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StartseiteForschung aktuellDas Erbe der Atombombenversuche02.06.2010

Das Erbe der Atombombenversuche

Semipalatinsk in Kasachstan leidet noch heute unter den sowjetischen Tests

Zwischen 1949 und '89 testete die damalige Sowjetunion ihre Atombomben vor allem in Kasachstan. 456 Atomwaffenversuche wurden im sogenannten Polygon von Semipalatinsk durchgeführt. Auf die benachbarte Bevölkerung nahmen die Verantwortlichen wenig Rücksicht. Seit 1999 laufen zahllose Hilfsprogramme, um die Folgen der Atomtests zu beseitigen.

Von Suzanne Krause

Hotspots, Stellen mit hoher Strahlung, gibt es in der kasachischen Steppe noch heute. (Stock.XCHNG)
Hotspots, Stellen mit hoher Strahlung, gibt es in der kasachischen Steppe noch heute. (Stock.XCHNG)

Bis zum Horizont erstreckt sich die Steppe in winterlichen grau-braunen Tönen. In der Ferne sind hohe zwei Betonrampen auszumachen: Sie markieren den "Ground Zero", die ehemalige Abschussbasis der ersten Atombomben. Kairet Kadyrzhanov, Direktor des staatlichen Atomzentrums, weist hinüber: Dort seien noch Hotspots, Flecken mit hoher Strahlung, erläutert er seinem Gast Ban Ki-moon. Der besucht als erster Generalsekretär der Vereinten Nationen die frühere Atomtestbasis:

"Über 450 Atombomben wurden hier in Semipalatinsk getestet, mit all ihren schrecklichen Auswirkungen auf die Menschen und die Natur. Sie haben unsere Umwelt komplett zerstört, die Flüsse und Seen verseucht. Heute leiden Kinder an Krebs und Geburtsdefekten."

Die Verantwortlichen des Atomzentrums haben gemeinsam mit britischen Strahlenexperten die Hotspots detailliert kartografiert. Die Landkarte unterm Arm besuchen sie seit zwei Jahren regelmäßig die benachbarten Dörfer, um die Bevölkerung aufzuklären. Ein Fünftel des Polygon genannten ehemaligen Atomtestgebietes ist weiterhin Sperrgebiet. Fünf Prozent gelten als nicht betretbar- für die nächsten 1000 Jahre.

70 Kilometer entfernt, in der Kreisstadt Semipalatinsk, präsentiert die Direktion des Krebszentrums stolz ihre Ausrüstung, darunter ein modernes Tumor-Bestrahlungsgerät. 4000 Krebspatienten kommen jährlich her. Viele aus der Polygon-Region. Zwar vermag Zukhira Tanatova, Leiterin der Krebsstation, nicht zu sagen, wie viele ihre Patienten an strahleninduziertem Krebs leiden. Doch im Vergleich zum Rest des Landes gibt es hier in Ost-Kasachstan signifikant mehr Fälle an Brust-, Schilddrüsen- oder auch Lungenkrebs.

"Das Durchschnittsalter für Schilddrüsenkrebs liegt bei uns nun bei 35 Jahren, für Brustkrebs bei 40, für Gebärmutterhalskrebs bei 43 Jahren. Kurzum: Wir haben mit immer jüngeren Krebspatienten zu tun."

Schon bei jungen Menschen beobachten die Ärzte in Semipalatinsk heute Störungen des vegetativen Systems, eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen. Ihr Fazit: Die Folgen der Atomtests sorgen für eine verringerte Lebenserwartung - um eineinhalb bis zwei Jahre. Das geht auch aus dem Register hervor, dass das benachbarte Institut für Strahlenmedizin und Umwelt angelegt hat. Hier im zweistöckigen gelben Gebäude studierte die Sowjetregierung ab 1957 die medizinischen Auswirkungen der Nuklearversuche auf die benachbarte Bevölkerung: ein Geheimprojekt mit menschlichen Versuchskaninchen. Seit 1992 steht die reformierte Forschungseinrichtung nun im Dienst der Atomtestopfer. Insgesamt 1,5 Millionen Menschen lebten laut Schätzungen während der Atomtests in der Region. 350.000 wurden in den vergangenen Jahren im Institut auf Herz und Nieren durchgecheckt. Die Strahlenopfer, bis hin zur heutigen dritten Generation, erhalten einen Ausweis, der ihnen lebenslang kostenlose gesundheitliche Überwachung und Versorgung sichert.

Boris Galich, stellvertretender Direktor des Strahlenmedizin-Instituts, schließt das hochmoderne Labor für Molekulargenetik auf: Hier werden Langzeitfolgen niedriger Strahlung erforscht. Heute liegen erste Erkenntnisse über signifikant gehäufte Genmutationen infolge von Verstrahlung vor. Boris Galich:

"Wir arbeiten daran, die gesundheitlichen Auswirkungen der Strahlung zu identifizieren. Damit wollen wir auch bestimmen, welche Personen zur Risikogruppe gehören. Eine bessere Kenntnis der Strahlenfolgen soll uns als Basis dienen, um später mal Therapien zu entwickeln, mit denen sich die gesundheitlichen Auswirkungen radioaktiver Strahlung verringern lassen."

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