist?' oder 'Wann hast du realisiert, dass du eine einzigartige Stimme hast?' Das ist seltsam für mich, weil es fast so ist, als würde man fragen: 'Wann hast du bemerkt, dass du schwarzes Haar hast?' Ich habe doch meine Stimme von Geburt an. Die Leute haben sich immer schon über meine Stimme lustig gemacht und gesagt, ich könne nicht singen."

Man kann sich darüber streiten, ob Shamir eine gute Stimme hat oder gut singen kann. Aber Antony Hegarty singt bei dem Projekt "Hercules and Love Affair" ähnlich und hat auch sehr erfolgreiche Songs veröffentlicht. "Ratchet" ist ein tolles Debütalbum geworden. Es versprüht die Energie und Freude eines jungen Mannes, der gerade seine schwere Jugend abschüttelt und realisiert, mit der Musik seine Träume verwirklichen zu können. Die Songs werden in diesem Sommer und darüber hinaus in keinem guten Club fehlen. Und genau deshalb ist es kaum zu glauben, wenn Shamir behauptet: "Viele Leute meinen, dass ich oft in Diskotheken rumgehangen habe oder viel elektronische Musik gehört habe. Das stimmt aber nicht. Dieses Album ist einfach passiert."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk