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StartseiteKalenderblattDas Ende der Scharia17.08.2008

Das Ende der Scharia

Der pakistanische Staatspräsident Mohammad Zia ul-Haq kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben

Seit der Unabhängigkeit von der britischen Krone 1947 gab es kaum ein Jahr ohne militärische Auseinandersetzungen in Pakistan. Nur die gemeinsame Religion, der Islam, hält den Vielvölkerstaat zusammen. Doch islamische Vorbehalt werden auch als Totschlagsargument gegenüber politischen Gegnern genutzt. Am stärksten instrumentalisierte der Militärmachthaber Zia ul-Haq die Religion für seine Zwecke. Vor 20 Jahren kam Zia ul-Haq bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Von Tobias Mayer

Unruhen in Pakistan: Nach der Nachricht vom Tod Benazir Bhuttos gingen Autos in Flammmen auf. (AP)
Unruhen in Pakistan: Nach der Nachricht vom Tod Benazir Bhuttos gingen Autos in Flammmen auf. (AP)

"Heute um 16:30 Uhr ist das Flugzeug des Präsidenten einige Minuten nach dem Start in Richtung Islamabad in der Luft explodiert,"

verkündete der Interimspräsident Ghulam Ishaq Khan den Tod des Militärmachthabers Zia ul-Haq. Der Flugzeugabsturz wurde bis heute nicht aufgeklärt, in Zeiten des Kalten Krieges schossen die Spekulationen ins Kraut. Wechselweise wurden KGB, CIA und sogar der israelische Geheimdienst Mossad verantwortlich gemacht, aber auch interne Widersacher Zias aus dem pakistanischen Militär. Für keine der Theorien konnten Beweise vorgelegt werden, eine offizielle Untersuchung des Absturzes gab es nicht. Benazir Bhutto, Tochter von Zia ul-Haqs Vorgänger, später Staatspräsidentin Pakistans, erinnerte sich in ihrer Autobiografie an die Tage nach dem 17. August 1988.

"Viele Menschen in Pakistan sahen in Zias Tod eine Strafe Gottes. Und Gott strafte fürchterlich. Das Flugzeug brannte volle fünf Stunden lichterloh. Es hieß, Zia habe den Islam in einem solchen Ausmaß für seine Zwecke missbraucht, dass Gott keine Spur von ihm übrig ließ. Die Begräbnisriten der Muslime konnten bei Zia nicht vollzogen werden. Der beigesetzte Sarg enthielt nichts von seinen Überresten."

Benazirs Vater, Premierminister Zulfikar Ali Bhutto, hatte 1976 Zia ul-Haq zum Stabschef der Armee befördert und damit die Voraussetzungen für seinen Aufstieg geschaffen. Bhutto ahnte nicht, dass er damit auch sein eigenes Ende besiegelt hatte.

In den siebziger Jahren schlittert Pakistan von einer Krise in die nächste: Ein Bürgerkrieg endet mit der Abspaltung von Ost-Pakistan, das später unter dem Namen Bangladesh unabhängig wird; schwere Unruhen erschüttern das Land; islamistische Bewegungen verstärken ihren Einfluss in der Politik. Bei den Wahlen 1977 siegt Bhuttos Volkspartei zwar überlegen, doch die Islamisten akzeptieren dies nicht. Bei gewalttätigen Demonstrationen sterben Hunderte Menschen. Schließlich greift das Militär ein. General Zia ul-Haq lässt Bhutto verhaften und verkündet das Kriegsrecht.

"Wir mussten fürchten, unser Land in einer sehr ernsten Krise und im Chaos versinken zu sehen, weil sich die Regierungspartei und die Opposition nicht auf einen Kompromiss einigen konnten. Die Regierung von Premierminister Bhutto hat aufgehört zu existieren. Meine einzige Absicht ist es nun, freie und faire Wahlen abzuhalten. Direkt nach den Wahlen werde ich die Macht wieder abgeben."

Zu diesen Wahlen kommt es nicht, denn noch hat Zia ul-Haq ein Problem: Zulfikar Ali Bhutto ist nach wir vor sehr beliebt im Land. Zia strengt einen fadenscheinigen Prozess an, um Bhutto zu beseitigen. Das Verfahren endet mit einem Todesurteil. Citha Maaß, Pakistan-Expertin von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

"Wäre Bhutto am Leben geblieben, im Exil oder wo auch immer, hätte er eine solche Gefahr für den neuen Machthaber dargestellt, dass es möglicherweise wieder zu einem Umsturz gekommen wäre. Und um diese enorme Gefahr zu beseitigen, hat sich dann Zia ul-Haq entgegen allen internationalen Plädoyers dafür ausgesprochen, dass das Todesurteil vollzogen wurde."

Der strenggläubige Zia ul-Haq beginnt nun, Pakistans Gesellschaftsordnung zu islamisieren. Alle neuen Gesetze müssen fortan mit dem islamischen Recht, der Scharia, vereinbar sein. Er führt die koranischen Körperstrafen ein: Handamputationen für Diebstahl und Straßenraub erregen weltweites Entsetzen.

Der überraschende Tod Zia ul-Haqs beim Flugzeugabsturz am 17. August 1988 bereitet dem islamistischen Regime ein Ende. Es finden Neuwahlen statt, welche die Pakistanische Volkspartei von Benazir Bhutto gewinnt. Pakistan kehrt zur Demokratie zurück. Die Körperstrafen werden wieder abgeschafft, ein Teil der Scharia-Gesetze zurückgenommen. Die Nachwirkungen des Diktators Zia ul-Haq spürt man allerdings bis heute. So sagte Benazir Bhutto im Oktober 2007 kurz nach einem missglückten Attentat.

"Ich weiß genau, wer mich töten will. Es sind die Vertreter des alten Regimes von General Zia, die noch heute hinter Extremismus und Fanatismus stehen. Viele von ihnen sind wieder auf ihren alten Posten und haben sehr viel Macht. Für sie bin ich eine Gefahr: Wenn ich wieder die Demokratie im Land einführe, verlieren sie ihren Einfluss."

Zwei Monate später kommt Benazir Bhutto bei einem weiteren Attentat ums Leben. Pakistans Dauerkrise hält an. Auch die derzeitige Regierung des Präsidentengenerals Musharraf vermag das Land nicht vollständig zu stabilisieren.

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