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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDas Heilige Römische Reich Deutscher Nation10.08.2006

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation

Ausstellungen in Magdeburg und Berlin erinnern an das historische Ende vor 200 Jahren

In Magdeburg und in Berlin beginnen Ende August zwei große aufeinander bezogene Ausstellungen über die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches, das vor 200 Jahren zusammenbrach. Otto der Große, der Reichsgründer, liegt im Dom zu Magdeburg begraben. Und deshalb beschäftigt sich der Magdeburger Ausstellungsteil insbesondere mit der mittelalterlichen Reichsgeschichte beschäftigen.

Von Ingeborg Breuer

Als Kaiser Franz II. - unter dem Druck Napoleons - am 6. August 1806 die Krone niederlegte, geschah das ziemlich unspektakulär. Der Kaiser, so hieß es in der Abdankung, sehe sich nicht mehr in der Lage, seine Pflichten als Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches zu erfüllen. Und er erklärte:

"Wir, Franz der Zweite, von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs ... erklären, dass Wir das Band, welches uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reiches gebunden hat, als gelöst ansehen ... und die bis jetzt getragene Kaiserkrone und geführte kaiserliche Regierung niederlegen."

Das Heilige Römische Reich hatte aufgehört zu existieren. "Überlebtes Welttheater", wie Goethe nach einem ersten Schock damals nüchtern befand. Dabei hatte das ‚Alte Reich’ wie es von Historikern auch genannt wird, annähernd 850 Jahre bestanden. Claus-Peter Hasse, Kurator des Magdeburger Ausstellungsteils zum Heiligen Römischen Reich:

"Es war eine sehr zählebige politische Institution und das Spannende ist, dass es verschiedene Völker, Sprachen, Interessengruppen zusammengehalten hat. Und das ist für uns heute interessant: wie ging das Heilige Römische Reich damit um, dass es keine Hauptstadt besaß, viele prosperierende Orte, kein Staatsvolk? Und das sind ja Fragen, die man sich heute in Europa auch stellt."

Das "Alte Reich" war ein Gebilde, das sich der neuzeitlichen Vorstellung von einem Staat oder einem Staatenbund entzieht. Es war ein Reich ohne feste Grenzen. Es wurde zusammengehalten durch ein hierarchisch geordnetes Geflecht aus persönlichen Treueverhältnissen. Denn die mittelalterliche Herrschafts- und Eigentumsordnung bestand aus dem so genannten "Lehnswesen". D. h. vom König bis zum einfachen Freien wurden Land, Ämter, Pfründe vergeben, die zwischen dem gebenden Lehnsherrn und seinem Vasallen ein persönliches Treueverhältnis bis hin zum Kriegsdienst besiegelten. Und die komplexen Bande eines solchen Gebens und Nehmens bildeten dann ein politisch zusammenhängendes Herrschaftsgefüge. Ansgar Reiß, Kurator der Berliner Ausstellung:

"Also der Begriff der Grenze spielt zunächst keine große Rolle, sondern es sind Herrschaftsbereiche, die an Personen hängen. Das erklärt auch vieles von der unterschiedlichen Dichte dieser Verbindung, dass manche eben enger am Kaiser oder am römischen König dran sind als andere, die ein lockeres Verhältnis zu ihm haben..."

Auch die wechselnden Namen dieses Reiches verwirren. Erstmals hatte sich Karl der Große mit seiner Kaiserkrönung 800 durch den Papst in Rom in die Tradition des antiken römischen Kaisertums gestellt. Doch sein weite Teile Europas umfassendes Karolingerreich zerfiel in verschiedene Teile. Ungefähr 150 Jahre später knüpfte Otto der Große aber wieder an das antike Cäsarentum an, als er 962 von Johannes XII. zum Kaiser gesalbt wurde. Er regierte nun ein neues, nach Osten gerücktes "Imperium Romanum", das sich in großen Teilen bereits auf dem Boden des späteren Deutschland erstreckte.

Hasse: "Das Reich und das ist ein Phänomen dieses Gebildes, ist sehr facettenreich. Es ist multilingual, man spricht verschiedene Sprachen, im Kern Deutsch, aber auch da verschiedene Dialekte, dann natürlich die ganzen Regionen Italiens, Tschechiens, Böhmens, Burgunds, dort spricht man französisch und, und, und… Und es sprengt damit den Rahmen, den wir heute einem staatlichen Gebilde zuweisen."

In Magdeburg und in Berlin beginnen Ende August zwei große aufeinander bezogene Ausstellungen über die Geschichte jenes Reiches, das vor 200 Jahren zusammenbrach. Otto der Große, der Reichsgründer, liegt im Dom zu Magdeburg begraben. Und deshalb wird der Magdeburger Ausstellungsteil sich insbesondere mit der mittelalterlichen Reichsgeschichte beschäftigen, wie Kurator Claus-Peter Hasse erläutert:

Hasse: "Magdeburg hatte im Spätmittelalter 40000 Einwohner, das ist eine europäische Großstadt gewesen und bei uns in Magdeburg liegt der Gründer des HRR begraben, im Magdeburger Dom, seiner Stiftung, Kaiser Otto der Große. .... Und wir werden insgesamt mit 7 großen Abteilungen die Geschichte präsentieren und folgen dabei dem Konzept, dass wir zunächst die Vorbilder des Reichs vorstellen, die in der Antike begründet sind und dann mit 5 großen mittelalterlichen Herrscherhäusern, den Ottonen, den Saliern, den Staufern, den Luxemburgern, den Habsburgern bis zum Ende des Mittelalters zur Geschichte des Reiches kommen."

Im Gegensatz zu den Herrscherhäusern Spaniens, Frankreichs oder Englands wurde der Kaisertitel im Römischen Reich nicht vererbt. Vielmehr wurde der Kaiser von den Kurfürsten gewählt. So war er zwar höchster Lehnsherr, er war höchster Richter und höchster Wahrer von Frieden und Recht. Doch er verfügte über wenig Möglichkeiten, seinen Willen ohne Zustimmung der mächtigen Reichsfürsten durchzusetzen.

In Konkurrenz standen die mittelalterlichen Kaiser als Schutzherren der Christenheit auch zum Papst, der sich als oberster Herrscher des Erdkreises verstand. 1075 entbrannte zwischen beiden ein politischer Konflikt um die Amtseinsetzung von Geistlichen. Heinrich IV. hatte versucht, seinen Kandidaten für den Mailänder Bischofssitz durchzusetzen. Papst Gregor VII. reagierte sofort. Er bannte Heinrich IV. und entband damit alle seine Untertanen von ihrem Treueeid. Um seine Macht wiederzugewinnen, trat der Kaiser den berühmten Büßergang nach Canossa an. Seither war die vormals selbstverständliche Heiligkeit des Kaisertums angekratzt. Deshalb beanspruchte man die Heiligkeit nun verbal. Im 12. Jahrhundert, unter Friedrich I, genannt Barbarossa, entstand der Begriff des Sacrum Imperium – des Heiligen Römischen Reichs.

Hasse: "Dann gibt es einen Zusatz Heiliges Römisches Reich, im 12. Jahrhundert in der Reflexion auf das Problem, dass das Kaisertum entheiligt worden ist im Investiturstreit. ... Als Reaktion darauf bezeichnet man es als Sacrum Imperium, als Heiliges Römisches Reich und hebt es dadurch über die anderen Monarchien Europas weil es den Gedanken des Christentums in sich trägt."

Im Verlauf des Spätmittelalters nahm die Macht der Kurfürsten stetig zu. Zudem nahm der Einfluss des Kaisers vor allem im Burgund und in Italien ab, so dass sich die spätmittelalterlichen Kaiser stärker auf die deutschen Reichsteile konzentrierten. Es sind ohnehin schwierige Zeiten. Missernten, Überbevölkerung und Naturkatastrophen führen zu Hungersnöten. Ein Drittel der Bevölkerung stirbt Mitte des 14. Jahrhunderts an der Pest. Man macht die Juden verantwortlich.

Es kommt zu Pogromen. Eine Blutspur zieht sich durch das Reich. Zudem taucht im Südosten eine neue Gefahr auf: die Heere des osmanischen Reichs rückten nach Westen vor und werden zur dauernden Bedrohung für das christliche Abendland. Vor solchem Hintergrund entdeckt das Reich die Germanen und das Germanische. Seit 1450 wird der Ausdruck gebräuchlich: Das Heilige Römische Reich deutscher Nation.

Hasse: "Und dann im 15 Jahrhundert kommt der Zusatz der deutschen Nation auf, der reflektiert darauf, dass sich im Spätmittelalter diejenigen Stämme, die Alemannen, Franken, Sachsen, Bayern als Deutsche wahrnehmen, sie sprechen deutsch und nehmen sich auf die Bedrohung durch die Osmanen als Germanen wahr und so kommt der Zusatz."

Wir stehen nun an der Schwelle zur Neuzeit, mit ihren gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen. Eine Zeit der Erschütterungen, des Aufbruchs, der Neuerungen, wie Ansgar Reiß erläutert:

"..., die Reformation, die ja auch ein Produkt ist der mittelalterlichen Frömmigkeit ... Die Reformation ist in ihrer schnellen Verbreitung undenkbar ohne eine andere große Erfindung, den Buchdruck ... Und dann ist immer zu erwähnen das große Datum der Entdeckung Amerikas, wo dieser enge europäische Horizont gesprengt wird. Das wieder hängt zusammen mit ganz starken wirtschaftshistorischen Faktoren, einer Vergrößerung der Handelswege, also das Datum dieser Epochenschwelle verändert die Welt."

1495 ist das Datum, mit dem die Magdeburger Ausstellung endet und die Berliner Ausstellung zum Heiligen Römischen Reich beginnt. Denn 1495 tagte der Reichstag zu Worms, auf dem man versuchte, auf die neuen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu reagieren.

Reiß: "Hier wird in einem Kompromiss zwischen dem Kaiser und den Ständen eigentlich ein sehr moderner Staat konstruiert mit einer Verwaltung, eben dem Reichstag, der Versammlung der Mitglieder des Reiches. Es wird ein oberstes Reichsgericht eingerichtet, es wird geplant, Reichskreise einzuführen, die eine territorial geordnete Verwaltung schaffen sollten, es wird auch eine einheitliche Steuer versucht durchzusetzen, der gemeine Reichspfennig. Manches konnte dann später davon nicht umgesetzt werden, aber die Reichsgerichte und der Reichstag sind durch die ganze Neuzeit bestimmende Größen."

Die Berliner Ausstellung versucht, die neuzeitliche Geschichte des Reiches anschaulich zu machen. Sie erzählt die Geschichte der neuzeitlichen Kaiser. Aber daneben präsentiert sie auch Innenansichten der Macht, widmet sich inhaltlichen Themen, die 300 Jahre Reichsgeschichte prägten. Jutta Götzmann, ebenfalls Kuratorin der Berliner Ausstellung, veranschaulicht:

"Wir nennen einen Abschnitt das gelebte Reich, wir stellen die Reichsritter vor oder den gemeinen Mann. Da wird ein zentraler Raum sein, Wahl und Krönung, wo wir einen Raum mit den Kurfürstengremium und der kaiserlichen Wahl und Krönung verbinden um diesen Prozess zu veranschaulichen. Wir können mit der Ausstellung nicht diesen großen Zeitraum von 300 Jahren abdecken, wir treffen eine Auswahl. Das wäre z. B. die Bedrohung durch das osmanische Reich, was an verschiedenen Abschnitten in der Ausstellung wieder vorkommt, die Erbfolgekriege spielen eine große Rolle."

Die Reformation setzte der Einheit eines katholischen Europas für immer ein Ende. Es folgte ein Jahrhundert der religiösen Auseinandersetzungen, die schließlich im 30-jährigen Krieg mündeten. Er wurde vor allem auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches ausgetragen. Er entsprang aus dem Gegensatz von Katholiken und Protestanten. Er war aber auch ein Aufstand der Fürsten gegen den Herrschaftsanspruch des Kaisers. Und schließlich wurde er zu einem Kampf um die europäische Vorherrschaft.

Reiß: "Also ein zentraler Konflikt, der die gesamte Frühneuzeit durchzieht ist natürlich der Konflikt der Konfessionen, also der prägt die Verfassung des Reiches ... das Reich hat in diesem unterschiedlichen Zeitraum ganz unterschiedliche Phasen erlebt, Phasen, wo es funktioniert hat, Phasen, wo es am Zerbrechen war. Auch im 30-jährigen Krieg ist natürlich die Situation, wo dieser Krieg auch hier auf dem Boden des alten Reichs ausgetragen wird, ist das Reich nahe daran zu zerbrechen, es regeneriert sich wieder im westfälischen Frieden."

Das Reich besteht weiter, doch handlungsfähig ist es kaum. Der Westfälische Friede von 1644 splittert Deutschland in viele kleine und kleinste Territorien auf. Die Reichsstände erlangen dem Kaiser gegenüber eine nahezu unbegrenzte politische Unabhängigkeit. Die kaiserlichen Rechte werden wiederum an die Zustimmung durch den Reichstag gebunden. Die fürstliche "Libertät" siegt über die kaiserliche Zentralgewalt. Anders gesagt: die Provinz siegt über den Zentralstaat, während um das Heilige Römische Reich herum neue europäische Großmächte aufsteigen. Im Wettlauf der Nationen ist Deutschland für lange Zeit ausgeschieden. Nur kulturell entfaltet sich an den unzähligen Höfen des Reiches eine Blütezeit der "Dichter und Denker".

Um 1800 bestand das Heilige Römische Reich aus einem Sammelsurium von 250 unabhängigen Fürstentümern. Nur zwei Mächte überragten den Rest: das katholische Österreich mit dem Haus Habsburg, das lange schon den Kaiser stellte, und das protestantische Preußen. Beide passten aber nicht länger in das amorphe, buchstäblich un-moderne Reichsgebilde. Mit ihren Alleingängen stellten sie eine Zerreißprobe für den auf Konsens bedachten Reichsverband dar.
Doch schließlich war es Napoleon, der Europa neu ordnete. Mit dem mittelalterlichen Chaos altdeutscher Zustände vermochte sein ordnender Verstand nichts anzufangen. Er fasste die ehemals 265 Länder und Länderfetzen des alten Deutschlands zu 28 übersichtlichen Territorien des Rheinbundes zusammen. Deutsche Fürsten schlossen sich im Rheinbund Napoleon an.

Und das war’s dann. Kaiser Franz II. legte die Reichskrone nieder. Freilich tat der abdankende römische Kaiser dies nicht, ohne zuvor den Titel eines Kaisers von Österreich angenommen zu haben. Doch auch danach dauerte es ja bekanntlich bis 1871, dass "Deutschland" zu einer Nation sich vereinte. Der "deutsche Sonderweg", die "verspätete Nation", die Deutschland dann schließlich wurde, wurzeln also tief in der Geschichte jenes "Heiligen Römischen Reichs", das nie richtig funktioniert hatte und doch unglaublich überlebensfähig gewesen war.

Die Magdeburger und die Berliner Ausstellung machen diese Geschichte mit vielen wertvollen Exponaten wieder lebendig. Begleitet werden beide Ausstellungen von kulturellen Rahmenprogrammen und wissenschaftlichen Vorträgen. So dass man Kurator Claus-Peter Hasse nur zustimmen kann, wenn er dazu ermuntert:

"Ich würde mich freuen, recht viele von Ihren Zuhörern und -innen auf unserer Ausstellung begrüßen zu können und kann Ihnen nur versprechen es wird ne grandioses Ereignis."

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