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StartseiteHintergrund Wirtschaft (Archiv)Das Gewissen der Verbraucher28.11.2004

Das Gewissen der Verbraucher

40 Jahre Stiftung Warentest

<em>"Bei uns ist es lustig heute, man hört es: (lachen) Hhmm Coca Cola – ja Coca Cola". "Kein Wunder, dass Du ein schlechtes Gewissen hast. Sein Hemd! Kann man sich darin wohlfühlen? Ist das etwa weich und weiß?" Glücksklee – jeder braucht ein kleines bisschen Glück." </em>

Von Dieter Nürnberger

Gefragt ist der Vergleich von Kindersitzen durch die Stiftung Warentest (AP Archiv)
Gefragt ist der Vergleich von Kindersitzen durch die Stiftung Warentest (AP Archiv)

Die Reklame in den frühen sechziger Jahren vermittelte eine heile Welt oder eben auch nicht. Denn wenn die Wäsche nicht wirklich weiß wurde, dann war etwas nicht in Ordnung. Es war die Spät-Zeit des Wirtschaftswunders und die Produkte auf dem Markt wurden immer mehr und immer vielseitiger. Doch objektiv nachprüfbar waren die Werbebotschaften schon damals nicht – dass Kaffeesahne so richtig glücklich macht, wird wohl keiner geglaubt haben, doch etwas schwerer wiegt die Frage, ob ein bestimmtes Waschmittel wirklich auch ein besseres Ergebnis erzielt? Der Kunde konnte sich da eigentlich nur auf eigene Erfahrungen verlassen, verlässliche Informationen gab es kaum. Ein Defizit, das die Bundesregierung beheben wollte. Die Pläne für die Durchführung vergleichender Warentests lagen schon länger in den Schubladen. Konrad Adenauer. :

Die Bundesregierung hält es für erforderlich, das Preisbewusstsein der Verbraucher zu stärken. Sie wird deshalb die Einflussmöglichkeiten der Verbraucher auf die Preise und auf das Marktgeschehen verbessern. Der Bundesminister für Wirtschaft wurde beauftragt, möglichst bald die Errichtung einer Körperschaft für neutrale Warenteste zu veranlassen.

Doch bekanntlich ist aller Anfang schwer. Bevor am 4. Dezember 1964 endlich jenes neutrale Testinstitut für vergleichende Warenuntersuchungen, die Stiftung Warentest in Berlin, gegründet wurde, verstrichen viele Jahre der Diskussion. Die SPD-Abgeordnete Lucie Beyer erinnerte daran in einer Bundestagsdebatte im Oktober 1964.

Schon 1952 hat Prof. Müller-Armack die Einführung eines allgemeinen Konsumentenzeichens verlangt. Schon damals fand er die Unterstützung in Verbraucherkreisen und vor allem bei den Konsumgenossenschaften. Zu der damaligen Zeit war die Technik vielleicht noch sozusagen in den Kinderschuhen. Man konnte aber absehen, dass es eine Entwicklung geben würde, die es der Hausfrau kaum möglich macht, sich objektiv am Markt zu orientieren.

Alfred Müller-Armack war damals Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Er gilt als Nestor der sozialen Marktwirtschaft. Kaufentscheidungen auf der Grundlage neutraler Qualitätsbeurteilungen zu treffen, war das formulierte Ziel: Mehr Transparenz zu schaffen, den so viel zitierten Kunden als König ernst zu nehmen. Ludwig Erhard, der Wirtschaftsminister.

Er soll wach sein, er soll sich auf dem Markt nicht so benehmen, wie ein Lamm, welches zur Schlachtbank geführt wird. Er soll erkennen lassen, dass er Widerstand leistet – gegen allzu leichtfertige Bewegungen im Markt. Er soll sich nicht darüber ärgern, wenn irgendwo etwas teurer ist, sondern er soll sich darüber freuen, dass es auch billigere Einkaufsmöglichkeiten gibt. Er soll wählen, er soll seiner Verärgerung Luft machen. Und die es angeht, die sollen spüren, dass sie es nicht mehr mit einer fühllosen Masse zu tun haben, sondern mit bewusst gewordenen Verbrauchen.

Bewusst gewordene Verbraucher – die Idee dafür stammt aus den USA. Minderwertige Gebrauchsgüter wurden dort schon in den zwanziger Jahren sehr viel früher sozusagen an den Pranger gestellt. Deutschland vollzog also mit der Gründung der Stiftung Warentest den Anschluss an eine internationale Entwicklung. Hans Dieter Lösenbeck war als Chefredakteur der Warentester ein Mann der ersten Stunde und erzählt aus den Erfahrungen der Vereinigten Staaten:

Dort hatte man ja schon sehr viel früher vergleichende Warentests durchgeführt. Das war damals "Consumers Union" unter sehr respektablen Auflagen von rund 4 Millionen. Und dann gab es natürlich in Deutschland private Anfänge unter Waldemar Schweitzer, der damals die Zeitschrift "DM" auf den Markt gebracht hat. Und dann hat man gesagt, wie brauchen eine neutrale Institution, die sich auch ohne Anzeigen finanzieren muss, einschließlich natürlich einiger Subventionen vom Staat. Und damit wurde das Kind Stiftung Warentest geboren.

Und dieses Kind Stiftung Warentest ist mit den Jahren nicht nur älter, sondern auch sehr selbstbewusst geworden. Zum 40. Geburtstag in diesen Tagen gibt es Lob von allen Seiten. Politisch zuständig ist heute nicht mehr das Wirtschaftsministerium, sondern das im Jahr 2000 gegründete Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Renate Künast über die Stiftung Warentest.

Ein Schmuckstück der Verbraucherinformation! Sie schafft die anbieterunabhängige Beratung der Verbraucher, weil sie schlicht und einfach gnadenlos testet. Deshalb ist sie logischerweise die glaubwürdigste Institution der ganzen Republik.

Ohne Zweifel – die Stiftung Warentest ist eine Erfolgsgeschichte. 96 Prozent der Deutschen kennen sie. Und mehr als ein Drittel orientiert sich bei wichtigen Kaufentscheidungen an den Testnoten von "sehr gut" bis "mangelhaft".

"Die kontrollieren Geräte." "Na, die Stiftung Warentest begutachtet Waren." "Man kann auch dort anrufen, und Informationen bekommen." "Die prüfen alles mögliche da – Preise, Güte und so weiter.""

Wissen ist bekanntlich auch Macht. Informierte Verbraucher haben deshalb eine gewichtige Position innerhalb des Marktes. Die rot-grüne Bundesregierung hat sich dies wie wohl keine andere vor ihr auf die Fahnen geschrieben. Deutlich sichtbar auch daran, dass es erstmals in Deutschland ein Bundesministerium gibt, welches das Wort Verbraucher im Namen trägt. Und für Renate Künast wird die Aufgabe der Stiftung Warentest immer komplexer.

Wenn wir über Globalisierung reden, dann reden wir auch darüber, wer wie im globalen Wettbewerb bestehen kann. Da möchte ich eines: Dass wir hier immer auf gute Qualität setzen. Haarshampoo herstellen kann jeder, aber ohne Formaldehyd herstellen? Waschmaschinen herstellen kann auch jeder, aber mit einem geringen Strom- und Wasserverbrauch? Oder die, die nicht schon nach wenigen Jahren reparaturanfällig ist? All das ist sozusagen "Made in Germany". Und zu "Made in Germany" gehört beides dazu: Nicht nur das gute Produkt, sondern auch immer die Stiftung Warentest, die den Daumen drauf hält.

Information als Standbein moderner Verbraucherpolitik. Das wird heute allgemein nicht mehr angezweifelt. Doch zur Geschichte der Stiftung Warentest gehört auch Skepsis und Kritik. Denn die Hersteller der Produkte waren anfangs so gar nicht begeistert, dass der informationshungrige Kunde mehr wollte als eine Werbebotschaft und vielleicht eine Gebrauchsanweisung. Der Bundesverband der Deutschen Industrie, kurz BDI, in einer Stellungnahme Ende der fünfziger Jahre.

Die elektrotechnischen Gebrauchsgüter sind ganz überwiegend Markenartikel. Darin liegt der Anspruch auf eine hoch stehende und gleich bleibende Qualität. Die Hersteller sind daher zu entsprechenden Anstrengungen und Qualitätsprüfungen genötigt. Sie unterrichten auch den Verbraucher in ausreichendem Maße – über Prospekte, Anzeigen und sonstige Werbung über die Eigenschaften und Verwendbarkeit der Geräte.

Doch ist soviel Naivität heute natürlich nicht mehr opportun. Wirtschaft ist längst kein Selbstzweck mehr, sie muss dem Verbraucher auch nutzen. Carsten Kreklau ist Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung.

Die Stiftung Warentest ist heute nicht mehr weg zu denken, sie ist ein fester Bestandteil für uns alle. Für die Industrie und vor allem natürlich für die Verbraucher. Man muss ja auch daran denken, dass in der Industrie auch Menschen arbeiten, die Verbraucher sind. In der Tat: Vor über 40 Jahren war die Position der Industrie gegenüber den Testinstituten kritischer eingestellt als heute. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber das ist Historie.

Und zu den Kritikern in den Anfangsjahren gehörte überraschenderweise auch die AgV, die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände. Nicht aus der Ablehnung an der Sache heraus, sondern weil man eigene Vorstellungen hatte. Edda Müller vom Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverband, der Nachfolgeorganisation der AgV.

Die AgV hat 1961 den ersten vergleichenden Warentest gemacht, da ging es um Waschmittel. Und sie hat sich damals gegen eine ganze Reihe von Klagen gewehrt. Schon damals wollte die Wirtschaft das verhindern. Und die Richter haben gesagt, so ein vergleichender Warentest darf sein. Und deshalb wurde praktisch die rechtliche Klarheit, die dann ein Jahr später zur Entscheidung der Bundesregierung führte, eine Stiftung Warentest einzurichten, das wurde von der AgV durchgekämpft. Und ich kann mir vorstellen, dass man damals ein wenig enttäuscht war. Dass nicht die AgV damit beauftragt wurde, vergleichende Warentests durchzuführen, sondern eine neue Institution. Aber über diese Anfänge sind wir längst hinaus, heute sind wir über diese Arbeitsteilung sehr froh.

Die einstigen Skeptiker sind in die Arbeit der Stiftung Warentest mit eingebunden. Im Kuratorium sitzen 18 Mitglieder, jeweils sechs Mitglieder aus der Gruppe der Wirtschaft und der Verbraucherinteressen. Hier werden Untersuchungen diskutiert und geplant. Die Wirtschaft sitzt also mit am Tisch,. doch ein Essential der Arbeit der Warentester bleibt die Werbefreiheit bei den Veröffentlichungen, sagt Werner Brinkmann, vom Vorstand der Stiftung.

Die Anzeigenfreiheit unserer Publikationen ist für uns nicht nur eine Regelung in der Satzung. Ich bin der festen Überzeugung, mit unserem Anspruch unabhängig zu arbeiten, kann man als ein Organ, welches auf Anzeigen angewiesen ist, diese Untersuchungen nicht durchführen. Das ist für uns sozusagen ein Bestandteil unserer Marke. Das, was wir uns vorgenommen haben zu untersuchen, das untersuchen wir. Ob das dem Anbieter passt oder nicht.

Und aufgrund dieses Anspruchs kann die Arbeit der Warentester wohl auch nicht konfliktfrei verlaufen. Bei allem Lob für die Arbeit der vergangenen 40 Jahre, Kritik im Detail gab es vom BDI immer wieder mal. Carsten Kreklau.

Also es gibt sicherlich immer wieder Einzelfälle, in denen sich Unternehmen die Frage stellen, ob man ihrem Produkt tatsächlich gerecht wird. Zum Beispiel erschien im Jahre 2000 ein Handbuch Medikamente. Hier lag diese Frage dann in voller Breite auf dem Tisch. Weil nämlich etwa ein Viertel der mehr als 5.000 in diesem Handbuch aufgeführten verordnungspflichtigen Arzneimittel als praktisch wenig geeignet dargestellt wurden. Dann hat das zu einer großen Verunsicherung beigetragen, sowohl bei den Verbrauchern und auch bei den Herstellern.

Es gibt wohl kaum etwas an Konsumgütern, was nicht untersucht worden wäre. Die Zeitschrift "test" kam erstmals im Frühjahr 1966 auf den Markt. Zwei Warentests wurden veröffentlicht: Nähmaschinen und Handrührer. Ummantelt von vielen Tipps und anderen Verbraucherthemen. 1974 kamen auch Dienstleistungstests hinzu. Das hieß damals vor allem der Vergleich der Angebote von Banken oder auch Versicherern. Das Heft "Finanztest" erschien erstmals zu Beginn der neunziger Jahre. Sonderpublikationen zu Themenbereichen und auch Jahrbücher vertreibt/ die Stiftung Warentest ebenso erfolgreich. Doch Informationen und auch Bewertungen, die dem Kunden nutzen, müssen den Herstellern noch lange nicht gefallen. Es wurden nicht selten auch die Gerichte bemüht – bis hin zum Bundesgerichtshof, dem BGH. Hans Dieter Lösenbeck, der ehemalige Chefredakteur von "test".

Es gab sicherlich hunderte von Rechtsstreitigkeiten und dann gab es ja auch entscheidende Urteile. Und in einem Prozess ist dann auch der Ermessensspielraum vom BGH festgelegt worden. Es gab noch weitere Urteile. In einem beispielsweise wurde festgestellt, dass wir berechtigt sind, schärfer als die DIN-Norm zu testen. Das waren schon wichtige Marksteine unserer Arbeit.

Dass manche Hersteller oder Dienstleister die Arbeit der Warentester kritisch sehen, ist bis heute geblieben. Allerdings sind die Klagen gegen die Bewertungen im Vergleich zur Gesamtheit der Untersuchungen eher gering. Werner Brinkmann.

Wir sehen Klagen normalerweise gelassen entgegen. Wir haben im Schnitt in den vergangenen Jahren zehn Rechtsstreitigkeiten pro Jahr durchzufechten gehabt. Darauf sind wir eingestellt, das sind wir gewohnt und damit kommen wir auch klar. Die größte juristische Niederlage war eine Untersuchung von Rollstühlen. Da waren möglicherweise die Ergebnisse nicht falsch, aber wir hatten eine ernsthafte Auseinandersetzung über die Prüfmethode. Und deshalb ist Niederlage vielleicht nicht ganz richtig, denn wir haben uns in der zweiten Instanz mit dem klagenden Anbieter verglichen.

Auf eigene Prüflabors verzichtet die Stiftung Warentest bis heute und beauftragt statt dessen unabhängige und anerkannte Institute mit den Untersuchungen. Die Bandbreite der Kriterien eines Tests wurden dabei mit der Zeit erweitert. Seit Mitte der achtziger Jahre beziehen die Warentester beispielsweise Umwelteigenschaften in das Ergebnis mit ein. Ein hoher Stromverbrauch eines Gerätes kann zur schlechteren Benotung führen. Und mit dem 40. Geburtstag wagt sich die Stiftung auch auf neues Terrain – das Stichwort heißt CSR, Corporate Social Responsibility. Hierbei geht um die Verantwortung der Unternehmen im gesellschaftlichen und sozialen Bereich. Zusatzinformationen, die neben den Produktbewertungen stehen sollen. Holger Brackemann, der Leiter des Projekts.

Eines der ersten Pilotprojekte wird die Untersuchung von Funktions- und Wetterjacken sein, solche, die man in der Freizeit trägt. Diese Jacken werden natürlich nicht in Deutschland hergestellt, sondern überwiegend in Ländern, wo man nicht davon ausgehen kann, dass die Mindestsozialstandards auch eingehalten werden. Und dort schauen wir uns an, wie weit sich die Unternehmen um diese Zulieferketten kümmern. Auch was sie dort für Maßnahmen ergriffen haben, um die Ausbeutung der Beschäftigten in diesen Ländern zu vermeiden.

Der Prüfauftrag bei den Untersuchungen wird also immer vielschichtiger. Kriterien, die auch das Vorleben eines Produktes betreffen, nicht mehr das Produkt allein. Und wie schon bei der Einführung der Umwelteigenschaften als Maßstab sind die Hersteller zumindest nicht begeistert. Carsten Kreklau vom BDI.

Na ja, wir sind nicht grundsätzlich gegen den Ansatz von Corporate Social Responsibility. Wie könnten wir auch, da sich doch die überwiegende Zahl von Unternehmen gesellschaftlich und sozial engagieren. Wir haben allerdings darauf hingewiesen, dass diese Testaktivitäten durchaus auch mit Gefahren und Missverständnissen verbunden sein können. Es wird zunächst darauf ankommen die Methodik weiterzuentwickeln, auch international. Deshalb haben wir empfohlen, vorsichtig zu sein, sich auf Feldern zu tummeln, die unter Umständen geeignet wären, den guten Ruf der Stiftung zu beschädigen.

So ist anzunehmen, dass im Kuratorium der Stiftung künftig das Thema soziale Verantwortung der Unternehmen eine auch kontroverse Rolle spielen wird. Thomas Brackemann.

Es gibt ja schon einiges an Vorgaben, allen voran von den Vereinten Nationen. Kofi Annan hat eine Initiative unter dem Titel "Global Compact" gestartet, hier sind neun Rahmenbedingungen für ein verantwortliches Unternehmenshandeln definiert wurden. Es gibt noch weitere internationale Organisationen. Konkret: Es gibt Standards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, die betreffen Kinderarbeit, die betreffen Entlohnung, aber auch Überstunden.

Man will nach der Veröffentlichung der drei Pilot-Tests zum gesellschaftlichen und sozialen Engagement der Hersteller erst einmal auch die Reaktionen der Leser abwarten. Doch eine wichtige Unterstützerin für diese neue Art von Information gibt es bereits: Verbraucherministerin Renate Künast.

Viele Verbraucher machen sich Gedanken, wo sind hierzulande die Arbeitsplätze oder wohin wandern sie ab? Deshalb ist es auch immer richtig zu wissen, steckt in diesem Produkt Kinderarbeit drin, gibt es nicht vertretbare soziale- oder auch Arbeitsbedingungen? Welche Umweltauswirkungen hat die Produktion dieses Produktes gehabt? Verbraucher sind ja auch Steuerzahler und sie wollen ja auch, dass für sie oder in ihrer Nachbarschaft Arbeitsplätze da sind. Deshalb ist es für meine Begriffe gut, jetzt wo die Stiftung Warentest im besten Alter ist – nämlich 40, dass man sich etwas für die Zukunft vornimmt. Mein Wunsch: Diese Sozial- und Umweltkriterien sollten fester Bestandteil eines jeden Testes sein.

Corporate Social Responsibility ist nur ein Projekt, das die Stiftung Warentest für die kommende Jahre angeht. Die anderen sind eher struktureller Natur - man muss auf die Zeichen der Zeit reagieren. So ist die Krise auf dem Medienmarkt auch an der Stiftung Warentest nicht folgenlos vorbeigegangen. Die Verkaufszahlen der beiden Flagschiffe, die Hefte "test" und "Finanztest" sind seit Jahren rückläufig, zwar nicht mehr so dramatisch, aber schleichend.
Das hat auch bei den Warentestern zu Einsparungen geführt, doch ist nach dem Zuständigkeitswechsel in der Politik zumindest die staatliche Fördersumme erhalten geblieben. Verbraucherministerin Renate Künast hat ursprünglich schon beschlossene Kürzungen des Wirtschaftsministers bei ihrem Amtsantritt wieder rückgängig gemacht. Heute erhält die Stiftung rund 6,5 Millionen Euro jährlich aus Steuergeldern. Der Ausgleich dafür, dass man unabhängig sein muss und auf Werbung verzichtet.

Doch vor allem müssen künftig jüngere Leser angesprochen werden, denn die bisherigen Nutzer der Publikationen sind eher reiferen Alters. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit Schulen oder der Wettbewerb "Jugend testet". Notwendig ist die Ansprache der Jüngeren nicht nur wegen der Notwendigkeit, neue Leser zu gewinnen. Jugend gehört heute zum bevorzugten Zielpublikum der Wirtschaft. Und die Werbebotschaften haben sich im Vergleich zur Reklame der sechziger Jahre auch nicht groß geändert. Wenig Inhalt, aber viel Gefühl – oder das, was die Strategen dafür halten.

"Total extrem." "Autsch – frisch, knusprig, lecker gefüllt, nur für 4,99 und nur für kürze Zeit." "Geht nicht, gibt’s nicht." "Schluss mit dem Brave-Mädchen-Look", entfessele Deinen Style." "Nichts ist unmöglich."

Die Verschuldung unter Jugendlichen nimmt hierzulande dramatisch zu. Auch, weil undurchsichtige Kosten für das Mobiltelefon oder Ausgaben für teure Markenklamotten die Einnahmen durch das Taschengeld weit übertreffen.

Und natürlich hat sich die Stiftung auch längst dem Internet geöffnet. Werner Brinkmann vom Vorstand der Stiftung.

Wir haben stabil zwei Millionen Besuche jeden Monat. Und monatlich 20 Millionen Seitenabrufe. Wir haben im pay-per-view Einnahmen von bis 120.000 Euro im Monat. Das ist noch nicht überwältigend, aber in der Dynamik positiv und wird sicherlich in Kürze auch wirtschaftlich von großer Bedeutung sein. Und wir sind vor allem dabei, unser Angebot auszuweiten. Wir wollen ein Internet-Abonnement anbieten.

Ausgebaut werden soll auch die Zusammenarbeit mit Zeitungen, Radio und Fernsehen. Übrigens eine Strategie, die Ende der sechziger Jahre wohl das Überleben der Institution garantierte. Damals fiel die Auflage von "test" auf den absoluten Tiefpunkt. Schuld war wohl der geringe Bekanntheitsgrad der Stiftung erst wenige Jahre nach der Gründung. Werner Brinkmann:

Fest steht eins: Die Stiftung Warentest hätte für ihre Zeitschrift eine Auflagenentwicklung, wie sie dann später gekommen ist, ausschließlich durch Werbung nicht erreichen können. Weil auch der damalige Hauptfinanzierer, das Bundeswirtschaftsministerium, dafür nicht die Notwendigkeit gesehen hat. Also diese PR-Strategie, wir gehen in die Medien und lassen da unsere Untersuchungsergebnisse notgedrungen unendgeldlich verbreiten, für die gab es im Grunde keine Alternative. Sie war dann am Ende ja auch erfolgreich.

Die höchste Auflage hatte "test" übrigens nach der Wiedervereinigung. Die schöne neue Warenwelt für die neuen Bundesbürger schrie geradezu nach fachmännischer Aufklärung. Heute ist die Stiftung Warentest ist in den alten Bundesländern wie auch in den neuen gleichermaßen gut bekannt. Doch sorgen immer neue Fachzeitschriften auch für wachsende Konkurrenz. Zudem braucht die Industrie immer weniger Zeit, um ein Produkt zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen. Auch verkomplizieren derzeit viele politische Reformvorhaben den Markt, Altersvorsorge in Zeiten von Hartz IV etwa oder Neuerungen im Gesundheitssektor. Neue Herausforderungen für die Stiftung Warentest. Carsten Kreklau vom Bundesverband der Deutschen Industrie sieht deshalb Handlungsbedarf – die Geschwindigkeit des Marktes müsste ebenso berücksichtigt werden, wie beispielsweise auch die Frage, ob Hersteller dem Kunden nach dem Kauf noch mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Der Innovationszyklus wird immer kürzer. Und dann stellt sich die Frage, ob die Testverfahren diesem Wettlauf der Produkte überhaupt noch standhalten können. Hierauf hat die Stiftung reagiert, es gibt die Einrichtung von Dauerfachbeiräten und auch ein Continuous-testing-Verfahren. Vergleichbare Fälle wird es immer geben - dass neue Aspekte mit einbezogen werden: Wie wird künftig der so genannte After-Sales-Service berücksichtigt werden? Was passiert mit der Frage der Verfügbarkeit von Ersatzteilen? Es gibt somit immer wieder neue Aspekte, die wir mit der Stiftung erörtern werden.

Ein Beispiel für "continuous testing". Inzwischen veröffentlicht die Stiftung Warentest Prüfergebnisse bei Digitalkameras und Mobiltelefonen im Abstand von zwei Monaten.

An der Notwendigkeit einer Stiftung Warentest wird längst nicht mehr gezweifelt. Und gäbe es sie nicht, müsste man sie wohl erfinden. Edda Müller, die Vorsitzende des Verbraucherzentrale Bundesverband, sieht die Stiftung sogar als Flagschiff einer moderner Aufklärung und somit als Standortfaktor in Deutschland.

Die Tatsache, dass die deutsche Konsumgüterwirtschaft sich über 40 Jahre immer wieder mit diesen Tests auseinandersetzen musste, hat sicherlich ganz erheblich dazu beigetragen, dass die Qualität der Produkte in Deutschland sehr hoch ist. Das heißt, es wurde aus der zunächst von der Wirtschaft als Bedrohung empfundenen regelmäßigen Kontrolle ein Wettbewerbsvorteil für die deutsche Wirtschaft. Und das ist moderne Verbraucherpolitik – guter Verbraucherschutz ist auch gut für die Wirtschaft.

Der Vertreter des BDI sieht dies ähnlich – trotz aller Kritik im Detail betrachtet man sich heute als Partner.

Der Markt ist stark und alles, was der Transparenz dient und dem Kunden Signale vermittelt, Signale, die ihm auf die Produkte hinweisen, ist in der längerfristigen Betrachtung auch für die Unternehmen von großem Interesse.

Am kommenden Samstag, dem 4. Dezember wird in Berlin mit einem Festakt der Gründung der Stiftung Warentest vor vierzig Jahren gedacht. Wie viele Produkte sind wohl in diesem Zeitraum untersucht worden? Belassen wir es bei den Zahlen des Jahres 2003: 225 Warentests von 2467 Produkten - und penibel wie die Institution nun mal sein muss, fügt sie hinzu, dass davon 47 baugleich waren - also nur einen anderen Namen trugen. Das Geheimnis des Erfolgs: Es war wohl für jeden Verbraucher etwas Interessantes dabei. Beispielsweise für Carsten Kreklau vom BDI:

Vor nicht allzu langer Zeit stand ich vor der Aufgabe, ein Fernsehgerät zu kaufen. Und da habe ich tatsächlich auf ein Testheft zurückgegriffen und habe mich daran orientiert. Und ich fühlte mich sehr gut beraten.

Oder auch für Renate Künast, die Ministerin.

Das erste Mal war definitiv - ich glaube, ich gehöre zur Mehrheit der Bevölkerung - die Waschmaschine. Und im vergangenen Sommer war es zum Beispiel die Frage der Sonnencreme. Und da stellt man plötzlich fest, dass bei der Stiftung Warentest ein gutes Ergebnis – ohne Formaldehyd, gute Wirksamkeit usw. – ein preiswertes Produkt einer Drogeriekette den Zuschlag bekommen hat. Und wenn man etwas für drei3 Euro haben kann, warum soll man dann 15 dafür ausgeben? Das sind einfach so Dinge, die ich mir merke. Und wenn ich da vorbeikomme, gehe ich rein und hole mir zwei Flaschen.

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