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StartseiteHintergrundDas Geschäft mit der Erinnerung03.10.2007

Das Geschäft mit der Erinnerung

Ostalgie als Wirtschaftsfaktor

Deutschland, 17 Jahre nach der Einheit. Die Bilder, die sich beide Seiten voneinander machen, sind immer noch von Stereotypen geprägt. Wenn man auf der Internet-Plattform Ebay den Begriff DDR und Ostalgie eingibt, dann stößt man auf zigtausende Angebote, die von Militär-Memorabilia über Schallplatten bis hin zu Gegenständen des täglichen Lebens reichen.

Von Susanne Arlt, Markus Rimmele, Mandy Schielke und Francisca Zecher. Redakteur am Mikrofon: Stefan Maas

Von den alten DDR-Marken haben viele die Wende nicht überlebt.  (AP)
Von den alten DDR-Marken haben viele die Wende nicht überlebt. (AP)
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Zwar ist die große Welle der Ostalgie-Shows längst vorüber, doch mit der Erinnerung an vergangene Tage lässt sich aber noch immer so manches Geschäft machen. Nicht immer zur Freude von ostdeutschen Produzenten, die versuchen, ihre Ware abseits aller Klischees als regionale Produkte zu vermarkten oder sich gar auf dem bundesweiten Markt zu positionieren.

Keine leichte Aufgabe, denn wo eine gewisse Markentreue in Teilen des Landes ein Vorteil sein kann, ist sie in anderen ein Nachteil. Eine Folge ist, dass viele Ostdeutsche Produkte ihren Weg in die alten Bundesländer nur über Läden finden, die sich auf Ost-Produkte spezialisiert haben. In Köln zum Beispiel. Francisca Zecher hat den Ossi-Laden in der Kölner Innenstadt für uns besucht:

" Die Bambina-Schokolade habt ihr nicht? Doch! "

Ein junger Mann steht bepackt mit einer Flasche Vita-Cola, Nudossi-Brotaufstrich, Knusperflocken und einem Glas Bautzener Senf an der Kasse.

" Endlich mal einen Landen gefunden, in dem es all die Sachen gibt, die es in den großen Ketten nicht zu kaufen gibt. Vitacola, Knusperflocken, die Wessis wissen nicht, was gut ist. "

Hier im Ossi-Laden in der Kölner Innenstadt bekommt der junge Ostberliner alles das, was er aus Kindheitstagen kennt. Doch nicht nur die Lebensmittel erinnern an die Zeit vor der Wende. An der Eingangstüre begrüßt den Kunden eine lebensgroße Jungpionier-Figur mit der Losung "Seid bereit - immer bereit", auf einem Bord stehen Tassen mit Ampelmännchen und an der CD-Wand findet man Raritäten von City und anderen Ost-Bands. Zwischen den vollen Regalen - die so gar nichts vom Mangel in der DDR erahnen lassen, huschen auch hin und wieder ein paar Westler entlang.

" Bin froh, dass ich jetzt hier in Köln mal so einen Laden finde, wo man auch mal die anderen Produkte, die von hinter der Grenze geblieben sind, findet und kaufen kann. Und ich möchte die auch unterstützen die alten Firmen. Ich finde es übrigens schade, dass sich die Ostdeutschen direkt auf das neue gestürzt haben nach der Wende. "

Und? Konsumiert der Wessi anders als der ostdeutsche Bundesbürger?

" Also am Anfang war es so gewesen, dass vornehmlich westdeutsche Kultartikel gekauft haben und die Ostler die Lebensmittel gekauft haben. Der Ossi ist reingekommen und hat gefragt: Sind das die letzten drei Bambina? Ramsch. Und der Westbürger hat es gar nicht gekauft, weil das Regal nicht voll stand. Mittlerweile ist das total gemischt. "

Sven Tkotz trägt eine schwarzes Baseballcap mit dem Schriftzug 'Held der Arbeit'. Die Geschäftsidee kam dem gebürtigen Bautzener vor gut vier Jahren, als er immer häufiger für Kollegen und Freunde in den alten Bundesländern Produkte aus seiner sächsischen Heimat mitbringen musste. Zu Beginn waren es vor allem einige Westbürger, die den Laden zurückhaltend beäugten, erinnert sich der 39-Jährige.

" Es war am Anfang massiver gewesen, dass hier ein paar Leute rein kamen, die hetzen wollten, auch diese Problematik: ist das hier ein ehemaliger Kommunistentreffpunkt. Ne, habe ich dann gesagt, dass ist ein Verkaufsladen und keine Parteizentrale. Mittlerweile ist es so, dass es mehr ewig gestrige Ossis gibt, die dann hier im Laden stehen und sagen: Ist ja nicht mehr original! "

Obwohl er weiß, dass er davon profitiert: Mit der Ostalgie-Welle der vergangenen Jahre will Sven Tkotz nichts zu tun haben. Er hat mit der DDR abgeschlossen. Damit der ehemalige sozialistische Staat nicht zu sehr als heile Welt dargestellt wird, hat er an einer der Wände die Berliner Mauer aufleben lassen - mit aufgemaltem Stacheldrahtzaun und der Botschaft: 'Make Love not Wall'. Auch die Mitglieder des Ossi-Stammtisches, die sich heute zum Tag der Deutschen Einheit vor dem Laden zu Thüringer Bratwürsten und Lübzer Pils treffen, weinen der DDR nicht nach. Die meisten haben ganz andere Gründe, warum sie hier zusammenkommen, erklärt die 29-Jährige Kathleen.

" Man hat eben doch ein gemeinsames Thema, über das man sprechen kann und so allgemein die Entwicklung, was aus jedem geworden ist, warum die hierher gezogen sind. Vor allem, wenn man noch keinen kennt. Wenn man auf Arbeit keine jungen Kollegen hat und hier ohne Familie ist, dann ist es schon schwer, jemanden kennen zu lernen. Man geht ja nicht auf die Straße und sagt: hast du Lust mit mir wegzugehen? "

Unter die zwei Dutzend vornehmlich jungen Ostdeutschen mischen sich auch immer wieder vereinzelt Wessis.

" Ich habe mal ein paar Monate im Osten gewohnt und gearbeitet und da bekommt man ein bisschen Bezug dazu und ich interessiere mich auch mehr für die gesellschaftlichen Hintergründe, habe auch Politik studiert. Und ich kenne auch privat ein paar Ossis und da dachte ich mir, ich kann mich auch als Wessi dazugesellen. "

An diesem Stammtisch gibt es offenbar keine Berührungsängste zwischen Ost und West.


Das Geschäft mit den Ostmarken

Eine Weile waren sie Mode - die Ostalgieshows. Von vielen als watteweiche Geschichtsverzerrung verdammt, brachten sie dem Publikum in ganz Deutschland Produkte und Namen nahe, die zumindest im Westen vorher kaum jemand gekannt hat. Ostalgie war zum Wirtschaftsfaktor geworden. Nur eine Modeerscheinung oder ein berechenbarer Trend, auf den Firmen auch heute zuverlässig setzen können? Markus Rimmele über das Geschäft mit den Ostmarken:


"Hurra, Ich lebe noch" - ein Werbeslogan, der Geschichte geschrieben hat. Drei Jahre nach der Wende, nach dem Komplettaustausch des Warensortiments in Ostdeutschland, betritt die alte DDR-Brause Club Cola wieder die Bühne und ruft laut und frech: Hurra, ich lebe noch! Und trifft ein Lebensgefühl von Millionen Menschen im Osten. Es ist der Beginn einer ersten Ostalgie-Welle.
Alexander Mackat ist einer der beiden Erfinder der Club-Cola-Kampagne. Mit seinem Geschäftspartner gründete er damals die Berliner Werbeagentur Fritzsch & Mackat. Trotz des Erfolgs von damals gilt, so Mackat: Nur wenige Ostmarken haben die DDR überdauert.

" Im Prinzip von den alten DDR-Marken haben nur noch die Genussmarken und die Lebensmittelmarken überlebt. Alles aus dem technischen Bereich hat das Zeitliche längst gesegnet. Da gibt es nur ganz, ganz wenige Ausnahmen. Die Lebensmittelmarken haben es deswegen einfacher gehabt, weil der Aufwand, sie am Zeitgeist zu halten, geringer ist von der Produktionszeit, wie die ganzen Biermarken oder Sekt mit Rotkäppchen oder halt eben die Spreewaldgurken und all das, was man so kennt. "

Zigaretten von F6 oder Cabinet, Kosmetik von Florena - Fritzsch & Mackat haben für weitere Ostmarken die Werbestrategien entworfen. Strategien, die sich gezielt an ein ostdeutsches Publikum richten, auf die ostdeutsche Gefühlslage eingehen.

" Wir selbst haben für die Cabinet gearbeitet, und die hat sich auf die Fahnen geschrieben, die modernste ostdeutsche Zigarettenmarke zu sein. Und deswegen ist es nicht so, wenn Sie die Werbung sehen, dass Sie denken, Mensch, das sieht ja ostdeutsch aus. Sie ist eher hinterhältig ostdeutsch, indem wir halt eben keine sozialen Unterschiede aufzeigen, sondern indem wir halt immer ein Gemeinschaftsgefühl zeigen, was halt eben recht modern und jugendlich daher kommt. "

Mit Ostalgie, so Mackat, habe das nichts zu tun. Keine große Ostmarke könne damit heute - anders als Mitte der 90er Jahre - noch punkten. Die alt vertrauten Marken verkörperten einfach ein Stück Identität im Osten, ein Stück Gewohnheit. Und genau darauf setzen die Unternehmen. Unternehmen, die in der Regel im Westen sitzen. Wer meint, mit den alten Ostmarken auch ostdeutsch einzukaufen, der irrt gewaltig.

" Die ganz großen erfolgreichen Ostmarken sind allesamt in westlicher Hand. Beginnen wir mit den Zigaretten, die mit den größten Umsatz machen: F6 gehört zu Philip Morris. Cabinet gehört zu Reemtsma. Spee, sehr erfolgreiche Waschmittelmarke, Nr. 1 in den neuen Bundesländern, gehört zu Henkel. Und so geht die Reise munter weiter. Selbst das Rotkäppchen-Phänomen: Da muss man sehen, im Hintergrund steckt halt eben auch westdeutsches Geld. Also die Großeigentümer sind nicht die Ostdeutschen. "

Hinzu kommt, dass sich hinter der alten Marke meist auch ein ganz anderes Produkt als zu DDR-Zeiten verbirgt. Die DDR-Tabakmischungen etwa entsprachen gar nicht dem bundesdeutschen Lebensmittelgesetz. Außer dem Namen und der Werbezielgruppe haben die Ostmarken nur wenig Ostdeutsches an sich. Zwar lassen Henkel und Co. auch im Osten produzieren, sichern also auch dort Arbeitsplätze. Genuin ostdeutsche Produktentwicklungen sind aber eher bei kleinen Unternehmen zu entdecken, die erfolgreich ihre Nischen gefunden haben. Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält die Betonung der regionalen Herkunft sowieso nicht für bedeutsam. Kapital und Firmen hätten sich längst vermischt. Wichtig seien andere Daten:

" Die Industrieproduktion in den neuen Bundesländern hat sich seit Mitte der 90er Jahre eigentlich prächtig entwickelt. Wir haben Wachstumsraten, die weit höher sind als im Westen. Da kann man schon sehen, die Industriebasis der neuen Bundesländer gewinnt an Breite. Allerdings muss man feststellen: Ost/West spielt da keine große Rolle mehr. Und man sieht ja einer Werkzeugmaschine nicht an oder einem Polo nicht unbedingt an, dass sie aus Ostdeutschland kommen. "

Gesamtwirtschaftlich, so Brenke, spielen die Ostmarken eine geringe Rolle. Nur in einzelnen Bereichen sind sie wirklich stark, etwa auf dem ostdeutschen Biermarkt. Und da, im Alltag, so Alexander Mackat, verkörpern sie ein wenig ostdeutsches Lebensgefühl und haben deshalb auch ihre Funktion und Berechtigung, auch wenn hinter der Marke oft etwas ganz anderes steckt als angenommen.

" Ich glaube, man nähert sich dem Thema, ganz einfach auch um zu verstehen, warum Ostmarken heute noch ihre Kunden finden, wenn man's einfach umdreht und sich fragt: Warum gibt's eigentlich immer noch Westmarken? Die Bayern haben auch ihre ganz eigenen Marken und ihre Konsumgewohnheiten, und niemand wundert sich, und niemand stellt auch die Frage: Wie lange trinken die eigentlich noch Weizenbier? Ist doch höchste Zeit, dass die auch mal Pils trinken. Wenn man diese Perspektive einnimmt, dann wird man auch gelassener, und dann sieht man auch, dass Ostmarken durchaus eine sehr lange Perspektive vor sich haben, wenn sie professionell geführt werden. "

Und was die Werbung angeht: Da könnten die Ostmarken stilbildend werden, so Mackats Überzeugung. Die wärmere, wertebewusstere Ansprache funktioniere seinen Studien zufolge auch bei Westdeutschen besser.


Die Traditionsmarke Halloren

Spree-Waschmittel, Spreewaldgurken, Rotkäppchen-Sekt. Eine Reihe von Ost-Marken haben sich auch in den alten Bundesländern einen Namen gemacht und sind dort in fast jedem Supermarkt zu finden. Andere haben sich eher auf dem regionalen Markt eingerichtet. Viele von ihnen Traditionsmarken - so auch die Firma Halloren, eine der ältesten deutschen Schokoladenfabriken. Susanne Arlt über eine Marke, die sich jenseits der Ostalgie behauptet hat.

Geht die Tür auf, hat man das Gefühl in einer Pralinenschachtel zu stehen. Süßlicher Schokoladenduft strömt einem aus der modernen Produktionshalle entgegen. Tino Müller, Pressesprecher der Halloren-Schokoladenfabrik, reckt kurz den Kopf, schnuppert und sagt dann fachkundig: Schoko-Rum. Die Schokoladenfabrik in Halle ist einer der wenigen ostdeutschen Lebensmittelhersteller, der die Wende überlebt hat. Vor allem dank vieler Naschfreunde, die sich mit den Halloren-Kugeln heute auch ein Stück Erinnerung auf der Zunge zergehen lassen. Fünfundsiebzig Prozent seiner Produkte verkauft Halloren im Osten, sagt Pressesprecher Tino Müller.

" Anfang der 50er Jahre hat man aus Mangel an Rohstoffen nach einer einfach herzustellenden Volkspraline gesucht. Also der Bedarf nach süßen Sachen war nach dem Krieg sehr hoch. Es gab aber keinen guten Kakao. Es gab auch keinen guten Zucker, so dass man aus den spärlichen Rohstoffen versucht hat, soviel wie möglich zu machen. "

Heraus kam eine zähe feinkörnige Konsistenz, die zur Hälfte aus einem Sahne- und einem Kakaoteig bestand. Beide Knetmassen wurden übereinander gelegt, zu Würfeln geschnitten und damals noch mit der Hand zu den bekannten Halloren-Kugeln gerollt. Heute geht das alles vollautomatisch. Elf Mitarbeiter produzieren bei Bedarf fünfeinhalb Tonnen Halloren-Kugeln pro Schicht. Die Hauptzutaten sind dieselben geblieben: Butter, Milchpulver, Kakao und natürlich Zucker. Die übersättigte Zuckerlösung wird in Form von 15 Kilogramm schweren Fondant-Quader verarbeitet.

" Sie merken auch hier, wenn Sie das drücken, das lässt sich biegen und drücken, was natürlich unheimlich wichtig ist, um eine homogene Masse zu erhalten. Es wird immer noch als Creme bezeichnet, wobei es nicht zu vergleichen ist mit einer Trüffelcreme, es eine ganz eigene Mischung, und das macht das Produkt aber auch aus. Es gibt keinen anderen Hersteller, der so was Ähnliches überhaupt produziert. "

Schon lange werden hier nicht mehr nur die Klassiker des Hauses mit braun-weißer Kakao- und Cremefüllung gefertigt. Die Düsen einer hochmodernen Maschine drücken auch Erdbeer-Minze, Blutorange-Joghurt oder Mohn-Orangen-Masse zu mundgerechten Kugeln. In schier unendlichen Schokoladenarmeen wackeln sie dann im Sekundentakt über die Fließbänder - und stehen für das neue Bild der Halloren-Schokoladenfabrik. Einerseits gibt man sich traditionsbewusst wegen der zweigeteilten Füllung, andererseits modern mit neuen Geschmäckern und Zutaten.

" Es ist für ein Ostprodukt schon sehr ungewöhnlich, muss man sagen. Es gibt ein paar Vertreter, die es ebenso geschafft haben wie wir. Aber unser Erfolg begründet sich zum einen in der langen Tradition in einer herausragenden Qualität. Wir bieten mit der Halloren-Kugel ein Produkt, was kein anderer Hersteller herstellen kann. Das ist eine ganz außergewöhnliche Praline oder ein pralinenähnliches Produkt. Ja man schafft es, in einer so recht schnelllebigen Zeit mit diesem Produkt bestimmte Werte zu vermitteln. "

Vor wenigen Wochen wurde die neue Produktionshalle eingeweiht. Dort stellen die 330 Mitarbeiter zum Teil noch in Handarbeit Trüffel, Pralinen und Mozartkugeln her. In dem Anbau - dreimal so groß wie die alte Fabrik - steht auch die erste Frozen-Shell-Maschine Deutschlands. Mit der neue Technologie können wir Schokoladen-Hohlkörper in Töpfchenform herstellen, sagt der Pressesprecher nicht ohne Stolz. Inzwischen sei man auch im Westen auf den Geschmack gekommen. Immerhin kenne dort schon jeder Fünfte die Halloren-Produkte, sagt Pressesprecher Tino Müller optimistisch. Um das Schokowerk in den alten Bundesländern aber noch bekannter zu machen, brachten es die Manager im Mai an die Börse. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz der Halloren-Schokoladenfabrik um acht Prozent auf 26 Millionen Euro. Inzwischen wachsen sie sogar zweistellig, zehn und vierzehn Prozent. Süße Aussichten.


Amiga - ein alter Name für neue Inhalte

1947 gründet der Sänger und Schauspieler Ernst Busch in Berlin mit Genehmigung der russischen Militärregierung einen Schallplattenverlag, der sich schnell als die Adresse für Unterhaltungsmusik etablierte. Amiga, später Teil des DDR-Staatslabels VEB Deutsche Schallplatten. Heute gehört der Amiga-Musikkatalog zum Konzern Sony BMG - und der macht mit der ehemaligen Institution aus Ost-Berlin prima Geschäfte. Mandy Schielke berichtet.

Jörg Stempel: "Frank Schöbel, der erfolgreichste Solokünstler überhaupt, die Puhdys, Karat, City, Silly, Veronica Fischer, Helga Hahnemann und vielleicht so ein Kleinod des Amiga Katalogs: die berühmten vier Amiga-LPs von Manfred Krug mit Günther Fischer zusammen."

Und Inka, der letzte DDR-Teenie-Star. Alles Künstler, die beim Label Amiga - deutsch "Die Freundin" - herausgekommen sind. Vor sechzig Jahren in Berlin gegründet, ist es das älteste deutsche Schallplattenlabel, sollte ein Gegenpol zur westeuropäischen "Coca-Cola Kultur" sein, sagt Jörg Stempel. In den 80er Jahren arbeitete er als Redakteur bei Amiga, heute ist er freier Berater für Sony BMG unter dessen Dach Amiga-Titel jetzt erscheinen. Seine erste eigene Platte kam aus dem Westen.

"Das war meine Lieblingskapelle, nämlich die Beatles. 1965 kam die als Amiga-Lizenzplatte raus, bin in den Laden rein gegangen und habe gesagt. Die Platte will ich haben, hab 16 Mark zehn bezahlt, in Nauenburg. Ist ne Stadt in Sachsen-Anhalt."

35.000 Titel umfasst der Amiga-Katalog. Die erfolgreichste Platte in der DDR: "Weihnachten in Familie". Gesungen vom DDR Traum Paar Frank Schöbel und Aurora Lacasa. Der meistverkaufte Hit: "Am Fenster" von City. Nach der Wende kauft ein Kieler Autohändler das Label. Zwei Jahre später ist es pleite.

"Es kam hinzu, als Nachteil muss man fairer Weise sagen, dass mit der Maueröffnung die Konsumenten die Bürger der DDR mit ihrer eigenen Musik nicht so viel am Hut hatten. Sie wollten dann das kaufen was ihnen lange Jahre vorenthalten war. Die Rückbesinnung kam 1993/1994."

Die Plattenfirma Sony BMG wird aufmerksam auf Amiga, wickelt das Label personell ab, holt den Katalog nach München. Stempel bleibt als einziger der alten Mitarbeiter. Wird Geschäftsführer des Amiga-Katalogs. Die Plattenfirma schwimmt mit auf der ersten Ostalgiewelle.

"Ich mach erstens keinen Unterschied zwischen Ostalgie und Nostalgie. Leider ist der Begriff negativ belegt. Ich denke das ist eine Begrifflichkeit die für sich an etwas Angenehmes erinnern."

Zu Jahrestagen erscheinen jetzt Neuauskoppelungen, DDR-Shows im Fernsehen steigern die Verkaufszahlen. Die Puhdys nehmen 5 neue Scheiben auf. Im Westen allerdings kauft kaum jemand die Musik der alten Oststars. Werbekampagnen floppen regelmäßig. Sony BMG habe das Ganze auch nie ernsthaft gefördert, erzählt der Musikexperte. So ist der Soundtrack zum Kinofilm "Das Leben der anderen" auch nicht bei der Münchner Plattenfirma erschienen, sondern woanders.

"Was mich dabei ärgert ist, dass die Medien immer darauf abfahren, immer die gleichen Hits in irgendeiner neuen Verpackung präsentieren zu wollen, statt mal die musikalische Breite darzustellen. Das wird vernachlässigt, denn...das hängt mit dem Profitgedanken zusammen, weil der Westen funktioniert nun einmal so."

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